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Freitag, 9. Oktober 2020

Qualzucht 3 - Bakterien, Pilze und Schlappohren

[Nachtrag vom 20.10.2020 siehe am Ende des Beitrages]
 
Neulich wurde ich auf einen Artikel in der "Augsburger Allgemeinen" vom 4.10.2020 aufmerksam gemacht, die ich bis dato nicht kannte. Trotzdem möchte ich kurz auf die Punkte des Beitrages der Tierärztin T. Warter, 2020 eingehen. Dafür nutze ich einige Originalzitate aus englischsprachigen Aufsätzen. Lesern, denen Fremdsprachen nicht so liegen, empfehle ich den Online-Übersetzer DeepL.com. Einfach den englischen Text aus meinem Text herauskopieren (markieren und STRG + C) und im linken Fenster bei DeepL einfügen (STRG + V). Die Übersetzung sollte automatisch erfolgen, wenn nicht, die Spracheinstellungen im rechten Fenster ändern.

Die Autorin des Beitrages widmete sich den Ohren von Kaninchen, weil: "in einer neuen Untersuchung aus London haben Tierärzte die Gesundheit von Widderkaninchen mit der von Stehohrkaninchen verglichen.". Da die Herkunft der Untersuchung nicht explizit erwähnt wird, kann nur vermutet werden, dass es sich um die Arbeit von Johnson & Burn, 2019 handelt, die wohl beide am Royal Veterinary College/Hatfield in der Nähe von London tätig sind.

Bakterien & Pilze in Schlappohren

Die Autorin des Artikels in der "Augsburger Allgemeinen" schrieb im ersten Punkt über Ohrentzündungen, neben bekannten anatomischen Aspekten, auch folgendes: "Wo der Gehörgang seinen Übergang nach außen hat, hängt das Schlappohr wie ein dicker Vorhang vor dem Loch. Belüftung des Ohres? Fehlanzeige. Innen ist es warm und stickig — ein idealer Nährboden fur Bakterien oder Pilze. Fazit: 1:0 für Stehohren.". 
 
Tatsächlich wurden aber in der "neuen Untersuchung aus London" in Bezug auf Bakterien und Pilzen gar keine Unterschiede zwischen den Ohrtypen gefunden: "The presence/absence, and also number of, Malassezia-like yeasts found on microscopy were not statistically significantly different between lop-eared and erect-eared rabbits. Only one mite was found, identified as Psoroptes cuniculi, in the ear of an erect-eared rabbit. This rabbit had no associated clinical signs or previous history of aural problems. No rod bacteria were identified, but cocci were found in three lop-eared rabbits and two erect-eared rabbits." (Johnson & Burn, 2019). Das heißt, die Aussage der Autorin mit einem wahrscheinlichen Bezug auf die Arbeit von Johnson & Burn, 2019 ist falsch. Die einzige Milbe als Verursacher der Ohhräude (Psoroptes cuniculi) in der ganzen Untersuchung fand sich auch noch ausgerechnet bei einem Stehohrkaninchen.
 
Im Übrigen formulierten die Autorinnen Johnson & Burn, 2019 Fakten in ihrer Arbeit sehr vorsichtig: "The use of a rescue population may of course not represent the general population of pet rabbits. ... The results from this research support the hypothesis that lop-eared rabbits have more dental and aural pathology than erect-eared rabbits.". Sinngemäß übersetzt: Natürlich kann die Auswahl der Kaninchen einer Rettungsstation nicht repräsentativ für alle Heimkaninchen sein. Die Ergebnisse der Arbeit würden die Hypothese stützen, dass Hängeohrkaninchen öfter als Stehohrkaninchen an Zahn- und Ohrerkankungen leiden würden. Entgegen der pauschalen Rückführung von Ergebnissen einer klinischen Studie auf eine generelle Population, wie sie aus deutschen Arbeiten bekannt ist, formulierten die englischen Wissenschaftler ihre Rückschlüsse auch wissenschaftlich korrekt. Ergebnisse, die eine Hypothese stützen, sind immer noch kein zu pauschalisierender Fakt für eine generelle Population, sondern einfach nur eine weiterer Beitrag für eine Hypothese.

Interessanterweise gab es von Quinton et al., 2014 bereits eine Untersuchung, die das Vorkommen von Hefen im Ohr im Vergleich von Schlapp- und Stehohrkaninchen untersuchte. Das Kriterium für die Auswahl der verschiedenen Zwergkaninchen bestand darin, dass keines eine Otitis externa aufwies. Gemäß den Vermutungen/Behauptungen/Hypothesen hätten also Schlappohrkaninchen im Ohr eine deutlich höhere Erregerzahl als Stehohrkaninchen aufweisen müssen. Aber: "There was no significant difference regarding yeast isolation or number between the ear pinnae types, sex and age groups ... Bacteria were rarely observed and always in very small number. This is quite different compared to canine and feline ear cytology where cocci are common. As in the dog there was no difference between erected and pendulous pinnae in this study.". Auch hier finden sich also keine Hinweise darauf, was von der deutschen Tierärztin behauptet wurde.

Eine Dissertation von Reuschel, 2018 untersuchte ebenfalls die Mikroflora des Innenohrs von Kaninchen: "Für die Untersuchung der Mikroflora des Ohres bei Widderkaninchen wurden 30 Tiere ausgewählt, die ebenfalls aufgrund einer klinischen Erkrankung für eine CT in Narkose vorgestellt wurden. ... Die restlichen 24 Tupferproben stammten von Widderkaninchen, die aufgrund einer Otitisproblematik in der Klinik vorgestellt wurden.". In Bezug auf die Mikroflora wurde folgendes festgestellt: "Die Mikroflora bei gesunden Stehohrkaninchen und gesunden Widderkaninchen wies im χ²-Test und im exakten Test nach Fisher keine signifikanten Unterschiede auf, so dass für weitere Berechnungen diese beiden Gruppen zusammengefasst wurden. ... Die pathologische Flora bei einer Otitis externa zwischen Stehohr- und Widderkaninchen zeigte im χ²-Test und im exakten Test nach Fisher keine signifikanten Unterschiede. Auch bei einer Otitis media waren keine signifikanten Unterschiede feststellbar. Daher wurden beide Kaninchengruppen zu jeweils einer Gruppe mit Otitis externa und Otitis media zusammengefasst." (Reuschel, 2018). Die Mikroflora gesunder und erkrankter Schlapp- und Stehohrkaninchen unterschied sich nicht, so dass beide Gruppen in den Auswertungen zusammengefasst werden konnten. Oder anders - die illustre Beschreibung einer Wissenschaftlerin, dass der "dicke Vorhang vor dem Loch" für einen idealen Nährboden für Bakterien und Pilze sorgen würde, trifft gemäß den Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeit von Reuschel, 2018 schlicht und ergreifend nicht zu. 
 
