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Sonntag, 17. Dezember 2017

Kohlenhydrate. Teil 2

Nachdem im ersten Teil der Kohlenhydrate die Grundlagen festgehalten wurden, können wir uns jetzt den verschiedenen Futtermitteln widmen - insbesondere jenen, die nach Meinung vieler privater Experten "nur selten", in "geringen Mengen" usw. angeboten werden sollen.

Ich hatte Ihnen anhand des Beispiels der "Wiese" gezeigt, was die Futtermittelanalysen nach "Weende" und nach "van Soest" über die Kohlenhydrate aussagen. In dem folgenden Diagramm sind nun verschiedene Futtermittel mit ihren Werten aufgeführt. Die Legende und Erklärungen können dem ersten Teil entnommen werden. Neben den Balken der van Soest Analyse sind zum Vergleich in dunkelgrün noch einmal die Rohfaser und in hellgrün die NfE der Weende Analyse dargestellt.

Bild 1: Vergleich verschiedener Futtermittel anhand von Werten für Kohlenhydrate mittels "Weende" und "van Soest"


Ohne über konkrete Werte zu reden fällt erst einmal grundsätzlich auf, dass Äpfel, Möhren und Grünkohl über einen sehr viel höheren Anteil an NFC (blau) verfügen, als Wiese und Heu. Wir erinnern uns daran, dass NFC (non-fiber carbohydrats) die komplett verdaulichen Kohlenhydrate wie Zucker und Stärke enthält - also dass, was im Dünndarm sofort verstoffwechselt oder von Enzymen zu Ein- und Zweifachzuckern abgebaut und über die Darmschleimhaut dem Körper zur Verfügung gestellt werden kann. Die Mehrfachzucker (= Polysaccharide wie Cellulose und Hemicellulose) sowie Lignin dagegen wandern weiter in den Dickdarm und dienen vor allem im Blinddarm celluloseabbauenden Bakterien als Nahrung. Lignin wird als unverdaulicher Bestandteil direkt ausgeschieden.

Bild 2: Kohlenhydrate, die von tierischen Enzymen verdaut oder fermentativ durch Bakterien im Dickdarm verwertet werden, nach van Soest (1994)


In dem folgenden Diagramm habe ich eine Mischung (jeweils 33,3%) aus Möhre, Grünkohl und Heu angenommen und der Wiese gegenüber gestellt.

Bild 2: Analysewerte für ein Gemisch aus Möhre, Grünkohl und Heu im Vergleich zu Wiese, in g/kg TS


In dem Diagramm habe ich den Gehalt an NFC in Wiese grafisch auf das Gemisch von Möhre, Grünkohl und Heu übertragen. Die Klammer mit dem Fragezeichen zeigt an, was das Gemisch an NFC mehr als Wiese hat, also der arttypischen Nahrung von Kaninchen und was wohl damit passiert. Tja, das ist die große Frage - wohin mit dem Überschuss an komplett verdaulichen Kohlenhydraten?

Die Lösung ist recht einfach: ein Teil des Überschusses wird für schlechte Zeiten als Körperfett eingelagert und ein Teil wandert mit dem Speisebrei weiter in Richtung Blinddarm. Es kommt also ein beträchtlicher Teil an komplett verdaulichen Kohlenhydraten in den Blinddarm. Dort leben mehrheitlich zelluloseabbauende Bakterien. Ihre Menge und natürlich ihre Nahrung sorgt dafür, dass andere Bakterien sich nicht übermäßig vermehren können. Mit dem Gemisch aus Möhre, Grünkohl und Heu kommt nun deutlich weniger cellulose- und ligninhaltige Nahrung an, dafür aber ein ganzer Schwung an leicht verdaulichen Kohlenhydraten.

Mit der Zeit ändert sich die Zusammensetzung der Bakterien im Blinddarm, weil jene, die eigentlich nur in geringer Zahl vorhanden waren, stetig mehr Nahrung erhalten und die celluloseabbauenden weniger. Ein Teil von ihnen verhungert förmlich und ihr Platz wird nun von Bakterien eingenommen, die sich von Zucker, Stärke und so weiter ernähren. Auch Hefen (Pilze) ernähren sich von den komplett verdaulichen Kohlenhydraten und können sich auf Grund der "verbesserten" Nahrungssituation besser vermehren.

Das ist sehr vereinfacht eine Erklärung dafür, was passiert, wenn z. B. Wurzelgemüse, Kohl und auch Salate die Hauptnahrung von Kaninchen darstellt. Da kann auch das Heu nichts mehr "retten". Im Gegenteil, es macht alles nur noch schlimmer, weil man ja die anderen Nährstoffe wie z. B. essentiellen Aminosäuren nicht vergessen darf.

