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Sonntag, 19. November 2017

Futtermengen und Energie. Teil 3: Rohnährstoffe

Die Trockensubstanz enthält alle Nährstoffe, also Proteine (Eiweiß), Fett, Kohlenhydrate sowie unverdauliche Stoffe wie Mineralien und Lignin. Seinen Energiebedarf bezieht das Kaninchen hauptsächlich aus den Kohlenhydraten, Fett und Proteinen. In der Futtermitteldeklaration wie auch in Futterwerttabellen werden keine Kohlenhydrate angegeben. Die verstecken sich hinter den Begriffen "Rohfaser" (Rfa) und "Stickstofffreie Extraktstoffe" (NfE).  

Bild 1: Deklaration eines Futtermittels









Bild 1 zeigt beispielhaft die Deklaration eines Futters, also die Gehalte der Rohnährstoffe. Solche Angaben beziehen sich immer auf die Trockensubstanz. In einer "ordentlichen" Deklaration wird der Gehalt der Rohasche (Ra) angegeben, so dass man mit den Informationen einen fehlenden Wert errechnen kann: die "Stickstofffreien Extraktstoffe". Sie ergeben sich aus NfE=100-(Ra+Rfe+Rp+Rfa). Das klingt alles richtig gut und man weiß jetzt, was in einem Futter enthalten ist.

In der Kaninchenernährung wird ja immer darauf verwiesen, dass die Rohfaser eine sehr wichtige Größe ist, folglich richten sich auch alle Blicke immer erst einmal auf diesen Wert. Aber was ist das eigentlich, die Rohfaser? Nichts Genaues weiß man nicht. Es kann niemand konkret sagen, was das eigentlich ist. Ihr Wert wird aus dem Rückstand ermittelt, der nach der Behandlung der Probe mit Säuren und Laugen übrigbleibt. Das war's. Theoretisch besteht sie aus einer phenolischen Verbindung - dem Lignin - und aus Kohlenhydraten. Da denkt jetzt jeder sofort an Zucker und eigentlich sind es auch solche, aber eben auch "Vielfachzucker", Polysaccharide genannt (poly=viel, saccharid=zucker). Diese Verbindungen bestehen aus bis zu 500 einzelnen Zuckermolekülen. Pflanzenfasern bestehen aus solchen Polysacchariden und je nach deren Größe sind diese schwer- oder leichtverdaulich. Monosaccharide werden sofort resorbiert und Disaccharide nach der Aufspaltung durch Disaccharidasen. Für die Poly- bzw. Mehrfachzucker übernehmen diesen Job Bakterien im Blinddarm. Dabei entstehen auch Fettsäuren, die dem Körper wiederum als Energiequelle dienen können. Der Blinddarmkot enthält diese Fettsäuren und wird vom Kaninchen aufgenommen. Auf diese Weise stehen dem Kaninchen 10-30% an Energie zusätzlich zur Nahrung zur Verfügung. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen das Kaninchen nur schwer an qualitativ gute Nahrung herankommt. Ist die Nahrung dagegen sehr energiehaltig, also über den Bedarf liegend, wird weniger Blinddarmkot aufgenommen. Das heißt, ein Teil bleibt oft zum Ärger des Halters ungenutzt liegen.

Die Stickstofffreien Extraktstoffe enthalten überwiegend ebenfalls Kohlenhydrate. Dabei handelt es sich aber vorwiegend um leichter und komplett verdauliche Zucker wie auch Stärke.

Das heißt, die Rohfaser und NfE bilden zwei Gruppen, die verschiedene Kohlenhydrate enthalten. Dass die Analysewerte dieser beiden Gruppen nicht unbedingt zu einer korrekten Bewertung eines Futters führen, war schon mit der Einführung der Weende-Analyse in den 1860er Jahren bekannt, aber die Analysemethoden ließen damals eine einfache, schnelle Erfassung der einzelnen Kohlenhydrate nicht zu. Rund 100 Jahre später etablierte der amerikanische Forscher Peter J. van Soest eine neue Methode, die später auch nach ihm benannt wurde. Eine andere Bezeichnung ist "Detergenzienmethode". Mit ihr werden zwar auch wieder nur Gruppen von Kohlenhydraten erfasst, die aber nach ihrer Verdaulichkeit, also dem Nutzen für ein Tier, beurteilt werden können. In dieser Analyse gibt es die Rohfaser und NfE nicht mehr, stattdessen Lignin, Cellulose, Hemicellulose und Nichtfaser-Kohlenhydrate NFC (non fibre carbohydrats).

