Montag, 21. Juni 2021

Qualität und Quantität (2)

Wenn man sich mit der Ernährung von Heimkaninchen beschäftigt, sind vor allem folgende Fragen interessant:

  1. Was fressen Wildkaninchen als natürliche Artgenossen der Hauskaninchen?
  2. Warum fressen Kaninchen das, was sie fressen? 

1. Was fressen Wildkaninchen

Für die Nahrung von Wildkaninchen finden sich Informationen, die weitgehend übereinstimmen. Demnach fressen sie vorwiegend frische Gräser und Kräuter sowie Laub, Zweige und Rinden verschiedener Bäume und Sträucher, Wurzeln, Baumnadeln, Pilze, Moose, Früchte sowie die Samen verschiedener Pflanzen. Diese Aufzählung ergibt sich daraus, was bei Wildkaninchen nachgewiesen wurde und spiegelt natürlich nicht zwingend die Hauptnahrung. Diese besteht in Europa weitgehend aus den jungen Trieben bzw. den grünen, frischen und jungen Blättern von Gräsern und Kräutern. Die folgende Grafik zeigt die Verteilung von Nahrungspflanzen von Wildkaninchen von Frühjahr bis Herbst und im Winter in Mitteleuropa. Die gemittelten Daten stammen von zwei Untersuchungsgebieten. (Homolka, 1985 und Homolka, 1988, siehe Literaturverzeichnis). Der Zeitraum "Frühjahr-Herbst" umfasst die Monate IV-XI, der "Winter" die Monate XII-III.

 

Von Frühjahr bis Herbst enthält die Nahrung der Wildkaninchen 92% frisches Grün, im Winter 77%. Dazu kommen noch jeweils 2% bzw. 16% Samen. Diese Komponenten ergeben in Summe jeweils für das Frühjahr bis Herbst 94% und für den Winter 93% der gesamten Nahrung. Der Rest sind dann jeweils die Komponenten, die in der Literatur auch für das aufgeführt werden, was Wildkaninchen fressen. Diese machen aber eben nur einen sehr geringen Anteil in der gesamten Nahrung aus. Damit hat sich theoretisch die Frage erledigt, was man Hauskaninchen "ad libitum" anbieten sollte und ich könnte den Beitrag an dieser Stelle beenden.

Die Nahrung des Wildkaninchens in Europa besteht im Jahr saisonabhängig zu über 90% aus verschiedenen, frischen Grünpflanzen (Gräser, Kräuter, Schößlinge) und zu ca. 4% aus Samen.

2. Warum fressen Kaninchen eine bestimmte Nahrung?

Evolutionär bedingt weist das Kaninchen einige Besonderheiten auf, die sich aus der Nahrung ergeben und diese bedingen. Die folgende Grafik zeigt eine vereinfachte Zeitleiste der wichtigsten evolutionären Ereignisse, die den Ursprung der Lagomorphen betreffen (aus Böhmer & Böhmer, 2017; Ausschnitt, Creative Commons Attribution (CC BY) license (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).

 
 
Auf Grund der Nahrung hat sich das gesamte Verdauungssystem des Kaninchens in Bezug auf die Morphologie entsprechend angepasst: der Darm ist sehr lang und besonders der Blinddarm weist eine enorme Größe auf. Das folgende Bild zeigt beispielhaft die Unterschiede des Verdauungssystems im Vergleich von einem Hund zu einem Kaninchen. 
 
 
Die Nahrung muss in einer bestimmten Zeit den Verdauungstrakt durchlaufen. In dieser Zeit müssen im Dünndarm alle Nährstoffe resorbiert und an die Zielorte transportiert werden. Dazu gehören essentielle Nährstoffe, die für den Aufbau und Erhalt des Körpers und seiner Funktionen sowie ein gut funktionierendes Immunsystem unabdingbar sind. 
 
Ein gewisser Teil dient der Darmperistaltik, also dem Transport der Nahrung und ein Teil muss im Blinddarm durch Bakterien "verarbeitet" werden, die ihrerseits über den Blinddarmkot einen Beitrag zur Versorgung des Kaninchens liefern. Stark vereinfacht bedeutet das, dass die Nahrung in ihrer Zusammensetzung sehr viele Voraussetzungen erfüllen muss, damit das Verdauungssystem wie ein Uhrwerk funktionieren kann. Dabei ist nicht vorrangig deren Menge entscheidend, sondern vielmehr die Qualität.
 
Für die Aufnahme und Zerkleinerung der Nahrung ist ebenfalls Zeit notwendig, zudem muss die Nahrung eine bestimmte Konsistenz aufweisen. Diese wirkt sich auf den Kaudruck aus, der wiederum für die Zahngesundheit eine wichtige Rolle spielt.
 

Ein Kurzer Blick zurück ... 

 

In der Haltung von Hauskaninchen haben sich im Vergleich zur natürlichen Nahrung der Wildkaninchen verschiedene Alternativen etabliert. Seit den 1950er Jahren werden in der Kaninchenzucht pelletierte Trockenfuttermittel durchgesetzt. Mit dem Erstarken des Tierschutzes wurden diese in der Fütterung von Heimkaninchen nicht akzeptiert und durch andere Alternativen wie (verstärkt) Heu und Gemüse ersetzt. In den letzten Jahren wurden diese Alterantiven auch von Tierärzten propagiert, was eine größere Akzeptanz bei Kaninchenhaltern erzeugte, diese Alternativen in der Fütterung zu nutzen.

2008 habe ich mit meiner Webseite versucht, diesen Trend für Heimtierhalter zurück zu altem Wissen über die natürliche Nahrung und der Fütterung des Kaninchens zu lenken und 2009 ein Buch darüber veröffentlicht. Anfängliche Widerstände aus dem Tierschutz wie auch von Züchtern wurden bald durch positive Erfahrungsberichte von Kaninchenhaltern überlagert und meine Darstellungen fanden größere Verbreitung. Leider gab es dann auch hier wieder einige Abwege, die durch ein falsches Verständnis von Zusammenhängen und einem fehlendem Hintergrundwissen eher geeignet sind, in die Irre zu führen. Denn jede Umdeutung führt unweigerlich wieder zu den gleichen Problemen, die schon vorher bestanden. Aus diesem Grund schrieb ich 2017 ein weiteres Buch, welches sich ausschließlich mit der Ernährung, deren Nutzen und mögliche Auswirkungen auf Kaninchen beschäftigt.

Ein Hauptproblem stellen die Mengen und die Beschaffung der arttypischen Nahrung dar. Es wurden und werden ganz verschiedene Argumente genannt, warum das Sammeln grüner Pflanzen nicht möglich sei: die Wohnsituation, Verfügbarkeit grüner Flächen in der Umgebung, fehlende Zeit, Angst vor "falschen" Pflanzen oder Angst vor der Einschleppung pathogener Keime. Das wird sich nie ändern und deshalb sucht man nach Alternativen. 

Weil das Kaninchen Pflanzenfresser ist, wird allgemein angenommen, dass man die arttypische Nahrung weitgehend durch andere pflanzliche Futtermittel ersetzen kann, selbst durch offensichtlich minderwertige. So sieht die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) z. B. offenbar keinen allzu großen Unterschied zwischen getrockneten und frischen Grünpflanzen: "Grundfutter für Kaninchen sind frische oder getrocknete Pflanzenteile (frischer Wiesenschnitt bzw. hochwertiges Heu)." (TVT, 2019; Hervorhebung A. R.)

Das Merkblatt der TVT, 2019 wurde von einem "Sachverständigengremium" zur Darstellung der Bedürfnisse dieses Heimtieres vor dem Hintergrund der Anforderungen des § 2 TierSchG erstellt. Wenn das in der "Präambel" nicht ausdrücklich erwähnt worden wäre, hätte ich angenommen, dass es von einer Tierschutziniative erstellt wurde. So passt z. B. auch die Erklärung in dem Merkblatt, dass Trockenfutter nur nach Rücksprache mit dem kaninchenkundigen Tierarzt in Zeiten erhöhten Energiebedarfs (Trächtigkeit, Laktation, Rekonvaleszenz und Minusgrade bei Außenhaltung) notwendig werden können.

Weitere Alternativen können Gemüse und Obst sein. Von einigen Haltern werden noch Stroh und Äste in der Ernährung aufgeführt.

Nur wenigen außerhalb der organisierten Kaninchenzucht wird bekannt sein, dass viele Kaninchenzüchter trotz des Aufkommens der Trockenfutter eine ganz ähnliche Ernährung von Kaninchen präferieren, wie sie heute von der TVT, Tierschützern oder Tierhaltern propagiert wird. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Artikel von W. Krause in der Zeitschrift "Deutscher Kleintier Züchter", Ausgabe "Kaninchen" aus dem Jahr 1981:


Anmerkung: bei "Hackfrüchten" handelt es sich z. B. um Kartoffeln, Rübengewächse sowie Feldgemüse wie Kohl und Ackerbohnen. Als "Kraftfutter" wurden z. B. Getreide, Saaten bzw. Produkte aus diesen, Zuckerschnitzel, Treber und Malzkeime bezeichnet.

Das Heu als "Brot des Kaninchens" aus dem Jahr 1981 ist im Prinzip das gleiche, was noch 2009/2010 an der LMU München als "wichtigstes Element der Ernährung" von Herbivoren gelehrt wurde: "Heu, Heu und noch mal Heu" (LMU, 2009). 

Im Prinzip enthalten die heutigen Empfehlungen für die Ernährung von Kaninchen, von wem auch immer, die gleichen Komponenten, wie sie auch früher in der Mast und Zucht von Kaninchen eingesetzt wurden. Der einzige Unterschied ist die Frage, ob Kraft- bzw. Trockenfutter, wie sie heute üblich sind, dazugehören. Dieser Unterschied wird teilweise dadurch aufgeweicht, dass verschiedene "Saaten" rationiert empfohlen werden. Auch industrielle Trockenfutter sind mittlerweise wieder "erlaubt", solange sie nur getreidefrei sind und natürlich streng rationiert angeboten werden - also nicht "ad libitum".

Fortsetzung folgt ...

Teil 1

Literatur und Quellen

Böhmer, C., & Böhmer, E. 2017. Shape variation in the craniomandibular system and prevalence of dental problems in domestic rabbits: a case study in evolutionary veterinary science. Veterinary sciences, 4(1), 5.
 
Krause, W. 1981. Deutscher Kleintier Züchter. Ausgabe Kaninchen. 90(4) 

LMU, 2009. Vorlesungsunterlagen der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). WPF Heimtierkrankheiten WS 2009/2010 (privat archiviert)

TVT, 2019. Merkblatt Nr. 157 - Heimtiere: Kaninchen. Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz, Stand September 2019. https://www.tierschutz-tvt.de/alle-merkblaetter-und-stellungnahmen/?no_cache=1&download=TVT-MB_157_Heimtiere-Kaninchen_09.2019.pdf&did=38




Freitag, 11. Juni 2021

Qualität und Quantität

Am Ende meines letzten Artikels schrieb ich, dass ich immer versuche, auch aus unangenehmen Dingen noch etwas Positives zu ziehen. In diesem Beitrag soll es nun um ein Verständnis für zwei Begriffe gehen, die eine gute Fütterung ausmachen: Qualität und Quantität.

Eine Definition für den Begriff "Qualität" findet sich z. B. in der DIN EN ISO 9000:2015-11, Qualitätsmanagementsysteme - Grundlagen und Begriffe:

Aus der "Qualität" folgt also, in welchem Maße z. B. die Nahrung den bestehenden Anforderungen an die jeweiligen Bedarfe des Kaninchens entspricht. Die Qualität kann demgemäß gut oder schlecht sein.

Der lateinische Begriff "quantitas" bezeichnet einfach die Menge bzw. Anzahl betrachteter Stoffe, Objekte, Subjekte oder Ereignisse und wird im Deutschen "Quantität" genannt. Wird die Quantität bzw. Menge auf ein bestimmtes Maß beschränkt, spricht man von einer "Ration" oder auch "Portion". In Tierversuchen wurde und wird in der Methodik betreffs der Ernährung während der Versuche zwischen "rationiert" und "ad libitum (ad lib)" unterschieden. Letzteres bedeutet, dass ein Futter oder Wasser unbegrenzt zur freien Verfügung bereitgestellt wurde.

