Sonntag, 12. November 2017

Kurzer Einschub zum Thema "Literaturnachweise"

Bestimmt haben Sie jetzt die Fortsetzung zum Thema Futtermengen & Energie erwartet, aber ich schiebe mal eben ein Thema dazwischen, welches ich schon lange aufgreifen wollte, aber immer wieder verdrängt habe: es geht um die Literaturnachweise, die ich in meinen Büchern und Artikeln nutze. Bereits zum ersten Buch „Kaninchen würden Wiese kaufen“ wurde in einer Rezension bei einem bekannten Internet-Buchhandel kritisiert, dass ich so viele und „alte“ Quellen benutzen würde. Auch in Diskussionen in Foren wurde gelegentlich gefragt, ob ich denn nicht „Neueres“ hätte, aktuelle Studien und so. Da sind sie wieder: die Studien. Jeder will eine haben und wenn man sie bekommt, wird sie ignoriert oder sie ist zu alt oder wurde vom falschen Personal geschrieben oder in einer falschen Zeitschrift veröffentlicht oder, oder, oder … . Es geht am Ende gar nicht um die Studien, sondern um die Hoffnung, dass sich irgendwie ein eigenes (falsches) Weltbild bestätigt findet. 

Wissen Sie, wie lange schon bekannt ist, dass die Erde rund ist? Seit dem 3. Jahrhundert vor Christus. Eratosthenes, ein griechischer Gelehrter, errechnete zu dieser Zeit nach präzisen Messungen sogar den Erdumfang. Manches Wissen ist schon so alt wie Menschheit selbst, aber einige mögen selbst einfachste Zusammenhänge nicht so recht glauben und hoffen auf Studien. Am besten eine, in der steht: „Ja, Frau Meier* aus Germany, sie haben Recht: Getreide ist Gift, verklebt den Darm, treibt das Kaninchen auf, füttert Bakterien, Viren und Atome; man kann drauf ausrutschen und sowieso ist das Kaninchen ein wandelndes, dummes Ding – ein bedauerlicher Unfall Gottes. Es überlebt jetzt nur noch mit Hilfe des Menschen und seinen Gemüsegutscheinen von diversen Supermärkten.“

Es ist unglaublich, wie festzementiert mancher Unfug in den Köpfen von Menschen ist. Dem Geraune in den Weiten des WWW wird häufig eher geglaubt als jeder Studie. Jetzt finden Sie mal eine Studie, die jeden ausgesprochenen Blödsinn, der da teilweise verbreitet wird, widerlegt. Es geht nicht. Ich habe zum Beispiel bis zum heutigen Tag nicht eine einzige Studie gefunden (egal, aus welchem Jahrhundert) die belegt hätte, das Getreide quasi über eine toxische Funktion verfügen würde. Nicht eine einzige. Es gibt keine. Aber: es gibt zahlreiche Überlieferungen, Bücher, Fachartikel oder Studien, die belegen, dass Getreide, in entsprechenden Mengen, Kaninchen nutzen kann. Vor allem seit dem Erstarken der industriellen Haltung und Futtermittelherstellung wurde der Nutzen oder Schaden von Getreide bzw. Stärke in zig Versuchen untersucht. Früher wurde sogar ein Eiweiß/Stärke-Verhältnis für die Energieabschätzung genutzt. Das Getreide im Übermaß gesundheitsschädlich sein kann ist ebenso bekannt wie die "Toxizität" des Wassers, wenn man es in kurzer Zeit in großen Mengen aufnimmt.

Als ich anfing, mich etwas näher mit Kaninchen zu beschäftigen, habe ich natürlich alles an aktueller, wissenschaftlicher Literatur gelesen, was der Markt und die Bibliothek hergab. Klassiker im Kaninchenbereich in Deutschland sind z. B. Fekete, Schlolaut und Kamphues, etwas später kamen noch Ewringmann und andere hinzu. Recht schnell fiel mir auf, dass manches nicht unbedingt schlüssig klang und dass sehr viel ausländische Literatur zitiert wurde. Deutschland leidet gewissermaßen an wissenschaftlicher Inzucht beim Thema „Kaninchen“, man schaue sich nur einmal die Literaturübersichten in Doktorarbeiten an. Manche kann ich mittlerweile schon singen. In einem Forum wurde beklagt, ich würde zu wenig Dr. Wolfgang Schlolaut zitieren, schließlich wäre der eine Kapazität in der „Kaninchenforschung“. Naja, mein Ziel ist es ja nicht, Kaninchen in kürzester Zeit auf ein Schlachtgewicht zu bringen oder Häsinnen mittels künstlicher Befruchtung Leistungen abzuverlangen, denen sie nicht gewachsen sind.