Bild 2: Weende- und van-Soest-Analysewerte für ein Gemisch aus Gräsern und Kräutern, in g/kg TS

      
Das bunte Bild 2 wirkt erst einmal etwas verwirrend, aber im Prinzip ist es recht einfach zu verstehen. Die drei oberen Balkenabschnitte Rohasche, Fett und Protein sollen an dieser Stelle nicht weiter interessieren, weil die Werte in beiden Analysemethoden gleich sind. Die Detergenzienmethode ist ja eigentlich "nur" eine Erweiterung der Weende-Analyse in Bezug auf die Kohlenhydrate. Links sieht man die Gehalte für Rohfaser und Stickstofffreie Extraktstoffe (NfE), rechts dagegen Lignin, Cellulose, Hemicellulose und "non fibre carbohydrats" (NFC). Die Rohfaser umfasst in diesem Fall offenbar das komplette unverdauliche Lignin und einen Teil der schwerverdaulichen Cellulose. Die NfE, von denen man meint, sie wären leicht verdaulich, enthalten aber auch einen Teil der Cellulose. Dagegen sind die wirklich leicht und komplett verdaulichen Kohlenhydrate in der (rechten) van-Soest-Analyse durch den NFC-Wert abgegrenzt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leser - aber nachdem ich den rechten Balken sehe, kann ich eigentlich den linken in Bezug auf eine Aussage zu den Kohlenhydraten komplett vergessen. Er enthält keine Aussage zu dieser wichtigen Nährstoffgruppe. Die gleiche Auswertung möchte ich Ihnen noch anhand der Analysewerte der Mohrrübe zeigen. Die Balkenbeschriftungen habe ich diesmal weggelassen.

Bild 3: Weende- und van-Soest-Analysewerte für Mohrrübe, in g/kg TS


Auch für Bild 3 gilt, dass die oberen Balkenabschnitte (grau, rot, gelb) hier nicht interessieren. Man erkennt erst einmal grundsätzlich, dass die Mohrrübe nur etwa über die Hälfte der Rohfaser von Gräsern/Kräutern im linken Balken, Bild 2 verfügt. Das war's. Der Rest sind halt die NfE. Schaut man sich jetzt aber die Kohlenhydrate im rechten Balken (van Soest) in Bild 3 an, offenbart sich eine große Überraschung. Lignin ist in einem so geringen Maß vorhanden, dass man es kaum sieht, die schwerverdauliche Cellulose ist fast komplett in der Rohfaser enthalten und es existiert nur in geringem Umfang Hemicellulose. Der Rest sind komplett verdauliche Kohlenhydrate!

Das heißt, dass die Mohrrübe nicht nur über weniger Rohfaser verfügt, sondern im Vergleich zu Wiesenpflanzen auch über einen enorm hohen Gehalt an leicht verdaulichen Kohlenhydraten, die bis zu einfachen Zuckermolekülen abgebaut werden können. Das heißt auch, dass allein schon diese Auswertung zeigt, dass die Mohrrübe einen wesentlich höheren Energiegehalt als Wiese enthält, der zudem leicht und schnell verfügbar ist.

Es ist also grober Unfug zu behaupten, Kaninchen würden im Vergleich mit Wiese dicker werden als mit Gemüse. Dafür gäbe es nur eine schlüssige Erklärung - das Gemüse wird rationiert. Das wäre dann aber noch fataler, wie ich in einem anderen Beitrag noch zeigen werde bzw. schon einmal angedeutet hatte.

Ein Vergleich mit Äpfeln als Beispiel würde etwa das gleiche Bild wie für die Möhre ergeben, deshalb zum Abschluss dieses Artikels nur noch einmal die drei Futtermittel im Vergleich der Detergenzienmethode bzw. der Analyse nach van Soest.

Bild 4: van-Soest-Analysewerte für Mohrrübe, Apfel und Gras/Kräuter im Gemisch, in g/kg TS