Auf einer Webseite findet sich eine besondere Form der Kaninchenfütterung: die sogenannte "ad libitum Ernährung". Das ist auch die häufigste Bezeichnung, die mir in Beratungen begegnet: "Ich mache die 'ad libitum Fütterung', wie sie auf www.wir-nehmen-ihnen-das-denken-ab.de beschrieben wird, trotzdem sind meine Kaninchen krank!". Wenn man etwas tiefer bohrt, offenbaren sich die logischen Brüche, die sich hinter dieser "Ernährungsform" verbergen.

Zunächst einmal folgende, prinzipielle Feststellungen:

  • Wenn man etwas "rationiert" anbietet, muss das noch lange nicht schlecht sein - nämlich dann, wenn die Qualität der Ration sehr gut ist und sie allen Anforderungen an Bedarfe von Kaninchen gerecht wird.
  • Ist das Futter qualitativ schlecht im Sinne der Erfüllung von Bedarfsanforderungen des Kaninchens, nutzt auch eine "ad libitum Ernährung" nichts. Wenn beispielsweise essentielle Amino- und/oder Fettsäuren in den ad libitum dargebotenen Futterkomponenten fehlen, kann das nicht durch eine große Quantität bzw. Menge ("Futter darf nicht alle werden") ausgeglichen werden.
Die Qualität des Futters entscheidet über einen Nutzen für das Kaninchen. Eine rationierte, gute Qualität ist wertvoller als ein unbegrenztes Angebot von schlechter Qualität.  

Wenn beim Kaninchen auf seine Selektionsfähigkeit abgestellt wird, die es ihm ermöglichen würde, aus einer unbegrenzten Menge Futter auszuwählen, was es mag und braucht, muss das in dieser Futtermenge auch vorhanden sein. Ansonsten nutzt ihm seine Selektionsfähigkeit nichts.

Beispiel: auch heute noch gibt es Tierärzte, die der Meinung sind, Heu und Wasser ad libitum könnten ein Kaninchen adäquat ernähren - es frisst ja noch seinen Blinddarmkot, der einige wichtige Stoffe enthält. Wenn man jedoch essentielle Nährstoffe betrachtet, ergibt sich schon rechnerisch ein Defizit, zudem haben auch Versuche gezeigt, dass das nicht möglich ist. Siehe dazu z. B. Joppich, 1967, der auch "schiefe Kopfhaltungen" bei Kaninchen auf Grund der Mangelernährung mit Heumehl + Supplementen beschrieb. Nach dem Ersatz des Heumehls durch frisches Grün (Löwenzahn, Timothy und Quecke) verbesserte sich der Gesundheitszustand der Tiere. Das sollte man auch im Hinterkopf behalten, wenn z. B. Tierärzte von einem Grundfutter in Form von "Heu/Grünfutter" schreiben, als wären Heu und Grünfutter dasselbe.

Auf der erwähnten Webseite wird also die "ad libitum Ernährung" beschrieben und mit Bildern versehen: 

  • im Sommer sitzt das Kaninchen auf einer Wiese und 
  • im Winter bilden die "tragenden Säulen" dieser Ernährung Stroh, Zweige, Laub, Trockenkräuter, Heu, Wasser, Gemüse, Kräuter und Obst. (Kräuter gibt es auf der Wiese im Winter nur marginal, also werden wohl Küchenkräuter gemeint sein, die gekauft werden müssen).

Weitere Erklärungen klingen dann wie das  Paradies auf Erden für Kaninchen, wenn sie denn so ernährt werden würden. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings in Bezug auf "Saaten" - die sollten nur "streng rationiert" verüttert werden. Also ist die "ad libitum Ernährung" eigentlich nur eine Teil-ad-libitum-Ernährung. Dann gibt es noch einen weiteren, kleinen Wermutstropfen: es existiert noch eine "Gemüseliste" mit Ampelsystem. In meinen weiteren Betrachtungen gehe ich aber nur auf die mit "grün" gekennzeichneten Gemüsesorten ein, weil nur diese offenbar "ad libitum", also ohne Einschränkungen gegeben werden können. Stroh und Zweige als "tragende Säulen" der Ernährung von Kaninchen zu bezeichnen, halte ich für sehr gewagt: Stroh kommt in der Natur nicht vor und Zweige bilden nur dann wie Stroh einen Teil der Ernährung, wenn nichts anderes mehr zur Verfügung steht oder das Kaninchen ein (gesundheitliches) Problem hat. Das Hauskaninchen gelegentlich daran nagen, hat nichts mit einer Ernährung im Sinn der Erfüllung von Nährstoffbedarfen zu tun.

In meinem ersten Buch "Kaninchen würden Wiese kaufen" aus dem März 2009, welches zur Zeit überarbeitet wird, gehe ich u. a. in Bezug auf "ad libitum" folgendermaßen ein: "Im zeitigen Frühjahr (Anfang März) wird neben dem obligatorischen Heu und verschiedenen Gemüse mit täglich einer Handvoll frischem Grün begonnen. Die ersten Pflanzen sind Löwenzahn, Spitzwegerich, Wicke und verschiedene Gräser. Im Zeitraum von einer Woche steigert sich die Menge auf "ad libitum" und löst somit das Heu ab, dass nunmehr kaum noch gefressen wird, aber nach wie vor zur Verfügung steht. Ebenso nimmt die Akzeptanz von Gemüse immer mehr ab. Ab Mitte März/Anfang April wird fast ausschließlich frisches Grün, gelegentlich Trockenfutter und selten etwas Gemüse und Obst gefressen. ... Zusätzlich steht Trockenfutter aus natürlichen Komponenten zur Verfügung. Dabei handelt es sich um ein Alleinfuttermittel, dessen Bereitstellung sicherstellen soll, dass fehlende Bestandteile in der Hauptnahrung ergänzt werden können - und zwar nach Belieben und Bedarf." (S. 42, es handelt sich um ein kommerzielles Struktur-Alleinfuttermittel, dessen Zusammensetzung angegeben wurde). Prinzipiell hatte ich das auch auf meiner Webseite www.kaninchen-wuerden-wiese-kaufen.de beschrieben, die seit Dezember 2008 existiert.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass es im Unterschied zu den Aufzählungen der Webseite in meinem Buch eine zusätzliche Futterkomponente gibt: das Trockenfutter. Und das auch noch mit der deutschen Umschreibung "nach Belieben und Bedarf", also ad libitum. Dazu muss man wissen, dass man noch vor 12 Jahren vor allem von einigen Tierschützerinnen schon allein dafür öffentlich gesteinigt wurde, wenn man das Wort "Trockenfutter" in der Ernährung von Kaninchen überhaupt nur erwähnte. Der "Shitstorm" erreichte dann seinen regelmäßigen Höhepunkt, wenn das Trockenfutter auch noch Getreide enthielt. Zu meinem Erstaunen scheint heute im Tierschutz das Trockenfutter allgemein akzeptiert, solange es nur kein Getreide enthält. Für die Futtermittelindustrie sicher eine gute Gelegenheit, ihr Portfolio zu erweitern.

Der Grund, warum ich das damals schrieb, lag hauptsächlich an unserer Haltung und Fütterung: die Tiere lebten ganzjährig auf einer Wiese und wurden zusätzlich noch mit Wiesenpflanzen ernährt. Es hat sich gezeigt, dass die Tiere im Laufe des Jahres ihr Fressverhalten an die Verfügbarkeit grüner, frischer Pflanzen anpassten. Im Winter fraßen sie mehr von dem Trockenfutter, den Rest des Jahres so gut wie nicht mehr. Ebenso verhielt es sich übrigens mit Gemüse. Das gab es dann irgendwann überhaupt nicht mehr.

Ein immer wiederkehrendes Argument gegen Trockenfutter ist, dass man das, was diese enthalten, auch mit Alternativen geben könnte. Prinzipiell ist das richtig, ABER: dafür muss man wissen, wass die Alternativen enthalten, um ein getrocknetes Alleinfuttermittel adäquat ersetzen zu können. Dafür bedarf es noch grundlegender, mathematischer Fähigkeiten, um die Gehalte der Inhaltsstoffe aus- und umzurechnen, so dass man ein Trockenfutter erhält, welches "ad libitum" angeboten werden kann. Denn darum geht es ja bei der "ad libitum Ernährung".

Eine ähnliche Form der Gegenüberstellung verschiedener, möglicher Futtermittel für Kaninchen, wie ich sie in meinen Büchern biete, habe ich bisher auf noch keiner Webseite oder anderen Büchern gefunden. Es gibt zwar Unterstellungen zur Auswahl der verschiedenen Komponenten, aber nie eine sachliche Darstellung in der Form, dass man eine andere, begründete Auswahl vorstellt und zeigt, was sich mit dieser in Bezug auf die Qualität ergäbe. Wahrscheinlich ist man dazu nicht in der Lage.

Ein sehr wichtiger Punkt, der in der Betrachtung von Futtermitteln bedacht werden muss, ist die aufzunehmende Menge. Ein "ad libitum Ernährung" ist völlig sinnfrei, wenn ein Kaninchen gar nicht in der Lage wäre, aus dieser die benötigten Nährstoffe zu beziehen, wenn die Mengen zu groß sind, die dafür gefressen werden müssen. In meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" habe ich einige exemplarisch angegeben und den Weg vorgestellt, wie diese errechnet werden können. Die Menge, die ein Kaninchen fressen kann, ist auf natürliche Weise durch das Fassungsvermögen der Verdauungsorgane begrenzt. Prinzipiell frisst ein Kaninchen "auf Energie", das heißt stark vereinfacht, es frisst solange, bis sein nötiger Energiegehalt erfüllt ist. Dieser wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst.

Futtermenge    = Bedarf an Energie 

                        + Nährstoffe

                        + Mineralien 

                        + Vitamine

                        + Spurenelemente

                        + Sekundäre Pflanzenstoffe

                        + Wasser

Aus der Menge und den Gehalten der Futterkomponenten ergibt sich die Qualtität des Futters - es kann gut oder schlecht sein. Bestimmte Mängel kann das Tier durch eine begrenzte Mehraufnahme des Futters ausgleichen, zudem nimmt es noch den Blinddarmkot auf. Dieser kann aber vor allem den Bedarf an essentiellen Nährstoffen (Aminosäuren, Fettsäuren) nicht ausgleichen.

Ein Qualitätsmangel des Futters in Hinblick auf enthaltene Nährstoffe muss nicht unmittelbar zu einem Schaden führen. Je länger der Mangel aber anhält, umso wahrscheinlicher werden gesundheitliche Schäden für das Tier. Einige Schäden sind irreversibel, also selbst bei einem Wechsel zu einem qualitativ hochwertigen Futter nicht mehr umkehrbar bzw. rückgängig zu machen. Unmittelbare Schäden können z. B. Durchfälle oder Zahnfehler sein. Längerfristige Mangelzustände schädigen das Immunsystem und können zu ganz verschiedenen Krankheiten führen, die nicht einer Fütterung zugerechnet werden (z. B. Schnupfen, Abszesse, Encephalitozoonose etc.).

Soweit eine kleine Einführung zu einem Thema, welches sehr komplex ist und nicht durch eine simple "ad libitum Ernährung" gelöst werden kann. Warum nicht, sollen weitere Beiträge erklären.

Dienstag, 1. Juni 2021

Verschiedenes in eigener Sache

Meine Blogbeiträge wie auch ein Fachartikel zum Thema "Qualzucht" haben in verschiedenen Kreisen einige Wellen geschlagen. Obwohl ich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und ihre Ergebnisse eingegangen bin, gab es bisher keine einzige Rückmeldung, dass meine Darstellungen fachlich/sachlich falsch wären - weder von Haltern, Züchtern, Tierschützern, noch von Tierärzten. Sowohl mein Blog wie auch meine Facebookseite sind für jedermann offen, aber fachliche Kritik wurde dort noch keine hinterlassen.

Stattdessen fanden sich in sozialen Medien von verschiedenen Personen Beiträge wie z. B. diese in Facebook (Verlauf jeweils archiviert):

"Corona-Leugner", Widderohrentzündungs-Leugner und "Impfgegner" - das passt in die heutige Zeit, in der man Personen mittels "argumentum ad hominem" markiert, weil es an fachlichen Argumenten fehlt. Es geht nicht um eine Sache, sondern um die Person. Viola Schillinger, die das öffentlich gepostet hat, verantwortet u. a. auch die Inhalte nach dem TMG der Webseite "Kaninchenwiese".