Zu den Bakterien, die sich u. a. von "Zucker" ernähren, gehören auch pathogene Stämme von Clostridium und E. coli. Diese produzieren Gase und Toxine (Gifte), die die Darmschleimhaut zerstören und in den Blutkreislauf gelangen können. Das Immunsystem wacht immer über die Gesundheit und wird eigentlich mit einer geringen Zahl von pathogenen Keimen fertig. Wenn diese aber gut ernährt werden und sich immer stärker vermehren, lässt auch die Wirksamkeit des Immunsystems auf Grund der vielen "Baustellen" nach - das Tier wird krank. Darauf haben jetzt andere Krankheitserreger nur gewartet, so z. B. Kokzidien. Sie nutzen die Lücken im schwächer werdenden Immunsystem und vermehren sich nun ebenfalls in einem Maß, wie es vorher - mit intaktem Immunsystem - nicht möglich gewesen wäre. Pathogene Bakterien + Hefen + Kokzidien - für die meisten Kaninchen beginnt jetzt ein Kreislauf des Schreckens. Halter und auch Tierärzte grübeln, wie es zu dem Disaster kommen konnte, es wurde doch nichts geändert und das Tier war lange Zeit gesund? Ja sicher, aber wir reden von einem Prozess. Ernährungsbedingte Erkrankungen äußern sich zum Teil erst nach langer Zeit. So lässt sich z. B. bei Kaninchen, die Vitamin D nicht über das Futter oder natürlichem Sonnenlicht bekommen, erst nach einem halben Jahr im Blut keines mehr nachweisen. Eine weitere Zeit wird es dauern, bis die ersten Schäden am Tier sichtbar werden. Die werden natürlich nicht dem fehlenden Vitamin D zugerechnet sondern man sucht nach etwas, was sich in jüngster Vergangenheit geändert haben könnte.

Die ersten Anzeichen für ein übermäßiges Wachstum schädlicher Bakterien können Geräusche im Darmtrakt wie "Gluckern" sein, Aufgasungen, Durchfall, Blinddarmkot, der nicht mehr aufgenommen wird (weil er pathogene Keime enthält), Schwäche und verringerte Aktivität. Dann ist eine Erkrankung bereits manifest. Kokzidiose, die eigentlich nur für Jungtiere während der Zeit der Umstellung von flüssiger auf feste Nahrung eine Gefahr darstellt, ist bei älteren Tieren ein sicheres Zeichen dafür, dass mit der Enrährung etwas nicht stimmt. Stress kann ein weiterer Faktor sein, der solche Fehler zum Vorschein bringen kann.

Ein Blick auf die "Rohfaser" und "NfE" der Weende-Analyse zeigt, dass sich die Werte wohl nicht immer unbedingt vergleichen lassen. Das heißt, dass bei bestimmten Futtermitteln wie Gemüse, Kohl und Salat die Rohfaser fast komplett das Lignin und einen großen Teil der Cellulose enthält, während sie bei Wiese Lignin und etwas mehr als die Hälfte der Cellulose ausmacht. Die Hemicellulose taucht in der Weende-Analyse überhaupt nicht auf, weshalb auch die Einschätzung des Nutzens der NfE eher ein Blick in die Glaskugel ist. Wer also meint, die NfE wären ein leicht zu verdauender Anteil von Kohlenhydraten, befindet sich gewissermaßen auf dem Cellulose-Holz-Weg.

Betrachtet man die Rohfaser, ergibt sich "nur" eine Differenz von 12% weniger in dem Gemisch gegenüber Wiese, während der NDF-Gehalt, also der der gesamten Gerüstsubstanzen, einen Unterschied von 66% aufweist!

Bild 3: Rohfaser- und NDF-Defizit in einem Gemisch aus Heu, Möhre und Grünkohl im Vergleich zu Wiese, Analysewerte in g/kg TS; Differenz in %


Der Vergleich zeigt, wie trügerisch eigentlich der Wert der Rohfaser ist. Nach Lehrmeinung ist sie wichtig für die Verdauung des Kaninchens, weil sie den schwer- und unverdaulichen Anteil der Nahrung enthalten würde. Aber weit gefehlt! Diese Aussage ist nur für NDF der van Soest Analyse zutreffend, also für die Neutrale Detergenzienfaser, die die gesamten Gerüstsubstanzen einer Pflanze enthält, nämlich Lignin + Cellulose + Hemicellulose. Die Hemicellulose findet sich in der Rohfaser in diesen Beispielen gar nicht wieder. Ihr Betrag liegt in dem Gemisch aus Heu, Möhre und Grünkohl um etwa 40% niedriger als in Wiese.