Das Thema "Nahrung" des Kaninchens ist das bei weitem am besten „erforschte“ und es gibt Studien ohne Ende, die dieses Feld beackern. Währenddessen seppeln die Wildkaninchen jeden Tag auf den Wiesen umher und selbst Laien können die Frage, was ein Kaninchen frisst, relativ zuverlässig und punktgenau beantworten: "Na, Grünes halt".

Bild 1: Ein Wildkaninchen inmitten seiner natürlichen Nahrung, die auch Stärke enthält - in den zahlreichen Früchten von Gräsern, Kräutern und Sträuchern. Wenn Getreide zur Verfügung steht, wird auch dieses als Nahrung genutzt.


Trotzdem versucht man in Laboren immer noch herauszubekommen, was wohl dem Kaninchen in puncto Ernährung guttun könnte. Im Labor. In Ausnutzungskäfigen. Damit Frau Meier in Deutschland ruhig schlafen kann, nachdem sie „grainless“ der Firma XY verfüttert hat. Und Gemüse. Das Interessante dabei ist, dass es seit ca. 150 Jahren zu Rohnährstoffen eigentlich keine neuen Erkenntnisse gibt. Solange existiert die Weende-Futtermittelanalyse und sie wird auch heute immer noch in Deutschland benutzt, um (Roh-)Nährstoffgehalte für Futtermittel anzugeben. Auch Frau Meier nutzt diese Angaben ganz selbstverständlich, um kritisch die Inhalte von „Grainless“-Futtermitteln zu überprüfen. Wie gesagt – die Methode ist 150 Jahre alt. Das stört sie nicht. Aber wehe, dort wird irgendwo angegeben, dass das Futter 1% Melasse enthält. Dann brennt der Block. Dann wird ein Shitstorm via #fuck_melasse losgetreten und die Firma darf sich warm anziehen.  

Es gibt zum Beispiel keine alte oder aktuelle Studie, in der belegt worden wäre, dass Heu und Gemüse eine artgerechte Nahrung für Kaninchen darstellen würde. Tatsache. Weder in Deutschland, noch in China, Australien oder Timbuktu. Trotzdem wird das Zeug verfüttert, als wäre es das Nonplusultra für Kaninchen. Ohne Studie. Ein Wissenschaftler wäre ja verrückt, wenn er etwas veröffentlichen würde, was ihm schon mit den simpelsten Mitteln der Chemie, Biologie oder Mathematik um die Ohren gehauen werden könnte.

Was an der aktuellen Literatur auffällt ist, dass dort für manche Informationen relativ „alte“ Quellen angegeben wurden. Es gibt so richtige Klassiker wie z. B. Rubner, Kleiber, Mangold, Lenkeit, Nehring usw., die im Prinzip den Grundstein für die Fütterungslehre in Deutschland und auch für das Ausland gelegt haben. Im Prinzip geben selbst aktuellste Fach- und Lehrbücher wie beispielsweise von Jeroch oder Kirchgeßner das Wissen dieser Klassiker wieder, auch wenn es nicht unbedingt ständig zitiert wird. Es gilt halt als common sense (gesunder Menschenverstand), state of the art (neuester Stand der Wissenschaft) oder eben Allgemeinwissen. 1+1=2 wird ja heute auch nicht mehr mit einer Studie belegt. Da fällt mir ein: unsere armen Kinder - lernen in der Schule Zeugs, was so alt ist wie die Greifensteine.

Wieso gebe ich also vergleichsweise alte Quellen an? Der Grund ist eigentlich recht simpel. Ich bin nämlich anfangs mit der Zitierung von Informationen aus aktuellen Arbeiten, Büchern oder Fachartikeln (Studien) immer wieder auf die Nase gefallen. Seitdem habe ich es mir zum Prinzip gemacht, zitierte Angaben in Fachartikeln in der Originalquelle zu prüfen. Das ist zeit- und vor allem kostenintensiv, weil vieles hinter einer Paywall steckt und auch über Bibliotheken nur in Form einer kostenpflichtigen Kopie erhältlich ist.  

