Sonntag, 18. Februar 2018

Die Kastration von Kaninchen. Teil 4: Kastrationsfristen

"Kaninchen werden deshalb frühkastriert, weil man ihnen eine sechswöchige Kastrationsfrist ersparen möchte."
In unserer früheren Zucht und Haltung wurden kastrierte Rammler noch am Tag der Kastration wieder in die Gruppe auf die Wiese gesetzt. In keinem einzigen Fall gab es danach Nachwuchs trotz anwesender, empfängnisbereiter Weibchen. Dr. Dorn gab in seinem Klassiker "Rassekaninchenzucht" von 1973 eine Frist von 10 Tagen an, nach der ein Rammler wieder in eine Gruppe mit Weibchen integriert werden könnte. Diese Frist gelte für Rammler, die bereits erfolgreich gedeckt hatten, weil dann "Fortpflanzungshormone in der ersten Zeit noch im Organismus vorhanden sind. Eine Befruchtung ist dann nicht ausgeschlossen, wenn der Rammler mit Häsinnen zusammen gehalten worden war und bereits Ejakulationen gehabt hat.".

Wenn man durch das Internet surft, findet man immer wieder als Argument für die Kastration noch nicht geschlechtsreifer Rammler verschiedene Kastrationsfristen. Auch Tierärzte geben Kastrationsfristen an. Gemeint ist damit die Zeit, nach der ein frisch kastrierter Rammler wieder mit einem zeugungsfähigen Weibchen zusammengeführt werden kann. Im schlimmsten Fall müsste der gerade kastrierte Rammler allein gehalten werden, weil er theoretisch eine bestimmte Zeit lang noch zeugungsfähig sein kann, weil noch reife Spermien vorhanden sein könnten. Diese Kastrationsfrist wird heute mit 4-10 Wochen angegeben, je nach Quelle eben. Tierärzte geben in der Regel 4-6 Wochen an. Die müssten es ja eigentlich am besten wissen, meint man.

In der Regel wird die Vorsichtsmaßnahme auch damit begründet, dass Rammler bei dem "Versuch" einer Begattung beobachtet wurden. Also ich persönlich finde ja generell, dass Kaninchenrammler bedauernswerte Geschöpfe sind, weil ihnen ständig nachgesagt wird, sie würden aus sexuellen Gründen alles berammeln, was ihnen vor die Pfoten kommt. Ich frage mich dann immer, ob sich schon einmal jemand Gedanken darüber gemacht hat, warum sie über Leistendrüsen (Inguinaldrüsen, auch „Geschlechtsecken“ genannt) verfügen. Sowohl neue als auch eigene Gruppenmitglieder werden vor allem von älteren, dominanten Rammlern immer wieder „markiert“. Zu diesem Zweck werden sie in einer Form bestiegen, die auch „aufreiten“ genannt wird und in der Regel (in diesem Fall fälschlich) in einem sexuellen Zusammenhang gesehen wird. Tatsächlich aber werden die Tiere bei dieser Gelegenheit mit dem Sekret aus den Inguinaldrüsen versehen. Das sprichwörtliche „berammelt alles“ hat also nicht immer etwas mit einem Deckverhalten von Rammlern zu tun, sondern dient häufig der Markierung von Gruppenmitgliedern. Auch fremde Tiere werden auf diese Weise den Gruppenmitgliedern langsam vertraut gemacht, so dass sie von diesen akzeptiert werden (siehe z. B. auch Mykytowycz & Goodrich, 1974). Das Berammeln findet auch nicht immer in der typischen Position von hinten statt, sondern auch von vorn oder seitlich, so dass man meinen könnte, dass der Rammler nicht weiß, wo vorn und hinten ist. Aus der Beobachtung eines Verhaltens also auf eine Fähigkeit zu schließen, kann ein Irrtum sein. Aus Gesprächen weiß ich, dass viele bei den so genannten "Zusammenführungen" das "Berammeln" unterbinden, weil es "nicht schicklich" oder als Bedrängung des Neuankömmlings empfunden wird. Tatsächlich sollte man aber eigentlich froh über das Verhalten sein, weil es der erste Schritt zur Akzeptanz in der Gruppe sein kann.

Wie auch immer: angetrieben wird die "Fleischeslust" der hoppelnden Vegetarier vor allem durch das Hormon "Testosteron". Es wird im Hoden des Mannes und der Nebennierenrinde produziert. Im Körper der Nebenhoden (Caput epididymidis) reifen die Spermien und werden im Schwanz (Cauda epididymidis) gespeichert. Nach Niepel, 2007 sind Spermien im Nebenhoden 6-7 Tage lebensfähig. In der Wikipedia findet sich die Ausage (mit Quellen belegt), dass Spermien, die länger als zehn Tage reif sind und von den körpereigenen Abbaumechanismen (programmierter Zelltod) nicht beseitigt wurden, durch Ausfluss durch die Harnröhre in Ruhephasen wie z. B. während des Schlafes entsorgt werden (Wikipedia, 2018). "Lebensfähige" Spermien bedeutet aber nicht zwingend "befruchtungsfähig". Orgebin-Crist et al. (1976) stellten fest, dass die Befruchtungsfähigkeit von Spermien aus den Nebenhoden nach 1 Tag ohne Testosteron nicht mehr vorhanden war und nach 3-4 Tagen, wenn Testosteron noch mit im Spiel war.

