Sonntag, 19. November 2017

Futtermengen und Energie. Teil 3: Rohnährstoffe

Die Trockensubstanz enthält alle Nährstoffe, also Proteine (Eiweiß), Fett, Kohlenhydrate sowie unverdauliche Stoffe wie Mineralien und Lignin. Seinen Energiebedarf bezieht das Kaninchen hauptsächlich aus den Kohlenhydraten, Fett und Proteinen. In der Futtermitteldeklaration wie auch in Futterwerttabellen werden keine Kohlenhydrate angegeben. Die verstecken sich hinter den Begriffen "Rohfaser" (Rfa) und "Stickstofffreie Extraktstoffe" (NfE).  

Bild 1: Deklaration eines Futtermittels









Bild 1 zeigt beispielhaft die Deklaration eines Futters, also die Gehalte der Rohnährstoffe. Solche Angaben beziehen sich immer auf die Trockensubstanz. In einer "ordentlichen" Deklaration wird der Gehalt der Rohasche (Ra) angegeben, so dass man mit den Informationen einen fehlenden Wert errechnen kann: die "Stickstofffreien Extraktstoffe". Sie ergeben sich aus NfE=100-(Ra+Rfe+Rp+Rfa). Das klingt alles richtig gut und man weiß jetzt, was in einem Futter enthalten ist.

In der Kaninchenernährung wird ja immer darauf verwiesen, dass die Rohfaser eine sehr wichtige Größe ist, folglich richten sich auch alle Blicke immer erst einmal auf diesen Wert. Aber was ist das eigentlich, die Rohfaser? Nichts Genaues weiß man nicht. Es kann niemand konkret sagen, was das eigentlich ist. Ihr Wert wird aus dem Rückstand ermittelt, der nach der Behandlung der Probe mit Säuren und Laugen übrigbleibt. Das war's. Theoretisch besteht sie aus einer phenolischen Verbindung - dem Lignin - und aus Kohlenhydraten. Da denkt jetzt jeder sofort an Zucker und eigentlich sind es auch solche, aber eben auch "Vielfachzucker", Polysaccharide genannt (poly=viel, saccharid=zucker). Diese Verbindungen bestehen aus bis zu 500 einzelnen Zuckermolekülen. Pflanzenfasern bestehen aus solchen Polysacchariden und je nach deren Größe sind diese schwer- oder leichtverdaulich. Monosaccharide werden sofort resorbiert und Disaccharide nach der Aufspaltung durch Disaccharidasen. Für die Poly- bzw. Mehrfachzucker übernehmen diesen Job Bakterien im Blinddarm. Dabei entstehen auch Fettsäuren, die dem Körper wiederum als Energiequelle dienen können. Der Blinddarmkot enthält diese Fettsäuren und wird vom Kaninchen aufgenommen. Auf diese Weise stehen dem Kaninchen 10-30% an Energie zusätzlich zur Nahrung zur Verfügung. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen das Kaninchen nur schwer an qualitativ gute Nahrung herankommt. Ist die Nahrung dagegen sehr energiehaltig, also über den Bedarf liegend, wird weniger Blinddarmkot aufgenommen. Das heißt, ein Teil bleibt oft zum Ärger des Halters ungenutzt liegen.

Die Stickstofffreien Extraktstoffe enthalten überwiegend ebenfalls Kohlenhydrate. Dabei handelt es sich aber vorwiegend um leichter und komplett verdauliche Zucker wie auch Stärke.

Das heißt, die Rohfaser und NfE bilden zwei Gruppen, die verschiedene Kohlenhydrate enthalten. Dass die Analysewerte dieser beiden Gruppen nicht unbedingt zu einer korrekten Bewertung eines Futters führen, war schon mit der Einführung der Weende-Analyse in den 1860er Jahren bekannt, aber die Analysemethoden ließen damals eine einfache, schnelle Erfassung der einzelnen Kohlenhydrate nicht zu. Rund 100 Jahre später etablierte der amerikanische Forscher Peter J. van Soest eine neue Methode, die später auch nach ihm benannt wurde. Eine andere Bezeichnung ist "Detergenzienmethode". Mit ihr werden zwar auch wieder nur Gruppen von Kohlenhydraten erfasst, die aber nach ihrer Verdaulichkeit, also dem Nutzen für ein Tier, beurteilt werden können. In dieser Analyse gibt es die Rohfaser und NfE nicht mehr, stattdessen Lignin, Cellulose, Hemicellulose und Nichtfaser-Kohlenhydrate NFC (non fibre carbohydrats).