Über was ich mich beim Lesen dieser "Kommentare" wunderte war, dass die Verantwortliche einer offenbar sehr erfolgreichen Webseite es nötig hat, so etwas ohne Belege zu posten. Über eine halbe Million Seitenaufrufe im Monat (Stand 25.5.2021)! Dort wird allerdings nichts über meine angeblichen, üblen Machenschaften mitgeteilt. Dafür nutzte V. Schillinger zwei Facebook-Gruppen, über die sie immerhin theoretisch jeweils über 4.000 Mitglieder (Stand 25.5.2021) erreicht. 

Viola Schillinger nutzt also bewusst fremde Plattformen, um über mich zu "berichten". Im Fall einer Anzeige (Verleumdung) und Unterlassungserklärung + Schadensersatzklage (ich bin freier Journalist) würde sie somit andere schädigen, aber nicht ihrer eigenen Webseite.



 

 Laut Selbstauskunft hat Viola Schillinger an der Tiermedizinischen Fakultät der LMU München Tiermedizin studiert.

Eine Tierärztin hat mir mal ganz allgemein ein tiefes Misstrauen gegenüber Tierärzten bescheinigt. Dazu nur so viel: es gibt Menschen, denen ich aus rein fachlichen Gründen nicht traue und es gibt Menschen, denen ich aus charakterlichen Gründen misstraue. Tierärzte sind auch nur Menschen. Ein Misstrauen aus fachlichen Gründen folgt meist entweder aus eigenen Erfahrungen oder auf Grund von Veröffentlichungen von Tierärzten. Wenn z. B. eine Tierklinik merkwürdige und falsche Inhalte von einer privaten Webseite ausdrücklich begrüßt, wird das ganz sicher nie die Klinik meines Vertrauens werden. Wenn ein Mensch verbale Attacken gegen einen anderen führt, ohne dass dieser davon weiß und dafür z. B. fremde Facebook-Gruppen nutzt, ist das aus meiner Sicht - nun ja, nicht gerade die "feine Art" und eher ein Einblick in den Charakter eines Menschen, dem man besser nicht vertraut.

Man kann für Diskussionen natürlich auch Medien nutzen wie Internetforen, weil dort jeder die Argumente der Diskutanten nachvollziehen kann. Oder man begegnet sich auf Wikikpedia, weil man Inhalte ändern möchte. Dafür gibt es die Diskussionseite des jeweiligen Artikels, wie z. B. den von "Widderkaninchen". Dort wurde vor einiger Zeit der Versuch unternommen, Inhalte der Webseite "Kaninchenwiese" mit einem Link dorthin unterzubringen. Nach vielen Behauptungen und eingestreuten, persönlichen Angriffen in der Diskussion war der Versuch Geschichte - auf jede Behauptung wurde mit einem sachlich begründeten Argument eingegangen, was die Administration der Wikipedia recht schnell dazu bewog, die Änderungen zu akzeptieren. Der Vorteil dort ist, dass die Moderation objektiv ist, also unparteiisch.

Das bringt mich geradewegs zu den "Studien". Viola Schillinger scheint entgangen zu sein, dass ich genau die Studien auswerte und darüber schreibe, die von Tierschützern und Tierärzten als Beleg für Irgendetwas dienen sollen und auf die ich extra hingewiesen werde. Sonst würde ich ja an bestimmten Desinformationen vorbeischreiben. Das mache ich übrigens auch mit irreführenden oder gar falschen Behauptungen von Wissenschaftlern. Diese wurden nach vorheriger Begutachtung durch Tieräzte oder andere, fachlich versierten Personen mittels "peer review" in Fachzeitschriften veröffentlicht. Meine Beiträge sind immer ausführlich begründet, weil es bei meiner Kritik auch um Darstellungen respektabler Personen wie Doktoren oder Professoren geht. Kurz gesagt: die Begründung meiner Kritik muss immer hieb- und stichfest sein.

Im Folgenden ging es in den Facebook-Einträgen der Viola Schillinger dann noch um Unterstellungen im Zusammenhang mit Gemüsesorten, die ich immer jeweils so auswähle, dass sie zu meiner Argumentation passen würden. Auch hier ist ihr etwas Entscheidendes entgangen: in der Regel gehe ich auf Empfehlungen respektabler Personen ein, die auch von Haltern, Züchtern, Tierschützern oder Tierärzten akzeptiert werden. In meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" ist es z. B. die Empfehlung von Dr. Ewringmann aus ihrem Buch "Leitsymptome beim Kaninchen" aus dem Jahr 2010. In der Neuauflage 2016 wurde die Empfehlung etwas geändert: bei Gemüse sind noch Fenchel, Wirsing, Spitzkohl, Weißkohl und Wurzelpetersilie dazugekommen, die Menge von "etwa 1/3 der Frischfutterration" ist geblieben. Natürlich beziehen sich in meinem Buch etwaige Analysewerte und Berechnungen auch auf die angegebenen Gemüsesorten der Tierärztin, denn es geht ja darum zu zeigen, was bestimmte Empfehlungen bedeuten. Die Gemüsesorten wurden also insofern von mir ausgewählt, dass ich sie von der Tierärztin übernommen habe..

Eine weitere Betrachtung habe ich hier im Blog ebenfalls anhand von Empfehlungen von Dr. Ewringmann, 2010 zum Thema der Prophylaxe von Urolithiasis getätigt, sie ist also jederzeit nachvollziehbar. Dort geht es um andere Gemüsesorten als in der Futterrationsempfehlung, aber auch diese Auswahl stammt nicht von mir, sondern von der Tierärztin.

Interessant ist der letzte "Kommentar", dass man selbst alles nachrechnen solle. Viola Schillinger ist dazu offenbar nicht in der Lage, sonst könnte sie ja an einem einfachen Beispiel zeigen, was sie meint. An dieser Stelle nur so viel: für Gemüse Bruttoenergiegehalte anzugeben, ist völlig sinnfrei. Außerdem ist die Maßeinheit für die Energie schon seit etwas längerer Zeit nicht mehr die "Kalorie", sondern "Joule". Schließlich ist die Angabe von Gehalten für "Kohlenhydrate" ebenfalls völlig sinnfrei, weil in der Tierernährung dafür andere Analysemethoden genutzt werden. Werte, die aus irgendwelchen, nicht angegebenen Quellen wiedergegeben werden, sind in der Regel nicht vergleichbar. Im Vergleich dazu liefere ich beispielhaft in meinem Buch zur Ernährung von Kaninchen nachvollziehbare Werte mit Quellenangaben und entsprechende Wege, Darstellungen rechnerisch nachvollziehen zu können. Damit ist der Leser in der Lage, unabhängig eigene Berechnungen anzustellen.

Auf der Webseite der Autorin "Kaninchenwiese" findet sich eine Unterseite "Ernährungsformen" (Stand: 22.5.2021), auf der eine "Ad libitum-Ernährung" vorgestellt wird. Diese offenbart das ganze Dilemma mit alternativen Futtermitteln. Ich kenne das deshalb, weil ich a) der Autorin schon vor langer Zeit versucht habe zu erklären, warum das falsch ist und b) sich viele Halter bei mir melden, weil sie Probleme mit ihren Tieren haben und mir erklären, sie hätten doch alles richtig gemacht, weil es so auf "Kaninchenwiese" stehen würde. Diese Webseite scheint ein neues Dogma zu sein.

Die Unzufriedenheit mit Empfehlungen, die in Krankheiten münden, ist natürlich nachvollziehbar. Das Problem dabei ist, dass ich als letzter in der Kette um einen Rat angefragt werde. Oft ist das jeweilige Gesundheitsproblem bereits weit fortgeschritten und der Halter extrem frustriert, weil das Tier weiter leidet und er inzwischen auch viel Geld ausgegeben hat. Wenn ich dann immer wieder als Quelle für die bisher befolgten Empfehlungen den Namen einer Webseite höre, hilft dem Halter zwar mein lautloses Fluchen nicht, aber bisher haben wir es immer noch irgendwie hinbekommen. 

Wenn ich jemanden berate, ist meine erste Forderung immer, dass er für die Zeit meiner Beratung keine Webseiten über Kaninchen mehr liest - egal, was ich ihm empfehle. Das ist der Deal. Deswegen war es mir auch so wichtig, den Beitrag in der Wikipedia über "Widderkaninchen" zu korrigieren, weil mir sonst ständig anhand dieser "Enzyklopädie" erklärt worden wäre, weil es dort steht, muss es doch richtig sein. Nein, das muss es nicht. 

Mein Anliegen ist es nicht, Menschen beim Denken zu betreuen - es sei denn, jemand wünscht es ausdrücklich. Jeder soll sich dort informieren, wo er meint, die besten Informationen für sich zu bekommen. Wer diese Informationen liefert ist mir egal, es geht um ihren Inhalt. Dieser kurze Beitrag ist eher eine Ausnahme als Reaktion auf diffamierende Äußerungen zu meiner Person in der Öffentlichkeit, über die ich informiert wurde.

Eine meiner Devisen lautet, dass alles Schlechte auch immer etwas Gutes hat. Deshalb werde ich nach diesem Beitrag, der nur ein Verständnis für folgende Beiträge liefern soll, noch einmal auf verschiedene Aspekte eingehen, die ich hier kurz angeschnitten habe.

Sonntag, 4. April 2021

Darmerkrankungen des Kaninchens

Die Geschichte eines Puzzles
Eines der größten Probleme in der Haltung von Kaninchen stellt die Etablierung und Erhaltung ihrer Darmgesundheit dar. Im Vergleich zum Menschen vergeht beim Kaninchen die Zeit von der Geburt über das Aufwachsen hin zum erwachsenen Tier rasend schnell. Fehler in der Haltung und Fütterung, die sich über Tage oder Wochen hinziehen, sind nur noch selten zu korrigieren. Sie beginnen in der Regel schon vor der Geburt durch die Auswahl der Elterntiere und setzen sich fort durch ein falsches Verständnis für die Bedürfnisse der Tiere. Wenn man der aktuellen Literatur folgt, gewinnt man den Eindruck, dass seit 1997 eine neue Erkrankung in Kaninchenmast und -zuchtbeständen wie auch vereinzelt in Heimtierhaltungen Einzug gehalten hat, die früher „Mukoide Enteropathie“ (ME) und heute „Epizootic Rabbit Enteropathy“ (ERE) genannt wird.

Der folgende Artikel handelt in aller Kürze von einer langen Geschichte scheinbar verschiedener Leiden, denen Kaninchen ausgesetzt sind - geändert haben sich aber oft nur ihre Begrifflichkeiten.

Allgemeine Definitionen
Als „Krankheit“ werden Störungen der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen bzw. objektiv feststellbaren körperlichen, geistigen bzw. seelischen Veränderungen verstanden. 

 „Enter-“ bildet einen Wortteil aus dem Griechischen mit der Bedeutung „Darm“ bzw. „Eingeweide“. 

Als „Enterocolitis“ wird eine Entzündung des Dünn- und Dickdarms bezeichnet, die am häufigsten durch bakterielle oder Virusinfektionen verursacht wird. 

Bei „Enteritis“ handelt es sich um eine Darmentzündung bzw. eine entzündliche Erkrankung des Dünndarms, die bei Mitbeteiligung des Magens „Gastroenteritis“ und bei einer Beteiligung des Dickdarms „Enterokolitis“ genannt wird. 

Mit „Enteropathie“ wird ganz allgemein eine Darmerkrankung bezeichnet (Pschyrembel, 2001). 

Mukoid“ leitet sich aus dem griechischen Wort „Mucus“ für Schleim ab. 

Unter der „Ätiologie“ versteht man die Ursache der Erkrankung und unter „Pathogenese“ die Gesamtheit der Faktoren, die ursächlich zu einer bestehenden Krankheit geführt haben. Sind mehrere Ursachen für eine Krankheit ursächlich, spricht man auch von einer „multifaktoriellen“ Ätiologie.

Ein Puzzle und seine Teile
1976 setzte sich Whitney in einem Artikel mit der „unspezifischen Enteritis“ beim Kaninchen auseinander und teilte sie in drei Klassen ein:

  • Enteritis mit bekannter Ätiologie, einschließlich Kokzidiose, Helminthiasis (Wurmerkrankung), Salmonellose und infektiöse, diphteroide Enteritis.
  • Enteritis mit unbekannter Ätiologie einschließlich Schleimhautentzündung, Typhlitis (Blinddarmentzündung), Impaktion (Verstopfung), sowie hämorrhagische und nicht-hämorrhagische Enteritis. Diese Erkrankungen wurden vom gleichen Autor, Whitney 1970, auch als „Enteritis-Komplex“ bezeichnet.
  • Erkrankungen mit unsicherer Ätiologie, die eng mit dem Enteritis-Komplex verwandt sind, aber mit einer Infektion mit Clostridium perfringens oder Escherichia coli einhergehen.