Ein Beispiel: in Deutschland findet sich häufig die Information, dass Hauskaninchen auf Grund der Domestikation ein geringeres Fassungsvermögen der Verdauungsorgane im Vergleich zum Körpergewicht aufweisen würden, als Wildkaninchen. Klingt das logisch? Eben. Also habe ich die Herkunft dieser Information bis zu ihrer ursprünglichen Quelle zurückverfolgt. Ergebnis: in aktuellen Arbeiten wie auch in Lehrveranstaltungen wird auf das Ergebnis einer Dissertation verwiesen, welches aus dem Jahr 1919 stammt. Wie gesagt – eine „aktuelle“ Information stammt eigentlich aus einer Arbeit aus dem frühen 20. Jahrhundert (wir leben momentan im 21.!). Und sie ist falsch. Eine topaktuelle, wissenschaftliche Information ist falsch. Nachweislich. Ich habe die Dissertation überprüft und mit teurer Statistiksoftware gecheckt, damit es geglaubt wird, obwohl man die eigentlich gar nicht braucht. Das Versuchsdesign und die Auswertung waren einfach nur grottenschlecht. Interessant ist, dass das sogar schon damals von namhaften Wissenschaftlern wie Haesler kritisiert wurde, aber diese Kritik wurde später einfach nicht beachtet oder weggelassen. Es ist also möglich, dass eine topaktuelle Quelle diese Behauptung zitiert, obwohl sie falsch ist. Aber vielleicht passt ja die topaktuelle, aber falsche Aussage Frau Meier eher in den Kram, als eine ältere und berechtigte Kritik.

Ein weiteres Beispiel: die „Rohfaser“ gilt als sehr wichtig für die Ernährung von Kaninchen, obwohl dieser Wert eigentlich keine Aussagekraft hat. Wenn man sich die Entwicklung von Empfehlungen für Rohfasergehalte über die Jahrzehnte ansieht fällt auf, dass die Gehalte immer mehr anstiegen. Von früher 8-9% Rohfaser liegt man heute bei ca. 15-16%. Wenn man diese Entwicklung verstehen möchte, muss man sich das jeweilige Versuchsdesign ansehen. Waren es früher noch „strukturierte“ Futtermittel, sind es heute Pellets als jeweiliges Versuchsfutter. Futtermittel, deren Komponenten fein vermahlen werden. Es gibt auch Untersuchungen darüber, wieviel „Rohfaser“ für ein Kaninchen eigentlich gesund ist. Man wird finden, dass 16% eigentlich harte Kante und geeignet sind, die Darmschleimhaut nachhaltig zu schädigen. Aber es geht nicht anders, weil die fehlende Struktur mit mehr „Rohfaser“ ausgeglichen werden muss. Als in Frankreich eine Seuche in Form entzündlicher Darmerkrankungen auftrat und später auch auf Deutschland übergriff, waren französische Wissenschaftler erstaunlich schnell mit einer möglichen Ursache zur Hand – nämlich der Rohfaser, also dem Dingens aus der 150 Jahre alten Analysemethode. Dazu muss man wissen, dass einige Grundstoffe für industrielle Fertigfutter wie z. B. Luzerne aus Frankreich kommen. Es wurde „gemutmaßt“, dass wohl der Begriff der „Rohfaser“ bestimmte Kohlenhydrate nur unzureichend für einen Nutzen oder Schaden in der Verdauung beschreibt und plötzlich konzentrierte man sich auf „Lignin“, „Cellulose“ und „Hemicellulose“. Mittlerweile gibt es sogar Empfehlungen für deren Gehalte in Futtermitteln und man lese und staune: die entsprechen fast denen in der natürlichen Nahrung von Wildkaninchen. Unfassbar und gewissermaßen ein Meilenstein in der Wissenschaft: es wurde festgestellt, dass das Verhältnis bestimmter Nahrungsstoffe, wie sie die natürliche Art frisst, auch für domestizierte Tiere gut ist. Ist das nicht unglaublich? Faszinierend? Umwälzend und völlig neu? Nein. Das Problem war schon recht lange bekannt und Verweise darauf sind somit zwangsläufig alt. Schon in den 1870er Jahren wusste man, dass die Zusammensetzung der Kohlenhydrate maßgeblich ist und nicht ein „Rohfaser“-Wert. In Deutschland ging das Thema mit Einführung industrieller Futtermittel völlig unter und bis heute wird behauptet, dass die Herstellung von Futtermitteln mit einer Einstellung des Kohlenhydratverhältnisses so gut wie unmöglich sei. Von deutschen Wissenschaftlern. Amtlich. Aus Frankreich kommen Empfehlungen, aber Deutschland sagt: Nein. Geht nicht. Sorry, tut uns leid. Wir machen nicht Fehlerprävention, sondern versuchen, die Krankheit und ihre Auswirkungen zu bekämpfen. Am besten mit einem Impfstoff.