Hier noch einmal ein Diagramm, welches nur die Rohfaser (Rfa) und Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE) aus der Weende Analyse sowie die Neutrale Detergenzienfaser (NDF), also alle schwer und unverdaulichen Gerüstsubstanzen sowie die Nichtfaser-Kohlenhydrate (NFC) als voll verdauliche Kohlenhydrate zeigt.

Bild 4: Vergleich von Rfa, NfE der Weende und NDF, NFC der van Soest Analyse am Beispiel eines Gemisches aus Heu+Grünkohl+Möhre sowie Wiese, in g/kg TS


Ist der Unterschied zwischen den Rohfasergehalten (dunkelgrün) augenscheinlich nicht so erheblich, zeigen die NDF-Gehalte dagegen ganz deutlich, was den Unterschied zwischen Futtermitteln ausmacht - die Gerüstsubstanzen. Besonders deutlich wird aber der Unterschied der beiden Analysemethoden, wenn man sich die NfE im Vergleich zu den NFC ansieht (oder ausrechnet): während in dem Gemisch mit Grünkohl, Möhre und Heu der Unterschied ca. +25% im Vergleich zur Wiese beträgt, sind für die NFC +62%!

Jetzt wollen wir mal Frau Meier befriedigen und schauen, was denn so Wissenschaftler der heutigen Zeit zu dem Dilemma mit den Kohlenhydraten äußern.

Da wäre zum Beispiel das Lehrbuch von Kirchgeßner et al. (2008), ein Leitfaden für Studium, Beratung und Praxis zu nennen. Dort kann man u. a. folgendes lesen: "Der schwächste Punkt ist jedoch die Unterteilung der Kohlenhydrate in N-freie Extraktstoffe und Rohfaser. Ursprünglich sollten dadurch die besser verdaulichen Kohlenhydrate von den weniger verdaulichen unterschieden werden. In Wirklichkeit wird aber durch die Rohfaserbestimmung je nach Futterstoff nur ein mehr oder weniger großer Anteil der Gerüstsubstanzen (Cellulose, Hemicellulosen, Lignin) erfasst; der andere Teil bleibt in Lösung und kommt damit zu der Fraktion N-freie Extraktstoffe. Dies kann zur Folge haben, dass in Einzelfällen die Verdaulichkeit der Rohfaser höher liegt als die der N-freien Extraktstoffe." Naja, das ist ja jetzt nichts bahnbrechend Neues, revolutionär Anderes, weil das ja schon in den 1870er Jahren bekannt war. Weiter geht es folgendermaßen: "Die gesamte Fütterungslehre ist auf der Futtermittelanalyse nach dem Weender System aufgebaut. Modifizierte Verfahren lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres durchsetzen. Die Anwendung neuer Futtermittel-Analysensysteme werden sich deshalb nur auf spezielle Einzelfälle beschränken.".

Das modifizierte Verfahren von van Soest stammt aus den 1960/70er Jahren, ist jetzt also rund 50 Jahre alt. Wenn man bedenkt, was ein verbessertes Wissen über die Kohlenhydrate für die Tiergesundheit bedeutet, klingt das schon sehr verhalten. Hat der Wissenschaftstandort Deutschland wirklich so stark abgebaut, dass man die Analyse von drei Gruppen der Kohlenhydrate nicht anwenden und deren Ergebnisse gewinnbringend für die Tiergesundheit einsetzen kann?

Die Analysemethode an sich scheint das Problem nicht zu sein, denn es gibt heute Geräte, die die gesamte Analyse der Faserfraktionen automatisch erledigen. Probe rein, Knopf drücken - zack und fertig. Es gibt Geräte, mit denen 24 Proben gleichzeitig innerhalb von rund 1,5 Stunden geprüft werden können (ich mache jetzt aber keine Werbung). Man könnte also zumindest die Faserfraktionen sowie die NFC ("Zucker") selbst aus einer Serienfertigung von Futtermitteln in der Deklaration angeben, die ja chargenweise erfolgt. Und genau hier wird wohl das eigentliche Problem liegen. Also nicht in der Prüfung, sondern in der Offenlegung der Ergebnisse.

