Sonntag, 25. Februar 2018

Die Kastration von Kaninchen. Teil 5: Kastrationsrisiko

"Das Risiko für eine Operation wie die Kastration ist bei Kaninchen sehr gering"
 
Flecknell, 1999 stellte fest, dass kleine Säugetiere sicher und effektiv betäubt werden könnten, aber eine signifikant höhere Inzidenz anästhesiebedingter Mortalität und Morbidität (3,5%) aufweisen als Hunde und Katzen (0,23%). Verantwortlich dafür ist, neben Übergewicht und Vorerkrankungen, vor allem die relativ geringe Größe dieser Tiere. Die Überwachung und Aufrechterhaltung der Körpertemperatur sind deshalb von besonderer Bedeutung, weil kleine Säugetiere über ein größeres Verhältnis der Körperoberfläche zum Körpergewicht als größere Arten wie Katze oder Hunde verfügen und deshalb schneller Körperwärme verlieren.

Es muss bei den Risiken der Kastration unterschieden werden zwischen Komplikationen, die während der OP auftreten und solchen, die erst nachträglich auftreten.

Ein interessanter Artikel hierzu wurde von Streicher & Hach, 2006 veröffentlicht. Über einen Zeitraum von 16 Monaten wurden 38 Patienten mit dem Verdacht einer uterinen Veränderung vorgestellt, 28 von diesen wurden ovariohysterektomiert (Eierstöcke und Gebärmutter entfernt). Dabei erschienen die abdominale Palpation und eine Röntgenaufnahme ausreichend für die Erhebung der Verdachtsdiagnose einer uterinen Erkrankung (was laut Tierschutzgesetz der "tierärztlichen Indikation" entspricht). Interessant ist der Artikel vor allem deshalb, weil er etwas genauere Angaben zum Zustandekommen der Ergebnisse liefert. Eine davon ist z. B. die folgende: "Im Mittel waren 16 von den weiterverfolgten 19 Kaninchen 12 Monate nach der Operation am Leben.". Anders ausgedrückt, waren 16% der Tiere 12 Monate nach der Operation tot.

Operiert wurden insgesamt 28 Tiere. Für 7 Tiere (25%) war eine Aussage über ihr weiteres Befinden nicht möglich, weil sich wohl die Halter einen anderen Tierarzt gesucht hatten, die Tiere gestorben waren oder was auch immer. Alles Spekulation. Damit alles rechtens bleibt, nehme ich jetzt also an, dass 21 Tiere operiert wurden und das sind die 100%. Von diesen starb eins (5%) innerhalb von 24 Stunden und ein weiteres (5%) starb in einem Zeitraum von 48 Stunden nach der OP. Das heißt, zwei Tage nach der OP waren zwei Tiere von 21 Tieren tot (10%). Zwei weitere Tiere (10%) mussten während der folgenden 8 Monate eingeschläfert werden. Und wissen Sie was, liebe Leser, warum? Wegen Myiasis, eine der typischsten Folgerkrankungen nach der Kastration. Dabei handelt es sich um den Befall des Organismus mit Fliegenmaden, der aus der fehlenden Fähigkeit resultiert, sich zu putzen. Der Grund dafür ist wiederum in der Regel eine Gewichts- bzw. Umfangsvermehrung, der es den Tieren nicht mehr ermöglicht, die Afterregion zu putzen. Die beiden Tiere waren in der Untersuchung mit 3 und 4 Jahren relativ jung (Altersdurchschnitt aller Tiere 5,3 Jahre). Ein weiteres Tier (5%) verstarb schließlich innerhalb der nächsten 9 Monate in einem Alter von 4 Jahren wegen Magenaufgasung. Diese der Kastration zuzuschreiben, wäre sehr spekulativ, weshalb ich das nicht weiter betrachte. Das heißt, in dieser Untersuchung betrug die Mortalität auf Grund der Kastration 10%, weitere 10% starben vermutlich an langfristigen Folgen. Macht in Summe 20%. Wenn man großzügig ist und die 7 Tiere, deren Befinden nicht weiter verfolgt werden konnte als gesund annimmt, läge die Mortalitätsrate auf Grund der Kastration in dieser Untersuchung immer noch bei 7% und zusammen mit den vermuteten Folgeschäden bei insgesamt 14%. Übrigens: das Tier, welches neun Monate nach der Operation verstarb, war ohne Befund in Bezug auf die Gebärmutter. Es wurde also ein gesundes Tier operiert, welches 9 Monate später verstarb.

