Sonntag, 5. November 2017

Futtermengen und Energie. Teil 2

Im vorigen Beitrag bin ich auf die Verdauliche Energie DE eingegangen, die die ursprüngliche Substanz (uS), eines Futters enthält und habe als Bedarf für das Kaninchen 1,2 MJ/Tag angenommen. Das ist ein mittlerer Wert aus typischen Empfehlungen in der Fachliteratur. Ich schrieb auch, dass es ein fataler Irrtum wäre anzunehmen, dass der Energiegehalt eines Futters und die nötige Aufnahmemenge dazu verleiten könnte anzunehmen, mit dem Kaninchen eine "Diät" zum Abnehmen durchführen zu können. Viele Halter sind mit dem Problem übergewichtiger Tiere konfrontiert und werden dann aufgefordert, ihre Tiere „kalorienarm“ z. B. mit Salaten zu ernähren. Von wem so was kommt, brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, aber warum das Unfug ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Leider ist das Thema etwas „trocken“, weil man halt herumrechnen muss. Wenn man das Prinzip aber einmal verstanden hat, lässt man bestimmte Internetseiten im Interesse seiner Tiere in Zukunft links liegen.

Normalerweise fressen Kaninchen „auf Energie“. Das heißt, sie nehmen von einem Futter mit allen benötigten Nährstoffen so viel auf, wie sie für die Deckung ihres Bedarfes an Energie brauchen. Diese natürliche Regulierung kann aber durch eine Reihe von Faktoren außer Kraft gesetzt werden. So funktioniert sie z. B. nur, wenn das Futter 9,0-9,5 MJ/kg TS oder mehr enthält. Ist der Energiegehalt geringer, wird die Aufnahme durch den physikalischen Faktor der Füllung des Magen/Darm-Traktes reguliert und begrenzt (Fekete, 1991; Gidenne, et al., 2010).

Bei Angaben zu Gehalten von Nährstoffen oder der Energie wird in der Tierernährung unterschieden zwischen solchen in der „Trockensubstanz“ (TS) und der „ursprünglichen“ bzw. „Frischesubstanz“ (uS). In der Trockensubstanz fehlt das Wasser, was Futtermittel direkt miteinander vergleichbar macht (siehe auch Rühle, 2017).

Im ersten Beitrag zur Energie habe ich die Futtermengen angegeben, die ein 2,5-kg-Kaninchen von verschiedenen, frischen (uS) Futtermitteln aufnehmen müsste, um seinen Bedarf von DE 1,2 MJ/Tag zu befriedigen. Wie gesagt: nur den Energiebedarf! Ich greife mir einmal die Mohrrübe und den Apfel aus der Tabelle heraus, die laut einer Tierschutz-Empfehlung gern täglich ohne Mengenangabe gefüttert werden dürfen: von Möhren müssten 716 g und von Äpfeln 520 g gefressen werden, um den Energiebedarf zu erfüllen, im Vergleich dazu wären von Wiesengras 577 g nötig. Das sieht eigentlich recht gut aus, denn im Mittel beträgt die nötige Menge von Äpfeln und Möhren 618 g. Mehr als Wiesengras. Das heißt eigentlich, dass das Kaninchen mit einem Gewicht von 2,5 kg mit diesen beiden Futtermitteln prima abnehmen könnte. Es muss ja mehr von Möhren und Äpfeln fressen, als von Wiesengras! Klingt perfekt. Noch etwas Heu dazu, weil das sein muss (warum auch immer) und dann passt das. Das würde auch die Darstellung einer Tierschutzseite erhärten, warum Kaninchen mit arttypischer Nahrung „dick“ werden, aber mit Alternativen nicht. Wunderbar. Statt sich den Buckel krumm zu machen und täglich frisches, arttypisches Futter zu beschaffen, kann man bequem und einfach im Supermarkt einkaufen und ist ein guter Mensch/Tierschützer/Tierhalter.

Leider, leider, leider hat die Natur der Bequemlichkeit ein Bein gestellt. Sie will es nicht „einfach“, sie will es tiergerecht. An dieser Stelle sei ausdrücklich bemerkt, dass ich nur der Überbringer der schlechten Nachrichten bin. Ich habe die Fakten nicht gemacht, sondern weise nur auf solche hin - unabhängig von Religion oder Ideologie. Beschwerden über die Fakten sind also an Mutter Natur zu richten.

Die Angaben zu den erwähnten Verzehrmengen bezogen sich auf die ursprünglichen, frischen Futtermittel. Um die folgenden Erklärungen zu verstehen, muss man einen Blick auf die Gehalte der Verdaulichen Energie DE in der Trockensubstanz werfen.

Tabelle 1: Gehalte an Verdaulicher Energie DE verschiedener Futtermittel und Verzehrmengen (frisch in g uS/Tag und Trockensubstanz in g/TS/Tag), aufsteigend sortiert nach der Aufnahme von Trockensubstanz in g TS/Tag


Unser Beispielkaninchen mit einem Gewicht von 2,5 kg frisst am Tag theoretisch eine Trockensubstanzmenge von ungefähr 100-120 g, was etwa 4% seines Körpergewichtes entspricht. Mit Wiesengras müsste es 115 g Trockensubstanz fressen, um auf den benötigten Gehalt an Verdaulicher Energie DE zu kommen, mit Möhren und Äpfeln aber nur ca. 80 g.

Mit anderen Worten: mit Möhren und Äpfeln muss das Kaninchen weniger „Substanz“ aufnehmen, um auf den benötigten Energiegehalt zu kommen. Das entlarvt einerseits das Argument der nötigen Versorgung mit Gemüse für „schlankere“ Tiere der erwähnten Tierschutzseite als groben Unfug, andererseits wird damit klar, dass dem Kaninchen die „Substanz“ (20%) fehlt, in der nämlich neben der Energie noch andere, wichtige Nährstoffe stecken. Seinen Energiebedarf hat es ja bereits gedeckt. Wenn es jetzt mehr von Möhren und Äpfeln fressen würde, um auf den Trockensubstanzgehalt von Wiesengras zu kommen, würde sich ja auch die Energieaufnahme erhöhen. 

Noch einmal mit ganz einfach Worten: mit Möhren und Äpfeln nehmen Kaninchen große Mengen Wasser auf. Die Nährstoffe (und Energie) stecken aber in der Trockensubstanz. Mit Möhren und Äpfeln ist die Aufnahme an Trockensubstanz im Vergleich zur arttypischen Nahrung geringer. Um die Differenz auszugleichen, müssten sie mehr Möhren und Äpfel als Wiesengras fressen. Damit wäre aber auch die Energiemenge größer. 

Weiter geht es im nächsten Beitrag ...

Quellen:
  • Fekete, S. 1991. Neuere Erkenntnisse zur Verdauungsphysiologie des Kaninchens. Übers. Tierernährg. 1991, 19, S. 1-22
  • Gidenne, T., Carabaño, R. und García, J., de Blas, C. 2010. Fibre Digestion. [Hrsg.] C. de Blas und J. Wiseman. Nutrition of the Rabbit. 2nd. Ed. Wallingford (UK). CAB International, 2010, S. 66-82
  • Rühle, A. (2017): Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit. Norderstedt: BoD. ISBN 978-3743117990

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