Vermutet wurde, dass die Krankheiten des „Enteritis-Komplexes“ wahrscheinlich multifaktoriell verursacht sind.

Meshorer berichtete 1976 von Ausbrüchen einer „Mukoiden Enteritis“ in der konventionellen Zucht des Weizmann Institute of Science in Israel. Es wurde davon ausgegangen, dass das Vorhandensein großer Mengen von Escherichia coli (E. coli) im Darmtrakt von Kaninchen eine Voraussetzung für die Entwicklung der mukoiden Enteritis war. Nach Zugabe von Antibiotika im Futter (Pellets) der Tiere verschwand innerhalb von 3 Monaten nach Beginn der Behandlung die Erkrankung in der Kaninchenkolonie allmählich. Diese Technik wurde weitere 4 Jahre angewendet, ohne das ein einziger Fall von Mukoider Enteritis mehr auftrat.

1977 fanden Cantey & Blake den E. coli-Stamm RDEC-l als ätiologisches Agens für Durchfallerkrankungen bei Kaninchen. Die klinische Erkrankung war der, durch enterotoxische E. coli beim Menschen in Bezug auf Inkubationszeit, Dauer der Diarrhöe und Abwesenheit von polymorphkernige Granulozyten im Kot recht ähnlich. Der Stamm RDEC-l ist hoch virulent, eine Schlussfolgerung, die durch die Tatsache gerechtfertigt war, dass bereits 150 Bakterien in der Lage waren, Durchfall zu produzieren.

1981 veröffentlichten Patton & Cheeke einen kurzen Warnhinweis („precautionary note“), der sich auf Empfehlungen des Rabbit Research Center der Ohio State University für höhere Rohfasergehalte in Futtermitteln bezog, um die "Enterotoxämie" (perakut verlaufende Vergiftungen im Darm durch Bakterien), eine der vielen Ursachen für Enteritis bei Kaninchen, zu bekämpfen. Die Autoren beschrieben Fälle, in denen Muttertiere als auch Jungtiere begannen, das Futter zu meiden, einen gallertartigen Stuhlgang zu entwickeln, große Mengen Wasser zu trinken und mit den Zähnen zu knirschen. Die Tiere starben innerhalb weniger Tage. Post-Mortem-Untersuchungen zeigten bei den meisten eine Verstopfung im Verdauungstrakt. Entweder hatten die Kaninchen ein sehr ballaststoffreiches Futter erhalten (22% und mehr) oder ein Futter mit einen mäßigen Ballaststoffgehalt (15-20%) und zusätzlich Heu, Stroh oder anderes, faserreiches Material. Kaninchenzüchter sollten bei einem Ausbruch von „Mukoider Enteritis“ (ME) deshalb sofort damit beginnen, den Fasergehalt in ihrem Kaninchenfutter zu untersuchen.

Lelkes & Chang, 1987 untersuchten den Blinddarminhalt von normalen Kaninchen und solchen, die an ME erkrankt waren. Kaninchen mit ME wiesen durchweg eine dramatische Zökaldysbiose auf, also eine Fehlbesiedelung des Blinddarms mit Bakterien. Zökale pH-Messungen bei normalen jungen und erwachsenen Kaninchen zeigten, dass die pH-Werte bei jungen Kaninchen grundsätzlich niedriger waren und häufig niedrig genug lagen, um mikrobielle Veränderungen zu induzieren.

Kötsche & Gottschalk lieferten 1990 recht umfangreiche Beschreibungen verschiedener Darmerkrankungen, über die mit der Schaffung größerer Kaninchenbestände im zunehmenden Maße insbesondere bei Jungtieren berichtet wurde. Unter „Infektiöse Magen-Darm-Entzündungen“ wurden diese „infektiösen Gastroenteritiden“ auf Grund des durch Durchfälle gekennzeichneten klinischen Bildes auch als „akute Dysenterien“ bezeichnet und folgendermaßen eingeteilt:

  • infektiöse Magen-Darm-Entzündungen
  • Mukoide Enteritis
  • diphteroide Dünndarmentzündung
  • diphteroid-nekrotisierende Typhlitis (Tyzzersche Krankheit)
  • Clostridien-Enterotoxämie.

Als weitere zählten Rodentiose, Salmonellose, Rotavirusinfektion, Chlamydienenteritis sowie Campylobacterinfektion dazu. Auf Grund einiger Besonderheiten wurde die „Mukoide Enteritis“ von der eigentlichen „Dysenterie“ abgegrenzt: „Sie tritt im Gegensatz zu dieser überwiegend bei erwachsenen Kaninchen auf und steht in enger Beziehung zu Fütterungs- und Haltungsfehlern. Charakteristischer Befund ist die bei der Zerlegung festzustellende ausgedehnte mukoide Infiltration der Dickdarmwandungen. … der überwiegende Teil der Fälle wird im Spätherbst und Winter beobachtet und steht in erster Linie mit Fütterungs-, daneben auch mit Haltungsfehlern im Zusammenhang.“ (Kötsche & Gottschalk, 1990).

In einer Studie von Chiou & Chang, 1994 wurde der Einfluss von Ballaststoffkomponenten (Cellulose, Pektin, Lignin und Luzerne) u.a. auf die Darmstruktur von 9 Wochen alten Hauskaninchen untersucht. Verschiedene Faserkomponenten beeinflussten die Höhe der Zotten und die Dicke der Muskelschicht des Jejunums und des Dickdarms sowie die Kryptentiefe des Duodenums und des Ileums. REM-Aufnahmen (Rasterelektronenmikroskop) zeigten eine signifikante Schädigung der Zottenoberfläche im Duodenum und Jejunum durch Ligninsupplementierung wie auch signifikante Schädigungen der Schleimhaut bei Cellulose-, Pektin- und Luzernezulagen.

Yu & Peter, 1996 zeigten eindrucksvoll ebenfalls an REM-Aufnahmen, welchen Einfluss die Höhe des Rohfasergehaltes im Futter auf die Morphologie der Darmwand hat. Demnach waren die Darmzotten im Jejunum und Blinddarm bereits bei einem Rohfasergehalt von 14,5% im Futter sichtbar geschädigt.

Guitian und Kollegen berichteten 2000 von der „Mukoiden Enteropathie“ als einer schweren Krankheit des Kaninchens, die in Galizien (NW-Spanien) erstmals in den letzten Monaten des Jahres 1996 und Anfang 1997 beobachtet wurde. In dieser Zeit zeigte die Krankheit einen schweren Verlauf bei 45-50 Tage alten Tieren, wobei schwere Tiere häufiger betroffen waren. Die betroffenen Tiere verloren ihren Appetit und wiesen Schwellungen und schleimigen Durchfall auf, bevor sie starben. Die Merkmale und der Verlauf deckten sich mit Beschreibungen über Ausbrüche dieser Krankheit in Frankreich zu dieser Zeit. In den letzten Monaten 1997 waren die Verläufe weniger akut und von anderen Darmerkrankungen nicht zu unterscheiden. Für ihre Untersuchungen nutzten die Wissenschaftler das Futter und Nachkommen von Tieren aus kommerziellen Betrieben, in denen die Krankheit auftrat und die sie vom Alter von 31-32 Tagen bis zur Schlachtreife aufzogen. Zum Einsatz kamen vier verschiedene Futtersorten, von denen ein Futter keine Antibiotika und Kokzidiostatika enthielt, während die anderen drei nur Kokzidiostatika enthielten. Die Autoren waren nicht in der Lage, das Krankheitssyndrom in ihrer Einrichtung durch das Einbringen von Tieren aus zwei Betrieben, die zuvor die Krankheit gemeldet hatten, und von verschiedenen Arten kommerzieller Pellets zu reproduzieren. Von insgesamt 142 Tieren starben 5 (3,5%) ohne Anzeichen einer Mukoiden Enteropathie. Dazu wurde ausdrücklich angemerkt, dass die Tiere zwar wie in einem kommerziellen Betrieb aufgezogen wurden, sich die Umweltbedingungen zu diesen jedoch aufgrund der sehr guten Hygienepraxis, die während der gesamten Mastperiode angewandt wurde, erheblich unterschieden. Laut den Autoren könnten die Ergebnisse dieser Studie die Hypothese unterstützen, dass die Umwelt und ihre Mikroorganismen eine wichtige Rolle für das Auftreten und/oder die Intensität der Krankheit, sobald sie einmal aufgetreten ist, in kommerziellen Betrieben spielen.

Auf einer Tagung der WRSA ging Licois, 2004 auf den damaligen Forschungsstand zum Thema der Darmerkrankungen beim Kaninchen ein, u. a. auch auf die Kokzidiose und „Kolibazillose“ (Enteropathogenic Escherichia coli (EPEC)) sowie die Epizootic Rabbit Enteropathy (ERE) ein. In Bezug auf ERE wurde auf Forschungsergebnisse verwiesen, die gezeigt hatten, dass eine Futterrestriktion von mindestens -20% der ad-libitum-Menge des Verzehrs der Kontrolltiere zu einer Reduktion der Mortalität und der Morbidität führte. Die Suchen nach enterotropen Viren waren alle negativ (Calicivirus, Pestivirus, Circovirus, Adenovius, Coronavirus und Parvovirus). Folglich wurde zu diesem Zeitpunkt beschlossen, in Ermangelung neuer Kenntnisse die virologische Forschung auszusetzen.

Kühn ging 2005 in einem Übersichtsreferat, welches auf der 14. Arbeitstagung der DVG in Zusammenarbeit mit der WRSA gehalten wurde, kurz an ausgewählten Beispielen auf die Nomenklatur der Mukoiden Enteropathie ein. Demnach wurde sie anfangs „Enterokolitis“ und später „Mukoide Enteritis“ genannt. Da Anzeichen einer von Entzündungen fehlen, sollte aber von „Mukoider Enteropathie“ gesprochen werden (siehe auch „Allgemeine Definitionen“). Auf einer Zusammenkunft einigten sich Wissenschaftler aus neun betroffen Staaten auf den Begriff „Epizootic Rabbit Enteropathy" (ERE), der zunehmend für das Krankheitsbild verwendet wird. Übersetzt bedeutet dieser Begriff sinngemäß „das zeitlich und räumlich gehäufte Auftreten einer Darmerkrankung bei Kaninchen“. Für eine Annahme als mögliche Ursache für das gehäufte Auftreten der ERE wurde folgendes vermerkt: „Zunächst wurden Futtermittel für das Auftreten von ERE verantwortlich gemacht, da Fälle von Erkrankungen in zeitlicher Nähe zu vorangegangenen Futterumstellungen standen.“. Diese wurde aber verworfen, u. a. weil:

  • sich das Krankheitsbild „weder mit direkt vom Hersteller bezogenen noch mit aus Silos in betroffenen Betrieben entnommenen Futter reproduzieren“ ließ (ohne Quellenangabe)
  • falls ein Bestandteil [des Futters, A. R.] Auslöser der Erkrankung wäre, müsste diese bei ihrem Fehlen in der Ration verschwinden. Dies ist nicht der Fall.
  • „Fabrikationsfehler haben sporadisch zu Darmerkrankungen geführt. … Derartige Einzelfälle können aber kein seuchenhaftes Geschehen erklären, das wie ERE in ganz Europa auftritt“.

Worauf in dem Referat mit keinem einzigen Wort eingegangen wurde ist die Frage, warum es überhaupt zu „vorangegangenen Futterumstellungen“ kam, die offenbar den Europäischen Raum betraf. Dies sei hier nachgeholt: „1997 und 1998 wurde fünf Antibiotika die Zulassung entzogen und deren Verwendung in Futtermitteln verboten (Avoparcin, Zink-Bacitracin, Spiramycin, Virginiamycin und Tylosin-Phosphat), um die Resistenz gegen zu therapeutischen Zwecken eingesetzte Antibiotika senken zu helfen.“ (EU-MEMO, 2002). Verboten wurden die Antibiotika in der Europäischen Union, weil sie zu Arzneimittelverbindungen gehören, die auch in der Humanmedizin eingesetzt werden. Bacitracin und Tylosin wurden z. B. für Kaninchen empfohlen (Licois, 2004). Ab Januar 2006 durfte schließlich auch Flavophospholipol, welches bis dahin noch in Kaninchenfutter erlaubt war, nicht mehr eingesetzt werden. Das heißt, im Gegensatz zur Feststellung von Kühn, 2005 könnte durch Futterumstellungen in Europa durchaus auch ein seuchenhaftes Geschehen in Europa ausgelöst werden. Werden in anderen Regionen der Welt ähnliche Entscheidungen getroffen, kann es auch dort zu ähnlichen Erkrankungen kommen (siehe hierzu später bei Rodríguez-De Lara et al., 2008 für Mexiko). Einen geschichtlichen Abriss zum Einsatz von Antibiotika in Tierfuttermitteln liefert eine Übersichtsarbeit von Kirchhelle, 2018.