In Bild 4 sind dunkelgrün rechts neben den Balken noch einmal die Rohfasergehalte aus der Weende-Analyse eingefügt. Ich denke, dass der Vergleich eindrucksvoll zeigt, wo die Unterschiede zwischen den Futtermitteln liegen:
  1. Die Rohfaser (dunkelgrün) der Weende-Analyse bildet den Gehalt der Kohlenhydrate nicht ab.
  2. In Äpfeln und Mohrrüben überwiegen deutlich die NFC (hellrosa), also die Kohlenhydrate, die schnell und komplett verwertet werden können. Das sind z. B. Mono- und Disaccharide sowie Stärke.
  3. Auf Grund der hohen Anteile an NFC sind Äpfel und Mohrrüben sehr energiehaltig.
  4. Äpfeln und Mohrrüben fehlen Lignin (dunkelbraun) und jene schwerverdaulichen Kohlenhydrate (C=braun, HC=hellbraun), die als "Ballast" der Peristaltik oder als "Schleimstoffe" dem Darmschutz dienen.
Was das im Weiteren für die Kohlenhydrate bedeutet, werde ich später noch erläutern - z. B. das, was mit den überschüssigen NFC passiert und was daraus resultieren kann. Im nächsten Beitrag soll es aber erst einmal mit Futtermengen, Energie und Nährstoffen wie z. B. Protein und Fett weitergehen - die habe ich ja bisher außer Acht gelassen. Bleiben Sie also interessiert und folgen mir auf den Spuren der Bedürfnisse für Kaninchen ...

Sonntag, 5. November 2017

Futtermengen und Energie. Teil 2

Im vorigen Beitrag bin ich auf die Verdauliche Energie DE eingegangen, die die ursprüngliche Substanz (uS), eines Futters enthält und habe als Bedarf für das Kaninchen 1,2 MJ/Tag angenommen. Das ist ein mittlerer Wert aus typischen Empfehlungen in der Fachliteratur. Ich schrieb auch, dass es ein fataler Irrtum wäre anzunehmen, dass der Energiegehalt eines Futters und die nötige Aufnahmemenge dazu verleiten könnte anzunehmen, mit dem Kaninchen eine "Diät" zum Abnehmen durchführen zu können. Viele Halter sind mit dem Problem übergewichtiger Tiere konfrontiert und werden dann aufgefordert, ihre Tiere „kalorienarm“ z. B. mit Salaten zu ernähren. Von wem so was kommt, brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, aber warum das Unfug ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Leider ist das Thema etwas „trocken“, weil man halt herumrechnen muss. Wenn man das Prinzip aber einmal verstanden hat, lässt man bestimmte Internetseiten im Interesse seiner Tiere in Zukunft links liegen.

Normalerweise fressen Kaninchen „auf Energie“. Das heißt, sie nehmen von einem Futter mit allen benötigten Nährstoffen so viel auf, wie sie für die Deckung ihres Bedarfes an Energie brauchen. Diese natürliche Regulierung kann aber durch eine Reihe von Faktoren außer Kraft gesetzt werden. So funktioniert sie z. B. nur, wenn das Futter 9,0-9,5 MJ/kg TS oder mehr enthält. Ist der Energiegehalt geringer, wird die Aufnahme durch den physikalischen Faktor der Füllung des Magen/Darm-Traktes reguliert und begrenzt (Fekete, 1991; Gidenne, et al., 2010).

Bei Angaben zu Gehalten von Nährstoffen oder der Energie wird in der Tierernährung unterschieden zwischen solchen in der „Trockensubstanz“ (TS) und der „ursprünglichen“ bzw. „Frischesubstanz“ (uS). In der Trockensubstanz fehlt das Wasser, was Futtermittel direkt miteinander vergleichbar macht (siehe auch Rühle, 2017).

Im ersten Beitrag zur Energie habe ich die Futtermengen angegeben, die ein 2,5-kg-Kaninchen von verschiedenen, frischen (uS) Futtermitteln aufnehmen müsste, um seinen Bedarf von DE 1,2 MJ/Tag zu befriedigen. Wie gesagt: nur den Energiebedarf! Ich greife mir einmal die Mohrrübe und den Apfel aus der Tabelle heraus, die laut einer Tierschutz-Empfehlung gern täglich ohne Mengenangabe gefüttert werden dürfen: von Möhren müssten 716 g und von Äpfeln 520 g gefressen werden, um den Energiebedarf zu erfüllen, im Vergleich dazu wären von Wiesengras 577 g nötig. Das sieht eigentlich recht gut aus, denn im Mittel beträgt die nötige Menge von Äpfeln und Möhren 618 g. Mehr als Wiesengras. Das heißt eigentlich, dass das Kaninchen mit einem Gewicht von 2,5 kg mit diesen beiden Futtermitteln prima abnehmen könnte. Es muss ja mehr von Möhren und Äpfeln fressen, als von Wiesengras! Klingt perfekt. Noch etwas Heu dazu, weil das sein muss (warum auch immer) und dann passt das. Das würde auch die Darstellung einer Tierschutzseite erhärten, warum Kaninchen mit arttypischer Nahrung „dick“ werden, aber mit Alternativen nicht. Wunderbar. Statt sich den Buckel krumm zu machen und täglich frisches, arttypisches Futter zu beschaffen, kann man bequem und einfach im Supermarkt einkaufen und ist ein guter Mensch/Tierschützer/Tierhalter.

