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Montag, 18. Januar 2021

Qualzucht 5 - Brachygnathia superior und Empirische Evidenz

In diesem (und weiteren) Artikel gehe ich kurz auf verschiedene Arbeiten ein, die von Tierschützern und Tierärzten angegeben werden, wenn es um das Thema "Qualzucht" bei Kaninchen geht. Verschiedene Kopfformen (kurz, gedrungen) werden häufig in Verbindung mit Gebiss- und/oder Zahnfehlstellungen gebracht, insbesondere einer "Brachygnathia superior". Wenn es eine solche Verbindung zwischen Kopfform und Zahnfehlern gäbe, wäre die Forderung nach einem Verbot solcher Zuchtformen berechtigt. Prinzipiell ist jede Zucht mit Tieren, die im genetischen Sinn krank sind - und dabei handelt es sich bei einer Brachygnathia superior (mp) oder dem Zwerggen (Dw) - abzulehnen. 
 
Bartels & Wegner, 1998 gingen in einer Art "Rundumschlag" auf Probleme der Zucht mit genetisch belasteten Tieren ein, indem sie "proportionierten" Riesen- und Zwergwuchs in Anführungszeichen setzten um dann alles, was von der Norm abweicht, anhand von "Anonymus", Züchteraussagen und verschiedener Literatur gewissermaßen "totzuschlagen". Das ist insofern schade, weil einige Aussagen durchaus auch in ihrer Schärfe zutreffend sind, andere sich aber durch ihre Polemik und vermeintlichen Belege als widerlegbar herausstellen. Inzwischen haben sich die Zeiten etwas geändert und auch eine gewisse "Farm", die für ihre "Zucht" von Zwergkaninchen mehr berüchtigt als berühmt war, existiert nicht mehr. Ich werde die Broschüre von Bartels & Wegner, 1998 eventuell später noch einmal betrachten - einige der Darstellungen finden sich aber auch indirekt im folgenden Beitrag wieder.

Ähnliche Betrachtungen wie in diesem Beitrag hatte ich bereits anhand der Quellenangaben von Tierschützern u. a. zu den "Schlappohren" angestellt, die seit einiger Zeit forciert mit "Qualzucht" in Verbindung gebracht werden (sollen). In einem weiteren Beitrag bin ich auf zum Teil falsche Behauptungen eingegangen, die von einer Tierärztin in einem Beitrag einer Tageszeitung aufgestellt wurden.

Für Kaninchen existiert eine Fülle von Arbeiten, die sich mit der Genetik und dem Gebiss des Kaninchen beschäftigen. Es sollte also ohne weiteres möglich sein, mindestens eine Arbeit zu finden, die die Behauptung bzw. Hypothese, dass aus bestimmten Kopfformen des Kaninchens bestimmte Krankheiten resultieren, durch eine methodisch-systematische Sammlung von Daten einer Untersuchung und ihre statistische Auswertung belegt. Dieser Beleg für eine Hypothese wird auch als "empirische Evidenz" bezeichnet. Für statistische Auswertungen existieren wissenschaftlich anerkannte, mathematische Methoden, die auch für Tierschützer, Tierärzte und Politiker gelten. 

Bei der folgenden Literatur handelt es sich um solche, die von Tierschützern und Tierärzten angegeben wurde, um ihre Behauptungen zu stützen. Zusätzlich führe ich solche an, die einen Beitrag zu diesem Thema leisten können. Das heißt, der ausgewählten Literatur von Tierschützern füge ich weitere hinzu. Grundsätzliche Arbeiten habe ich in einem früheren Artikel bereits betrachtet und werde sie hier ebenso farblich kennzeichnen. In diesen Arbeiten wurde an mittelgroßen Kaninchen mit einem Gewicht von ≥3,5 kg, die aus Inzuchtlinien oder Kreuzungen daraus stammten, der Erbgang der "mandibulären Prognathie" (mp) bzw. "Brachygnathia superior" nachgewiesen (Nachtsheim, 1936; Chai & Degenhardt, 1962; Chai, 1969; Chai, 1970; Fox & Crary, 1971; Granát et al., 1974; Kalinowski & Rudolph, 1974; Fox, 1994; Lindsey & Fox, 1994). 

Literatur und empirische Evidenz
 
Barandun, G., & Palmer, D. 1982. Epiphora beim Zwergkaninchen. Anatomische, klinische und pathologisch-anatomische Untersuchungen des Tränenkanals beim Zwergkaninchen. Tierärztl. Prax. 10, S. 403-410
Zitate:
  • "In der Klinik für Zoo- und Heimtiere des kantonalen Tierspitals in Zürich wurden in den Jahren 1978/79 mehr als 1000 Kaninchen vorgestellt. Davon waren ca. 90% Zwergkaninchen. Mehr als die Hälfte kamen wegen Erkrankungen als Folge von Anomalien der Schneide- oder Backenzähne in unsere Klinik.
  • Da Stenosen des Tränenkanals als eine der häufigsten Erkrankungen des Tränenapparates beschrieben werden ... und die Ätiologie der Konjunktivitiden häufig unklar blieb, stellte sich die Frage, ob pathologische Veränderungen im Bereich der Zahnwurzeln Kompressionsstenosen des Tränenkanals bewirken und damit zu Tränenabflußstörungen führen könnten. 
  • Für die Untersuchungen standen uns 20 Zwergkaninchen im Alter von 6 Monaten bis 10 Jahren sowie 4 institutseigene Neuseeländerkaninchen zur Verfügung. 
  • Die pathologisch-anatomischen Untersuchungen zeigten, daß Epiphora beim Kaninchen nicht einheitlichen pathologischen Veränderungen zugeordnet werden können. Die von uns gefundenen herdförmigen eitrigen Entzündungen im Bereich des Tränenkanals waren bakteriellen Ursprungs. Kompressionsstenosen des Tränennasenganges aufgrund von pathologischen Prozessen im Bereich der Zahnwurzeln der lnzisivi, Prämolaren und Molaren wurden nicht beobachtet.
  • Bei den 11 untersuchten Zwergkaninchen mit chronischem Augenausfluß konnten keine einheitlichen pathologischen Veränderungen gefunden werden. Eitrige Entzündungen im Bereich des Tränenkanals  sowie eitrige Konjunktivitis waren die häufigsten Veränderungen. Bei einem Tier konnte Pasteurella multocida nachgewiesen werden. Ein Zusammenhang mit Zahnveränderungen bestand nicht."
Die Arbeit von Barandun & Palmer, 1982 wird sehr häufig zitiert, wenn es um Kopfformen von Kaninchen im Zusammenhang mit Erkrankungen und mit anatomischen Veränderungen des Tränenkanals (Stenose = Verengung) geht, die als tierschutzrelevant angesehen werden. Das ist deshalb bemerkenswert und rätselhaft, weil die Ergebnisse der Arbeit einen solchen Zusammenhang eben nicht erkennen ließen.
Keine Evidenz für Behauptungen für anatomische Veränderungen im Zusammenhang mit Kopfformen und Zahnveränderungen.
 
Bucher, L. 1994. Fütterungsbedingte Einflüsse auf Wachstum und Abrieb von Schneidezähnen bei Zwergkaninchen. Berlin : Freie Universität. Dissertation

Zitate aus der Arbeit:

  • "Als Versuchstiere standen jeweils 12 männliche bzw. weibliche Zwergkaninchen zur Verfügung, die … ohne Vorauswahl aus dem Handel bezogen wurden. Zu Versuchsbeginn waren die Kaninchen fünf Monate alt, ihre durchschnittliche Lebendmasse variierte zwischen 800 und 970g.
  • Die Kaninchen zeigten während des ganzen Versuches insgesamt ein ungestörtes Allgemeinbefinden und eine gute körperliche Verfassung.
  • Ein Kaninchen aus Gruppe III (Mischfutter + Heu) zeigte zu Versuchsende entzündliche Veränderungen am Unterkiefer mit Abszessbildung.
  • Zwei Kaninchen verendeten kurz vor Ende des Versuchs plötzlich ohne vorherige Krankheitsanzeichen; in beiden Fällen erbrachte die Sektion der Tiere keine befriedigende ätiologische Klärung.
  • Sowohl Wachstum als auch Abrieb der Schneidezähne veränderten sich signifikant bei Umstellung der Fütterung von Mischfutter (und Kalkstein als Nagematerial) auf Grünfutter.
  • Trotz Verzicht auf jegliche nagefähige Ergänzung entwickelte keines der Tiere in den Gruppen I [konventionelles Alleinfutter, Anm. A. R.] und II [Mischfutter, Anm. A. R.] im Laufe des Versuchs (8 Monate) auffällige Überlängen der Schneidezähne (sog. "Elefantenzähne").
  • Für die in einem Einzelfall beobachtete Überlänge der Schneidezähne konnte als Ursache ein mangelnder Abrieb ermittelt und ein übermäßiges Wachstum der Incisivi ausgeschlossen werden. Eine Umstellung der Fütterung auf Grünfutter nach Kürzen der Schneidezähne erbrachte eine Reduktion des Schneidezahnwachstums und verhinderte über Wochen das erneute Auftreten von "Elefantenzähnen"."
Die Quelle wird von mir erwähnt, weil es hier a) um Zwergkaninchen ging und b) um Einflüsse der Fütterung. Die erwähnte Überlänge der Schneidezähne würde heute gern einer zuchtbedingten Anomalie zugerechnet werden, wurde in diesem Fall aber erfolgreich mit Grünfutter "behandelt", das heißt, sie war erworben oder durch eine Fehlstellung verursacht. Solche können auch z. B. durch eitrige Prozesse im Kieferknochen entstehen, die zu einer ähnlichen Bild wie bei Brachygnathia superior führen können.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

 
Böhmer, E. & Köstlin, R. G. 1988. Zahnerkrankungen bzw.-anomalien bei Hasenartigen und Nagern. Der praktische Tierarzt, 69, 37-50.
 
Auswertung der Patientendaten von 494 Hasenartigen und Nagern (davon 279 Kaninchen):
  • von 279 Kaninchen waren 56 Tiere (20%) Zahnpatienten
  • von 279 Kaninchen wiesen 4 Tiere (1,4%) eine Brachygnathia superior auf
  • das Durchschnittsalter der Zahnpatienten betrug 3,4 Jahre
  • "Die Zeitspanne vom ersten Auftreten der klinischen Symptome bis zur Einlieferung in die Klinik betrug durchschnittlich 5 Tage" (Böhmer & Köstlin, 1988)
  • in der Arbeit wurde nicht zwischen Rassen bzw. Kopf- oder Ohrformen bei Kaninchen unterschieden

Kein Beleg für "Qualzuchten" bei Kaninchen. Das Auftreten der Brachygnathia superior bei 1,4% der insgesamt untersuchten Kaninchen (n=279) entspricht wahrscheinlich einer normalen Häufigkeit. Das Durchschnittsalter der Zahnpatienten und die Zeitspanne für die Feststellung von Symptomen spricht deutlich für überwiegend erworbene Zahnerkrankungen.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

 
Böhmer, E., & Crossley, D. 2009. Objective interpretation of dental disease in rabbits, guinea pigs and chinchillas. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere/Heimtiere, 37(04), 250-260
 
Anatomische Betrachtungen mittels "Referenzlinien", die es Tierärzten ermöglichen sollen, Aspekte von Zahnerkrankungen bei Kaninchen, Meerschweinchen und Chinchillas beurteilen und bewerten zu können.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

Böhmer, E. 2011. Zahnheilkunde bei Kaninchen und Nagern. Stuttgart : Schattauer. ISBN 978-3-7945-2751-9 
 
Zitat: "Die maxilläre Brachygnathie findet sich bevorzugt bei Zwergrassen mit einem Gewicht von weniger als 1,5 kg sowie bei kleinwüchsigen Kaninchen mit Hängeohren (Chai 1970, Fox u. Crary 1971, Lindsey u. Fox 1994, Crossley u. Aiken 2004, Gorell u. Verhaert 2006). Durch die Züchtung besonders kleiner Kaninchenrassen, deren Tiere ein kurzes, rundes Köpfchen (Brachyzephalie) aufweisen und damit dem Kindchenschema entsprechen, verbreitete sich diese kongenitale Missbildung zusehends unter der Kaninchenpopulation." (Böhmer, 2011; S. 109).
 
Wie in dem Beitrag zur Herkunft des Wissens über die Brachygnathie erläutert, beruhten die Informationen der ersten drei Quellen (Chai 1970, Fox u. Crary 1971, Lindsey u. Fox 1994) auf Ergebnissen von mittelgroßen Kaninchen (≥ 3,5kg) ohne Hängeohren aus Inzuchtlinien des JAX-Institutes. Die Angabe dieser drei Quellen als Beleg für die zitierte Behauptung ist also irreführend.

Eine "Brachyzephalie" wurde für Kaninchen zudem bisher nicht nachgewiesen (siehe dazu auch Nachtsheim, 1937; Nachtsheim 1959 (Tabelle 4, S. 572: "Erbleiden bei Mensch und Säugetier"); Fox, 1994 (Tabelle V, S. 11-15: "Recognized Gene Mutations in the Rabbit (Oryctolagus cuniculus))".

Crossley u. Aiken, 2004, waren die Autoren des Kapitels "Small Mammal Dentistry" aus dem Buch "Ferrets, Rabbits and Rodents - Clinical Medicine and Surgery", welches mir in der neueren,  3. Auflage von 2012 vorliegt. Dort wurde das gleichnamige Kapitel von Capello & Lennox verfasst, in dem es u. a. heißt: "Four different primary causes have been reported in the rabbit: congenital and developmental abnormalities, traumatic injuries, abnormal wear, and metabolic bone disease. Congenital jaw mismatch may be caused by prognathism of the mandible or brachygnathism of the maxilla.(13,32) This anatomic condition is common in purebred dwarf rabbits weighing less than 1 kg and in lop rabbits. Traumatic injuries often cause fracture of the incisors (13); if the apex has been damaged, it may result in malocclusion. Fractures of the incisors that expose the pulp can lead to pulpitis and abscesses. The most important and most frequent cause of dental disease is related to improper nutrition and abnormal wear.(13)". Für die Behauptung, dass die Proganie des Unterkiefers oder die Brachygnathie des Oberkiefers bei Zwergkaninchen mit weniger als 1 kg Körpergewicht oder in Widderkaninchen häufig verbreitet wäre, wird kein Beleg angegeben.
 
Die Quellenangabe (13) bezieht sich auf ein Buch der beiden Autoren, welches mir nicht vorliegt. Bei der Angabe (32) handelt es sich um einen Artikel von Crossley, 2003. Dort wird folgendes behauptet: "The Incidence of incisor malocclusion is higher in miniature breeds, particularly dwarf-lops. ... Although pure jaw length mismatch is the primary cause of incisor malocclusion that is consistently present from early in life, a Change from normal incisor occlusion to rnalocclusion during growth or later in life indicates an alternative etiology. The higher incidence of this in dwarf breeds suggests that a uniform reduction in upper and lower jaw lengths raises the likelihood of the development of a secondary incisor malocolusion.". Obwohl für viele Aussagen in dem Artikel Quellenverweise geliefert werden (insgesamt 72), ist das genau für die zitierten nicht der Fall.
 
Die letzte Quellenangabe in dem Buch von Böhmer, 2011 bezieht sich auf das Kapitel 14 "Zahnerkrankungen bei Hasenartigen (Lagomorpha) und Nagetieren (Rodentia)" von Gorell und Verhaert, 2006 aus dem Buch "Zahnmedizin bei Klein- und Heimtieren". Dort wird u. a. folgendes behauptet: "Primäres zu starkes Wachstum der Inzisivi kommt bevorzugt bei jungen Tieren vor und kann regelmäßig bei Zwergkaninchen beobachtet werden.". Ein Beleg für die Behauptung wird nicht geliefert.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Behauptungen von Böhmer, 2011 mit drei gelieferten Belegen nicht übereinstimmen, die Behauptung einer Brachyzephalie bei Kaninchen bisher nicht belegt wurde und das die anderen beiden Quellen ebenfalls nur Behauptungen ohne Beleg lieferten. 