Für Kaninchen in Deutschland fühlt sich, wissenschaftsmäßig, die "World Rabbit Science Association" (WRSA) zuständig. Zur Qualität von Pflanzenfasern in deutschen, pelletierten Alleinfuttermitteln äußerte sich der damalige stellvertretende Vorsitzende R. Krieg (2011), in folgender Weise: „Eine Möglichkeit, Mindestanforderungen an Rohfaser zu gewährleisten, sind Einzelfuttermittel mit einem definierten Lignin- und Zellulosegehalt. Die Verabreichung derartiger Komponenten in Futtermischungen oder als Einzelfutter ist nahezu unmöglich.".

Diese Darstellung ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Im Jahr 2011 argumentiert ein wissenschaftlicher Kaninchenexperte, dass Mindestanforderungen an Rohfaser (dem alten Dingens aus 1860!) in Bezug auf Lignin und Zellulosegehalte nicht erfüllbar sind ("nahezu unmöglich"). Heißt also, man kann es nicht. Das heißt für mich, dass man zwar weiß, was gut wäre, kann es aber nicht. Ok - aber dann könnte man doch wenigstens angeben, was drin ist, oder? "Gut" kann man nicht, also muss man eben die Realität deklarieren. Dann könnte sich jeder selbst ein Bild machen - wir erinnern uns daran, dass ja der DVT behauptet, es würde ja nicht stimmen, das wir nicht wüssten, was in einem Futtermittel drin ist. Will man aber nicht. 24 Proben in 1,5 Stunden, Angabe der Faserfraktionen auf dem Sack und fertig. Will man nicht, macht man nicht.

Das Aussage von R. Krieg (2011) geht noch weiter: "Daher hat sich für derartige Wahlmöglichkeiten die Pelletierung als Methode der Wahl gezeigt. Es ist hervorzuheben, das der Begriff Pellet lediglich eine technische Verfahrensweise zur Kompaktierung von Einzelfuttermitteln […] ist.“. Die Aussagen sind echt abenteuerlich. Also: man kann den Fasergehalt in einem Futtermittel nicht so einstellen, dass er Empfehlungen entsprechen würde und deshalb werden die Futtermittel pelletiert. Ich übersetze das mal für die Hausfrauen und -männer: Sie wollen einen Kuchen backen. Sie haben auch ein Rezept dafür. Da steht genau drin, was und in welchen Mengen alles in den Teig gegeben werden muss. Jetzt fehlt Ihnen aber vielleicht die Waage oder Sie bekommen nicht das, was in dem Rezept steht. Was machen Sie jetzt also? Genau!!! Sie häckseln das, was Sie haben, einfach alles klein, drücken (kompaktieren) es durch die Spaghettipresse, schnipseln das was rauskommt klein und haben jetzt genau das, was Sie wollten! Ist das nicht genial?! Das ist die "Methode der Wahl"! Schmeckt zwar nicht und macht Bauchschmerzen, aber ist doch egal - Sie haben das Problem gelöst. Wissenschaftlich. Mit der Methode der Wahl. Apropos Wahl: der Mensch kann das Ergebnis der Wahl einfach wegschmeißen und sich etwas zubereiten oder holen, was ihm schmeckt und keine Bauchschmerzen macht - das Kaninchen hat diese Wahl eben nicht. Das muss das Zeug fressen.

Also, liebe Frau Meier - die neuesten, wissenschaftlichen Aussagen renommierter Experten führen hier eher auf den Holzweg als auf den der Erkenntnis. Man sollte mithin gut abschätzen, welchen Quellen man sein Vertrauen schenkt, egal, wie alt die sind.

Wie auch immer: seit Anfang der 2000er Jahre existieren für pelletierte Futtermittel Empfehlungen für die Gehalte an NDF, ADF und ADL und somit auch indirekt für die Kohlenhydratgruppen Cellulose und Hemicellulose. Wenn man schon nicht die Herstellung verteuern möchte, um Futtermittel mit den entsprechenden Gehalten herzustellen und somit sicherer für die Ernährung und Gesundheit von Kaninchen zu machen, wäre es zumindest angebracht, die derzeitigen Gehalte zu deklarieren. Warum das nicht geschieht, lässt tief blicken. Man darf davon ausgehen, dass die Gehalte jenseits von Gut und Böse liegen und vermutlich aus stark schwanken. Manchen Züchter sollte es aber nicht unbedingt wundern, wenn in seinem Bestand auf einmal eine rätselhafte Seuche umgeht. 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Kenntnis der einzelnen Kohlenhydratgruppen eine bessere Beurteilung von Futtermitteln zulässt als die Werte für Rohfaser und Stickstofffreien Extraktstoffe der Weende-Analyse. Ohne absolute Werte zu kennen, lässt sich feststellen, dass sich verschiedene Futtermittel in Bezug auf NDF und NFC Gruppen einteilen lassen - Gemüse mit einem niedrigen NDF- und hohen NFC-Gehalt und Gräser/Kräuter (Wiese) mit einem hohen NDF- und niedrigen NFC-Gehalt. Daraus lassen sich wiederum mögliche Erkrankungen ableiten. Eine übermäßige Verfütterung von Gemüse kann auf Grund des hohen NFC-Gehaltes zu Darmerkrankungen führen, die ihrerseits wiederum zu weiteren Krankheiten führen können wie z. B. parasitär verursachte wie Kokzidiose oder die übermäßige Besiedelung des Darms mit Hefen.