Leider, leider, leider hat die Natur der Bequemlichkeit ein Bein gestellt. Sie will es nicht „einfach“, sie will es tiergerecht. An dieser Stelle sei ausdrücklich bemerkt, dass ich nur der Überbringer der schlechten Nachrichten bin. Ich habe die Fakten nicht gemacht, sondern weise nur auf solche hin - unabhängig von Religion oder Ideologie. Beschwerden über die Fakten sind also an Mutter Natur zu richten.

Die Angaben zu den erwähnten Verzehrmengen bezogen sich auf die ursprünglichen, frischen Futtermittel. Um die folgenden Erklärungen zu verstehen, muss man einen Blick auf die Gehalte der Verdaulichen Energie DE in der Trockensubstanz werfen.

Tabelle 1: Gehalte an Verdaulicher Energie DE verschiedener Futtermittel und Verzehrmengen (frisch in g uS/Tag und Trockensubstanz in g/TS/Tag), aufsteigend sortiert nach der Aufnahme von Trockensubstanz in g TS/Tag


Unser Beispielkaninchen mit einem Gewicht von 2,5 kg frisst am Tag theoretisch eine Trockensubstanzmenge von ungefähr 100-120 g, was etwa 4% seines Körpergewichtes entspricht. Mit Wiesengras müsste es 115 g Trockensubstanz fressen, um auf den benötigten Gehalt an Verdaulicher Energie DE zu kommen, mit Möhren und Äpfeln aber nur ca. 80 g.

Mit anderen Worten: mit Möhren und Äpfeln muss das Kaninchen weniger „Substanz“ aufnehmen, um auf den benötigten Energiegehalt zu kommen. Das entlarvt einerseits das Argument der nötigen Versorgung mit Gemüse für „schlankere“ Tiere der erwähnten Tierschutzseite als groben Unfug, andererseits wird damit klar, dass dem Kaninchen die „Substanz“ (20%) fehlt, in der nämlich neben der Energie noch andere, wichtige Nährstoffe stecken. Seinen Energiebedarf hat es ja bereits gedeckt. Wenn es jetzt mehr von Möhren und Äpfeln fressen würde, um auf den Trockensubstanzgehalt von Wiesengras zu kommen, würde sich ja auch die Energieaufnahme erhöhen. 

Noch einmal mit ganz einfach Worten: mit Möhren und Äpfeln nehmen Kaninchen große Mengen Wasser auf. Die Nährstoffe (und Energie) stecken aber in der Trockensubstanz. Mit Möhren und Äpfeln ist die Aufnahme an Trockensubstanz im Vergleich zur arttypischen Nahrung geringer. Um die Differenz auszugleichen, müssten sie mehr Möhren und Äpfel als Wiesengras fressen. Damit wäre aber auch die Energiemenge größer. 

Weiter geht es im nächsten Beitrag ...

Quellen:
  • Fekete, S. 1991. Neuere Erkenntnisse zur Verdauungsphysiologie des Kaninchens. Übers. Tierernährg. 1991, 19, S. 1-22
  • Gidenne, T., Carabaño, R. und García, J., de Blas, C. 2010. Fibre Digestion. [Hrsg.] C. de Blas und J. Wiseman. Nutrition of the Rabbit. 2nd. Ed. Wallingford (UK). CAB International, 2010, S. 66-82
  • Rühle, A. (2017): Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit. Norderstedt: BoD. ISBN 978-3743117990

Sonntag, 29. Oktober 2017

Futtermengen und Energie

Bestimmt sind Ihnen auf den unzähligen Webseiten und in den Foren, die es für Themen rund um das Kaninchen gibt, auch „Futterlisten“ aufgefallen. Ein Merkmal in vielen ist die zusätzliche Beschreibung, wie oft und wie viel z. B. von einer bestimmten Pflanze, einem Gemüse oder von Samen gegeben werden dürfen/sollten. Diese Empfehlungen lauten dann ungefähr so: „selten“, „kleine Mengen“, „zusätzlich in geringen Mengen“, „sehr selten in geringen Mengen“, „wenig“, „täglich“ und so weiter und so fort. Dazu werden Begründungen geliefert, die sich in der Regel auf bestimmte Inhaltsstoffe beziehen, die eine restriktive Fütterung des entsprechenden Nahrungsmittels erforderlich machen sollen.