Zu den weiteren Punkten Hörvermögen, Kommunikation und Verletzungen hatte ich bereits hier geschrieben. Die Formulierungen der Tierärztin zu diesen Themen stimmen weitgehend mit denen der erwähnten "Initiative" bzw, deren Webseite überein. Dort finden sich verschiedene "Mythen", die sorgsam gepflegt und "mantrahaft" (Weiß, 2008) wiederholt werden.
 
Ein Punkt, den ich dort erwähnt hatte, wurde auch von der Autorin aufgegriffen: Claaßen, 2018 stellte in seiner Dissertation (von der Autorin als "Messungen an der Universität Hannover" bezeichnet) fest, dass die Hörschwelle bei Widderkaninchen höher als bei Stehohrkaninchen liegt. Soweit, so richtig und nachvollziehbar. Die Autorin ging aber noch weiter und erklärte im selben Abschnitt offenbar im Zusammenhang mit der Dissertation: "Bei zusätzlichen chronischen Entzündungen werden Widderkaninchen manchmal sogar komplett taub.". Erstens wurde das von Claaßen in Bezug auf Widderkaninchen so nicht festgestellt und zweitens würde das auch Stehohrkaninchen betreffen - die möglichen Auswirkungen einer chronischen Mittelohrentzündung sind unabhängig von einer Ohrform, einer Tierart oder einer Rasse. Das sollte einer Tierärztin eigentlich bekannt sein. 
 
Ich hatte in einem früheren Beitrag aus einem Lehrbuch für medizinische Statistik von Weiß, 2008 zitiert und möchte es hier noch einmal wiederholen: "Ärztliches Handeln muss auf Wissen basieren. Ansonsten verfallen wir Zufällen und Halbwahrheiten, die auch dadurch nicht besser werden, dass sie mantrahaft wiederholt werden.". 

Nachtrag vom 20.10.2020: ich hatte am 13.10.2010 bei der Augsburger Allgemeinen nach der Quellenangabe für die "neuen Untersuchungen aus London" gefragt und am 19.10.2020 von der Tierärztin eine Antwort erhalten. Meine Annahme war richtig - es handelte sich um den Aufsatz von Johnson & Burn, 2019.

Literatur

Johnson, J. C. & Burn, C. C. 2019. Lop-eared rabbits have more aural and dental problems than erect-eared rabbits: a rescue population study. Veterinary Record 185, 758
 
Quinton, J. F., Francois, M., Laprais, A., & Prelaud, P. 2014. Cytology of the external auditory meatus in healthy domestic pet rabbits (Oryctolagus cuniculus). Revue Medecine Veterinaire, 165, 263-6.
 
Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460-9
 
Warter, T. 2020. Weshalb Kaninchen mit Stehohren gesünder leben. Augsburger Allgemeine (Online). Zugriff am 6.10.2020; https://www.augsburger-allgemeine.de/geld-leben/Weshalb-Kaninchen-mit-Stehohren-gesuender-leben-id58265361.html
 
Weiß. C. 2008. Basiswissen Medizinische Statistik. Springer-Verlag. ISBN 978-3-540-71460-6

Sonntag, 10. Dezember 2017

Kohlenhydrate. Teil 1

Die Kohlenhydrate sind der größte Nachteil der Weende-Futtermittelanalyse und somit auch der deklarierten Werte für Futtermittel. Sie tauchen wertemäßig einfach nirgends auf. Obwohl sie über einen sehr großen Einfluss auf viele Aspekte der Gesunderhaltung von Kaninchen verfügen. Das geht bei den Zähnen los, erstreckt sich über den Darm und, nicht nur allein daraus reslutierend, auch auf das Immunsystem. Kohlenhdrate versorgen das Gehirn und die Bakterien im Blinddarm mit Nahrung, regulieren die Geschwindigkeit der Nahrung im Darm, schützen oder schädigen die Darmschleimhaut, liefern Energie, beeinflussen das Säure-Base-Gleichgewicht - kurz: sie sind universell wichtig, und zwar jede Gruppe von Kohlenhydraten für sich.

Der Deutsche Verband Tiernahrung e. V. (DVT) informiert auf seiner Internetseite z. B. folgendermaßen: "Oft liest oder hört man, dass die Landwirte gar nicht wüssten, was alles in ihrem eingekauften Futter enthalten sei. Das stimmt nicht. Denn Futtermittel sind mit all ihren Bestandteilen umfangreicher zu kennzeichnen als Lebensmittel, so fordert es das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch und die zahlreichen europäischen Verordnungen im Futtermittelrecht." (Hervorhebung von mir). Na jetzt aber! Fake News von Landwirten! Und von mir! Die Futtermittelindustrie tut alles Mögliche um zahlreiche Gesetze und Verordnungen zu erfüllen und wir behaupten, wir wüssten nicht, was in einem kommerziellen Futter enthalten sei. SKANDAL!

In Deutschland ist es auch heute noch so, dass Lobbyisten der Futtermittelindustrie auf Grund wissenschaftlicher Ergebnisse argumentieren, denen Tierschützer oft nichts entgegenzusetzen haben. Schlimmer noch: sie stellen zum Teil Forderungen, die tatsächlich Tieren schaden können und deshalb natürlich vom Tisch gewischt werden (können). Dabei wäre es relativ einfach, die Futtermittelindustrie und deren Lobbyisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Man muss sie nur nutzen.

In den Kommentaren von Hirt, Maisack & Moritz (2007) zum Tierschutzgesetz wird u. a. folgendes festgestellt: "Zu einer angemessenen Ernährung gehören drei Voraussetzungen: 1. Die Deckung des physiologischen Bedarfs an Nahrungsstoffen (wie Wasser, Kohlehydrate, Proteine, essentielle Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Ballaststoffe); 2. eine Darreichungsform, die das mit der Nahrungssuche und -aufnahme verbundene Beschäftigungsbedürfnis befriedigt, indem sie die zu dem betreffenden Funktionskreis gehörenden Verhaltensabläufe ermöglicht; 3. die Gewährleistung der gleichzeitigen Nahrungsaufnahme bei sozial lebenden Tierarten [...]. (Hervorhebungen von mir)".

Das bedeutet folgendes: wenn ich meiner gesetzlichen Verantwortung als Tierhalter gerecht werden will, muss ich die Voraussetzungen für eine angemessene Ernährung meiner Kaninchen erfüllen. Dazu gehört, dass ich Kenntnis über die Deckung des physiologischen Bedarfs wie Kohlenhydrate, essentielle Fettsäuren und Ballaststoffen haben muss und natürlich auch den Bedarf meiner Tiere an diesen durch eine angemessene Fütterung entsprechend erfülle.

Was machen wir also, liebe Leser? Genau! Wir kaufen ein Futtermittel für Kaninchen, welches deklariert ist und sind raus aus dem Schneider. Das behauptet ja der DTV. Erst wenn wir ein deklariertes Futtermittel kaufen, wissen wir alles. Futtermittelgesetzbuch und europäischer Verordnungen sei Dank ist alles paletti und wer das Gegenteil behauptet, verbreitet Fake News. Also - schnell einen Sack feinster Pellets gekauft und nachgelesen, was da so alles drin ist.