Tiere, die auf Grund eines operativen Eingriffs sterben, sind kein besonders beliebtes Thema für Tierärzte. Viele Praxen verdienen ihr Geld hauptsächlich mit Impfungen und Kastrationen und hohe Sterberaten durch Operationen sind ja nicht unbedingt eine gute Werbung. Das ist Fakt und kein "Tierarztbashing". Aber ebenso, wie Tierärzte die Risiken einer Kastration "kleinreden", muss auch der Aspekt möglicher Risiken benannt und darauf verwiesen werden, dass diese keineswegs "vernachlässigbar" sind. Das Durchschnittsalter in dem Artikel von Streicher und Hach lag bei 5,3 Jahren, die verstorbenen Tiere waren jünger. Das Alter ist oft ein Argument der Tierärzte, unabhängig vom rechtlichen Standpunkt, für eine Frühkastration oder einer solchen in einem frühen Alter zu "werben". Begründet wird es mit dem Operationsrisiko begründet, welches mit dem Alter zunähme. Das Durchschnittsalter der 16 Kaninchen (57%), denen auch langfristig nach der Kastration laut Streicher und Hach ein "gutes Allgemeinbefinden" attestiert wurde, betrug 5,8 Jahre. Neun der sechzehn Tiere waren 5 Jahre alt oder älter, zwei Tiere waren 7 und jeweils ein Tier 8, 9, 10 und eines sogar 12 Jahre alt! Das heißt schlicht, in dieser Untersuchung überlebten eher die älteren Tiere, als die jüngeren.

Zusammengefasst bedeuten die Angaben von Flecknell, 1999 sowie Streicher & Hach, 2006, dass das Risiko für Kaninchen, durch die Narkose bei einer Operation zu sterben, zwischen 3,5-7% liegt. Zum Vergleich: die Häufigkeit von Uterustumoren liegt nach Greene, 1941 bei 1%. Die immer wieder zitierten, höheren Raten kamen erst durch Erkrankungen (Toxikämie) und veränderte Umgebungsbedingungen zustande. Die 1% sind auch deshalb realistischer, weil viele abweichende Zahlen aus Untersuchungen stammen, in denen nur Kaninchen mit einem Verdacht einer Erkrankung als Basis betrachten wurden, also vorsortierte Tiere die Grundgesamtheit (Population) bildeten.

Ich möchte noch einen Absatz aus dem Artikel von Streicher % Hach, 2006 zitieren: "Als Prävention einer uterinen Erkrankung sollte allen Kaninchenhaltern die Ovariohysterektomie [Entfernung der Gebärmutter und Eierstöcke, Anm. A. R.] empfohlen werden. Da viele Kaninchenhalter einer Kastration ihrer Tiere kritisch gegenüberstehen, kann hier eventuell die Aufklärung ein Umdenken bewirken. Bei Ablehnung einer präventiven Kastration sollte der Tierhalter auf eine jährliche Kontrolluntersuchung hingewiesen werden. Nach eigenen Erfahrungen kann eine Veränderung des Uterus ohne großen Aufwand diagnostiziert werden. Diese kann bei ausreichender Größe röntgenologisch dargestellt werden, dem Tierbesitzer wird dadurch die Entscheidung für einen operativen Eingriff erleichtert. Die Diagnostik und Therapie des Uteruskarzinoms und anderer Uteruserkrankungen beim Kaninchen sollten zur täglichen Routine des Tierarztes in der Kleintierpraxis gehören."