Ich frage mich bei solchen Angaben der Dosierung immer: was bedeutet eigentlich „wenig“? Für die Gurke findet man z. B. in einer Futterliste zur Mengenangabe „wenig, 1-2 Mal pro Woche“.  Klingt, als wäre sie ein sehr kritisches Futtermittel, was für mich aber nicht nachvollziehbar ist. Dagegen können viele Salate „gern täglich“ gegeben werden, weil sie kalorienarm wären. Dagegen wird dort z. B. für den Apfel festgestellt, dass nach einer „langsamen Anfütterung kleine Mengen gern täglich“ gegeben werden können. Er wäre gut verträglich und enthielte viele Mineralstoffe. Außerdem würde er „unterstützend bei Durchfall“ und „Verdauungsbeschwerden“ wirken. Bei Parasitenbefall sei er aber zu meiden. Seit Bugs Bunny ist die Mohrrübe auch in Deutschland irgendwie so fest mit Hasen/Kaninchen verbunden, dass man meinen könnte, Wildkaninchen würden den ganzen Tag nichts Anderes fressen. Sie sei „sehr gut verträglich“ und könne täglich gefüttert werden (ohne Mengenangabe). Sie wäre zudem kalorien-, vitamin- und mineralstoffreich und wirke unterstützend bei einer „Frischfutter-Anfütterung“. Bei „Appetitlosigkeit“ und bei „Darmparasitenbefall“ sei sie aber zu meiden.

In vielen Listen klingen die Begründungen so, als wären sie von gesundheitsbewussten Menschen für gesundheitsbewusste Menschen erstellt, denn mit Bedürfnissen für Kaninchen haben sie in der Form nichts zu tun.  Die Zähne, der Verdauungstrakt (Länge, innerer Aufbau, Blinddarmgröße) sowie eine ganz spezielle Darmflora unterscheiden das Kaninchen vom Menschen auf eine Weise, die nicht einmal annähernd einen Vergleich möglich machen können.

Noch verrückter wird es, wenn man in einem Forum, welches sich dem „Schutz“ von Kaninchen verschrieben hat, die Erklärung findet, dass Kaninchen von Wiesenfutter „dick“ oder „fett“ werden würden. Deswegen wäre man, nach kurzer „ad-libitum-Fütterung“, wieder zu einer Empfehlung für „Gemüse“ übergegangen. Gruslig.

Viele Empfehlungen auf Webseiten oder in Foren beziehen sich auf den „Kaloriengehalt“ von Futtermitteln. 1969 wurde in Deutschland die „Kalorie“ für den Energiegehalt durch die Maßeinheit „Joule“ ersetzt, wobei eine Kalorie 4,182 Joule entspricht. Damit wird die spezifische Energie eines Futters angegeben, die durch den Stoffwechsel im Körper eines Organismus theoretisch verfügbar gemacht werden kann. Es ist also ein Bruttowert. Diese Bruttoenergie resultiert vorrangig aus den, im Futter enthaltenen, Kohlenhydraten, Fetten und zum Teil aus Proteinen. 

Während des Stoffwechsel bzw. der Verdauung treten natürlich gewisse Verluste auf. Bei Pferden und Kaninchen geht man davon aus, dass der größte Energieverlust durch den Kot entsteht. Er beträgt ca. 35-40% der Bruttoenergie. Wenn also ein Futter eine Bruttoenergie von z. B. 10 Joule aufweisen würde, ständen dem Kaninchen tatsächlich nur 6-6,5 Joule an Energie zur Verfügung. Dieser Betrag wird „Verdauliche Energie, DE“ genannt (DE = engl. Digestible Energy). Die Verdauliche Energie DE kann man entweder direkt und somit relativ genau in sogenannten „Ausnutzungsversuchen“ an der jeweiligen Tierart oder theoretisch mit Hilfe einer Schätzgleichung ermitteln. Die Verdauliche Energie ist, wie der Name schon ausdrückt, von der Verdaulichkeit eines Futters abhängig, weil ja daraus der Energiebetrag resultiert. Im Kaninchenfutter ist die Haupteinflussgröße die „Rohfaser“ und natürlich spielt auch noch der Wassergehalt eine Rolle.