Bild 1: Deklaration eines kommerziellen Futtermittels für Kaninchen


Jetzt brauche ich mal Ihre Hilfe, liebe Leser, weil ich in dieser Information weder Kohlenhydrate, noch essentielle Fettsäuren oder Ballaststoffe entdecken kann. Am I blind? Was mache ich jetzt? Ich will doch nicht gegen geltendes, deutsches Recht und sogar europäisches Regeln verstoßen! Wenn das hier ein Beamter mitliest, bin ich doch jetzt schon am A...: "Bürger Rühle, Sie wurden bei der öffentlichen Bekundung ertappt, dass sie der gesetzlich ordnungsgemäßen Deklaration nicht die entsprechenden Informationen entnehmen können und in Folge dessen auch ihre Tiere nicht artgemäß versorgen können. Sie werden deshalb zur Aufnahme pelletierter Lebensmittel nicht unter einem Jahr verurteilt." Ach, Du Schreck ...

Es gibt zwar Kohlenhydrate in dem Futter, aber sie werden in der Weender Analyse als "Rohfaser" (Rfa) und "Stickstofffreie Extraktstoffe" (NfE) ermittelt. Die Rfa wird angegeben, die NfE müssen errechnet werden. In der Rohfaser steckt aber auch noch Lignin, welches kein Kohlenhydrat ist, sondern eine phenolische Verbindung, die von den Bakterien im Blinddarm des Kaninchens (und Menschen) nicht abgebaut werden kann. Es ist also "unverdaulich".

Na gut, werden Sie jetzt sagen - ist doch egal, ob ich jetzt Rfa und NfE habe oder irgend etwas anderes. Ich sehe, was unverdaulich ist und das wars. Was will der jetzt von mir? Naja, ich eigentlich sowieso nichts, sondern das Kaninchen. Das braucht bestimmte Kohlenhdrate für seinen Blinddarm. Dort siedeln nämlich jede Menge Bakterien, die von ganz bestimmten Kohlenhydraten leben. Sie leben gewissermaßen in Symbiose mit dem Kaninchen: das Tier besorgt ihnen die benötigten Nährstoffe und die Bakterien liefern dem Tier dafür Fettsäuren (keine essentiellen), Vitamine (K und B) sowie Protein, welches von ihnen selbst (den Bakterien) stammt.

Zunächst wollen wir aber erst einmal die Begriffe Ballaststoffe und Rohfaser klären.

Ballaststoffe

In der europäischen Richtlinie (2008/100/EG) wird der Begriff „Ballaststoffe“ folgendermaßen definiert: "Kohlenhydratpolymere mit drei oder mehr Monomereinheiten, die im Dünndarm des Menschen weder verdaut noch absorbiert werden und zu folgenden Kategorien zählen:
  • essbare Kohlenhydratpolymere, die in Lebensmitteln, wenn diese verzehrt werden, auf natürliche Weise vorkommen;
  • essbare Kohlenhydratpolymere, die auf physikalische, enzymatische oder chemische Weise aus Lebensmittelrohstoffen gewonnen werden und laut allgemein anerkannten wissenschaftlichen Nachweisen eine positive physiologische Wirkung besitzen;
  • essbare synthetische Kohlenhydratpolymere, die laut allgemein anerkannten wissenschaftlichen Nachweisen eine positive physiologische Wirkung besitzen.“
„Ballaststoffe“ werden mit enzymatisch-chemischen Methoden ermittelt. Sie haben nichts mit dem Gehalt der Rohfaser zu tun, die in der Tierernährung mit der Weende-Analyse erfasst wird.

Rohfaser

Die „Rohfaser“ in der Weende-Futtermittelanalyse wird als der in verdünnten Säuren und Laugen unlösliche fett-, stickstoff- und aschefreie Rückstand der Trockenmasse ermittelt. Da ein Teil dieser Stoffe aber in Lösung geht, werden diese auch mit der Gruppe der „Stickstofffreien Extraktstoffe“ erfasst. Die „Rohfaser“ kann somit zwar „Ballaststoffe“ gemäß der EG-Definition enthalten, die Nährstoffgruppen an sich sind aber nicht vergleichbar. In der Definition taucht wieder der Begriff „Kohlenhydrate“ auf, der in der Weende-Analyse aber keine Rolle spielt.

Bild 2: Rohnährstoffe in Apfel, Grünkohl und Wiese, in g/kg Trockensubstanz


Die Futtermittel sind nach dem Rohfasergehalt aufsteigend sortiert. Die Empfehlung liegt in einem Bereich von 140-160 g/kg TS. In kommerziellen Futtermitteln wie Pellets wird dieser Bereich natürlich immer punktgenau getroffen, mit Grünkohl würde man ihn gerade so treffen und mit Wiese liegt man schon deutlich darüber - von Heu gar nicht zu reden. Verrückt, oder? Was Wildkaninchen fressen, ist an den Empfehlungen von Wissenschaftlern vorbei und nur Pellets können den Gehalt erfüllen. Wenn das die Wildkaninchen wüssten ... 

Ein Klassiker in Deutschland für das Thema "Kaninchen" ist "Das große Buch vom Kaninchen" von Dr. Wolfgang Schlolaut, welches 2003 in dritter Auflage erschienen. Dort kann man u. a. folgendes nachlesen (Hervorhebungen von mir): "Aufgrund der im allgemeinen durch den Cellulosegehalt bedingten schlechteren Verdaulichkeit ist der Rohfasergehalt eines Futtermittels auch Maßstab für den Energiegehalt des Futters. Mit steigendem Rohfasergehalt verschlechtert sich die Verdaulichkeit der organischen Substanz und darnit die Futterverwertung. Allerdings kann dies bei Mischfutter durch eine Beimischung von Fett kompensiert werden. Der Rohfasergehalt hat vor allem diatetische Wirkung, da er das Risiko von Darmerkrankungen verringert. Das wird unter anderern auch darauf zurückgeführt, daß die mit steigendem Rohfasergehalt schnellere Darmpassage des Futters einen Verdünnungseffekt auf die Menge der pathogenen Darmbakterien hat. Die Passagezeit wird umso mehr beschleunigt, je hoher der Anteil des nahezu unverdaulichen Lignins in der Rohfaserfraktion ist. [...] Entscheidend fur den positiven Einfluss des Rohfasergehaltes, insbesondere auf das Auftreten von Enterocolitis ist hierbei der Gehalt an Lignin. In gefährdeten Beständen sollten die bis zu 10 Wochen alten Jungtiere täglich 5 bis 7 g Lignin zusatzlich zu 11 bis 12 g Cellulose aufnehmen (n. Maertens, persönliche Mitteilung)."