Oder mit noch einfacheren Worten: aus Gemüse, Kohl und Salaten kann so viel Zucker produziert werden, dass der Darm damit regelrecht überschwemmt wird, während schwer- und unverdauliche "Ballast"-Stoffe fehlen. Selbst wenn Gemüse gemeinsam mit Heu die Hauptnahrung des Kaninchens bilden soll, ist der Anteil an "Zucker" im Vergleich zur arttypischen Nahrung immer noch sehr hoch.

Wissen Sie, liebe Leser, warum ich selbst jetzt im Dezember immer noch auf Wiesen mühsam zusätzlich Grünes hole, auch wenn ich weiß, dass der Nährstoffgehalt in diesem mittlerweile recht dürftig ist?
  1. Weil Kaninchen kauen müssen - auch im Winter
  2. Weil aus einem zu hohen Anteil an NFC Darmkrankheiten resultieren können
  3. Weil der Nährstoffgehalt offenbar immer noch ausreicht, ihre Bedarfe zu befriedigen
  4. Weil unsere Tiere Gemüse liegen lassen (immer wieder mit verschiedenen Sorten getestet)
  5. Weil ein sinnvolles Trockenfutter, welches wir zusätzlich geben, immer noch besser als Gemüse ist
  6. Weil es die Tiere zwingt, aktiv zu sein
  7. Weil sie sofort kommen, wenn frisches Grün nachgefüllt wird
  8. Weil ich aktuellen, wissenschaftlichen Aussagen aus Deutschland misstraue
  9. Weil ich Langeweile habe ... äh, Moment mal, das hab jetzt nicht ich hingeschrieben... :-)

Quellen:
  • Kirchgeßner, M.; Roth, F. X.; Schwarz, F. J.; Stangl, G. I. (2008): Tierernährung. Leitfaden für Studium, Beratung und Praxis. 13. Aufl. DLG-Verlag. ISBN 978-3-7690-0703-9
  • Krieg, R. 2011. In der Kaninchenfütterung kommt es auf den Energiegehalt an. Futterzusatzstoffe und Futterergänzungsmittel. Kaninchenzeitung. 2011, 13, S. 8-10.
  • Van Soest, P. J. (1994): Nutritional ecology of the ruminant. 2. Ed. Comstock Publishing. ISBN 0-8014-2772-X.

Samstag, 9. September 2017

Gemüse - eine gute Alternative?

Einleitung

Kaninchen werden als „Herbivore“ bzw. Pflanzenfresser bezeichnet. Entsprechend ihrer Nahrung, dem Lebensraum und den Lebensgewohnheiten verfügen sie über eine bestimmte Körpergröße, ein spezielles Verdauungssystem und Gebiss. Aus diesem Grund fressen sie auch nicht wahllos alles, was pflanzlich ist, sondern bevorzugen die Blätter von Gräsern und Kräutern. In der Fortpflanzungszeit werden zusätzlich Samen von Pflanzen aufgenommen und im Winter weichen sie auch auf Rinden und Wurzeln aus. In manchen Gebieten fressen sie auch Pilze. Weil sie vorwiegend Blätter fressen, nennt man sie auch „Folivore“. Der Darm des Kaninchens ist mit ca. 4,5 m sehr lang – ungefähr 10mal so lang wie der Körper. Außerdem verfügt es über einen ungewöhnlich großen Blinddarm, in dem Bakterien leben, die schwerverdauliche Kohlenhydrate wie Cellulose und Hemicellulose "verarbeiten". Die Abbauprodukte stehen vorrangig als Fettsäuren für die Energieversorgung des Organismus zur Verfügung.

Bild 1: Schematischer Aufbau des Verdauungstraktes verschiedener Säugetiere
Um zu verstehen, welches Futter für Kaninchen geeignet sein könnte und welches eher nicht, bedarf es einiger grundlegender Betrachtungen. Dazu gehört auch die Analyse von Futtermitteln, die ein Kaninchen ernähren sollen.