In den 1960er Jahren wurde eine Analysemethode entwickelt, die eine Unterscheidung der Kohlenhydratfraktionen möglich macht. Darüber gibt es Fachliteratur und auch die Messtechnik wurde dahingehend entwickelt. Die wird von mir zitiert. Die Informationen sind also relativ alt. Das werden sie auch bleiben, weil nämlich deutsche Wissenschaftler diese Analysemethode gewissermaßen totschweigen. Aktuelle Promotionsarbeiten geben nach wie vor die „Rohfaser“ an. Die Industrie verweigert eine Einführung der Prüfmethode, die Politik fordert sie nicht und topaktuelle Veröffentlichungen geben immer noch die 150 Jahre alte „Rohfaser“ an. Auch Frau Meier stört das komischerweise nicht. Ich aber werde in meinen Veröffentlichungen immer den Urheber der besseren Prüfmethode und deren Sinnhaftigkeit angeben – das Veröffentlichungsjahr ist 1967. Und ich werde auch Kritiken an der veralteten Methode erwähnen – die stammen aus den 1870er Jahren.

Noch ein Beispiel: die gnadenlose Verteufelung des Getreides bzw. von Stärke geht zurück auf die Veröffentlichung einer bekannten Tierärztin, in der wahllos alles, was Getreide enthält, in einen Topf geworfen wurde. Angereichert mit einer unsinnigen „Feststellung“ zur Ernährung bzw. Nahrungserlangung von Wildkaninchen, die angeblich nur für eine sehr kurze Zeit und nur bedingt an Getreide/Stärke herankämen. Stärke ist ein Energiespeicher von Pflanzen und ist fast ganzjährig für Kaninchen aus den verschiedensten Pflanzensamen verfügbar. Sie haben sogar ihre Fortpflanzungszeit extra in die Zeit verlegt, in der diese Speicherstoffe zur Verfügung stehen. Das hat die Tierärztin, auch auf Nachfrage, gar nicht interessiert. Tierschützer griffen diesen Artikel begeistert auf, weil er ihr Ideologie in trefflicher Wiese bediente. Fakten interessierten und interessieren auch heute nicht. Frau Meier hatte jetzt endlich etwas in der Hand, was sie bestätigte – ganz ohne Studien, aber von einer Tierärztin. Ja, es ist wirklich so, denn dieser Artikel kommt gänzlich ohne Quellen aus und wird trotzdem bedingungslos angenommen. Jedes fachliche, mit Quellen belegte Argument aber, welches diesem unsäglichen Artikel widerspricht wird abgelehnt. Die Quellen sind zu alt, der Autor passt nicht, die Ergebnisse kommen von der Futtermittelindustrie, die Welt ist schlecht und sowieso ist alles nur solange gut, wie es einfach in Supermärkten, von einem durch den Tierschutz „zertifiziertem“ Futtershop oder von privaten Brezelbäckerinnen besorgt werden kann. Dann braucht es keine Studie. Dann ist alles gut.

Ausnahmslos alle aktuellen Fachbücher, -artikel, Studien, Dissertationen oder sonstige wissenschaftlichen Arbeiten kommen um ältere Quellen nicht herum. Die Frage ist, inwieweit diese noch erwähnt werden. Häufig gibt es eine sogenannte Spur, die man nur dann entdeckt, wenn man sich gut auskennt. Dann merkt man sofort, dass ein Argument aus einer bestimmten Quelle stammt, auch wenn sie nicht angegeben wird. Manchmal ist es einfach nur ein Wert, der einem die tatsächliche Herkunft verrät.

Dr. E. Böhmer gibt zum Beispiel in ihrem Buch zu Zahnerkrankungen von Kaninchen aus dem Jahr 2014 keine einzige Quelle an – außer ihre eigenen Arbeiten. Man könnte also davon ausgehen, dass all das, in dem Buch versammelte Wissen von ihr stammt und sie entsprechend zitieren und schon hätte man eine schöne, brandaktuelle Quelle. Ich weiß aber, woher viele Informationen aus ihrem Buch stammen. Also zitiere ich nicht sie, sondern die zum Teil sehr alten Originale. Aus meiner Sicht gehört es sich einfach so. Dafür erfahren wir aber in ihrem Buch, dass bei „kurzköpfigen“ Rassen angeborene Kieferverkürzungen relativ häufig vorkommen. Da sie keine Quelle für diese Behauptung angibt, bleibt einem auch die Möglichkeit versperrt, deren Wahrheitsgehalt nachzuprüfen. Wer ernsthaft daran interessiert ist, muss sich also selbst auf die Suche begeben und … wird nichts finden. Ich habe die Behauptung schon vor längerer Zeit überprüft. Es gibt bis heute keinen Beleg dafür. Im Gegenteil: es gibt Arbeiten, die das Gegenteil festgestellt haben. Für die Kurzkopftheorie dagegen gibt es keinen Beleg.