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

 
Böhmer, E. 2014. Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss-und Verdauungsproblemen? Ein Ratgeber für die Ernährung von Kaninchen; Curoxray: München, Germany, 2014
 
Ein Buch mit zum Teil sehr widersprüchlichen Aussagen vor allem in Bezug auf die Fütterung von Hauskaninchen. Hinsichtlich der Zahnerkrankungen in Zusammenhang mit Zuchtformen werden folgende Darstellungen geliefert:
 
Zitate:
  • "Abbildung 11: Zwergkaninchen mit angeborener Oberkiefervorkürzung ("Kindchenschema") und sekundärem Schneidezahnüberwuchs"
  • "Sind die Schneidezähne bei jungen Kaninchen (4-12 Monate alt) extrem lang und wachsen sie ohne Kontakt und gegenseitigen Abrieb aneinander vorbei, liegt meist ein genetischer Defekt vor. Verantwortlich hierfür ist ein falsch definiertes Zuchtziel; d. h. die Zucht von Kaninchen mit einem möglichst kleinen, runden Köpfchen (sog. „Kindchen-Schema")."
  • "Abbildung 317: Angeborene Verkürzung des Oberkiefers („Kindchenschema") mit sekundärem Schneidezahnüberwuchs."
  • "Kapitel: Schneidezahnüberwuchs bei kurzköpfigen Kaninchen (Brachygnathie), S. 245"

Quellenangaben für die Behauptungen fehlen komplett.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
 
Böhmer, C. & Böhmer, E. 2017. Shape variation in the craniomandibular system and prevalence of dental problems in domestic rabbits: a case study in Evolutionary Veterinary Science. Veterinary sciences, 4(1), 5.
Artikel über die geometrisch-morphometrische Analyse von radiologischen Schädelbildern von Wild- und Hauskaninchen, um die intraspezifische Variation der kraniomandibulären Morphologie zu quantifizieren (vereinfacht: Variation der Kieferform bei Kaninchen). Für die Untersuchung wurden 12 Hauskaninchens mit Stehohren ausgesucht, die keiner speziellen Rasse angehörten, um extreme Phänotypen, die für bestimmte Rassen charakteristisch sind, zu vermeiden. Zitate:
  • "In accordance with the breeding for “cuteness” (concept of baby schema, “Kindchenschema”), the present analysis reveals that the skull shape is generally more quadratic in domestic rabbits, whereas wild rabbits tend to have a long and flat skull.". (Das Ergebnis war dann aber doch ein anderes ...)
  • "Interestingly, the dentition itself forms a relatively unalterable unit that appears not to be essentially affected by the breeding for a shorter skull (“cuteness”) or the evolution towards a shorter skull. This is based on the fact that despite the significant difference in the shape of the cranium between wild and domestic rabbits, the morphological configuration of the teeth themselves (represented by LM 2–11) is very similar across all samples.". Diese Aussage übersetze ich, damit sie auch von jedem verstanden werden kann: "Interessanterweise bildet das Gebiss selbst eine relativ unveränderliche Einheit, die offenbar nicht wesentlich durch die Züchtung für einen kürzeren Schädel ("Niedlichkeit") oder die Entwicklung hin zu einem kürzeren Schädel beeinflusst wird. Dies beruht auf der Tatsache, dass trotz des signifikanten Unterschieds in der Form des Schädels zwischen Wild- und Hauskaninchen die morphologische Konfiguration der Zähne selbst (dargestellt durch LM2-11) in allen Proben sehr ähnlich ist.".
  • "In contrast to wild animals, most pet and breeding rabbits predominantly crush “unnatural” food between their teeth (pellets, carrots and other root vegetables) which is accompanied with a much higher axial strain on the (pre-)molars and an insufficient tooth wear (higher clinical crowns) combined with a tendency to retrograde tooth elongation."
  • "In rabbits, hay and pellets resulted in greater jaw-muscle activity and higher mandibular strain, compared to the ingestion of carrots [80]. Hay seems to be the most mechanically challenging food as it is tougher and stiffer than pellets and carrots [70]. It requires more chews per gram to be processed which results in longer chewing bouts compared to pellets and carrots. This means that over a longer period of time the teeth are predominantly axially loaded due to the elevated bite force. If we take into consideration that hay with a lot of hard stems has reduced nutritive properties and potential limits on digestibility, then rabbits eating predominantly hay need to consume large quantities to meet basic metabolic and nutritional demands [70]. All of this promotes retrograde tooth elongation and incursion of the apices into the adjacent bone (most common finding in malocclusions) [1]. Furthermore, hay also promotes periodontal diseases (impacted food) and, therefore is not the best nutrition for rabbits [31].".
Der Artikel ist interessant, weil er die Evolution des Kaninchens in Zusammenhang mit der Nahrung und dem Gebiss beschreibt. Wichtig ist aus meiner Sicht die Feststellung, dass das Gebiss des Kaninchens (Wild-, Haustier) unabhängig von einer Kopfform eine relativ unveränderliche Einheit bildet. Diese wird nicht durch eine Zucht auf auf kürzere Kopfformen beeinflusst. Die künstliche Selektion in der Zucht (ohne Beteiligung von Genmutationen) führt bei Kaninchen zu proportionalen Veränderungen (die von Bartels & Wegner, 1998 in Anführungszeichen gesetzt wurde). Oder anders formuliert: die Zähne haben auch im Kopf von Zwergkaninchen Platz. Die Co-Autorin widerspricht in diesem Artikel somit ihren eigenen, unbelegten Darstellungen in Böhmer, 2014 (siehe dort). Außerdem wird nun Heu nicht mehr als optimal für Ernährung von Kaninchen angesehen - sowohl aus Sicht der Versorgung mit Nährstoffen als auch der Zahngesundheit. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus der Arbeit von Böhmer & Böhmer, 2017 werden von Tierschützern und Tierärzten bisher weitgehend ignoriert.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

Gabriel, S. & Leopold-Temmler, B. 2002. Zwergkaninchen als Zahnpatienten in der tierärztlichen Sprechstunde. Der praktische Tierarzt 83(3). S. 238-242
Zitat: "In einer Praxisstudie (Gabriel (2000) wurden nur bei 31,5 Prozent der erstuntersuchten Zwergkaninchen keine abnormen Befunde festgestellt. Dagegen wiesen 46,3 Prozent mehr oder weniger deutliche Befunde einer unphysiologischen Abnutzung der Zähne auf, was deutlich mit der ermittelten Rate der Fütterungsfehler korreliert (72,2%): Zwar boten praktisch alle Tierhalter Heu als Grundfutter an. Durch übermäßige Gabe von hochkalorischem (Leckerchen) und unphysiologischem (Körner) Mastfutter kommt es aber leider regelmäßig zu krassen Fehlernährungen, die nicht nur zu Obesitas, sondern auch zu sekundärem Fasermangel mit gastrointestinalen Instabilitäten und Indigestionen und vor allem Zahnüberwachstum und Malokklusionen führen."
 
Ergebnisse aus einer unveröffentlichten Praxisstudie, in der nicht nur Patienten untersucht, sondern auch die Fütterung berücksichtigt wurde. Das Ergebnis war deutlich und unabhängig von Zwerg- oder Kopfformen. Zahn- bzw. Gebisserkrankungen bei Kaninchen sind hauptsächlich erworben und nicht Ergebnis einer Kopfform oder eines Kindchenschemas.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

Gabriel, S. 2016. Praxisbuch Zahnmedizin beim Heimtier. Stuttgart : Enke. ISBN 978-3132400214

Rein medizinische Beschreibungen der Gebisse von Kaninchen, Meerschweinchen, Chinchilla und Rodentia.
 
 Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
 
Glöckner, B. 2002. Untersuchungen zur Ätiologie und Behandlung von Zahn- und Kiefererkrankungen beim Heimtierkaninchen. Berlin : Freie Universität, 2002. Dissertation
 