Ebenfalls auf der 14. Arbeitstagung der DVG im Jahr 2005 stellte G. Rossi Untersuchungsergebnisse vor, die das Vorkommen von E. coli und C. perfringens betrafen. Waren es im Frühjahr 2002 noch 60% der Kaninchenbestände, die mit Darmlähmung (ERE) zu kämpfen hatten, waren zum Winterende 2005 bereits 85% der betreuten Bestände betroffen. Dazu hieß es: „Vormals E. coli-Problembestände senden heute Tiere mit Darmlähmung, assoziiert mit Cl. perfringens. Im Prinzip ist die Darmlähmung nicht auf Bestände beschränkt, die zuvor schon Dysenterieprobleme hatten.“.

Gallois et al., 2007 fanden in einer Untersuchung zum Thema „Enteropathogene Escherichia coli“ (EPEC), dass später entwöhnte Kaninchen (35 Tage im Vergleich zu 21 Tagen) später und nicht so häufig erkrankten und verstarben. Die Mortalitätsrate in der frühen Absetzgruppe betrug 36% und in der später entwöhnten 20%. Bei erkrankten Tieren konnte eine starke Anhaftung (Adhäsion) der Bakterien an die Enterozyten des Darmephitels mit den entsprechenden Läsionen beobachtet werden, wie sie für EPEC typisch sind. Als Symptome wurden Lethargie, Gewichtsverlust, Anorexie und starker, wässriger Durchfall verzeichnet.

Bild 1: Sinnbildliche Darstellung der Wirkung pathogener Bakterien und ihrer Gifte auf die Darmwand 


Rodríguez-De Lara, et al. berichteten 2008 von einer Häufung des Auftretens von Darmerkrankungen bei Kaninchen seit 2001/2002 in verschiedenen Mastbetrieben in Mexiko mit Symptomen, die denen der ERE in Europa ähnelten. Als Ergebnis der eigenen Untersuchungen schrieben die Autoren: „The disease was multifactorial and consisted of sub-acute mucoid enteropathy probably induced by viral infection and aggravated by the proliferation of opportunistic pathogens common to rabbits.“. Eine Infektion mit Rota-Viren wurde trotz negativen Nachweises nicht ausgeschlossen. Hingewiesen wurde auf eine Studie von Nieddu et al., 2000 in der zwischen 1982 und 1999 eine elektronenmikroskopische Studie an Kaninchen mit Enteropathie durchgeführt wurde. Sie fanden in 37% der Fälle unterschiedliche Viruspartikel, so z. B. Rotavirus-ähnliche, Corona-, Parvo-  und Enteroviren, außerdem gab es Zufallsfunde von Adeno-, Calici- und Reoviren. Diese Autoren wiesen zudem darauf hin, dass mehr als ein Virus mit schleimiger, hämorrhagischer und nekrotischer Enteritis assoziiert sein könnte. Das Rotavirus wurde von verschiedenen Wissenschaftlern mit ERE in Verbindung gebracht, obwohl es als ein Erreger von mäßiger Pathogenität gelte. Eine hohe Sterblichkeit trete aber dann ein, wenn andere Erreger wie Parasiten und Bakterien mit diesem assoziiert sind. Die niedrigen Gamma-Globulin-Werte bei Kaninchen, die einen Durchfallausbruch überlebten, deuteten auf eine defekte Wirtsabwehr hin, die wahrscheinlich die Folge einer chronischen Krankheit war, aber der Mechanismus, der dabei eine Rolle spielte, ist unbekannt. Die allgemeinen Merkmale des Verlaufs und der Darstellung der Ausbrüche deckten sich mit der Beschreibung der europäischen Ausbrüche der ERE insbesondere im Hinblick auf die Ansteckungsgefahr, die rasche Ausbreitung, der Persistenz, den klinischen Anzeichen, der Pathologie, der Immunsuppression, dem unwirksamen Ansprechen auf Behandlungen und der hohen Mortalität. Für ein besseres Verständnis der spontanen Entwicklung, Pathologie und Pathobiologie der Krankheit wurde u. a. empfohlen, angemessene Programme für das Management, die Immunstimulation, Prophylaxe, Hygiene und Ernährungspraktiken in Betrieben einzuführen, die von der Krankheit betroffen waren. In Mexico durften, bis auf bestimmte Ausnahmen, AGP’s (antibiotic growth promoter = antibiotische Wachstumsförderer = Antibiotika) in Futtermitteln für Tiere ab 2006 nicht mehr eingesetzt werden.

Lavazza et al., 2008 untersuchten aus einem Zeitraum von 2002-2007 Proben von 243 Kaninchen, die eine katharrale, hämorrhagische oder nekrotische Entero-Typhlitis (Blinddarmentzündung) und/oder typische Anzeichen von Mukoider Enteropathie und Zäkum-Impaktionen aufwiesen. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die meisten Fälle von Kaninchenenteritiden wahrscheinlich mehrere Ätiologien aufweisen. Die Feststellung, dass keine spezifischen Krankheitserreger mit Kaninchenenteropathien in Verbindung gebracht werden können hat zu der Hypothese geführt, dass der "Kaninchenenteritis-Komplex" ein multifaktorielles Syndrom mit synergetischen Mechanismen ist, die oft die Pathogenität der verschiedenen Mikroorganismen verstärken. Unter den verschiedenen Viren, die bei Kaninchen, die an Enteropathie leiden, gefunden werden konnten, scheint das Rotavirus eine wichtige, wenn auch nicht primäre Rolle zu spielen. Es verursacht Schäden an der Schleimhaut und prädisponiert so die Anheftung und Vermehrung von Bakterien. In diesem Fall ist ein dosisabhängiger Effekt möglich, sowie eine vorübergehende Infektion und eine kurze Ausscheidungsdauer, wodurch der Nachweis von Viren in Verbindung mit E. coli, Clostridium spp, Kokzidien und anderen Protozoen möglich wird. Die Situation der intensiven Kaninchenzucht sei gekennzeichnet durch eine intensive genetische Selektion, übertriebene Produktionsleistungen, zeitweise Überbevölkerung und folglich eine hohe Umweltbelastung mit fakultativen Krankheitserregern. Daher könnten Viren und andere schwach pathogene Erreger (z.B. Flagellaten) eine wichtigere Rolle für das Auftreten schwerer Enteritis beim Kaninchen spielen, indem sie mikrobielle Sekundärinfektionen prädisponieren und verschlimmern. Andererseits könne nicht ausgeschlossen werden, dass die veränderten physiologischen und metabolischen Bedingungen, die durch verschiedene Faktoren, ob ernährungsbedingt oder nicht, die Replikation von Viren verstärken können, so dass sie eine pathogene Wirkung entfalten.

Romero et al., 2009 befassten sich in ihren Untersuchungen mit dem NDF-Gehalt des Kaninchenfutters sowie dem Absetzalter von jungen Kaninchen und deren Einfluss auf die Proliferation von Clostridium perfringens im Blinddarm sowie die Maststerblichkeit bei Zuchtkaninchen, die in einer von ERE betroffenen Anlage gehalten wurden. Ein signifikanter Effekt (P < 0,001) der Wechselwirkung zwischen dem Alter bei der Entwöhnung, der Art des Futters und der Versuchsperiode auf die Clostridium-Gehalte 14 Tage nach der Entwöhnung wurde festgestellt, da Kaninchen, die später entwöhnt wurden, niedrigere Clostridium-Zahlen aufwiesen, insbesondere, wenn sie mit NDF-ärmeren Futter (330 g/kg Futter) gefüttert wurden. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass hohe Vorkommen von C. perfringens im Verdauungstrakt mit klinischen Symptomen von ERE und Mortalität assoziiert sind. Die Studie klärte jedoch nicht, ob die hohen Vorkommen die Ursache oder die Wirkung waren. Trotzdem wurde eine Begrenzung der NDF in der Nahrung auf etwa 330 g/kg Futter und eine Verlängerung des Zeitraumes bis zum Absetzen der Jungtiere vorgeschlagen, um die Proliferation von C. perfringens zu kontrollieren und auch die Mortalität auch unter schlechten hygienischen Bedingungen zu senken.

Der Ergebnisse von Romero et al., 2009 zur verlängerten Säugezeit wurden schon in früheren Arbeiten anhand der Wirkungen der Capryl- und Laurinsäure bestätigt, die in der Kaninchenmilch enthalten sind. Skřivanová & Marounek wiesen 2002 nach, dass die Milch des Kaninchens über einen antimikrobiellen Effekt verfügt und die Sterblichkeit junger Kaninchen senken kann. Im Vergleich zur Kontrollgruppe konnte die Sterblichkeit von 16,7% auf 0% gesenkt werden, wenn 1 kg Futter 5 g Caprylsäure zugemischt wurde. In einem 2. Versuch in einem anderen Betrieb mit dem gleichen Futter sank die Sterblichkeit von 9,3% auf 2%. Skřivanová et al, 2005 ermittelten die Empfindlichkeit von Clostridium perfringens gegenüber C2-C18-Fettsäuren: Laurinsäure wies unter den getesteten Fettsäuren die höchste Aktivität gegenüber C. perfringens auf. Ihre Aktivität wurde nicht durch das Vorhandensein von festen Partikeln beeinflusst und ließ auch bei einem pH-Wert von > 6 nicht nach. Das heißt, die Kaninchenmilch verfügt neben ihrem Nährstoffgehalt auf Grund ihrer Inhaltsstoffe auch über einen protektiven Einfluss auf die Gesundheit wachsender Kaninchen. Werden Jungtiere früh abgesetzt (z. B. nach 4 Wochen), ist dieser Schutz im geringeren Maß vorhanden.

Bild 2: Ein junges Wildkaninchen versucht im Alter von ca. 8 Wochen, bei der Mutter noch etwas Milch zu bekommen


De Blas et al., 2012 schrieben in einer Übersichtsarbeit, dass das Absetzen eine Stressperiode für junge Kaninchen darstellt, die durch abrupte Änderungen der Ernährung und der Umwelt verursacht wird. Ein unreifes Immunsystem zusammen mit einer vorübergehenden Abnahme der Nährstoffverdaulichkeit bringe das Tier in ungünstige Bedingungen, in denen Verdauungspathologien auftreten können. Zudem hatte in den letzten Jahren das europäische Verbot von antibiotischen Wachstumsförderern in Tierfuttermitteln das Entwöhnungsmanagement für Landwirte wegen der weit verbreiteten und häufigen neu auftretenden Tierkrankheiten sogar erschwert. Obwohl die Ätiologie dieser Krankheit noch unbekannt sei, könne die Verbreitung von Clostridium perfringens eine Folge der ERE sein und mit der hohen Sterblichkeit durch diese Krankheit in Verbindung gebracht werden. Obwohl sich mehrere Antibiotika gegen ERE als wirksam erwiesen hätten, müssten alternative Lösungen zur Bekämpfung der Krankheit gefunden werden, um die geltende EU-Gesetzgebung zu erfüllen. Anhand von unglaublich vielen Quellen wurde auf verschiedene Punkte eingegangen, die Darmerkrankungen verursachen. Da Antibiotika in Futtermitteln „umstritten“ seien, wurde das Augenmerk auf einen optimalen Level der löslichen Fasern gelenkt (Fruktane, Galaktane, ß-Glucane, Pektine). Als weiterer wichtiger Punkt wurden Aminosäuren erwähnt, die u. a. der Erneuerung und dem Wachstum der Darmschleimhaut dienen. Dem Züchter nützen solche Informationen natürlich nur wenig, weil er sie mit seinem Futter nicht mitgeliefert bekommt. Eine späte Entwöhnung würde auch eine bessere Anpassung der Verdauungs- und Absorptionsfähigkeit junger Kaninchen an die Aufnahme von festem Futter bedeuten, da sowohl die Amylase- als auch die Disaccharidaseaktivität mit dem Alter zunimmt, aber von 25 bis 35 Tagen niedrig bleibt. Infolgedessen steigt der Stärkefluss, der das Ileum bei jungen Kaninchen erreicht, mit dem Stärkegehalt im Futter an, was mit einer höheren Sporulation und Enterotoxinproduktion durch C. perfringens und mit einer höheren Durchfallhäufigkeit in der Mastzeit in Verbindung gebracht wurde. Ergebnisse aus anderen Studien deuteten auf eine Übertragung der Immunkompetenz auf die jungen Kaninchen durch die Milch oder die Plazenta der Muttertiere hin. Zudem schienen Ergebnisse aus Untersuchungen die Existenz einer Beziehung zwischen Umwelt, der Verbreitung von C. perfringens im Darm und der Inzidenz des ERE zu bestätigen.