Futtermittelanalyse

Bis heute werden in Deutschland Gehalte von Inhaltsstoffen in Futtermitteln angegeben, die mit Hilfe der "Weende-Futtermittelanalyse" aus dem 19. Jahrhundert ermittelt wurden. Die Methodik von Henneberg & Stohmann (1860, 1864) wurde an der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Weende, einem Stadtteil von Göttingen, für die Analyse von Futterpflanzen entwickelt. Die Werte der Weende-Analyse werden in der Futtermittelkunde üblicherweise mit „Rohnährstoffe“ bezeichnet. Das „Roh“ steht dabei für die Angabe von Stoffgruppen, also nicht einzelnen Nährstoffen. In diesem Beitrag werde ich mich auf das beschränken, was in dieser Methode als "Rohfaser" erfasst und als "Stickstofffreie Extraktstoffe" errechnet wird und warum die Werte für verschiedene Futtermittel wenig Sinn machen.

Als Rohfaser (Rfa) wird der in Säuren und Laugen unlösliche fett-, stickstoff- und aschefreie Rückstand der Trockensubstanz (TS) bezeichnet. Die „Rohfaser“ ist somit eine Stoffgruppe, welche Cellulose, Lignin, Pentosane usw. enthält. Da ein Teil dieser Stoffe aber in Lösung geht, werden diese auch mit der Gruppe der Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE) erfasst. Die Rohfaser ist also kein definierter Wert für einen Nährstoff oder eine Nährstoffgruppe und enthält in der Regel immer nur einen Teil der Gerüstsubstanzen/Zellwand. Es gibt Ausnahmen wie Gemüse, wie später noch gezeigt wird. Die NfE werden nicht analysiert sondern ergeben sich rechnerisch nach dem Abzug der Gehalte von Rohasche, Rohprotein, Rohfett und Rohfaser von der Trockensubstanz. Die NfE enthalten theoretisch die leichter verdaulichen Kohlenhydrate.

Es gibt unzählige Werte für die Gehalte von Rohnährstoffen, die mittels der Weende-Analyse ermittelt wurden und jeder "Experte" nimmt sich die Deklaration eines Futtermittels vor, wenn er es nach seinem Nutzen beurteilen soll. Dabei war eigentlich schon mit der Etablierung dieser Analysemethode klar, dass sie entscheidende Schwächen aufwies: die Kohlenhydrate als sehr wichtige Bestandteile der Ernährung wurden nicht erfasst und die NfE werden rechnerisch ermittelt. Für Kaninchen ist das eigentlich sehr schlecht, denn ihr Verdauungssystem ist auf ein abgestimmtes Verhältnis von unverdaulichen, schwer verdaulichen und komplett verdaulichen Kohlenhydraten angewiesen. In dem sehr großen Blinddarm leben verschiedene Bakterien, die auf den Celluloseabbau spezialisiert sind. Die komplett verdaulichen Kohlenhydrate dagegen werden überwiegend im Dünndarm verwertet, der sich anatomisch vor dem Blinddarm befindet. Das heißt, leicht bzw. komplett verdauliche Kohlenhydrate gelangen gar nicht in den Blinddarm bzw. nur zu einem geringen Teil. Daraus folgt, dass die Bakterien, die Cellulose abbauen, im Blinddarm in der Überzahl sind, während Bakterien, die sich von leicht verdaulichen Kohlenhydraten ernähren, nur in geringer Zahl vorkommen. Zu diesen gehören z. B. "Clostridium perfringens" und "Escherichia coli", die an Darmerkrankungen beteiligt sind oder solche auslösen. Eine Übersicht zu Bakterien des Kaninchens und den Substraten, von denen sie sich ernähren, findet sich in Rühle (2017).

Ende der 1960er Jahre entwickelte der amerikanische Wissenschaftler Peter J. Van Soest (1967) eine Methode, mit der die Kohlenhydrate getrennt erfasst werden können. In neuerer Zeit gibt es verschiedene Interpretationen bzw. Weiterentwicklungen der ursprünglichen Analysemethode, ich beschränke mich hier auf das Wesentliche. Die Methode nach Van Soest trennt Kohlenhydrate in die „Neutrale Detergenzfaser“ (neutral detergent fibre = NDF) und „Nichtfaser-Kohlenhydrate“ (non fibre carbohydrats = NFC). Ein anderer Begriff dafür ist "Total dietary fibre" und meint alle "wasserlöslichen Nicht-Stärke-Polysaccharide". NDF enthält Lignin, Cellulose sowie Hemicellulose und liefert somit den schwer- und unverdaulichen, NFC den gut bis komplett verdaulichen Anteil an Kohlenhydraten. Lösliche Kohlenhydrate können bis zu Einfachzuckern abgebaut werden, die über die Darmwand und das Blut den jeweiligen Organen zugeführt werden. Das Lignin, welches in der „Rohfaser“ enthalten ist, gehört nicht zu den Kohlenhydraten und wird nach Van Soest als ADL (acid detergent lignin) erfasst. Das folgende Diagramm versucht, die Unterschiede zwischen dem, was der deutsche Kunde aus der Deklaration erfährt mit dem zu vergleichen, was die Analysemethode nach Van Soest liefert.