Zitate:
  • "Es wurden 80 als Heimtiere gehaltene Kaninchen untersucht, die zwischen Mai 1998 und Dezember 1999 in der ”Heimtiersprechstunde” der Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin vor allem wegen mangelhafter Futteraufnahme oder Inappetenz, aber auch Asymmetrien im Kopfbereich oder Zahnüberwachstum vorgestellt wurden. Es handelte sich dabei um Tiere verschiedener Rassen und unterschiedlichsten Alters.""Insgesamt befanden sich unter den 80 untersuchten Tieren 22 (27,5 %) Zwergkaninchen, 38 (47,5 %) Hauskaninchen, 15 (18,8 %) Widderkaninchen, drei (3,8%) Löwenkopfkaninchen, ein (1,3%) Deutscher Riese sowie ein (1,3 %) Wildkaninchen."
  • "Die Vermutung, daß rundere Kopfformen, wie sie bei Zwerg- und Widderkaninchen rassetypisch sind, als Praedisposition für Zahn- und Kiefererkrankungen anzusehen sind, wie von BROWN (1992) DIVERS (1997), TURNER (1997) und CROSSLEY (1997b) geäußert, kann damit vorliegend nicht bestätigt werden. "
  • "Zusammenfassung: ... Ziel war es zu überprüfen, ob Kaninchen, die unter Zahn- und Kiefererkrankungen leiden, einen besonders kurzen oder gerundeten Unterkiefer aufweisen bzw. im Umkehrschluß zu prüfen, ob Kaninchen mit einer bestimmten Form oder Länge der Mandibula praedisponiert sind für die genannten Veränderungen. Im Ergebnis wurde deutlich, daß sich anhand der Kiefervermessungen keinerlei Aussagen zu der jeweiligen Erkrankung des betroffenen Tieres machen lassen, da die Meßwerte für die unterschiedlichen Behandlungsgruppen insgesamt und auch nach Aufteilung in Rassezugehörigkeit sehr eng beieinander lagen...."
Zwar waren die Zwergkaninchen häufiger an Zahnkrankheiten beteiligt, aber die Vermessungen ergaben keinen Zusammenhang mit Kiefer- bzw. Kopfformen. In dieser Arbeit wurde auch darauf hingewiesen, dass nur eine geringe Anzahl an Patienten zur Verfügung stand (n=80), die zudem noch vorselektiert war. Deshalb war z. B. keine Verallgemeinerung des Faktes möglich, dass Rammler in dieser Studie deutlich häufiger an Zahnkrankheiten litten. Glöckner verwies in diesem Zusammenhang auf drei weitere Studien, die etwas ähnliches festgestellt hatten.

Glöckner stellte zudem fest, dass alle Tiere ausreichend mit Calcium versorgt wurden. Leider wurde bei den Tieren keine Knochendichte bestimmt und mit der körperlichen Integrität (kastriert/intakt) verglichen. Es ist zu vermuten, dass trotz ausreichender Calciumversorgung die Knochendichte bei Rammlern niedriger war, weil diese (fast) grundsätzlich kastriert werden, was sich auf den Hormon- und somit auch Calciumstoffwechsel auswirkt..

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Harcourt-Brown, F. 2006. Metabolic bone disease as a possible cause of dental disease in pet rabbits. Thesis for Fellowship of Royal College of Veterinary Surgeon
 
Zitate:
  • "The main body of the thesis is an in-depth study of the radiological and morphological features of 172 prepared skulls and 315 skull radiographs of pet rabbits. A comparison is made between the prepared skulls of pet rabbits and the collection of rabbit skulls that is held at the Natural History Museum in London. In addition to the examination of skulls and radiographs, gender and breed details of 1254 pet rabbits presented for veterinary treatment are analysed. Of these rabbits, 465 required dental treatment. 
  • Genetic predisposition is cited as a cause of acquired dental diseases in pet rabbits, which is often attributed to head shape. For example, Meredith and Crossley (2002) say that 'the incidence of dental disease is low in rabbits with conformation similar to those in the wild but approaches 100% in extreme dwarf and lop breeds', although they do not cite a source of this information. This view is not supported by the findings of this thesis. Data analysis of 1254 case records of pet rabbits requiring and not requiring dental treatment showed no significant relationship between Dwarf breeds and treatment for dental disease (Graph 32). No breed incidence was found in this analysis. Rabbits with a head shape similar to wild rabbits (Dutch or English) showed a similar incidence of dental disease to breeds with a head shape that is different from wild rabbits (Dwarf Lop, Minilop, Netherland Dwarf). See Graph 31. 
  • Genetic predisposition is an important factor. One study showed that in half the human population, variation in bone density could be attributed to a single gene locus (Morrison, Cheng Qi and others, 1994). So, although it is possible that genetic predisposition could explain the gender difference in susceptibility to dental disease in rabbits, it could also to be linked with hormonal differences between male and female rabbits. Oestrogen is known to enhance calcium absorption and this may explain why female rabbits are apparently less susceptible to PSADD than males. In laboratory rabbits, it has been shown that ovariectomy results in loss of mandibular bone (Cao and others, 2001) so it is also possible that ovariectomising female pet rabbits could have a deleterious effect on the teeth of rabbits that are on a low calcium diet.
  • This thesis shows that root elongation is an early feature of PSADD. It was present in all the skulls and radiographs of affected rabbits suggesting that it is the first change to take place. Therefore it is illogical to believe that coronal reduction can prevent root elongation. Instead, it removes the occlusal surfaces of the teeth and impairs the ability to chew food, especially fibrous food. It could also expose innervated dentine and pulp cavities if the procedure is performed on healthy teeth or those rabbits in the initial stages of PSADD. Generalised coronal reduction is at best, unnecessary and at worst, detrimental."
In ihrer Thesis zeigte Harcourt-Brown, 2006 an vielen Beispielen, vor allem der Arbeiten von David Crossley, Unstimmigkeiten früherer Darstellungen und kritisiert Behauptungen ohne Belege. Frances Harcourt-Brown belegte anhand einer Datenanalyse von 1254 Kaninchenschädeln (Wildkaninchen und Haustiere verschiedener Rassen), dass es keinen Zusammenhang zwischen der Kopfform und Zahnkrankheiten gibt. Sie sah vorrangig Ursachen für Zahnerkrankungen, die sie als "progressive syndrome of acquired dental disease (PSADD)" bezeichnete (deutsch: "progressives Syndrom einer erworbenen Zahnkrankheit", also eine fortschreitende Zahnerkrankung, die nicht genetisch bedingt ist und durch das gemeinsame Auftreten bestimmter, charakteristischer Symptome charakterisiert ist). Die Verlängerung (Elongation) von Zahnwurzeln wurde grundsätzlich bei allen zahnkranken Tieren in einem frühen Alter festgestellt. Neuerdings wird diese Elongation auch als "retrogrades Zahnwachstum" bezeichnet. Eine Osteopenie der Schädelknochen (verringerte Knochendichte) wurde bei kranken Tieren diagnostiziert, die sowohl visuell als auch röntgenologisch offensichtlich war. Es kam zu einem fortschreitenden Verlust des Alveolarknochens und zur Dehnung einiger oder aller Zahnwurzeln. Es gab deutliche Veränderungen in der Struktur des Zahngewebes, einschließlich einer Verringerung der Schmelzbildung. Dies alles deute auf eine metabolische Ursache hin, wie F. Harcourt-Brown feststellte. Die einzig genetische Komponente meinte sie insofern als möglich zu erkennen, dass rasseunabhängig Rammler häufiger von Zahnerkrankungen betroffen waren als Weibchen. Hier kommt wieder meine Vermutung ins Spiel, dass Rammler deshalb häufiger betroffen sind, weil sie in der Regel kastriert werden, was bei Weibchen (noch) nicht der Fall ist. Daneben wird eine Osteopenie wird vor allem durch eine falsche Ernährung hervorgerufen, weshalb auch der Titel der Disseration mit "Metabolic bone disease ..." beginnt (deutsch: stoffwechselbedingte Knochererkrankung). 
 
Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen. 
Hollmann, P. 1997. Kleinsäuger als Heimtiere. In: Sambraus, H. H. & Steiger, A. (Hrsg): Das Buch vom Tierschutz. Stuttgart: Enke. ISBN 3-432-29431-X. S. 308-318

Zitat: "Bei den im Zoofachhandel angebotenen und fälschlich als "Zwerghäschen" bezeichneten Kaninchen handelt es sich zumeist um Kreuzungen bzw. um Tiere, die dem Rassestandard nicht entsprechen (Abb. 2). Wie bei allen derartigen Zuchten wehrt sich die Natur gegen die Verzwergung, indem ein Teil der Jungtiere wieder mit normalen Körpermaßen geboren wird. ... Genetisch angelegte und alterungsbedingte Verkürzungen des Oberkiefers führen zu veränderten Krümmungsradien der Schneidezähne. Während sich die oberen Inzisivi nach innen krümmen, wachsen die unteren aus der Lippenspalte heraus (Abb. 3). Auch im Bereich der Backenzähne kommt es zu Stellungsanomalien. Eine Zusammenfassung dieser Problematik findet sich bei Böhmer und Köstlin (1988)."