Bäuerl et al., 2014 untersuchten Unterschiede der Blinddarm-Bakterienkultur von gesunden Tieren, die unbehandelt und mit Antibiotika versorgt wurden im Vergleich zu Tieren, die an ERE erkrankt waren. Die gewonnenen Daten untermauerten die These, dass die ERE-Morbidität und -mortalität möglicherweise durch eine Übersiedelung des Darms von Tieren mit verschiedenen Krankheitserregern verursacht wird, deren Immunabwehrsystem nicht ausreichend zu reagieren scheint.

Von einem Autorenkollektiv um Djukovic wurde 2018 der Fund einer neuen Bakterienspezies Clostridium OTU172 bei erkrankten Kaninchen vermeldet, die „Clostridium cuniculi“ genannt wurde. Die identifizierte Spezies produziert mehrere mutmaßliche Toxine und ist phylogenetisch mit den beiden gut charakterisierten Pathogenen Clostridium botulinum und Clostridium perfringens verwandt, was die Autoren eher auf einen infektiösen als auf einen dysbiosebedingten Ursprung der ERE schließen ließ. Allerdings schlugen Versuche fehl, ERE mit einer Übertragung des Clostridium OTU172 auf gesunde Tiere zu reproduzieren.

Gidenne et al., 2020 gingen schließlich in der neuesten Ausgabe von „Nutrition of the rabbit“ auch auf verschiedene Aspekte der ERE ein. Demnach sei die Diagnose von Darmerkrankungen schwierig, da unabhängig von der Ursache (Ernährungsprobleme oder ein spezifischer Erreger) die Symptome und Läsionen im Allgemeinen ähnlich sind. Die Schwierigkeit, die Ätiologie von Darmerkrankungen beim Kaninchen zu erkennen, würde durch die Tatsache verstärkt, dass wie bei den meisten mehrere Faktoren an deren Entstehung beteiligt sind:

  • der Status des Tieres selbst (Alter, Genetik, Immunität).
  • beteiligte Krankheitserreger (Parasiten, Bakterien, Viren).
  • Umweltfaktoren, darunter Ernährungs- und Fütterungsfaktoren, Zuchtbedingungen wie Hygiene, Stress usw.

In der folgenden Tabelle sind einige Informationen über verschiedene Darmerkrankungen zusammengefasst.

Tabelle 1: Beschreibungen verschiedener Darmkrankheiten bei Kaninchen


Sortierung der Puzzleteile
Um den anschließenden Ausführungen folgen zu können, sollte man sich in Erinnerung rufen, wie junge Wildkaninchen in der Natur aufwachsen. Geboren werden sie in einer Erdröhre, die normalerweise abseits des Hauptbaus einer Kaninchengruppe liegt. Die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in dieser, auch „Satzröhre“ genannten Geburtsstätte ist immer relativ gleich, die einzigen Störungen sind die ein- bis zweimaligen Besuche am Tag durch die Mutter zum Säugen. Die Satzröhre wird weitgehend „keimfrei“ gehalten, die Mutter uriniert dort nicht und hinterlässt nur gelegentlich Hartkotbällchen, die von den Jungtieren beknabbert werden. Nach ca. 14 Tagen verlassen sie das Nest und nach 3-4 Wochen den Bau. Nach dem Fressen von Nestmaterial finden sie hier die natürliche Nahrung, die sie auf Grund der Erfahrung aus Inhaltsstoffen der Muttermilch bereits „kennen“. Ebenso sind ihnen die Bakterien der Mutter bekannt, die ihrerseits jene beherbergt, die von den anderen Tieren der Gruppe stammen. Die Krankheit, die unter Jungtieren von Wildkaninchen die größten Verluste verursacht, ist die Kokzidiose, welche vorrangig von der Nahrungsverfügbarkeit und Witterungsfaktoren abhängig ist.

Demgegenüber wachsen Hauskaninchen in der Regel in „Nestboxen“ auf, die im Stall des Muttertieres untergebracht sind und werden nach der Entwöhnung mit einem Standardfuttermittel ernährt. In der folgenden Tabelle sind grundsätzliche Unterschiede im Aufwachsen von Wild- und Hauskaninchen aufgeführt. Bei Letzteren gibt es sicher Unterschiede zwischen Mast- und Zuchtbedingungen, weshalb sie sehr allgemein formuliert sind.

Tabelle 2: Vergleich der Bedingungen, unter denen Wild- und Hauskaninchen aufwachsen


Bild 3: Zusammenhang zwischen Muttertier und Jungkaninchen in Bezug auf die Entwicklung des Immunsystems und der Darmflora

Fasst man die Informationen der angeführten Fachartikel zusammen, kommt man zu der Erkenntnis, dass verschiedene Einflüssen existieren, die zu verschiedenen Darmerkrankungen führen können.

Tabelle 3: Mögliche Einflüsse auf das Entstehen von Darmerkrankungen. In der Hauptsache wird durch verschiedene Faktoren das Immunsystem geschwächt, was eine Vermehrung pathogener Keime begünstigt



Kaninchenhaltern wird diese Zusammenstellung von Einflussfaktoren, die ursächlich für Darmerkrankungen sein können, vertraut sein. Häufig sind es mehrerer dieser Faktoren, die eine Erkrankung auslösen. Deshalb wird die Ätiologie solcher Krankheiten auch „multifaktoriell“ genannt, das heißt, es sind in der Regel mehrere dieser Faktoren, die zu einem Krankheitsbild führen. In einem lebenden Organismus kommen mögliche Synergieeffekte hinzu. Das heißt, dass sich z. B. die Wirkung von zwei Faktoren nicht einfach zu einer Summe addiert, sondern das sich ein Effekt potenziert. Dann ist in der Regel von „sprunghaft“ die Rede. Viele pathogene Keime sind z. B. als sogenannte „Passanten“ auch in gesunden Tieren unterwegs. Erst ein weiterer Faktor führt zu einer sprunghaften Vermehrung pathogener Keime, die zu einer Erkrankung führt, die das Immunsystem des Wirtes nicht mehr kontrollieren kann.

Zur Bekämpfung der Krankheiten gibt einerseits den Ansatz, „stallspezifische“ Impfstoffe einzusetzen. Das ist kostenintensiv und dient eigentlich nur der Eindämmung von Symptomen, die durch pathogene Bakterien hervorgerufen werden. An der Ursache hat man damit noch nichts geändert. Entsprechend ist der Weg der Futtermittelindustrie wahrscheinlich eher zielführend, den Futtermitteln als Ersatz für Antibiotika phytogene Zusatzstoffe zuzumischen, die über eine antibakterielle Wirkung verfügen. Eine ähnliche Verfahrensweise wurde bereits zur Bekämpfung von Durchfallerkrankungen mittels phytogener Zusätze untersucht, so z. B. von Krieg et al., 2005 und Krieg et al., 2007. Zu solchen Untersuchungen muss folgendes angemerkt werden:

  1. finden sie nur über einen begrenzten Zeitraum statt, das heißt, die Muttertiere erhielten die neuen Futtermittel erst kurz vor den Versuchen (Konditionierung).
  2. können neue Komponenten im Futter zunächst zu einer verringerten Futteraufnahme führen,
  3. fehlen als Vergleich Wildkaninchen unter gleichen Umgebungsbedingungen, aber mit ihrer natürlichen Nahrung.

Als ein Beispiel für die Beeinflussung der Darmgesundheit (und somit auch des Immunsystems) soll eine Untersuchung von Krieg et al., 2005 dienen. Mit den Untersuchungen sollte gezeigt werden: „dass phytogene Aromastoffe nicht nur eine bedeutende Rolle im antibiotikafreien Fütterungs-Management haben, sondern auch als eine unabhängige Art von Futterzusatz dienen, die für Tier, Mensch und Umwelt nützlich sind.“. Zu diesem Zweck wurden einer Gruppe mit Muttertieren ab dem 29. Trächtigkeitstag und ihren Nachkommen nach dem Absetzen am 28. Tag ein Futter ohne Zusätze verfüttert (Kontrollgruppe). 5 andere Gruppen erhielten nach der gleichen Vorgehensweise jeweils ein Futter mit bis zu 15 verschiedenen „Aromen“. Als ein Parameter wurden die Verluste erfasst (siehe Diagramm 1).

Diagramm 1: Verluste nach dem Absetzen (n=40 Tiere/Gruppe); nach Daten aus Krieg et al., 2005


Die Verringerung der Verluste um bis zu 35% (von 40% auf 5% in der 5. Gruppe) ist ganz erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie „nur“ durch den Zusatz von phytogenen (pflanzlichen) Inhaltsstoffen verursacht wurde – also durch Stoffe, über die Wildkaninchen in ihrer täglichen Nahrung verfügen. Auf ganz ähnliche Weise verringerte sich auch das Durchfallgeschehen in den Gruppen. Damit soll exemplarisch gezeigt werden, wie durch die Änderung nur eines Faktors in der Kaninchenhaltung die Gesundheit der Tiere beeinflusst werden kann. Viele Züchter wissen natürlich um den Nutzen des Einsatzes verschiedener Kräuter in der Kaninchenfütterung, der sich noch verstärkt, wenn sie ihnen in natürlicher Weise angeboten werden (Wassergehalt, Struktur, Kohlenhydrate, Sekundäre Pflanzenstoffe, Aufnahme- und Kauzeit, Darmperistaltik etc.). Arbeiten wie die von Krieg et al., 2005 bestätigen eigentlich nur das „alte“ Wissen.

In einem weiteren Versuch von Krieg et al., 2007 mit einem „standardisierten“, mit „Aromen“ angereicherten Futtermittel zeigte sich ein Einfluss auf das Verhältnis der Fettsäuren und somit den pH-Wert im Blinddarm. Während es in der Kontrollgruppe zu einem Anteil von Verstopfungen von 27,5% kam, war dies in der Versuchsgruppe „nur“ bei 5% der Tiere der Fall.

Zusammenfassung
Darmerkrankungen verursachen bei Hauskaninchen große Verluste. Die Ursachen sind in der Regel multifaktoriell bedingt. Zu den bekannten, entzündlichen Darmerkrankungen kam Ende der 1990er Jahre eine nicht-entzündliche hinzu, die vorrangig durch schleimige Durchfälle und Verstopfungen des Darmtrakts bei Beteiligung pathogener Bakterien wie Escherichia coli und Clostridium perfringens gekennzeichnet sind. Die Keime persistieren in betroffenen Haltungen, das heißt, sie verbleiben im Bestand. Als Bezeichnung für diese Krankheit, die von der Enterocolitis abgegrenzt wird, hat man sich auf „Epizootic Rabbit Enteropathy“ (ERE) verständigt. Eine konkrete Ursache für die Krankheit konnte bisher nicht ermittelt werden, weshalb auch hier eine multifaktorielle Ätiologie vermutet wird. Symptome der ERE bei Kaninchen werden schon seit längerer Zeit beschrieben, das erste Auftreten von seuchenhaften Erkrankungsfällen lag aber in einem Zeitraum von Futterumstellungen, die durch ein EU-weites Verbot von Antibiotika in Futtermitteln als Leistungs- oder Wachstumsförderer bedingt waren. Erfahrungen von Kaninchenhaltern wie auch Untersuchungen von Wissenschaftlern weisen darauf hin, dass die Stärkung des Immunsystems durch den Einsatz Sekundärer Pflanzenstoffe eine Verbesserung des Auftretens und Krankheitsgeschehen von Darmerkrankungen erreichen kann. Daneben spielen Haltungsbedingungen ebenfalls wichtige Rollen zur Gesunderhaltung von Eltern- wie auch Jungtieren. Dies betrifft, neben der Enterocolitis und ERE auch Darmerkrankungen wie Dysenterie und EPEC, die in dem Artikel besprochen werden.