Bild 2: Weende- und van-Soest-Analysewerte für ein Gemisch aus Gräsern und Kräutern, in g/kg TS

      
Das bunte Bild 2 wirkt erst einmal etwas verwirrend, aber im Prinzip ist es recht einfach zu verstehen. Die drei oberen Balkenabschnitte Rohasche, Fett und Protein sollen an dieser Stelle nicht weiter interessieren, weil die Werte in beiden Analysemethoden gleich sind. Die Detergenzienmethode ist ja eigentlich "nur" eine Erweiterung der Weende-Analyse in Bezug auf die Kohlenhydrate. Links sieht man die Gehalte für Rohfaser und Stickstofffreie Extraktstoffe (NfE), rechts dagegen Lignin, Cellulose, Hemicellulose und "non fibre carbohydrats" (NFC). Die Rohfaser umfasst in diesem Fall offenbar das komplette unverdauliche Lignin und einen Teil der schwerverdaulichen Cellulose. Die NfE, von denen man meint, sie wären leicht verdaulich, enthalten aber auch einen Teil der Cellulose. Dagegen sind die wirklich leicht und komplett verdaulichen Kohlenhydrate in der (rechten) van-Soest-Analyse durch den NFC-Wert abgegrenzt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leser - aber nachdem ich den rechten Balken sehe, kann ich eigentlich den linken in Bezug auf eine Aussage zu den Kohlenhydraten komplett vergessen. Er enthält keine Aussage zu dieser wichtigen Nährstoffgruppe. Die gleiche Auswertung möchte ich Ihnen noch anhand der Analysewerte der Mohrrübe zeigen. Die Balkenbeschriftungen habe ich diesmal weggelassen.

Bild 3: Weende- und van-Soest-Analysewerte für Mohrrübe, in g/kg TS


Auch für Bild 3 gilt, dass die oberen Balkenabschnitte (grau, rot, gelb) hier nicht interessieren. Man erkennt erst einmal grundsätzlich, dass die Mohrrübe nur etwa über die Hälfte der Rohfaser von Gräsern/Kräutern im linken Balken, Bild 2 verfügt. Das war's. Der Rest sind halt die NfE. Schaut man sich jetzt aber die Kohlenhydrate im rechten Balken (van Soest) in Bild 3 an, offenbart sich eine große Überraschung. Lignin ist in einem so geringen Maß vorhanden, dass man es kaum sieht, die schwerverdauliche Cellulose ist fast komplett in der Rohfaser enthalten und es existiert nur in geringem Umfang Hemicellulose. Der Rest sind komplett verdauliche Kohlenhydrate!

Das heißt, dass die Mohrrübe nicht nur über weniger Rohfaser verfügt, sondern im Vergleich zu Wiesenpflanzen auch über einen enorm hohen Gehalt an leicht verdaulichen Kohlenhydraten, die bis zu einfachen Zuckermolekülen abgebaut werden können. Das heißt auch, dass allein schon diese Auswertung zeigt, dass die Mohrrübe einen wesentlich höheren Energiegehalt als Wiese enthält, der zudem leicht und schnell verfügbar ist.

Es ist also grober Unfug zu behaupten, Kaninchen würden im Vergleich mit Wiese dicker werden als mit Gemüse. Dafür gäbe es nur eine schlüssige Erklärung - das Gemüse wird rationiert. Das wäre dann aber noch fataler, wie ich in einem anderen Beitrag noch zeigen werde bzw. schon einmal angedeutet hatte.

Ein Vergleich mit Äpfeln als Beispiel würde etwa das gleiche Bild wie für die Möhre ergeben, deshalb zum Abschluss dieses Artikels nur noch einmal die drei Futtermittel im Vergleich der Detergenzienmethode bzw. der Analyse nach van Soest.

Bild 4: van-Soest-Analysewerte für Mohrrübe, Apfel und Gras/Kräuter im Gemisch, in g/kg TS


In Bild 4 sind dunkelgrün rechts neben den Balken noch einmal die Rohfasergehalte aus der Weende-Analyse eingefügt. Ich denke, dass der Vergleich eindrucksvoll zeigt, wo die Unterschiede zwischen den Futtermitteln liegen:
  1. Die Rohfaser (dunkelgrün) der Weende-Analyse bildet den Gehalt der Kohlenhydrate nicht ab.
  2. In Äpfeln und Mohrrüben überwiegen deutlich die NFC (hellrosa), also die Kohlenhydrate, die schnell und komplett verwertet werden können. Das sind z. B. Mono- und Disaccharide sowie Stärke.
  3. Auf Grund der hohen Anteile an NFC sind Äpfel und Mohrrüben sehr energiehaltig.
  4. Äpfeln und Mohrrüben fehlen Lignin (dunkelbraun) und jene schwerverdaulichen Kohlenhydrate (C=braun, HC=hellbraun), die als "Ballast" der Peristaltik oder als "Schleimstoffe" dem Darmschutz dienen.
Was das im Weiteren für die Kohlenhydrate bedeutet, werde ich später noch erläutern - z. B. das, was mit den überschüssigen NFC passiert und was daraus resultieren kann. Im nächsten Beitrag soll es aber erst einmal mit Futtermengen, Energie und Nährstoffen wie z. B. Protein und Fett weitergehen - die habe ich ja bisher außer Acht gelassen. Bleiben Sie also interessiert und folgen mir auf den Spuren der Bedürfnisse für Kaninchen ...

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