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen. (siehe auch bei Böhmer & Köstlin, 1988)

Jekl, V., & Redrobe, S. (2013). Rabbit dental disease and calcium metabolism – the science behind divided opinions. Journal of Small Animal Practice, 54(9), 481-490.
Zitat:
"Mandibular prognathism is inherited as an autosomal recessive (mp/mp) trait with incomplete penetrance (81%). Affected animals have reduced skull and maxillary diastema length, without significant deviation from the normal length of mandibles. Hereditary mandibular prognathism (brachygnatia superior, hypognatia) that leads to incisor malocclusion has been well described (Lindsey & Fox 1994). In affected rabbits, malocclusion of incisors usually first appears after the third week of life. Initially, there is an edge to edge bite with blunting of incisival cutting edges. Later, positioning of the lower incisor anterior to the uppers occurs ... . However, there have been no recent genetic studies in pet dwarf rabbit breeds to investigate the effect of this gene on dental disease development. There are also no differences between the prevalence of dental disease in dwarf and other rabbit breeds according to Harcourt-Brown (2006)."

Ansonsten Betrachtungen zu verschiedener Theorien der Calcium- und Phosphorversorgung von Kaninchen in Zusammenhang mit Zahnerkrankungen.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Köstlinger, S. 2014. Vergleich der digitalen Röntgenuntersuchung mit der computertomographischen Untersuchung des Schädels bei zahnerkrankten Kaninchen. Gießen : DVG Service GmbH. ISBN ISBN 978-3-86345-212-4. Dissertation
Zitat: "Im Rahmen dieser Studie wurden Röntgen- und CT-Aufnahmen von 30 zufällig aus einem Patientengut von 98 ausgewählten Tieren ausgewertet. Es handelte sich ausschließlich um privat gehaltene Zwergkaninchen."

Vergleich bildgebender Verfahren - Röntgen vs. Computertomographie.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Korn, A. K. 2016. Zahn- und Kieferveränderungen beim Kaninchen. Diagnostik, Auftreten und Heritabilitäten. Giessen : VVB Laufersweiler Verlag. Dissertation
Zitate:
  • "Insgesamt wurden 14 männliche und 18 weibliche Zuchtkaninchen zehn verschiedener Rassen, sowie 235 daraus gezogene Jungtiere, reinrassig oder Kreuzungen, in die Studie einbezogen. Zwischen zwei dieser Jungtiere erfolgte außerdem, als diese ausgewachsen waren, eine Anpaarung mit zwölf Nachkommen. Eine Übersicht über die Abstammung aller Jungtiere und die Anzahl an Kaninchen bis zum Zeitpunkt des Absetzens (n= 232) und bis zum Erreichen des Adultstatus (n= 209) zeigt Tabelle 1A im Anhang.
  • Zwergrassen und kleine Rassen: Holländische Zwergwidder, Deutsche Kleinwidder, Kleinsilber; Mittelgroße Rassen: Blaue Wiener, Rote Neuseeländer, Thüringer, Rheinische Schecken, Weißgrannen, ZiKa; Große Rassen: Deutsche Riesenschecken
  • Fast alle Kaninchen, die in dieser Untersuchung von einem Aufbiss oder einer Brachygnathia superior betroffen waren, gehörten einer mittelgroßen bis großen Rasse an (Größe b). So kann belegt werden, dass diese pathologischen Zustände nicht an Zwergrassen mit gedrungenen Schädelformen gebunden sind (HARCOURT-BROWN 1997, SCHWEIGART 1998, SCHREYER 2008). 
  • Aufgrund der geringeren Stichprobenzahl lassen sich die vorliegenden Ergebnisse nicht statistisch signifikant absichern, doch waren in der Tendenz vor allem Kaninchen der Gewichtsklasse > 3,75 kg von Zahnveränderungen betroffen."
In Bezug auf statistische Methoden wurde in einem Vergleich folgendes festgstellt: "Im Patientengut von JEKL et al. (2008) trat in 17 (21,25 %) Fällen eine Brachygnathia auf im Vergleich zu neun (8,2 %) Tieren der aktuellen Studie sowie drei (2,7 %) weiteren Kaninchen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung in Allgemeinanästhesie einen Aufbiss hatten. Die unterschiedliche Prävalenz dieser Befunde in den beiden Untersuchungen kann damit erklärt werden, dass die Kaninchen in der vorliegenden Studie eine Zufallsstichprobe darstellen, während bei JEKL et al. (2008) die Tiere aufgrund von Symptomen vorstellig geworden waren, die mit Zahn- und Kieferveränderungen assoziiert sind.". Wenn ich diesen Fakt erkläre, wollen ihn Tierschützerinnen nie verstehen - vielleicht hilft dann diese Erklärung aus einer Dissertation. Zur Stichprobengröße (n = 232 bzw. n = 209) und statistischer Signifikanz siehe vierter Stichpunkt.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Wolf, P., & Kamphues, J. 1996. Untersuchungen zu Fütterungseinflüssen auf die Entwicklung der Incisivi bei Kaninchen, Chinchilla und Ratte. Kleintierpraxis 41(10). 723-732
 
Untersuchung des Einflusses verschiedener Futtermittel auf Wachstum und Abrieb der Zähne bei Kaninchen, Chinchilla und Ratten. Als Kaninchen standen 6 zahngesunde und 6 Tiere mit "Elefantenzähnen" der Rasse "Weiße Neuseeländer" zur Verfügung.

Zitate:
  • "Für die Versuche standen 6 Farm-Chinchillas, 6 Ratten (Wistar) sowie 12 Kaninchen (Weiße Neuseeländer, von denen 6 Tiere überlange Schneidezähne im Oberkiefer aufwiesen) zur Verfügung. 
  • Neben pelletierten Alleinfuttermitteln [pell. AF], die überwiegend auf der Basis von Grünmehl hergestellt waren, befand sich auch ein sogenanntes "Buntfutter" [MF], das überwiegend aus nativen Komponenten wie Getreide, Trockenschnitzeln und Johannisbrot bestand, im Angebot (s. Abb. 2). Zum Vergleich erhielten die Kaninchen und Chinchillas auch Grundfuttermittel (Heu, Möhren), während bei den Ratten statt Heu ein Feuchtalleinfutterfür Katzen [AF f. Ktz.] zum Vergleich geprüft wurde. 
  • So zeigten sich sowohl an den oberen als auch unteren Schneidezähnen die höchsten Wachstums~ als auch Abriebsraten bei ausschließlichem Angebot von Heu oder Möhren, während die entsprechenden Werte bei Fütterung von pelletiertem Alleinfutter oder Mischfutter auf der Basis nativer Komponenten allgemein niedriger waren. Ursache hierfür ist vermutlich das unterschiedliche Futteraufnahmeverhalten bei Angebot dieser Futtermittel. Während die Aufnahme und Zerkleinerung von Möhren und Heu in erster Linie mit den Schneidezähnen erfolgt, werden Pellets und native Komponenten, wie Getreidekörner, mit der Zunge über das Diastema auf die Backenzähne befördert, wo sie vermahlen werden 
  • Bei Vergleich der Wachstums- und Abriebsraten der Schneidezähne von Kaninchen, die "Elefantenzähne" aufwiesen mit Tieren, die sich durch übliche Zahnlängenentwicklungen auszeichneten, fiel zunächst auf, daß nicht die Wachstumsraten (wie bisher immer angenommen), sondern vielmehr die jeweiligen Abriebsraten differierten (s. Abb. 7). Auch hier waren wiederum - entsprechend Untersuchungen von BUCHER (1994) - fütterungsbedingte Einflüsse zu beobachten. Das Angebot von Grundfutter (Heu, Möhren) führte im Vergleich zu den bei Fütterung von Kraftfutter (pelletiertes Alleinfutter, Mischfutter auf der Basis nativer Komponenten) ermittelten Werten zu forcierten Wachstums und Abriebsraten.  
  • Zusammenfassung, Punkt 4. Störungen der Zahngesundheit in Form von "Elefantenzähnen" sind im Vergleich zu Tieren mit üblicher Zahnlängenentwicklung weniger auf ein übermäßiges Wachstum, als vielmehr auf einen reduzierten Abrieb zurückzuführen (infolge Fehlstellungen nutzen sich die Zähne nicht genügend aneinander ab). Das Angebot von Grundfutter hat bei klinisch manifesten Formen allerdings nur einen bescheidenen Effekt."
Die Arbeit wird gelegentlich im Zusammenhang mit Zwergwuchs, Kopfformen und Zahnerkrankungen zitiert, was keinen Sinn macht, wie die Zitierungen zeigen. Ein Vorstufe für Brachygnathia superior kann ein Aufbiss sein, der wiederum auf anderen (nicht genetischen) Gründen beruht. Dieser kann durch Grünfutter (frische Gräser und Kräuter) durchaus so kontrolliert werden kann, dass keine Korrekturen der Zähne nötig sind (eigene Erfahrungen). Mit Heu und Möhren ist das allerdings in der Tat nicht machbar.
 
Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
 
Zusammenfassung
 
In dem Beitrag wurden Quellen ausgewertet, die häufig von Tierschützern und Tierärzten angegeben werden, um einen Bezug von Zahnerkrankungen bei Kaninchen mit einer Körpergröße oder einer Kopfform herzustellen.In keiner einzigen Arbeit konnte eine Evidenz für Behauptungen gefunden werden, dass eine solche Beziehung bestehen würde.
 
Obwohl ein solcher Bezug nicht belegt werden kann, werden vor allem Tierschutz-"Initiativen" wie auch Tierärzte nicht müde, einen solchen mantrahaft zu wiederholen.
 
Tatsächlich ist eines der größten Probleme von Hauskaninchen die Gebiss- und Zahngesundheit. Die Ursachen dafür liegen aber nicht bei verschiedenen Rassen, sondern in einem Graubereich, der nicht kontrollierbar ist. Das betrifft zum einen nicht organisierte, sogenannte "Zuchten" in Wohnzimmern oder bei Personen, die Kaninchen wahllos vermehren. Zum anderen spielen eine falsche Haltung und Ernährung eine wichtige Rolle. Das ist auch der Grund, warum es sich in der Regel bei Kaninchen um erworbene Zahnfehler oder Gebisserkrankungen handelt. Tierärzte wären an dieser Stelle eigentlich gefordert, die Ursachen klar zu benennen. Häufig schließen sie sich aber gern Tierschützern und ihrem Feindbild des "Züchters" an. Besonders deutlich wird das in der Unterstützung von "Initiativen", welche die im Beitrag genannten Quellen für irreführende, unbelegte Behauptungen missbrauchen. 
 
Die Begriffe "Tierschutz" und "Tierarzt" werden in dem Beitrag von mir allgemein genutzt, weil sie gegen das Feindbild "Züchter" eine laute, vermeintliche Mehrheit bilden. Tatsächlich gibt es natürlich auch jene Tierschützer und Tierärzte, die sich objektiv und ehrlich mit verschiedenen Problemen in der Hauskaninchenhaltung auseinandersetzen. Schade, dass sie sich nur selten, offensiv und wahrnehmbar gegen Desinformationen stellen, die den Tieren letztlich schaden. Aber eine "Initiative" zu unterstützen, ist natürlich einfacher, als Haltern und Tierschützern klar zu machen, dass viele Fehler bei ihnen selbst liegen.
 
 
Literatur
Bartels, T.; Wegner, W. 1998.Fehlentwicklungen in der Haustierzucht. Stuttgart : Enke. ISBN 978-3432281315

Nachtsheim, H. 1937. Erbpathologische Untersuchungen am Kaninchen. Zeitschrift für Induktive Abstammungs-und Vererbungslehre, 73(1), 463-466

Nachtsheim, H. 1959. Probleme vergleichender Genetik bei Säugern. Naturwissenschaften, 46(20), 565-573.

Donnerstag, 31. August 2017

Heu und Zahnfehler

In Teil 1 der kurzen Artikelserie über das "retrograde Zahnwachstum" von Kaninchen bin ich auch kurz auf die Kaukraft eingegangen. Inzwischen wurde ich von einer aufmerksamen Leserin dieses Blogs auf einen Artikel mit Dr. E. Böhmer als Co-Autorin hingewiesen, der bereits im Januar diesen Jahres in "Veterinary Science" erschien: "Shape Variation in the Craniomandibular System and Prevalence of Dental Problems in Domestic Rabbits: A Case Study in Evolutionary Veterinary Science".

In dieser Studie wurden Unterschiede zwischen den Schädel- und Kieferformen/-abmessungen von Wild- und Hauskaninchen untersucht. Anhand dieser Vergleiche sollten mögliche Auswirkungen auf den Kauapparat von Hauskaninchen abgeleitet werden. Letztlich sollte eine Erklärung für die hohe Häufigkeit von Zahnproblemen bei Haustierkaninchen aus einer evolutionären Perspektive gefunden werden. Dafür wurden jeweils 12 Wildkaninchen aus Verkehrsunfällen in Süddeutschland und Österreich sowie 12 Hauskaninchen untersucht. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Stichprobe sehr klein sei, aber erklärt, dass es für ein erstes sinnvolles Ergebnis ausreichen würde. Das Geschlecht der Kaninchen war nicht bekannt. Die Rasse der Hauskaninchen war ebenfalls nicht bekannt bzw. wurde nicht angegeben, aber es handelt sich um Kaninchen mit "stehenden" Ohren.

Eine Aussage der Studie auf Basis der Analysen bestand z. B. darin, dass es signifikante Unterschiede in der Schädelform zwischen wilden und häuslichen Kaninchen gibt. Unter Züchtern ist dieses Wissen kein Geheimnis und so gibt es Züchtungen und als deren Ergebnis Kaninchenrassen, die genau dieses eigentlich im Sinn haben. Demonstriert sei das am Beispiel des Wildkaninchens im Vergleich zum Hermelinkaninchen:

Bild 1: Wildkaninchen


Bild 2: Hauskaninchen der Rasse "Hermelin"


Ohne Software, Röntgenbild und Referenzlinien lässt sich zwischen dem Wildkaninchen in Bild 1 rein optisch im Vergleich zum Zuchtkaninchen der Rasse "Hermelin" in Bild 2 mit einfachen Worte folgendes feststellen:
  • die Augen des Wildkaninchens sind deutlich größer
  • die Ohren des Wildkaninchens sind deutlich länger
  • der Kopf des Wildkaninchens ist deutlich "schlanker" bzw. nicht so kompakt
  • die Kopfform des Wildkaninchens ist mehr länglich, die Schnauze/Nase "spitz", beim Hermelin kurz und "stumpf".
Auf Grund der genannten Unterschiede ergeben sich auch solche für die Kieferanatomie. Es liegt also auf der Hand, dass entsprechend der Auswahl von Hauskaninchen offensichtliche Unterschiede in Hinblick auf die Morphologie bestehen. Ob das nun immer von Vorteil ist, sei dahingestellt.

1884 wurde auf einer Ausstellung die Rasse "Hermelin"in England zum ersten Mal gezeigt. Ihre genaue Herkunft ist nicht bekannt und es wird nicht ausgeschlossen, dass sie durch eine Mutation des Erbfaktors für Größenwachstum entstanden ist. In Deutschland eingeführt wurde sie um 1900 und ausgestellt ab 1903. Bekannt ist die Rasse auch unter der Bezeichnung "Polnisches Kaninchen" bzw. "Polish". Das "Normalgewicht" soll laut ZDRK seit Mitte der 1990er Jahre bei > 1,1 bis 1,35 kg liegen. Die Ohren weisen idealerweise eine Länge von ca. 5,5 cm auf. Wildkaninchen wiegen in Deutschland durchschnittlich 1,5 bis 1,8 kg. Friedrich Karl Dorn schrieb 1973 zur Kopfform des Hermelinkaninchens: "Der Kopf steht im Mittelpunkt züchterischen Waltens. Er muß kurz, dabei blockartig-kantig sein. Sowohl die Stirngegend als auch die Nasenpartie werden möglichst breit gewünscht. Der Züchter nennt diese Form humorvoll "Froschmaul". Die stark ausgeprägten Backen sollen an "Hamsterbacken" erinnern."

So verwundert es also nicht, dass von Böhmer & Böhmer im Jahr 2017 konstatiert wurde, dass als ein Ergebnis der Analyse eine mehr quadratische Schädelform bei den untersuchten Hauskaninchen im Gegensatz zu Wildkaninchen ermittelt wurde, die eher über einen langen und flachen Schädel verfügten. Es wurde im Prinzip mit einem sehr hohen Aufwand das Erreichen des Zuchtziels für verschiedene Rassekaninchen bestätigt.

Als ein weiterer, "interessanter" Fakt wurde festgestellt, dass das Gebiss selbst eine relativ unveränderliche Einheit bilde, die von der Zucht für einen kürzeren Schädel ("Niedlichkeit") oder der Entwicklung zu einem kürzeren Schädel nicht wesentlich betroffen sei. Trotz signifikanter Unterschiede in der Form des Schädels zwischen Wild- und Hauskaninchen war die morphologische Konfiguration der Zähne in allen Proben sehr ähnlich.