Dieser Artikel erschien in geänderter Form in der Kleintiernews, dem offiziellen Fachorgan des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter (ZDRK) und des Europaverbandes der Kleintierzüchter (EE): 

Rühle, A. 2021. Darmerkrankungen des Kaninchens. Kleintiernews 66/2021. S. 38-46


Literatur: https://www.kaninchen-wuerden-wiese-kaufen.de/kleintiernews/0020_Literatur.pdf


Sonntag, 28. Februar 2021

Qualzucht 8 - Otitis, Rhinitis, Bakterien ...

Im letzten Blogbeitrag bin ich kurz auf den Wikipediaartikel "Widderkaninchen" eingegangen und habe ihn korrigiert. Natürlich weiß ich heute noch nicht, wie man darauf reagieren wird, um die Fakten weg- und den Link zu einer Tierschutzorganisation wieder reinzubringen.

Was mir in der Diskussion wie auch in einem Facebook-Kommentar auffiel ist folgendes: 

Zwergkaninchen, Widderkaninchen, Schlappohren, Rassen, Züchter

Mit diesen Begriffen wird seit einiger Zeit versucht, bestimmte Kopf- und Ohrformen wie auch die Größe von Kaninchen in einen Zusammenhang mit "Qualzucht" zu bringen. Durch diese ständige Assoziierung sind sie mittlerweile zu regelrechten "Kampfbegriffen" verkommen. Vereinigungen und Tierschutzorganisationen geben hierbei den Ton vor, der vor allem über soziale Medien heute nahezu jeden erreicht. Liest man heute irgendwo "Zwergkaninchen", ist ein Kommentar nicht weit, der darauf verweist, dass das bestimmt eine Qualzucht von Züchtern sei. Haltern von Widderkaninchen wird heute regelrecht vorgeworfen, ihre Tiere "still" leiden zu lassen, wenn sie nicht mindestens eine Computertomographie (CT) vom Kopf- und/oder Ohrbereich in Auftrag geben. Unterstützung erhalten sie dabei natürlich von Tierärzten, die über diese teuren Gerätschaften in ihren Praxen verfügen. 

Der Begriff "Rasse" ist bei Kaninchen mittlerweile zu etwas geworden, was sich auf den Phänotyp von Kaninchen wie die Stellung der Ohren und dem Gewicht beschränkt. Selbst in Dissertationen werden heute nur noch "Schlappohren" oder "Stehohren" untersucht. Weiter reicht eine Beschreibung der Tiere nicht. Das hat seine Gründe: 1. ist kaum ein Tierarzt in der Lage, ein wirkliches Rassetier von einem Hybriden zu unterscheiden und 2. macht es die, in der Regel unbekannte, Herkunft schwer, eine Rasse zu bestimmen. Eigentlich fragt eher ein Tierarzt den Halter, was das denn für ein Tier sei, welches vorgestellt wird.

In der folgenden Grafik habe ich versucht, anhand der Beschreibungen in "Studien", die Population der "Hauskaninchen" in Teilpopulationen einzuteilen. Die Größe der jeweiligen Teilpopulation ist nicht maßstäblich. Die Pfeile sollen darzustellen, welchen Weg die Kaninchen zwischen den Teilpopulationen nehmen können, z. B. durch Verkauf oder durch Maßnahmen des Tierschutzes. Der Trichter stellt im Prinzip dar, dass es sich bei den jeweiligen betrachteten Tieren (Tierarztpraxis, Disseration, Fachartikel) um eine kleine Teilmenge aus dem großen Graubreich stammt. Züchter nehmen in der Regel einen sogenannten "Hofarzt" zur Anspruch, der die Tiere vor Ort untersucht.

Bild 1: Populationen des Kaninchens in Deutschland. Die Überlappung mit der Population von Wildkaninchen ergibt sich aus dem Fakt, dass Haustiere auch verwildern.



Ohne genaue Zahlen zu kennen vermute ich, dass rund 99% aller Kaninchen, die Tierärzten in ihrer Praxis vorgestellt werden, aus einer Privathaltung kommen. Die Tiere der Privathalter wiederum stammen überwiegend aus "Vermehrungen" (Zuchten mit Profitorientierung), Hobbyzuchten ohne jegliche Vorgaben und solchen Hobbyzüchtern, die sich zwar an den Rassestandards des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter (ZDRK) orientieren, in diesem Verband aber nicht organisiert sind und dessen Vorgaben nicht unterliegen. Schließlich finden sich in Privathaltungen noch die Tiere, welche von Tierschutzorganisationen vermittelt werden. Tiere von ZDRK-Züchtern finden nur in geringer Zahl ihren Weg zu Privathaltern.Tiere aus der Mastindustrie oder Laboren werden in geringer Zahl von Tierschutzorganisationen aufgenommen und entsprechend an Privathalter vermittelt.

Der grau hinterlegte Bereich in der Grafik umfasst die Teilpopulationen, die Tierärzte in aller Regel zu sehen bekommen und die überwiegend auch in klinischen Studien genutzt werden. Oft werden diese noch weiter eingeschränkt, in dem z. B. nur Tiere untersucht werden, die in einer bestimmten Praxis vorgestellt wurden. Eine noch weitergehende Einschränkung könnte dann z. B. eine Auswertung von 388 CT-Aufnahmen von Tieren bilden, die wegen Erkrankungen im Kopfbereich in einer Praxis vorgestellt wurden. Eine solche wurde z. B. in der Dissertation von Reuschel, 2018 vorgenommen. In dieser wurden einfach nur "Stehohrkaninchen" mit "Widderkaninchen" verglichen, die "ausschließlich aus dem Patientenstamm der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover" stammten. Weiter hieß es: "Alle CT-Untersuchungen wurden aus diagnostischen Gründen aufgrund vorliegender Erkrankungen der Ohren, der Zähne, des Atemtraktes oder aufgrund von Traumata durchgeführt. Bei allen Kaninchen handelte es sich um als Heimtier gehaltene Kaninchen diverser Rassen." (S. 30). Als "Heimtier" werden sinngemäß solche bezeichnet, die der Teilpopulation der "Privathalter" in Bild 1 entsprechen. In der Zusammenfassung der Arbeit wurde u. a. folgendes festgestellt:

"Die vorliegende Arbeit konnte die in der Literatur beschriebene Prädisposition von Widderkaninchen für Ohrerkrankungen belegen." (Reuschel, 2018, Zusammenfassung, S. 166)

Nein, das konnte sie nicht. Für solch eine allgemeine Aussage hätte die Stichprobe "repräsentativ" sein müssen. Die Stichprobe in der Arbeit enthielt aber aus einer Population von Hauskaninchen eine Auswahl von Tieren, die an der "Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover" (TIHO) vorgestellt wurden. "Bei allen Kaninchen handelte es sich um als Heimtier gehaltene Kaninchen". Es fehlten also höchstwahrscheinlich Tiere nach den Rassestandards des ZDRK. Von dieser Auswahl wiederum wurden z. B. für die CT-Auswertungen ausschließlich solche ausgewählt, die "aufgrund vorliegender Erkrankungen der Ohren, der Zähne, des Atemtraktes oder aufgrund von Traumata durchgeführt" wurden. Das heißt, die Grundgesamtheit in der Arbeit von Reuschel, 2018 umfasste eigentlich Tiere aus der Population des Hauskaninchens, aus dieser die als Heimtier gehaltenen Hauskaninchen, aus dieser jene, welche an der TIHO vorgestellt wurden und von diesen wiederum solche, die offenbar Erkrankungen aufwiesen. Nur auf diese können sich z. B. die Ergebnisse für CT-Untersuchungen der Arbeit beziehen, aber nicht allgemein auf "Widderkaninchen". 

Bakterien

Ein weiterer Punkt in der Arbeit von Reuschel, 2018 in Bezug auf Ohrerkrankungen war die Bakterienbelastung in "Steh- und Schlappohren" von Kaninchen. In der Wikipedia-Diskussion wurde mir dazu ein Zitat geliefert und gleich noch ein "gut gemeinter" Rat mitgegeben (blau die Meinung des/der Diskutierenden):

"Auch die Sache mit dem schlecht belüfteten Gehörgang wird in dieser Studie erwähnt: „Anaerobe Bakterien konnten signifikant häufiger bei erkrankten Kaninchen nachgewiesen werden als bei gesunden Kaninchen. Anaerobier waren bei keinem gesunden Kaninchen nachweisbar. Alle positiven Nachweise bei erkrankten Kaninchen stammten von Widderkaninchen. Dies deutet darauf hin, dass bei Widderkaninchen durch den Verschluss des Gehörgangs aufgrund der Schlappohren ein Luftabschluss entsteht und somit ein obligat anaerobes Wachstum ermöglicht wird.“ Du solltest die Studie also vielleicht selbst nochmal etwas genauer lesen. Auch solltest du wirklich aufpassen, dass du nicht versehentlich in die gegenteilige Ideologie derer abrutscht, die du kritisierst."

Welche gegenteilige Ideologie das sein sollte, entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich aber getan habe, war die "Studie" (Disseration von Reuschel, 2018) zu lesen. Das gilt grundsätzlich für alle Arbeiten. Bevor ich mich mit den Ergebnissen beschäftige, mache ich mich erst einmal mit der Methodik vertraut, mit der sie erzielt werden sollen. Im Fall der Mikrobiologie, also der "Flora" in den Ohren bei gesunden wie auch erkrankten Kaninchen, findet man dazu u. a. folgende Feststellung:

"Im gesamten retrospektiven Auswertezeitraum von 2010 bis 2018 konnte nur ein einziges Stehohrkaninchen mit einer mikrobiologisch untersuchten Otitis gefunden werden. Zusätzlich lag aus der prospektiven Untersuchung ein Zufallsbefund einer Otitis externa vor. ... Damit waren bei den beiden erkrankten Tieren gramnegative und grampositive Keime zu gleichen Teilen vertreten." (Reuschel, 2018; Hervorhebung A. R.). Es gab also aus den Aufzeichnungen ein Stehohrkaninchen mit einer Otitis, die auch mikrobiologisch untersucht wurde. Ob es weitere Otitisfälle gab, die nicht mikrobiologisch untersucht wurden, wird nicht erwähnt. Zusätzlich ein weiteres Tier, das aktuell untersucht wurde.

Das heißt, in der Arbeit, die durch einen Vergleich von Stehohr- und Widderkaninchen einen Rückschluss auf eine allgemeine Population von Widderkaninchen ziehen wollte, standen für die mikrobiologische Untersuchung der Ohren genau 2 (in Worten: zwei) Stehohrkaninchen zur Verfügung.

Diesen beiden Stehohrkaninchen standen als Vergleich 36 (in Worten: sechsunddreißig) Proben von Widderkaninchen mit einem nachweisbaren, bakteriellen Keimwachstum zur Verfügung. Weil Dimensionen meist erst richtig erfasst werden, wenn man sie bildlich darstellt, folgt noch einmal der Vergleich der mikrobiologischen Untersuchung bei kranken Stehohr- und Widderkaninchen in dem folgenden Bild (links die Anzahl der Stehohrkaninchen, rechts die Widder, das eine, rote Widdertier wird noch erläutert):


Festgestellt wurde dazu u. a. folgendes:

  • "Die physiologische Flora des Ohres bei Stehohr- und Widderkaninchen unterschied sich nicht auffällig zwischen den beiden Gruppen."(S. 160)
  • "Die pathologische Flora sowohl bei einer Otitis externa als auch bei einer Otitis media wies keinen signifikanten Unterschied zwischen Stehohr- und Widderkaninchen auf."(S. 161)
  • "Anaerobe Bakterien konnten signifikant häufiger bei erkrankten Kaninchen nachgewiesen werden als bei gesunden Kaninchen. Anaerobier waren bei keinem gesunden Kaninchen nachweisbar. Alle positiven Nachweise bei erkrankten Kaninchen stammten von Widderkaninchen."(S. 162) Hervorhebungen A. R.

"Fusobacterium spp. waren als Anaerobier an einer Mischinfektion beteiligt." (Reuschel, 2018; Hervorhebung A. R.)

Die roten Textmarkierungen gehören zu dem roten Widderkaninchen in der Grafik oben.

Da "Fusobacterium sp" jeweils bei erkrankten Tieren mit pathologischen Veränderungen des äußeren Gehörganges (n=2) und der "Bulla tympanica" auftauchen (n=1), wird wohl nur ein Tier von dieser "Mischinfektion" betroffen gewesen sein. Von Reuschel, 2018 wurde vermutet, dass der Fund von Fusobacterium sp. auf einen Luftabschluss(!) des Gehörgangs bei Widderkaninchen beruhen könnte. Dazu muss man noch folgendes wissen: Fusobacterium sp. kommen in Schleimhäuten vor, desweiteren z. B. in Kieferabszessen (Tyrell et al., 2002) sowie im Hart- und Blinddarmkot des Kaninchens (Crociani et al., 1984) vor. Letzterer wird bekanntlich vom Kaninchen wieder aufgenommen.