Wenn man also z. B. über „kalorienarm“ nachdenkt, muss man zwingend wissen, auf welchen Energiegehalt des Futters sich diese Aussage bezieht: auf die „Bruttoenergie“ oder auf die Energie, die dem Kaninchen tatsächlich zur Verfügung steht, also die „Verdauliche Energie“? Da die Bruttoenergie im Prinzip keine wirkliche Aussage liefern kann, beziehe ich mich im Folgenden nur auf die Verdauliche Energie DE. Werte dafür finden sich in vielen Fachbüchern oder Fachartikeln.

Von Fekete, 1993 wurden Bedarfswerte für Kaninchen für die Verdauliche Energie DE in Megajoule (MJ) ermittelt, die in Bild 1 dargestellt sind. Demnach hat ein Kaninchen mit einem Gewicht von 2 kg einen mittleren Bedarf von 0,7 MJ, ein Kaninchen mit 3 kg einen Bedarf von 1,0 MJ und ein Kaninchen mit 4 kg einen solchen von 1,2 MJ.

Bild 1: Bedarf an Verdaulicher Energie DE für Kaninchen in Abhängigkeit von der Körpermasse

Wie man Futtermengen mit Hilfe der „Verdaulichen Energie“ errechnet, wird in dem Buch „Das Kaninchen – Nahrung und Gesundheit“ mit Rechenbeispielen und Quellenangaben erklärt. Hier soll nur auf die eingegangen werden, die ich am Anfang des Beitrages in Zusammenhang mit den merkwürdigen Fütterungsempfehlungen als Beispiel angeführt hatte: Gurke, Mohrrübe, Salat und Apfel. Als Vergleich werden „Wiesengras“ und „Wiesenheu“ genutzt.In der folgenden Tabelle sind Futtermittel mit dem Trockenmassegehalt sowie dem Gehalt an Verdaulicher Energie MJ/kg uS (ursprüngliche Substanz) sowie der Menge aufgeführt, die ein Tier mit einer Körpermasse von 2,5 kg fressen müsste, um den täglichen Bedarf an Verdaulicher Energie DE von ca. 1,2 MJ zu erhalten.

Tabelle 1: Energiegehalte und Aufnahmemengen verschiedener Futtermittel für ein Kaninchen mit einer Körpermasse von 2,5 kg und einem Bedarf an verdaulicher Energie DE von 1,2 MJ/Tag











Man erkennt in Tabelle 1, dass die Alternativen (Salat, Salatgurke und Möhre) sehr wenig Trockensubstanz (also viel Wasser) enthalten. Entsprechend niedrig sind auch die Energiegehalte. Erstaunlich ist der hohe Eneriegehalt und somit die fast gleich große, nötige Aufnahme von Äpfeln, um den Energiebedarf zu erfüllen. Wenn man als Maß die natürliche Nahrung von Kaninchen nimmt (Gras, Wiese), so lässt sich feststellen, dass die Alternativen nicht geeignet wären, den Energiebedarf eines Kaninchen mit 2,5 kg Körpermasse zu erfüllen. Der Apfel fällt etwas aus dem Rahmen - warum das so ist, erkläre ich in einem anderen Artikel.

Zurück zu den Mengenangaben. Die Gurke sollte nur wenig „wenig, 1-2 Mal pro Woche“ gegeben werden, Salate dagegen gern täglich. Warum? Die Gurke ist absolut ungeeignet, einen Energiebedarf zu erfüllen - egal, in welchen Mengen. Das Kaninchen müsste fast das Doppelte von Gras davon fressen, um einen Energiebedarf zu decken. Gefährliche Inhaltsstoffe sind nicht bekannt, warum also wenig und nur 1-2 Mal pro Woche? Salat scheint nur grünes Wasser zu sein und darf gern täglich gegeben werden. Aber als was? Er enthält kaum Nährstoffe und Energie. Als was also soll der Salat dienen? Von der "kalorienreichen" Karotte müsste ein Kaninchen ca. 20% mehr fressen, um den gleichen Energiebedarf wie mit "Gras, Wiese" aufzunehmen. Das heißt, die natürliche, arttypische Nahrung ist deutlich "kalorienreicher"!

Aha, höre ich jetzt einige förmlich aufatmen. Sie denken jetzt: ich habe ein dickes Kaninchen, also bekommt das jetzt nur noch die Alternativen wie Gurke, Salat und Karotten, weil die so schön "kalorienarm" sind und dann nimmt es ab. Was für ein fataler Irrtum!

Mehr zum Thema gibt es im nächsten Beitrag ...

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Qualität und Quantität (2)