Doch zurück zu den Kaukräften bzw. Kieferbelastungen, auf die ich, wie bereits erwähnt, kurz in Teil 1 eingegangen bin und in dem ich anhand einer Studie von Weijs & Dantuma (1981) gezeigt habe, dass die höchsten Belastungen eigentlich beim Kauen von Heu auftreten (im Vergleich zu Pellets und Karotten). In Verbindung mit sehr langen Kauzeiten sind diese hohen Kräfte also langfristig bei diesem "Futter" gegeben und es müsste eigentlich deshalb vor Heu gewarnt werden.

In ihrem Buch "Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen" schrieb E. Böhmer (2014): "Bei guter Qualität ist Heu ein relativ artenreiches Raufutter, das als Alleinnahrung ausreicht, den Organismus langfristig mit allen benötigten Nährstoffen zu versorgen (Erhaltungsbedarf). Gleichwohl erscheint uns Heu im Vergleich zu frischem Wiesenfutter eher verhältnismäßig eintönig zu sein. Wählt man jedoch immer wieder leicht variierend und kombinierend zwischen diversen Heuarten mit einem hohen und vor allem für das Individuum geeigneten Nährstoffangebot, so lässt sich auch mit Heu vielfältiger bzw. abwechslungsreicher füttern. Allerdings müssen die Tiere stets verhältnismäßig große Mengen fressen, um sich ausreichend mit Energie- und Baustoffen zu versorgen, da Heu einen sehr hohen Strukturfaseranteil aufweist.".

Eher am Rande sei noch erwähnt, dass in einer Vorlesungsunterlage der LMU (2010) zur Ernährung von Herbivoren darauf verwiesen wurde, dass das wichtigste Element darin "Heu, Heu und noch mal Heu" sowie Frischfutter sei. Das "Grundnahrungsmittel Heu" sei wichtig für den Zahnabrieb, den Vorschub der Nahrung und die Bakterienflora.

Kurzer Szenenwechsel: ein Autorenkollektiv um Matthew J. Ravosa (2007, 2015) beschäftigte sich ebenfalls mit den Kauaktivitäten und Kaukräften von Kaninchen sowie dem Futter (Heu, Pellets, Karotten). Die Werte der Futtereigenschaften sind in der folgenden Tabelle aufgeführt und wurden um weitere aus der Literatur ergänzt.

Tabelle 1: Werte für Scherbelastungen im Kiefer und physikalische Werte für verschiedene Futtermittel

¹Ravosa, et al., 2015 & Weijs & De Jongh (1977); ²Agrawal et al., 1996; ³Boac, et al., 2010 (Mittelwerte); ⁴Tyree, et al., 1978

Die gemessene Scherbelastung im Kiefer beim Kauen war in Untersuchungen von Weijs & De Jongh (1977) mit Heu am höchsten, gefolgt von Pellets und Karotten, was sich mit den Ergebnissen von Weijs & Dantuma (1981) für die aufgewandte Kiefermuskelkraft und Kieferknochenbelastung deckt. Die physikalischen Werte für die anderen Futtermittel, insbesondere der Getreidekörner wurden mit in die Tabelle aufgenommen, um zu zeigen, wie diese einzuordnen sind. Aus den eigenen Versuchen leiteten Ravosa et al., (2015) ab, dass die Kauarbeit/-energie mit dem Elsatizitätsmodul E (E-Modul) des jeweiligen Futtermittels zusammenhängt (korreliert) und nicht mit der Härte (Toughness). Das heißt, dass die höchsten Belastungen auf Zähne und Kieferknochen mit einem Futter verbunden sind, welches ein hohes E-Modul bzw. eine hohe Festigkeit aufweist. Aus der Tabelle lässt sich mühelos nachvollziehen, dass trockenes Heu die höchsten Belastungswerte hervorruft, gefolgt von nassem Heu, Pellets, Hafer- und Gerstenkörnern, Karotten sowie Rübstielen und Kohlrüben. Für Laub ist eine Aussage schwierig, weil der E-Modul vom Wassergehalt der Nahrung abhängig ist - grob vereinfacht, bedeutet ein höherer Wassergehalt eine geringere Festigkeit bzw. ein geringeres E-Modul (siehe auch Unterschied zwischen trockenem und nassem Heu). 

In Teil 1 wurden auch die Kauzeiten für verschiedene Futtermittel angegeben. Wenn man für ein Tier mit einer Körpermasse von 2 kg den Verzehr von 80 g Trockenmasse pro Tag annimmt, ergäbe das mit dem höchsten Wert für Heu eine Futteraufnahmezeit von 24 Stunden. Das heißt, das Tier hätte nicht einmal die Zeit zum Schlafen. Für Gras betrüge die maximale Zeit 12 Stunden, für Pellets 2 Stunden.

Das Problem verschärft sich dadurch, dass Heu im Vergleich zur arttypischen Nahrung (vorwiegend frische Gräser und Kräuter bzw. deren Blattspitzen) weniger Nährstoffe enthält. So wenig, dass damit ein jeweiliger Bedarf an Aminosäuren, Fettsäuren etc. nicht befriedigt werden kann. Das bedeutet, dass zwar die Zähne und Kiefer mit Heu übermäßig hoch und lange Zeit belastet werden, aber gleichzeitig die Nährstoffe darin fehlen, um den Zahnhalteapparat gesund zu erhalten. Man nennt das auch einen "Teufelskreis", in den ein Kaninchen mit der "Grundnahrung Heu" gerät.

Zurück zum Artikel von Böhmer, et al. (2017).  Dort wurde jetzt u. a. folgendes festgestellt: "Previous studies confirm that the shorter skull morphology seems to be a long-term adaptation to the increased stress on the dentition due to feeding a diet consisting predominantly of harder particles than that found in the wild (pellets, hay, carrots). Instead of performing lateral gliding jaw movements which grind the hypselodont cheek teeth optimally in the long term, the more resistant food particles (stiff hay, pellets and carrots) are predominantly crushed between the teeth which requires stronger hinge movements (raising and lowering the jaw). Consequently, the cheek teeth have to withstand a higher masticatory pressure which also causes abnormal stress to the nearby bone with all its consequences (retrograde tooth elongation which is the most common finding in pet rabbits with a beginning or far advanced malocclusion. Based on this knowledge, the diet of pet rabbits has to be strictly reconsidered as this has been already recommended by Böhmer (2014). A more natural nutrition of domestic rabbits appears to be all the more important because the present results show that, even in rabbits with a primarily healthy dentition, all cheek teeth already show an elongated clinical crown which makes the teeth much more susceptible to an abnormal axial load with secondary bending or shifting forces. All these facts strengthen the importance to offer pet rabbits an adequate close-to-nature nutrition throughout the whole life and especially beginning early parallel to weaning (phase of increased phenotypic plasticity) that ensures a normal strain on the teeth by promoting physiological lateral gliding movements and avoiding direct axial load. [...] In rabbits, hay and pellets resulted in greater jaw-muscle activity and higher mandibular strain, compared to the ingestion of carrots. Hay seems to be the most mechanically challenging food as it is tougher and stiffer than pellets and carrots. It requires more chews per gram to be processed which results in longer chewing bouts compared to pellets and carrots. This means that over a longer period of time the teeth are predominantly axially loaded due to the elevated bite force. If we take into consideration that hay with a lot of hard stems has reduced nutritive properties and potential limits on digestibility, then rabbits eating predominantly hay need to consume large quantities to meet basic metabolic and nutritional demands. All of this promotes retrograde tooth elongation and incursion of the apices into the adjacent bone (most common finding in malocclusions). Furthermore, hay also promotes periodontal diseases (impacted food) and, therefore is not the best nutrition for rabbits. Grasses and other fresh plants, however, are abrasive, but relatively soft and, thus, can be ground down with relatively low axial load of the cheek teeth as the primary strain on the (pre-) molars occurs in a more physiological laterorostral direction with the aid of the shearing power stroke." (Hervorhebung durch A. Rühle).