Wie jetzt? Gerade war man noch bei dem vertrauten Begriff "Rohfaser" und jetzt kommen auf einmal "Lignin" und "Cellulose" dazu? Woher? Auf der Deklaration stehen die nicht! Nur keine Aufregung, liebe Leser, denn weiter heißt es: "Dies entspricht dem Rohfasergehalt für Jungtiere in Tabelle 36. Um die Aufnahme der angegebenen Mengen zu gewährleisten, sollten die Jungtiere kein Häsinnenfutter aufnehmen konnen. Die Beifütterung von Stroh oder Heu genügt nicht. Wenn das pelletierte Mischfutter beliebig aufgenommen werden kann, wird hiervon zu wenig gefressen." (Schlolaut, 2003). Na, jetzt aber! Kurz den Schweiß von der Stirn gewischt und in Tabelle 36 geschaut: dort sind die Rohfasergehalte für Jungtiere mit 14-16% und die für tragende und säugende Häsinnen mit 10-12% angegeben. Passt also, da ja Lignin und Cellulose der "Rohfaser" in den Empfehlungen entsprechen.

Was schreibt Dr. Schlolaut eigentlich über die Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE)? "Hierzu gehören [...] alle bei der Bestimmung von Roheiweiß, -fett und -faser nicht erfaßten Reste der zur organischen Substanz gehörenden Nährstoffe. Dies sind im wesentlichen Zucker, Stärke und Hemicellulose. Sie werden auch als Kohlenhydrate bezeichnet, da sie aus den Elementen Kohlen-, Wasser- und Sauerstoff bestehen. Hierzu gehören aber auch die bei der Bestimmung des Rohfasergehaltes miterfaßten Nährstoffe. Die stickstoffreien Extraktstoffe dienen dem Kaninchen als Energielieferant und sind in Form des Zuckers schnell verfügbar. Bei Energieüberschuß werden sie in Depotfett umgewandelt." (Schlolaut, 2003; S. 20).

Was ist jetzt wieder Hemicellulose und wieso hat Dr. Schlolaut mit Luc Maertens, dem derzeitigen Kassenwart und anerkanntem Kaninchenexperten der WRSA, über Lignin und Cellulose persönlich gesprochen, wenn mit der Rohfaser eigentlich alles erledigt ist? Wo kommen auf einmal Zucker und Stärke her? Zu den Kohlenhydraten gehören auch die, die mit der Rohfaser erfasst werden? Mit den NfE? Was für ein Kuddelmuddel ...

Als Dr. Schlolaut sein Buch veröffentlichte, war die Weende-Futtermittelanalyse, mit der die Rohfaser ermittelt wird, rund 140 Jahre alt. Eigentlich ist sie noch älter, weil sie nämlich auf Heinrich Einhoff zurückgeht, der die Grundlagen dafür bereits 1806 in Möglin entwickelte. Er ging damals davon aus, dass der nach sequentieller Extraktion mit verdünnter, wässriger Säure und Lauge zurückbleibende Faserrest die unverdauliche Substanz darstellte. Veröffentlich wurde dies von Albrecht Thaer im Jahr 1809 im ersten Teil seines vierbändigen Werkes "Grundsätze der rationellen Landwirthschaft".

Bild 3: Ausschnitt aus Thaer, 1809, §275, S. 261


Ich habe dieses Zitat von Albrecht Thaer gewählt, um zu zeigen, dass schon vor 200 Jahr klar war, dass Heu nur die Hälfte dessen enthält, was als "nahrungsfähig" bezeichnet wurde. Interessant, oder? Dabei soll das ja nach Meinung vieler Experten die Hauptnahrung für Kaninchen sein ("Heu, Heu und nochmals Heu"). Naja, aber wir haben ja zum Glück die ganzen, topaktuellen Quellen, nicht wahr, Frau Meier?

Dr. Schlolaut geht in seinem Buch nicht vertiefend auf "Cellulose" und "Lignin" ein, weshalb wir uns also selber auf die Suche machen müssen.Zunächst ein wirklich sehr verkürzter Rückblick.

Theodor von Gohren stellte z. B. 1872 zur Weende-Analyse folgendes fest: „Ein Blick auf die Tabellen belehrt uns, dass sich die Analysen der Futtermittel in der Regel auf die Bestimmung des Gehaltes an Trockensubstanz, Wasser, Proteinstoffen, Fetten, Kohlehydraten, Rohfaser und Asche beschränken. Damit ist wohl schon etwas, aber bei weitem noch nicht genug geschehen, um so manche praktische Vorkommnisse zu erklären. [...] bei den Kohlehydraten ist man wegen der Trennung in noch größerer Verlegenheit und so kommt es denn, dass diese Rubriken in den Futtermittel-Analysetabellen mehr oder weniger ideelle Zahlen repräsentieren, denn der stickstoffhaltigen Pflanzenbestandtheile giebt es gar mancherlei, ebenso wie der stickstofffreien, und es wäre eine arge Täuschung, wollte man annehmen, dass alle in ihrer Wirksamkeit gleich stehen. Bekannt ist, dass es keineswegs gleichgültig ist, selbst wenn der Berechnung nach die Summe der einzelnen Nährstoffgruppen ganz gleich ist, ob man Körner oder Kleie oder Oelkuchen zu der Zu-sammensetzung der Passirung wählt…“

Nehring & Hoffmann stellten 1971 fest, dass eine Charakterisierung von Futtermitteln anhand der chemischen Analyse erst dann möglich sei, wenn eine direkte Bestimmung der verschiedenen Kohlenhydrate erfolge. Deshalb bilden diese einen der Hauptschwachpunkte der Weende Analyse. Vor allem bei Grün- und Raufutter werden Unterschiede in der Zusammensetzung von Stickstofffreien Extraktstoffen (NfE) und Restkohlenhydraten durch die rechnerische Ermittlung verschleiert, da in diesen Gruppen auch andere Inhaltsstoffe mit teilweise stark abweichenden Eigenschaften erfasst werden. So kann z. B. vor allem bei Süßgräsern die Verdaulichkeit der Rohfaser besser als die der NfE sein (Nehring, et al., 1971). Ups - wir erinnern uns, dass Dr. Schlolaut zu den NfE schrieb, dass diese dem Kaninchen als Energielieferant dienen und in Form von Zucker schnell verfügbar wären.