Bild 2: Vergleich von Weende- und Van Soest-Analyse am Beispiel von frischer Luzerne in g/kg Trockensubstanz

Das Diagramm zeigt typische Analysewerte für frische Luzerne. Auf der linken Seite sind die Werte dargestellt, wie sie auch in der "Deklaration" eines Futters angegeben werden, rechts die Werte nach der Methode von Van Soest. Der Gehalt von Rohasche beträgt 110 g/kg TS, Rohprotein 213 g/kg und Rohfett 30 g/kg TS. Bis hier sind die Werte in den beiden Methoden gleich, der Unterschied ergibt sich bei der Auftrennung der Stickstofffreien Extraktstoffe (390 g/kg TS) und Rohfaser (257 g/kg TS) der Weende Analyse. Auf der rechten Seite sieht man nun die Phenolgruppe "ADL" sowie die Kohlenhydratgruppen "Cellulose", "Hemicellulose" und "NFC". Man sieht in dem Vergleich sehr schön, dass offensichtlich einige Kohlenhydrate, die für celluloseabbauende Bakterien wichtig sind, in der Weende-Analyse mit den Stickstofffreien Extraktstoffen erfasst werden. Die Rohfaser dagegen gibt ADL, also Lignin sowie einen Teil der Cellulose wieder, wobei Lignin komplett unverdaulich ist, also auch nicht von Darmbakterien verwertet werden kann.

Viele kennen sicher die Aussage, dass die Rohfaser sehr wichtig für die Verdauung von Kaninchen ist. Damit ist eigentlich ein unverdaulicher und schwerverdaulicher Teil der Nahrung gemeint, der im Blinddarm von Bakterien verwertet wird. Im Fall der Hemicellulose der frischen Luzerne trifft das jedoch nicht zu, denn sie geht offensichtlich in die Gruppe der NfE ein. Das heißt, dass mit der Rohfaser eine Aussage über deren stoffliche Verwertung eigentlich keine Aussage getroffen werden kann.

Vergleich von Futtermitteln mittels Van Soest-Analysewerten

Bisher wurde die erweiterte Weende-Analyse nach van Soest nur am Beispiel eines Futtermittels demonstriert, nämlich dem der frischen Luzerne. Dabei muss noch bedacht werden, dass Analysewerte gewöhnlich von Pflanzenbeständen gewonnen werden, das heißt, es werden Stängel und Blätter eines jeweiligen Wuchsstadiums analysiert. Tatsächlich fressen Kaninchen aber eigentlich bevorzugt nur die Blätter

Das folgende Diagramm zeigt verschiedene Futtermittel mit den Analysewerten nach Van Soest, also der erweiterten Weende-Analyse mit der Auftrennung der Rohfaser und Stickstofffreien Extraktstoffe in Lignin (ADL) und die jeweiligen Kohlenhydrate Cellulose, Hemicellulose und NFC als komplett verdauliche Kohlenhydrate. Letztere werden, wie bereits beschrieben, im Dünndarm durch Enzyme aufgespalten, Cellulose und Hemicellulose dagegen im Blinddarm durch Bakterien verwertet. Als Vergleich habe ich neben den kumulativen Balken der Van Soest-Analyse in dunkel- und hellgrün noch einmal die Werte der WeendeAnalyse für Rohfaser und NfE dazugestellt. Detailierte Angaben und Quellen für die Werte können meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" (2017) entnommen werden.