Zusammengefasst wird in dem Zitat festgestellt, dass frühere Studien bestätigen würden, dass eine veränderte Schädelform bei Hauskaninchen (hoch und kurz) im Vergleich zu Wildkaninchen eine Anpassung an das Futter wie Heu, Pellets und Karotten mit härteren Teilchen sei, die es  in der Wildkaninchennahrung nicht gäbe. Dadurch sind mehr axiale Kaubewegungen (auf und ab) als seitliche erforderlich, was zu einer höheren Belastung der Zähne und Kieferknochen führe und letztlich eine "retrograde Verlängerung der Zähne" unterstützt. Mit Heu wären wegen langer Stängel, geringeren Nährstoffgehalten und einer begrenzten Verdaulichkeit größere Mengen erforderlich, um Nährstoffbedarfe zu erfüllen. Außerdem würde Heu durch das Einklemmen "sperriger Partikel" zwischen den Backenzähnen Erkrankungen des Zahnapparates fördern, weshalb es nicht die beste Nahrung für Kaninchen wäre.

Die These, dass Hauskaninchen auf Grund des Futters veränderte Kopfformen aufweisen, halte ich für sehr gewagt. Wie bereits beschrieben, werden Pellets in Deutschland erst seit den 1950er Jahren eingesetzt und kein Züchter käme auf die Idee, seine Tiere mit Heu als Hauptfutter zu ernähren. Zuchttiere sind wertvoll und landen, entgegen der landläufigen Meinung mancher Personengruppen, nicht ständig im Kochtopf. Gerade früher war bei vielen Züchtern und Haltern eine grünlastige Fütterung verbreitet.

In dem Textausschnitt zitiert sich Dr. Böhmer aus ihrem Buch aus dem Jahr 2014. Dort kann man unter anderem folgendes lesen: "Kaninchen können sowohl im Sommer als auch im Winter mit Heu als Hauptbestandteil der Nahrung (ca. 75%) gefüttert werden." (S. 174). An anderer Stelle wird geschrieben: "Heu reicht also für den Erhaltungsbedarf aus, doch lassen sich Kaninchen mit einer überwiegenden Heufütterung nicht wirtschaftlich züchten oder gar mästen, denn diese „Leistung" ist mit einem höheren Nährstoffbedarf verbunden. Aus diesem Grund wurde mit Beginn der Intensivierung der Kaninchenhaltung die Verfütterung energiereicherer Misch- bzw. Kraftfutter eingeführt." (S. 175). Das es wirtschaftliche Gründe für die Einführung von einheitlichen, industriellen Futtermitteln gab ist wohl wahr, aber die "Leistungen" sollten Masttiere auch schon früher erbringen. Gründe für die Einführung waren eine leichtere Handhabung, Dosierung und Lagerung, der einheitliche Nährstoffgehalt und logistische Vorteile, weil man kein "Wasser" mittransportieren muss (verringertes Volumen der Ladung). Als letztes Beispiel sei folgende Empfehlung für eine "kaninchengerechte Fütterung"genannt: "In der Vegetationsphase (April bis Oktober): Gras und Wiesenkräuter als Hauptfutter (Wasserbedarf wird damit fast gedeckt), ggf. diverse Blätter, Zweige und wenig Gemüse als Ergänzungsfutter" (S. 138). Diese Empfehlung finde ich persönlich gut, allerdings lässt eben die Widersprüchlichkeit zu den anderen Zitaten dem Halter die relativ sorgenlose Freiheit, dass Heu als Hauptfutter auch reichen würde.

Fakt ist aber, dass Heu ein Futtermittel ist, dessen Nährstoffgehalt unbekannt ist - es wird in aller Regel nicht deklariert. In Verbindung mit der kritischen Zahn- und Kieferbelastung sollte es immer vorrangig als Beschäftigungsmöglichkeit für Kaninchen gesehen werden, aber nicht als Nährstofflieferant oder Haupt-/Grundfutter. In meinem Buch "Kaninchen würden Wiese kaufen" habe ich den Spruch: "Heu ist das Brot der Kaninchen" umgewandelt in "Heu ist das Knäckebrot der Kaninchen", weil ihm einer der wichtigsten Nährstoffe fehlt: das Wasser. Das ist dann aber wieder ein anderes Thema.

Auffällig ist, dass in dem Artikel von Böhmer & Böhmer (2017) nicht auf Nährstoffe und die Zahn- und Knochensubstanz eingegangen wird. Die These(n) beschränken sich allein auf physikalische und evolutionäre Erklärungsversuche. Letztere sind sowieso fragwürdig, weil sich Zahnprobleme bei Hauskaninchen erst seit den letzten zwei Jahrzehnten häufen.

In einer älteren Arbeit von Müller (1919) wurden morphologische Untersuchungen an gleich schweren Wild- und Hauskaninchen u. a. mit den folgenden Ergebnissen durchgeführt: "Das Herzgewicht erwies sich als durchschnittlich 37,5% höher beim Wildkaninchen. Was die Körpermuskulatur angeht, insbesondere die vorwiegend tätigen Gliedmaßenmuskeln, so war hier in der Regel ein Mehr an der Muskelmasse festzustellen in den Grenzen von 3-18%. [...] Das lufttrockene, macerierte Skelet beteiligte sich mit 5,3% am Lebendgewicht, beim Hauskaninchen mit nur 4,3%. Die mechanisch gereinigten Knochen der Gliedmaßen zeigten sich um 6-13% im Gewicht denen des Hanskaninchens überlegen. Das Femur, das als einziger Knochen daraufhin untersucht wurde, wies beim Wildkaninchen mehr anorganische Bestandteile auf, ein Zeichen, daß beim Wildtier ein erhöhter Festigkeitsgrad verlangt wird.[...]". Die Festigkeitsunterschiede der Knochen, die beispielhaft am Oberschenkel (Femur) ermittelt wurden, können auf Haltungsbedingungen (mangelnde Bewegung, fehlende UV-Strahlung), auf die Fütterung und Kastration von Hauskaninchen zurückgeführt werden. In keiner der vorgenannten Studien wurde die Knochendichte (Bone Mineral Density, BMD) insbesonders der Kieferknochen der Tiere ermittelt.

Quellen:
  • Agrawal, K. R.; Lucas, P. W.; Prinz, J. F.; Bruce, I. C. (1996): Mechanical properties of foods responsible for resting food breakdown in the human mouth. Archs oral Biol. Vol. 42, No. 1, pp. 1-9
  • Boac, J. M.; Casada, M. E.; Maghirang, R. G.; Herner III, J. P. (2010): Material and interaction properties of selected grains and oilseeds for modeling discrete particles. Transactions of the ASABE. Vol. 53(4): 1201-1216
  • Böhmer, E. (2014): Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen? curoxray. ISBN 9783000450396
  • Böhmer, C.; Böhmer, E. (2017): Shape Variation in the Craniomandibular System and Prevalence of Dental Problems in Domestic Rabbits: A Case Study in Evolutionary Veterinary Science. Vet. Sci. 2017, 4.1,  5; doi:10.3390/vetsci4010005 (Open access, Zugriff am 19.8.2017)
  • Müller, E. (1919): Vergleichende Untersuchungen an Haus- Wildkaninchen. Dissertation. Berlin : Zool. Inst. der Königl. Landwirtsch. Hochschule. Dissertation
  • Ravosa, M. J.; Kunwar, R.; Stock, S. R.; Stack, M. S. (2007): Pushing the limit: masticatory stress and adaptive plasticity in mammalian craniomandibular joints. The Journal of Experimental Biology 210, 628-641
  • Ravosa, M. J.; Scott, J. E.; McAbee, K. R.; Veit, A. J.; Fling, A. L. (2015): Chewed out: an experimental link between food material properties and repetitive loading of the masticatory apparatus in mammals. PeerJ 3:e1345; DOI 10.7717/peerj.1345
  • Tyree, M. T.; Cheung, Y. N. S.; MacGregor, M. E.; Talbot, A. J. B. (1978): The characteristics of seasonal and ontogenetic changes in the tissue - water relations of Acer, Populus, Tsuga, and Picea. Can. J. Bot. 56: 635-647
  • Weijs, W. A.; De Jongh, H. J. (1977): Strain in mandibular alveolar bone during mastication in the rabbit. Archives of Oral Biology 22:667–675
  • Weijs, W. A.; Dantuma, R. (1981): Functional anatomy of the masticatory apparatus in the rabbit (Oryctolagus cuniculus L.). Netherlands Journal of Zoology 31.1: 99-147.
  • Williams, S. H.; Wright, B. W.; Van den Truong, C. R. D.; Vinyard, C. J. (2005): Mechanical properties of foods used in experimental studies of primate masticatory function. American journal of primatology 67.3: 329-346.

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Qualität und Quantität (2)