Als Ergebnis ihrer Arbeit stellten Nehring & Hoffmann folgendes fest (Hervorhebungen von mir):
"Es zeichnen sich bei der Kohlenhydratanalyse drei charakteristische Gruppen von Verbindungen ab, die sich in ihrem chemischen Aufbau wie auch in ihrer Verdaulichkeit deutlich unterscheiden lassen:
  1. Die Gruppe der leichtlöslichen und leichthydrolysierbaren Kohlenhydrate, die praktisch als voll verdaulich anzusehen sind.
  2. Die Gruppe der schwer löslichen und schwer hydrolysierbaren Kohlenhydrate hochmolekularen Charakters, die eine mittlere Verdaulichkeit aufweisen; hierher gehören vor allem die Zellulose und Hemizellulosen.
  3. Das Lignin, die inkrustrierende Substanz der Zellwand, das nur eine geringe Verdaulichkeit aufweist." 
Da sind sie ja wieder, unsere drei mysteriösen Kohlenhydratgruppen und Lignin. Das war 1971. Etwa zeitgleich, nur etwas früher, veröffentlichte der amerikanische Wissenschaftler Peter J. Van Soest ähnliche Untersuchungsergebnisse einer Methode zur Unterscheidung von Kohlenhydraten, die sich letztlich auch durchsetzte. Sie wird heute als "Detergenzienmethode" oder "Erweiterte Weende Analyse nach Van Soest" bezeichnet. Die Erfassung von Rohasche, Rohprotein und Rohfett bleiben davon unberührt bzw. diese Rohnährstoffe werden nach wie vor mit der Weende-Methode bestimmt.

In der Methode von Van Soest gibt es keine Rohfaser und NfE mehr, sie werden durch die folgenden Nährstoffgruppen ersetzt.

NDF - Neutrale Detergenzienfaser (neutral-detergent fibre)

Die NDF wird in der erweiterten Weende-Analyse nach Van Soest mittels einer Reinigungsflüssigkeit (Tensid, welches die Oberflächenspannung polarer Flüssigkeiten verringert) erfasst. Sie enthält Lignin, Cellulose und Hemicellulose (außer Pektin). NDF enthält die Gerüstsubstanzen/Zellwand der Pflanzen und begrenzt die Aufnahme der Trockenmasse eines Futters.

ADF - Saure Detergenzienfaser (acid-detergent fibre)

Die ADF wird in der erweiterten Weende-Analyse nach Van Soest mit Hilfe einer sauren Reinigungsflüssigkeit ermittelt. Sie enthält Cellulose und Lignin und ist ein Maßstab für den schlecht bis unverdaulichen Zellwandanteil. Die Differenz aus NDF und ADF ergibt den Gehalt an Hemicellulosen.

ADL - Saures Detergenzienlignin (acid-detergent lignin)

Ligninbildet eine Gruppe phenolischer Makromoleküle, gehört also nicht zu den Kohlenhydraten, wird mittels Schwefelsäure ermittelt und gilt als unverdaulich. Im Raufutter nimmt der Anteil mit zunehmendem Alter der Pflanze zu. Die Differenz aus ADF und ADL ergibt den Gehalt an Cellulose. Lignin ist ein begrenzender Faktor für die Verdaulichkeit pflanzlicher Zellwandbestandteile für Pflanzenfresser.

NFC - Nicht-Faser-Kohlenhydrate (non fibre carbohydrats)

Die Nicht-Faser-Kohlenhydrate werden auch als "Organischer Rest" bezeichnet. Er enthält alle komplett verdaulichen Bestandteile des Futters wie Zucker und Stärke. Der Gehalt ergibt sich TS-(Ra+Rp+Rfe+NDF). NFC enthält die Zellinhaltsstoffe von Pflanzen und ist Energielieferant. Sie sind also das, von Nehring & Hoffmann als "voll verdaulich anzusehen" ist.

Bild 4: Werte der erweiterten Weende-Analyse nach van Soest für "Wiese", in g/kg Trockensubstanz


Das Diagramm enthält die Analysewerte nach der erweiterten Weende-Analyse nach van Soest. Links sind zusätzlich die Werte der Weende-Analyse für "Rohfaser" (dunkelgrün) und den "Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE)" (hellgrün) dargestellt. Die grauen Balken rechts geben jeweils den Gehalt an "NDF", "ADF" und "ADL" wieder. Aus dem Diagramm werden folgende Fakten ersichtlich:
  1. Rohfaser und NfE der Weende-Analyse enthalten einen Teil der Kohlenhydrate, ebenso die NDF der erweiterten Analyse
  2. die Rohfaser enthält das Lignin und einen Teil der Cellulose
  3. In der erweiterten Analyse ergeben sich aus NDF - ADF = Hemicellulose und aus ADF - ADL = Cellulose
  4. die NfE der Weende-Analyse enthält Kohlenhydrate, die von Enzymen und Bakterien verwertet werden können)
  5. NDF enthält nur Kohlenhydrate, die von Bakterien verwertet werden können.
Der große und aus meiner Sicht wichtigste Unterschied zwischen den Methoden besteht darin, dass man in der van-Soest-Analyse sieht, was den Bakterien im Blinddarm zur Verfügung steht und was enzymatisch im Dünndarm verdaut wird.

Sie kennen bestimmt die Aussage, dass die "Rohfaser" für die Verdauung wichtig wäre. Das ist aber nur die "halbe Wahrheit". Tatsächlich ist die jeweilige Menge und das Verhältnis der leicht und komplett verdaulichen Kohlenhydrate (NFC) zu den Gerüstsubstanzen (NDF) wichtig. In den NDF stecken Lignin, Cellulose und Hemicellulose und jede dieser Faserfraktion hat ihre Bedeutung für die Tiere. Sie bestimmen die aufgenommene Menge des Futters, die Durchgangszeit durch den Darm, die Verdaulichkeit der Nahrung, die Darmgesundheit und die Besiedelung des Blinddarms mit Bakterien.

Die Darmflora eines gesunden Organismus ist dadurch gekennzeichnet, dass bestimmte, typische Bakterien überwiegen. Sie erfüllen damit eine „Statthalter“-Funktion, die es anderen, fremden und möglicherweise pathogenen Bakterien erschwert, sich anzusiedeln. Diese Funktion wird durch die Nahrung bzw. durch das Substrat gewährleistet, von dem sich die etablierten Bakterien ernähren. Auf Grund ihrer überwiegenden Anzahl und dem Mangel an dem Substrat, von dem pathogene Keime profitieren könnten, bleibt die gesunderhaltende Darmflora stabil.

Nach der Säugezeit entwickelt sich im Blinddarm des Kaninchens eine Darmflora, die überwiegend aus solchen Bakterien besteht, die Gerüstsubstanzen (NDF) von Pflanzen für sich nutzen und dem Kaninchen im Gegenzug Nähr- und Wirkstoffe zur Verfügung stellen.

In der folgenden Tabelle sind auszugsweise Bakterien und ihre bevorzugten Substrate aufgeführt, also das, was ihnen als Nährboden dient.