Bild 3: Vergleich verschiedener Futtermittel


Zunächst einige grundlegende Erklärungen:
  • es wurde Luzerne als Beispiel für frisches Grün und Heu genutzt, weil dafür Werte verfügbar sind, die einen Unterschied verdeutlichen sollen
  • für Gemüse wurde ein Gemisch zu jeweils gleichen Teilen (Mittelwert) aus den Knollen (Wurzeln) von Kohlrabi, Möhre und Sellerie gewählt
  • Apfel wurde beispielhaft ausgewält, weil Obst in verschiedenen Fütterungsempfehlungen eine Rolle spielt
  • alle Werte beziehen sich auf die Trockensubstanz, um sie vergleichen zu können. Mögliche Verzehrmengen können sich also auf Grund des Wassergehaltes unterscheiden.
Betrachtet man die verschiedenen Nährstoffgruppen, lässt sich folgendes feststellen:
  • die "Rohfaser" stimmt mit keinem Werte der Van-Soest-Analyse überein 
  • im Fall der Luzerne enthält die "Rohfaser" Lignin (ADL) und zum Teil Cellulose
  • im Fall des Gemüses enthält die "Rohfaser" die komplette „Neutrale Detergenzfaser“ (neutral detergent fibre = NDF)
  • im Fall des Apfels enthält die "Rohfaser" Lignin (ADL) und Cellulose
  • für die NfE in Luzerne lässt sich folgern, dass die Verdaulichkeit überschätzt werden kann, weil sie Cellulose und Hemicellulose enthält
  • in Gemüse entspricht der Gehalt an NfE dem der NFC
  • in Apfel enthält NfE auch Hemicellulose.
Als Unterschied zwischen den Futtermitteln lässt sich u. a. folgendes feststellen:
  • der Rohfasergehalt in Luzerne folgt dem Trend der NDF, ohne mit ihr übereinzustimmen, was aber für Gemüse nicht der Fall ist,
  • prinzipiell ist der Gehalt an Lignin, Cellulose und Hemicellulose (NDF) in Luzerne (frisch, Heu und Heublatt) deutlich höher als in Gemüse: in frischer Luzerne ist der Gehalt an Lignin doppelt so hoch, der von Cellulose und Hemicellulose beträgt in Luzerne ungefähr das 2,6fache des Gehaltes in Gemüse,
  • im Vergleich beträgt der NFC-Gehalt in Gemüse das Doppelte des Gehaltes in frischer Luzerne.
Somit lässt sich konstatieren, dass im Vergleich zur arttypischen Nahrung (Gräser, Kräuter) der Gehalt an un- bzw. schwerverdaulichen Pflanzenfasern viel zu gering ist und der von leicht verdaulichen Kohlenhydraten, die bis zu Einfachzuckern abgebaut werden viel zu hoch - es kommen also zwei negative Aspekte zusammen. Das bedeutet, dass bei Verfütterung größerer Mengen Gemüse die Bakterien im Blinddarm, die Pflanzenfasern abbauen "verhungern" und pathogene Bakterien wie E. coli und Clostridium perfringens sich stärker vermehren können. Einerseits bekommen sie viel "Nahrung" in Form von leicht verdaulichen Kohlenhydraten, andererseits fehlen nun die Bakterien, die dieses Wachstum verhindern könnten. Mögliche Folgen sind Darmgeräusche (Gluckern), Durchfälle, die Ansiedelung von Hefen, Blähungen (weil Bakterien wie Clostridien und E. coli Gase bilden) sowie Darmentzündungen.

Bild 4: Knollengemüse mit Grün - Die Knollen bzw. Wurzeln sollten nur sparsam gefüttert werden. Die grünen Teile des Gemüses sind für Kaninchen besser geeignet


Eine Möglichkeit, den Gehalt an schwer- und unverdaulichen Fasern auszugleichen, wäre die Verfütterung von Heu und das wird auch von vielen so empfohlen. Allerdings ist damit ein Nährstoffdefizit vor allem an Vitaminen, Fett- und Aminsäuren usw. vorprogrammiert. Näher erläutert werden diese Defizite mit möglichen Folgen für die Gesundheit in meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" (2017).

Ein weiterer Nachteil von Gemüse ist das Fehlen abrasiver Stoffe (Phytolite), wie sie in Gräsern und Kräutern natürlicherweise vorkommen und die für einen nötigen Zahnabrieb sorgen.

Quellen:
  • Henneberg, W. und Stohmann, F. 1860. Beiträge zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer. Das Erhaltungsfutter volljährigen Rindviehes und über Fütterung mit Rübenmelasse. Braunschweig : Schwetschke & Sohn, 1860. Heft 1.
  • Henneberg, W. und Stohmann, F. 1864. Beiträge zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer. Über die Ausnutzung der Futterstoffe durch das volljährige Rind und über Fleischbildung im Körper desselben. Braunschweig : Schwetschke und Sohn, 1864. Bd. 2.
  • Van Soest, P. J. 1967. Development of a Comprehensive System of Feed Analyses and its Application to Forages. J. Anim. Sci. 1967, 26, S. 119-128.
  • Van Soest, P. J. (1982): Nutritional Ecology of the Ruminant. Corvallis, Oregon: 0 and B Books Inc

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