Rhinitis

Neben den beispielhaft aufgeführten methodischen Aspekten der Arbeit ist noch folgendes interessant: im Literaturteil wird zum Teil recht ausführlich auf den "Kaninchenschnupfen" als ein möglicher Auslöser für die Entstehung einer Otitis eingegangen. Für eines der beiden Stehohrkaninchen, welches für die mikrobiologischen Auswertungen von Reuschel, 2018 zur Verfügung stand, wurde folgendes bemerkt: "Bei dem zweiten Kaninchen lag eine Infektion mit einem hochgradigen Gehalt an P. multocida vor. Vorberichtlich lag bei diesem Tier eine chronische Kaninchenschnupfenerkrankung vor." (Reuschel, 2018). Bei kleinen Stichproben wird auch gern mit Prozentzahlen gearbeitet, um eine gewünschte Dramatik zu erzielen, was aber eigentlich nicht mein Ziel ist. Um meinen Lesern aber deutlich zu machen, wie das geschieht, wende ich hier ausnahmsweise diesen "Trick" an, der sonst üblicherweise von anderen genutzt wird und teile hiermit folgendes mit: "in einer Studie wurde festgestellt, das 50% der Stehohrkaninchen, die an Kaninchenschnupfen erkrankt waren, auch an Otitis litten.

Das würde Stehohrkaninchen mit Kaninchenschnupfen in eine ganz andere Liga katapultieren, denn bei diesen müsste jetzt bestimmten Empfehlungen folgend zwingend auch eine CT-Untersuchung bei Stehohrkaninchen durchgeführt werden, um eventuelle Otitiden ausschließenen zu können. Tierschützer werden das nicht gern hören, aber Tierärzte schon. Wie ich darauf komme?

Ewringmann, 2016 schrieb in ihrem Buch zu "Leitsymptomen" u. a. folgendes: "Mittel- und Innenohrentzündungen ohne Beteiligung des äußeren Gehörganges (bei intaktem Trommelfell) sind oftmals als Komplikation eines Kaninchenschnupfens ... zu beobachten. Haupterreger ist dabei Pasteurella multocida, aber auch andere Keime, z.B. Bordetella bronchiseptica, Streptococcus sp., Staphylococcus sp., Klebsiella sp. und Pseudomonas sp., können beteiligt sein. Die Erreger breiten sich durch die Tuba auditiva in Ohrrichtung aus, sodass der Gehörgang bei der Adspektion keine Entzündungssymptome aufweist. Es fällt unter Umständen jedoch eine Vorwölbung des Trommelfelles durch Eiteransammlungen im Mittelohr auf. Die Otitis kann parallel zur Schnupfenerkrankung verlaufen, sich erst bemerkbar machen, wenn die Schnupfensymptome bereits längere Zeit abgeklungen sind oder auch ohne vorangegangene Schnupfenerkrankung auftreten." (Ewringmann, 2016; Hervorhebungen A. R.)

In der Arbeit von Reuschel, 2018 findet sich nun, meiner Meinung nach, eine (von mehreren) Merkwürdigkeit. Der diagnostizierte Kaninchenschnupfen aus der retrospektiven Probe eines Stehohrkaninchens wurde ausdrücklich erwähnt. Bei den prospektiv untersuchten Widderkaninchen findet sich aber kein Wort über eventuelle Erkrankungen dazu. Obwohl die Tiere zur Verfügung standen und untersucht wurden, gab es keinerlei Informationen zu einer Diagnostik. Kaninchenschnupfen wird üblicherweise anhand bestimmter Symptome diagnostiziert, die durch einen Erregernachweis bestätigt werden kann. Vielmehr wurde über die gefundenen Bakterien und ihre Häufigkeit anhand von Literaturverweisen hin und her vermutet, ob diese einen Beitrag zu Kaninchenschnupfen hätten liefern können. Aber keine Diagnose. Keine Informationen zu Zahnerkrankungen oder Abszessen - nichts.

Da es keine signifikanten Unterschiede bei gesunden und erkrankten Stehohr- und Widderkaninchen in Bezug auf die pathologische Flora gab und ein Stehohrkaninchen (von zwei; also 50%) an einem Kaninchenschnupfen litt, muss aber eigentlich fast zwingend davon ausgegangen werden, dass dies bei den Widderkaninchen ebenfalls der Fall war.

Insbesondere der Hinweis von Ewringmann darauf, dass Schnupfensymptome schon lange abgeklungen sein können und erst später eine Otitis diagnostiziert wird, ist ein sehr wichtiger. Diese Fakt kann z. B. Ohrgrundabszesse erklären. Der Grund dafür ist die Verbindung des Nasenrachenraumes über die "Tuba auditiva" bzw. "Tuba Eustachii" (Eustachische Röhre) mit der Paukenhöhle des Mittelohres, über die Bakterien wandern und sich dort ansiedeln können. Diese Verbindung sorgt normalerweise für einen Druckausgleich zwischen Mittelohr und Nasenrachenraum. Den Effekt kennt jeder: wenn man schnell größere Höhenunterschiede überwindet, kann durch ein kräftiges Schlucken der Druckunterschied ausgeglichen werden, was auch gelegentlich durch ein "Knacken" im Mittelohr spürbar wird.

Kaninchen verfügen über eine sehr feine, knöcherne Struktur im Nasenrachenraum, die nur wenig durchblutet ist. Das ist der Grund, warum Antibiotika für die Behandlung eines Schnupfens bei den Tieren nur schlecht wirken. In der Fachwelt ist man sich darüber weitgehend einig, dass ein chronischer Schnupfen bei Kaninchen nicht heilbar ist. Die einzige Möglichkeit, dem Tier zu helfen, besteht in der Linderung der Symptome - also über die Haltungsbedingungen und der Ernährung. An dieser Stelle würde man jetzt eigentlich zu den Tierärzten kommen, die einen Beitrag leisten könnten.
 
Weitere Punkte
 
Tierärzte verfügen gegenüber den meisten Kaninchenhaltern einen großen Vorteil: sie haben im Studium zumindest Grundlagen verschiedener, wissenschaftlicher Fachbereiche vermittelt bekommen. Dazu sollten auch Grundlagen der Biostatistik gehören. Ferner sollten sie mit Grundlagen der Genetik vertraut und vielleicht sogar über Tierrassen und ihre Zucht informiert sein. Dass sie sich auch mit Wildkaninchen auskennen, ist vielleicht schon etwas viel verlangt, wäre aber natürlich schon von Vorteil. Viele Tierärzte besitzen mit Sicherheit die nötigen Voraussetzungen, um bestimmte Krankheiten zu erkennen und sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu behandeln. 

Neben dem Problem der korrekten Behandlung gibt es aber ein weiteres, sehr großes: die Kausalität. 
 
Das heißt im Prinzip nichts weiter als die Frage zu beantworten, wie bzw. warum es zu einer Erkrankung kommen konnte. Es soll ja verhindert werden, dass sie ein weiteres Mal auftritt. Meist unbewusst bedient man sich dabei der Betrachtung verschiedener Korrelationen, also wechselseitiger Beziehungen.  

In diesem Beitrag und anderen Beiträgen ging es um das Problem behaupteter "Qualzuchten" im Zusammenhang mit Kaninchenrassen. Die Korrelationen besteht also z. b. in einer Schädel- oder Ohrform mit dem Auftreten von Krankheiten. Korrelation "kurzer Schädel" und "Brachygnathia"; Korrelation "Schlappohr" und "Otitis". Als kausal wird die Zucht von Kaninchen mit kurzem Schädel oder Schlappohren gesehen. Die Zucht ist also die Ursache beobachteter Probleme. Die Welt ist schön und einfach. Und es wird noch schöner und einfacher: man muss die Schuld für das Entstehen von Krankheiten bei Zwerg- und Widderkaninchen nicht mehr bei sich selbst suchen. Die "Mutationen" sind schuld. Basta. Sagen ja auch die Tierärzte.
 
Tierärzte sollten aber auf Grund ihres Wissens in der Lage sein, zu differenzieren und auch andere Ursachen für Erkrankungen in Betracht zu ziehen. Wenn eine Tierschutzorganistaion z. B. auf ihrer Webseite über "Brachygnathia" fabuliert und als Beleg eine Literaturquelle die Dissertation von Glöckner, 2002 angibt, sollten Tierärzte wissen, dass ihre Kollegin dort genau keinen Zusammenhang zwischen Zahnerkrankungen und Kaninchenrassen fand. Wenn Tierschützer für ihre Behauptungen auf Arbeiten verweisen, deren Versuchsdesign von vornherein keinen Rückschluss auf eine Allgemeinheit zulässt und bestimmte Tierärzte dies goutieren, lässt das für mich persönlich den Schluss zu, dass sie mit diesen Tierschützern eines gemeinsam haben: keine Ahnung. 
 
Das Problem dabei ist, dass den eigentlich Betroffenen, nämlich den Tieren, überhaupt nicht geholfen wird. In den allermeisten Fällen liegen die Ursachen in den Haltungsbedingungen und der Ernährung der Tiere - das betrifft normale Halter wie auch Tierschützer. Das gilt für alle Tiere unabhängig von einer Rasse. In der organisierten Kaninchenzucht stagnieren die Zahl der Züchter wie auch die der Zuchttiere, was auch für Widder- und Zwergkaninchen gilt. In der Heimtierhaltung scheinen diese aber zugenommen zu haben. Insbesondere Widder sind sehr beliebt und so ist wohl selbst für einen Laien nachvollziehbar, dass sie auch in Tierarztpraxen immer häufiger vertreten sind. 
 
Eine Tierärztin hat einmal sinngemäß festgestellt, dass ich kein Vertrauen in Tierärzte hätte. Das ist korrekt. Vertrauen und Respekt werden einem nicht mit einem Doktortitel verliehen, sondern müssen sich erarbeitet werden. Tierärzten, die ideologischen Kampagnen folgen, traue ich grundsätzlich nicht. Ich muss davon ausgehen, dass das ihre Urteilsfähigkeit beeinträchtigt. Ein Tierarzt kann sicher eine CT-Untersuchung durchführen und Vergleiche mit Referenzlinien anstellen. Die Frage ist, was man daraus ableitet. Laut Vorlesungsunterlagen der LMU München, die mir vorliegen, wäre das z. B. beim Kaninchen "Heu, Heu und nochmals Heu". Nach einer Arbeit von Böhmer & Böhmer, 2017 müssen die wohl überarbeitet werden. Pech für die Tiere, die bis dato auf ein solches Wissen hin von Tierärzten ernährt und sogar behandelt wurden.

Voraussichtlich nicht der letzte Beitrag zu einem leidigen Thema ...

Literatur

Böhmer, C. & Böhmer, E. 2017. Shape variation in the craniomandibular system and prevalence of dental problems in domestic rabbits: a case study in Evolutionary Veterinary Science. Veterinary sciences, 4(1), 5

Crociani, F., Biavati, B., Castagnoli, P., & Matteuzzi, D. 1984. Anaerobic ureolytic bacteria from caecal content and soft faeces of rabbit. Journal of applied bacteriology, 57(1), 83-88

Ewringmann, A. 2016. Leitsymptome beim Kaninchen. Diagnostischer Leitfaden und Therapie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Hippokrates Verlag. ISBN 978-3-13-219361-1

Korn, A. K. 2016. Zahn- und Kieferveränderungen beim Kaninchen. Diagnostik, Auftreten und Heritabilitäten. Giessen : VVB Laufersweiler Verlag. Dissertation

Meyers. 1999. Meyers großes Taschenlexikon. Bibliografisches Institut & F. A. Brockhaus AG. CD-ROM 

Quinton, J. F., Francois, M., Laprais, A., & Prelaud, P. 2014. Cytology of the external auditory meatus in healthy domestic pet rabbits (Oryctolagus cuniculus). Revue Medecine Veterinaire, 165, 263-6.

Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen 2018, Dissertation, ISBN 978-3-86345-460-9
 
Tyrrell, K. L., Citron, D. M., Jenkins, J. R., Goldstein, E. J., & Veterinary Study Group. 2002. Periodontal bacteria in rabbit mandibular and maxillary abscesses. Journal of clinical microbiology, 40(3), 1044-1047

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