Tabelle 1: Beispiele für Bakterien des Kaninchens und ihre bevorzugten Substrate (Auszug aus Rühle, 2017)


Wenn man sich das Diagramm in Bild ansieht, kann man sich ungefähr ausmalen, welche Bakterien im Blinddarm die meiste Nahrung (Substrat) erhalten und welche so gut wie nicht "versorgt" werden und Sie, liebe Leser, werden wahrscheinlich schon ahnen, worauf es hinauslaufen wird. Da die NFC im Dünndarm von Enzymen verwertet werden, bleiben nicht mehr viel dieser voll verdaulichen Kohlenhydrate übrig, um im Blinddarm Schaden anrichten zu können, weil sie Bakterien wie E. coli oder Clostridien als Nahrung dienen könnten. Die Nahrung des Wildkaninchens enthält zwar etwas mehr NFC als es die Werte der "Wiese" ausweisen, aber das soll später noch beleuchtet werden.

Jetzt haben wir die grundlegenden Informationen beisammen, um uns anzusehen, was daraus für unterschiedliche Futtermittel resultieren kann. Bleiben Sie also schön neugierig und interessiert!

PS: was mir gerade noch einfiel: Sie erinnern sich an die Feststellung von Dr. Schlolaut, die nach persönlicher Absprache mit L. Maertens getroffen wurde? "...täglich 5 bis 7 g Lignin zusatzlich zu 11 bis 12 g Cellulose..." entsprechen dem erforderlichen Rohasergehalt? In "Wiese" beträgt der Gehalt an Rohfaser rund 20 g und die Summe aus "Lignin" und "Cellulose" rund 30 g. Machen die Wildkaninchen irgendwas falsch? Da passt doch irgendwas nicht, oder? Auflösung folgt ...

Quellen:
  • DVT (2017): DVT-FutterFakten: Futtermittelkennzeichnung. (Stand Jan. 2014). Deutscher Verband Tiernahrung e. V. (DVT). Internet (Abruf am 02.12.2017): https://www.dvtiernahrung.de/aktuell/futterfakten/futtermittelkennzeichnung.html
  • Hirt, A.; Maisack, C.; Moritz, J. (2007): V. Ernährung nach § 2 Nr. 1., Rn 16. Tierschutzgesetz. Kommentar. 2. Aufl. München: Vahlen (Vahlens Kommentare). ISBN 9783800632305
  • Nehring, K.; Hoffmann, B. (1971): Untersuchungen zur Weiterentwicklung der Futtermittelanalyse. 3. Mitteilung: Die Zusammensetzung und Verdaulichkeit der Kohlenhydratfraktion in den Futtermitteln. Arch. Tierernährung. Bd. 21, Heft 4. 347-366 
  • Rühle, A. (2017): Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit. Norderstedt: BoD. ISBN 978-3743117990
  • Schlolaut, W. (2003): Das große Buch vom Kaninchen. 3., erw. Aufl. Frankfurt/M.: DLG-Verlag. ISBN 3-7690-0592-9
  • Thaer, A. (1809): Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 1. Berlin : Realschulbuchhandlung
  • Van Soest, P. J. (1967): Development of a Comprehensive System of Feed Analyses and its Application to Forages. J Anim Sci 26. 119-128

Sonntag, 3. September 2017

Getreide für Kaninchen - Fluch oder Segen?

"Die Kaninchen haben auch große Vorliebe für reifes Getreide. Ob es sich um Roggen, Hafer oder Weizen handelt, ist gleichgültig, solange keine Auswahl zwischen diesen Getreidearten besteht. Ist die letztere vorhanden, so wird Hafer bevorzugt. Sie erklettern die zusammengestellten Garben (Hocken) und äsen die Körner aus den Ähren. Flink und gewandt, wie Eichhörnchen, erklimmen sie die Hocken und geben sich dem Genuß des Äsens hin. Oft bleiben sie auch über Tage unter diesen Hocken sitzen, um abends möglichst bequem dieser beliebten Äsung wieder nachgehen zu können. Solange noch das Getreide auf den Halmen steht, beißen sie diese in großen Mengen ab, um zu den Körnern zu kommen. Das gleiche tun sie bei Flächen, auf denen Grassamen gezogen wird. Lassen sich die Rispen durch Aufrichten auf den Hinterläufen erreichen, so wird diese Art bevorzugt. Auf reifen Grasflächen kann man die Kaninchen in dauernd lautloser Bewegung nach oben und unten sehen. Oben wird der Samen abgebissen, unten gemümmelt."

Soweit eine Beschreibung der Vorliebe von Wildkaninchen für bestimmte Pflanzenteile, die uns Privatforstmeister Max Lincke 1943 hinterließ. Im Laufe ihrer Domestikation wurden Kaninchen auch mit Getreide in den verschiedensten Formen gefüttert: als Kleie, Schrot, Flocken oder eben als ganze Körner. In armen Regionen oder Kriegszeiten wurde dieses Futter rationierter (oder gar nicht) gegeben, weil es zu teuer war, um es an Tiere zu verfüttern. In früheren Zeiten galten bestimmte Getreidesorten wie Hafer oder Gerste sogar als Heilpflanzen und wurden sowohl äußerlich als auch innerlich für verschiedene Wehwehchen oder zur Unterstützung genutzt. In der modernen westlichen Welt sind solche Anwendungen kaum noch bekannt, es sei denn, jemand beschäftigt sich explizit damit wie z. B. Barbara Joos in ihrer Diplomarbeit (2010).

Die verschiedenen Getreidesorten wie wie Weizen, Roggen,Hafer und Gerste gehören zu den Süßgräsern (Poaceae) und wurden gezüchtet, um ihren Ertrag zu steigern. Der Gebrauch von Wildgetreide ist seit über 32.000 Jahren belegt, in Europa seit ca. 7.000 Jahren. Erste kultivierte Sorten waren z. B. Emmer und Einkorn. Die Urform des Hafers findet sich natürlich auch heute noch in der Natur, ebenso wie andere Rispengräser, die nicht kultiviert wurden. Weit verbreitet ist z. B. das Wiesen-Rispengras, dessen Körner auch von Hauskaninchen gern gefressen werden.

Bild 1: Samen von Wiesen-Rispengras werden auf der Wiese auch von Hauskaninchen sehr gern gefressen
In den vergangenen Jahrzehnten wurden im Zuge der Entwicklung von industriellen Futtermitteln unglaublich viele Untersuchungen zum Stärkegehalt in diesen durchgeführt, um den optimalen Gehalt zu ermitteln. Hauptsächlich soll es Energielieferant dienen, obwohl Fett eigentlich besser geeignet wäre, weil es den 2,3fachen Gehalt an Energie im Vergleich zu Stärke freisetzt. Wie bei allem in der Ernährung ist letztlich die Dosis, die entscheidet, ob etwas nützlich oder schädlich ist. Im Fall von Stärke ist es aber eher deren Verhältnis zur "Rohfaser" und dem Problem, dass alle Tiere das gleiche fressen müssen, ob nun der Organismus dafür gemacht ist oder nicht.