In einer Dissertation wurde z. B. in einer Versuchsreihe festgestellt, dass Methionin den pH-Wert des Harns senken kann. Offenbar war die Doktorandin von dem Ergebnis selbst so überrascht, dass sie es in der Zusammenfassung nicht erwähnt hat. Prompt wurde, wohl aus der Zusammenfassung, ihre Arbeit später in der Weise zitiert, dass Methionin bei Kaninchen auf den pH-Wert des Harns keinen Einfluss habe. Tja – Pech für diejenigen, die die aktuellere Arbeit lesen, denn sie erfahren jetzt nichts von dieser Wirkung. Und werden sie natürlich anzweifeln. Überhaupt möchte ich all jene, die sich gern mit Hilfe wissenschaftlicher Literatur informieren davor warnen, nur die Zusammenfassungen zu lesen. Noch schlimmer sind die in Mode gekommenen „Reviews“. Dabei handelt es sich um Auswertungen von vielen Artikeln zu einem bestimmten Thema. Um einen schnellen Überblick zu erhalten mögen sie vielleicht hilfreich sein, aber nicht, um über etwas Spezielles zu recherchieren. Natürlich ist es mühsam, jede Arbeit komplett zu lesen und die Ergebnisse auch noch zu verstehen, aber wenn man etwas ernsthaft betreiben möchte, kommt man nicht darum herum. Wenn ich mich heute zum Thema „arttypische“ Nahrung und Gesundheit des Kaninchens schlau machen wollte, wäre ich aber mit aktueller Literatur bereits von Beginn an gewissermaßen am Ende. Dafür braucht man auch ältere Literatur. Die Alten waren ja nicht dumm, sie hatten nur nicht manche Möglichkeiten von heute. Lesen Sie mal Literatur darüber, wie auch heute noch Bauern z. B. in der Schweiz oder Österreich ihren Tieren helfen, wenn der Tierarzt nicht gerade zwei Almen weiter eine Praxis hat.

Ich selbst habe eigentlich gar kein Interesse mehr an irgendwelchen, neuen Studien über Kaninchen, für die Tiere wochenlang in Käfigen hocken müssen, nur damit Frau Meier endlich ihr gewünschtes Ergebnis bekommt. Was aber nie der Fall sein wird, wenn man z. B. Getreide als eine Art Gift betrachtet. Dem hat die Natur einen Riegel vorgeschoben.

Kaninchen trinken lieber aus offen Näpfen als aus Nippeltränken, sie nehmen mit frischer Nahrung mehr Wasser auf als mit trockener, die Ca-Konzentration im Urin ist mit frischem Futter niedriger als mit trockenem - alles topaktuelle Studienergebnisse aus Laboren. Mit Signifikanzniveau, T-Test und allem Schnickschnack, der zu solchen Untersuchungen dazu gehört. Aber mal ganz ehrlich - wer braucht so etwas? Klingt das alles nicht irgendwie logisch?

Noch einmal kurz zum Getreide bzw. Stärke: wussten Sie, dass Stärke einen Einfluss auf die Harnsteinbildung hat? Und zwar im positiven Sinn die Bildung von Harnsteinen verhindern kann? Das wussten sogar schon die alten Chinesen, weshalb es in der „Traditionellen Chinesischen Medizin“ (TCM) einen Trunk gibt, der mit Stärke angereichert wird und somit bei Harnsteinleiden Abhilfe schafft. Verrückt, oder? Und wieder nix mit „aktuell“. Verantwortlich für die Wirkung sind so genannte „saure Mukopolysaccharide“ bzw. „Glykosaminoglykane“ (GAG). Leider gibt es für den Wirkungsmechanismus aber keine Studie als Nachweis für Kaninchen – keine alte und keine aktuelle. Was mache ich jetzt? Der Mechanismus ist ein rein grundlegender, chemischer, also auf Säugetiere anwendbar, aber es gibt keine Studie für Kaninchen. Blöd. Wissen Sie was? Ich behalte das jetzt einfach für mich und Sie verraten nicht weiter, dass Sie hier etwas gelesen haben, was eventuell Kaninchen zum Nutzen sein könnte. Weil ich nämlich keine Studie dafür habe und Getreide als giftig gilt. Somit bekommen Sie und ich keinen Ärger mit Frau Meier. Abgemacht? Vielen Dank!

Im nächsten Beitrag geht es dann aber wieder weiter mit den Futtermengen.  

* Frau Meier ist der Name einer fiktiven Person, die mit keiner toten oder lebenden Person verwandt, verschwägert oder verschwippschwägert ist. 

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