Testosteron ist ein Hormon, welches (unter anderem) für die Spermatogenese unerlässlich ist, also für die Entwicklung "zeugungsfähiger" Spermien. Angeregt wird die Wirkung des Testosterons in den Keimdrüsen (Gonaden, Hoden) wiederum durch Hormone aus der Hypophyse, einer Drüse im Schädel. Orgebin-Crist et al. wiesen nach, dass 5α-Dihydrotesteron (DHT) offenbar wirksamer als Testosteron die Befruchtungsfähigkeit erhalten kann. DHT ist ein Abbauprodukt des Testosterons und zum Teil des Aufgaben übernimmt und seine Wirksamkeit in den Nebenhoden entfaltet.

Was passiert eigentlich genau bei der Kastration eines Rammlers? Kurz und knapp formuliert bedeutet eine Kastration das Enfernen der Keimdrüsen (Gonaden). Im Falle der Kaninchenrammler werden die Hoden und Nebenhoden entnommen (amputiert) und anschließend der Samenleiter ligiert (abgebunden). Das heißt, es werden nicht nur die Keimdrüsen entfernt, sondern mit ihnen auch der "Produktionsort" des Testosterons und somit die Fähigkeit, Spermien befructungsfähig zu erhalten.

Bild 1: Schematische Darstellung der Fortpflanzungsorgane des männlichen Kaninchens



Wer sich auf die Suche nach Informationen zu diesem Thema macht, sollte vor allem darauf achten, unter welchen Bedingungen die jeweiligen Ergebnisse gewonnen wurden. Letztlich zählt nämlich nicht, ob Spermien noch leben, sondern ob sie auch überhaupt noch in der Lage wären, Eier zu befruchten. Da kommt man schnell an Grenzen, weil nämlich die Motilität, also die Beweglichkeit der Spermien mit Hilfe des Schwanzes entscheidend ist. Und damit kommt man zum Testosteron. Von dessen Versorgung ist das kastrierte Kaninchen aber abgeschnitten, weil ja die Hoden abgeschnitten wurden.

Man muss in Bezug auf die Überlebensfähigkeit und Befruchtungsfähigkeit von Spermien also zwischen folgenden Fällen unterscheiden:
  1. die Überlebensfähigkeit von Spermien im intakten Organismus (ohne Kastration). Die beträgt etwa 10 Tage. 
  2. die Befruchtungsfähigkeit der Spermien im intakten Organismus, die von deren Motilität abhängt, die wiederum von Testosteron und 5α-Dihydrotesteron (DHT) abhängen. Die beträgt 3-4 Tage.
  3. Das Befruchtungsfähigkeit der Spermien im kastrierten Organismus, also wenn Hoden und Nebenhoden fehlen. Die beträgt max. 1 Tag.
Aus den genannten Fakten geht hervor, dass eine Kastrationsfrist, die über 7 Tage hinausgeht, keinen Sinn ergibt. Selbst diese ist schon mit einer großen Sicherheit versehen.
 
"Das Risiko für eine Operation wie die Kastration ist bei Kaninchen sehr gering"
  Damit geht es aus ´Zeitgründen im nächsten Beitrag weiter, also bleiben sie schön neugierig und interessiert!



Quellen:
  • Mykytowycz, R.; Goodrich, B. S. (1974): Skin glands as organs of communication in mammals. Journal of Investigative Dermatology. 62(3), S. 124-131. 
  • Niepel, G. (2007): Kastration beim Hund: Chancen und Risiken - eine Entscheidungshilfe. Stuttgart: Kosmos. ISBN 978-3-440-10121-6 
  • Nieschlag, E.; Behre, H. M.; Nieschlag, S. (2010): Andrology. Male Reproductive Health and Dysfunction. 3rd Edition. Springer. e-ISBN: 978-3-540-78355-8
  • Orgebin-Crist, M.-C.; Jahad, N.; Hoffman, L. H. (1976): The effects of testosterone, 5α-dihydrotestosterone, 3α-androstanediol, and 3β-androstanediol on the maturation of rabbit epididymal spermatozoa in organ culture. Cell and tissue research 167.4: 515-525 
  • Orgebin-Crist, M.-C.; Jahad, N. (1979): The maturation of rabbit epididymal spermatozoa in organ culture: stimulation by epididymal cytoplasmic extracts. Biology of reproduction 21.2. 511-515.
  • Wikipedia (2018): Sperma. Internetressource, Download am 13.02.2018 von https://de.wikipedia.org/wiki/Sperma

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