Stärke ist ein Polysaccharid (Mehrfachzucker) und gehört zu den löslichen Kohlenhydraten, welche im Dünndarm verdaut werden. Die Verdauung beginnt aber eigentlich bereits im Maul durch das Enzym "Amylase", welches aus der Bauchspeicheldrüse stammt. Durch die "Zerlegung" der Stärke entsteht Glukose (Traubenzucker), welches über die Darmwand in die Blutbahn gelangt und an die jeweiligen Zielorte transportiert wird. Mit Hilfe von Transportern passiert Glukose auch die Blut-Hirn-Schranke (BHS) und versorgt das Gehirn auf diese Weise mit Energie. 

Ist die "Dosis" an Stärke zu hoch, gelangen unverdaute Reste in den Blinddarm. Dort leben überwiegend Bakterien, die für die Verdauung von Cellulose (C) und Hemicellulose (HC) zuständig sind. Dabei handelt es sich um schwerverdauliche Pflanzenfassern. Für deren Verdauung fehlen dem Kaninchen die entsprechenden Enzyme (Cellulasen), weshalb Bakterien diese Aufgabe übernehmen. Durch ihre Arbeit entstehen u. a. flüchtige Fettsäuren, die dem Kaninchen zu einem gewissen Teil für die Energiegewinnung dienen. In geringerer Zahl leben im Blinddarm aber auch solche Bakterien, die sich von Stärke und Zucker ernähren. Verändert sich das Verhältnis in der Nahrung auffällig hin zu leicht verdaulichen Kohlenhydraten wie Stärke, vermehren sich die Bakterien, die sich davon ernähren stärker als jene, die von C und HC leben. Zu diesen gehören auch Escherichia coli (E. coli) und Clostridien, die "pathogen" sind (krankmachend). In diesem Fall spricht man davon, dass die Darmflora "kippt". Die eigentliche, überwiegende Bakterienkultur wird durch eine solche verdrängt, die eigentlich nur in geringem Maß vorhanden ist. Clostridien und E. coli werden zwar auch in geringer Anzahl bei Kaninchen gefunden, die mit frischem Grün von Wiesen ernährt werden, weil sie dort in natürlicher Wiese vorhanden sind und von Kaninchen aufgenommen werden. Das Immunsystem des Körpers erkennt sie als pathogen und schleust sie aus dem Körper aus. Ist aber das Immunsystem geschädigt oder die Anzahl der Bakterien nimmt auf die beschriebene Weise übermäßig zu, ist der Organismus irgendwann überfordert und wird krank. Das äußert sich zum Beispiel in Durchfällen und Blähungen, weil die Bakterien Gase und Toxine (Gifte) produzieren.

Wildkaninchen nehmen in der Natur die Samen von Süßgräsern, wie am Anfang aus Lincke (1943) zitiert, in ihrer natürlichen Form auf, also den gesamten Samen mit Spelzen und der Fruchtschale.

Bild2: Hafer mit Spelzen
Bild 3: Aufbau eines Getreidekorns (ohne Spelze)
Kaninchen nehmen Getreide in der Natur in der Regel mit Spelzen auf, in Strukturfuttermitteln fehlen die üblicherweise. In Pellets wird versucht, den Rohfasergehalt an den Bedarf anzupassen und vermutlich auch Spelzen eingesetzt werden. Bevorzugt werden Hafer und Gerste, weil diese erfahrungsgemäß den Kaninchen schmecken. Das heißt, bis auf die Spelzen bekommen Kaninchen mit einem Strukturfutter Getreide in einer Form, wie sie auch in der Natur zu finden ist und gefressen wird. Die Inhaltsstoffe von Futtermitteln werden (in Deutschland) mit den Werten der Weende-Analyse angegeben - einer Analysemethode aus dem 19. Jahrhundert. Im folgenden Diagramm sind beispielhaft Analysewerte von Haferkörnern im Vergleich zu Möhren dargestellt, die als beliebtes und akzeptiertes Futtermittel gelten. Die Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE) werden nicht deklariert und müssen errechnet werden (NfE=TS-Ra-Rfe-Rp-Rfa).

Diagramm 1: Werte der Rohnährstoffgruppen (Weende) für Haferkörner und Möhren, in g/kg TS
Die Möhre verfügt über deutlich höhere Werte für die Rohasche (Mineraliengehalt, Ra), während die Werte für Rohprotein (Rp), Rohfett (Rfe) und Rohfaser (Rfa) in Haferkörnern überwiegen. Die Werte für die Stickstofffreien Extraktstoffe dagegen sind in beiden Futtermitteln vergleichbar. In den NfE stecken u. a. solche Kohlenhydrate wie Zucker und Stärke, die der Energiegewinnung dienen. Hafer hat aber einen höheren Gehalt an Pflanzenfasern, weshalb er eigentlich besser für Kaninchen wäre. Den wirklichen Unterschied zwischen beiden Futtermitteln macht das Wasser: der Gehalt in der Möhre ist etwa achtmal höher. Das bedeutet, dass ein Kaninchen mit 20 g Hafer ungefähr den gleichen Gehalt an Rohnährstoffen aufnimmt wie mit 160 g Möhren. In Haferkörnern liegen die Nährstoffe also in konzentrierter Form vor, weshalb sie auch als "Kraftfutter" bezeichnet und genutzt werden. Das heißt, dass sie, wenn überhaupt, als Ergänzung zu einer Grundnahrung zu sehen sind.

Anfang/Mitte der 2000er Jahre errang der Artikel einer sehr bekannten Tierärztin höchste Aufmerksamkeit im Tierschutz. Der Text mit dem Titel "Der Unsinn mit den „Snacks“ für Kaninchen und Meerschweinchen" ist auch heute noch auf ihrer Webseite einsehbar (Stand 2.9.2017). Dort lässt sich folgendes nachlesen: "Nicht zum Nahrungsspektrum von Kaninchen in freier Wildbahn gehören hingegen Getreidekörner von Weizen, Roggen, Hafer, Gerste oder Mais, da diese Körner nur für eine kurze Periode verfügbar und dann in einer Höhe von ca. 1 Meter für die Kaninchen ohnehin gar nicht erreichbar sind. Nur wenn vom Wind verwehte Körner auf den Boden fallen, könnten Kaninchen überhaupt an dieses sehr stärkereiche, aber zellulosearme Futtermittel herankommen - dann allerdings zu einer Jahreszeit, in der dieses energiereiche Futter gar keinen Sinn machen würde, da erst kurz vor dem Winter eine entsprechende Energiereserve erforderlich ist. Ansonsten fressen Kaninchen in freier Natur keine Körner. [...] Weizen-, Hafer- und Maiskörner sind auf den Weltmärkten billige Futtermittel, die ansehnlich bearbeitet und attraktiv verpackt als Futter für Kaninchen und Meerschweinchen von der Futtermittelindustrie angeboten werden. [...] Grundsätzlich liegen die Argumente für das Körnerfutter auf Seiten des Tierhalters und nicht auf Seiten der Tiere. Diese Tatsache legt den Schluß nahe, dass für die Futtermittelindustrie geprüfte Kaufargumente von Kleintierbesitzern als potentielle Kunden im Vordergrund stehen und den tatsächlichen Bedürfnissen und Ernährungsgewohnheiten der "Endverbraucher", nämlich der Kaninchen und Meerschweinchen, nur sekundäre Bedeutung zukommt." (Drescher, 2017).

In einer Art "Rundumschlag" wurden Industriefutter und als Kollateralschaden Getreide als mögliche Kaninchennahrung gleich mit "verurteilt". Der Tierschutz griff diese Argumente aus rein ideologischen Gründen dankbar auf - ohne darüber nachzudenken oder die Argumente zu prüfen. Als ein weiterer Aspekt wurde ein möglicher, negativer Einfluss auf die Zähne gesehen, weil Getreide "falsch" zwischen den Zähnen zerkleinert werden würden. Dem steht allerdings ihr Einsatz über Jahrhunderte entgegen, ohne das etwas über Zahnprobleme bekannt geworden wäre, die darauf zurückgeführt werden könnten. Ich hoffe, dass die Argumente von Dr. Drescher ansonsten durch die Darstellung von Max Lincke (1943) am Artikelanfang hinreichend widerlegt wurden. Ergänzt sei noch, dass Samen von Süßgräsern wie auch solche von Kräutern ja nach Art fast ganzjährig Kaninchen zur Verfügung stehen und auch genutzt werden. Ich persönlich habe mit der Futtermittelindustrie nichts im Sinn und stelle Kaninchen das Verfügung, was nach meinem Wissen (Erfahrung mit Hauskaninchen, Beobachtung von Wildkaninchen) in typischer Weise zu ihrer Nahrung gehört und bin auf diese Weise mit meinen Argumenten auf der Seite der Tiere. Die Tiere finden auf unserer Wiese Samen in Hülle und Fülle und nutzen diesen auch - ganz so, wie es ihnen beliebt. Man könnte das auch "ad libitum" nennen. Worin ich Dr. Drescher Recht gebe, sind ihre (nicht zitierten) Ausführungen in Bezug auf "Trockenfutter", die schön bunt in verschiedensten Formen daher kommen und nicht deklariert werden - diese sind absolut sinnfrei und es sollte im Sinn der Tiere auf solche verzichtet werden. 

Wie bereits erwähnt, wurde früher sehr viele Untersuchungen durchgeführt, um den optimalen Gehalt von Stärke in Futtermitteln zu ermitteln. Diese Futter waren pelletiert, dass heißt, die Grundstoffe wurden gemahlen, in dünnen Stangen gepresst und auf Länge geschnitten. Diese Futtermitteln liegen also in einer Form vor, die Kaninchen eigentlich nicht kennen und auch nicht fressen, wenn ihnen sinnvolle, natürliche Alternativen zur Verfügung stehen. Mit Pellets werden somit Probleme kreiert, die unnötig sind. Die Kauzeit ist sehr kurz und die Inhaltstoffe liegen in kleinen Partikelgrößen vor. Der Gehalt an Pflanzenfasern wird, um einen bestimmten "Rohfasergehalt" zu erreichen, ohne Rücksicht auf ihren möglichen Einfluss dem theoretischen Bedarf angepasst. Die Ergebnisse aus diesen Untersuchungen waren oft sehr widersprüchlich und hingen im Wesentlichen ab von:
  • den enthaltenen Pflanzenarten
  • der Art der Pflanzenfasern und ihr Verhältnis zueinander
  • dem Gehalt an Pflanzenfasern, insbesondere dem der schwer-/unverdaulichen
  • dem Stärkegehalt (oder dem anderer löslicher Kohlenhydrate)
  • der Partikelgröße.
Da in nahezu allen pelletierten Futtermitteln Getreide enthalten ist, wurden negative Ergebnisse kurzerhand dem Getreide zugerechnet und somit pauschal auch alle möglichen Darm-, Zahn- und Kiefererkrankungen. Die Hersteller von Heimtierfutter nutzten dieses pauschale "Getreide"-Bashing und boten nun vermehrt sogenannte "grainless"-Futter in den verschiedensten Varianten an (grainless = ohne Körner). Merkwürdigerweise störte es jetzt viele nicht mehr, dass es sich dabei ja auch um Industriefutter handelte, wichtiger war, dass sie "grainless" waren - also ohne Getreide. Die entstandene "Energielücke" im Futter wurde von den Herstellern einfach durch etwas anderes mit viel löslichen Kohlenhydraten ersetzt, in der Regel handelte es sich dabei Gemüsestücke.

Eine Gruselgeschichte handelt vom "verklebten Darm", der durch Getreide verursacht werden würde. Vermutlich wurde diese ominöse Eigenschaft von einem Proteingemisch abgeleitet, welches als "Kleber" bezeichnet wird. Dieses ist dafür verantwortlich, dass aus einigen Getreidesorten Brot gebacken werden kann. Eine andere Bezeichnung für Klebereiweiß ist "Gluten" und manchen Menschen schmerzhaft bekannt, die an einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) leiden. Glutenreiche Getreidsorten sind z. B. Rogggen und Weizen, glutenarme Hafer und Gerste. Eine Unverträglichkeit für Kaninchen wurde bisher für keine der Sorten nachgewiesen.

Ein wesentlicher Nachteil von Getreide ist das Calcium-/Phosphorverhältnis - bei einem niedrigen Calciumgehalt (1,0-1,5 g/kg TS) überwiegt der von Phosphor deutlich (2,5-4,5 g/kg TS). Da es aber nur in geringen Mengen in der Fütterung eingesetzt werden sollte, fällt das bei einer ansonsten arttypischen Nahrung mit Gräsern und Kräutern nicht stärker ins Gewicht.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, das Getreide, bevorzugt Hafer und Gerste, für Kaninchen ein arttypisches Futter darstellt, welches aber auf Grund seines hohen Energiegehaltes nur ergänzend eingesetzt werden sollte. Dies gilt insbesondere für kastrierte Tiere und solche, die in Wohnungen gehalten werden. Als Ergänzung kann es durchaus als Segen betrachtet werden, bei übermäßiger Verfütterung kann es allerdings auch zum Fluch werden. Die Dosis macht's ...

Quellen:
Drescher, B. (2017): Der Unsinn mit den „Snacks“ für Kaninchen und Meerschweinchen. Internet: http://www.birgit-drescher.de/index.html. Unterseite http://www.birgit-drescher.de/kaninchen02.html. Geprüft am 2.9.2017 (Download und Bildschirmfoto beim Verfasser)
Joos, B. (2010): Lokales Wissen über Gesundheit und Krankheit des Viehs in Graubünden. Wien:  Universität für Bodenkultur. Dipl.-arbeit.
Lincke, M. (1943): Das Wildkaninchen. Neudamm: Neumann

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