Wer meine letzten Beiträge zum Thema Kastration verfolgt hat, weiß bereits, dass die "präventive" Kastration ohne tierärztliche Indikation selbstverständlich verboten ist (Erlaubnisvorbehalt = Amputationen sind per se verboten, es sei denn, ausdrücklich genannte Gründe erlauben den Eingriff). Die Empfehlung erscheint umso erstaunlicher, weil dann erklärt wird, dass Uterusveränderungen "ohne großen Aufwand" diagnostiziert werden können. Warum soll ich dann, bitteschön, das Kaninchen der Gefahr einer Operation aussetzen (Mortalität 3,5-7%)? Warum den Gefahren späterer Erkrankungen, die durch die Amputation nachweislich entstehen können?

Soweit erst einmal zu den Operationsrisiken.

Ich hatte in einigen Beiträgen schon darauf verwiesen, dass das Zitieren von Quellen zur Untermauerung eigener Darstellungen oft etwas seltsam ist. Ich nehme mal beispielhaft den Artikel von Streicher & Hach, 2006, um das zu demonstrieren. Es passt auch deshalb ganz gut hierher, weil ich im 3. Teil dieser Beitragsserie bereits auf die Ergebnisse von Harry S. N. Greene eingegangen bin. In ihrem Beitrag gehen die Autoren auf die Epidemiologie des "Uterus-Adenokarzinom" ein. Natürlich dürfen auch die Ergebnisse von Greene nicht fehlen, der folgendermaßen zitiert werden:

"Greene und Saxton berichten schon 1938 über 83 Uterustumore beim Kaninchen, wobei 72 % der betroffenen Tiere zwischen 5 und 6 Jahre alt waren."

Tatsächlich äußerten sich Greene und Saxton in dem genannten Beitrag aber wie folgt:

Bild 2: Auszug aus Greene & Saxton, 1938, Altersabhängigkeit von Uterustumoren


Nanu? Sie werden sich jetzt sicher fragen, wo die 72% geblieben sind. Stattdessen wird dort angegeben, dass im 5. Lebensjahr 25%, im sechsten 9% und im siebenten nur 1% von Gebärmuttertumoren gefunden wurden. Das ist natürlich zu wenig dramatisch. Zumal in diesem Artikel auch noch festgestellt wurde, dass in einigen Jahren gar keine Uterustumore in der Kolonie gefunden wurden!

Bild 3: Auszug aus Greene & Saxton, 1938, Häufigkeit von Uterustumoren von 1932-1938


Die ominösen 72% tauchen erst in einem Artikel von Greene aus dem Jahr 1941 auf. In diesem basierten die Ergebnisse jetzt auf Daten von September 1931 bis Februar 1940. Ab 1936 nahmen aber die Auswirkungen der vorangegangenen Toxikämieseuche in den Rassen und deren Kreuzungenn und somit auch die Erkrankungen an Uterustumoren dramatisch zu (siehe auch Diagramm 3 im dritten Teil der Artikelserie). Das alles hat natürlich nichts mit einer normalen, natürlichen Häufigkeit von Uterustumoren in Kaninchen zu tun, aber wen kümmert's?

In dem folgenden Auszug aus dem Artikel von Greene, 1941 habe ich die "72%" rot hervorgehoben. Blau markiert sind die 100%, die merkwürdigerweise nicht erwähnt werden.

Bild 3:Die Häufigkeit von Uterustumoren in Relation zum Alter; aus Greene, 1941


Wie man sieht, trifft die 72% nur für ausgewählte Kaninchen der gesamten Population zu. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum die andere (blau markierte) Auswahl von 100% oder ein Mittelwert aus beiden (86%) nicht zitiert wird? Es wäre doch viel dramatischer und im Sinn  der Kastrationsbefürworter zu behaupten, dass 100% aller Kaninchen in einem Alter von 5-6 Jahren an Uterustumoren erkranken. Ich vermute mal, dass vielen Autoren die 100% dann doch etwas unheimlich waren und man lieber auf die etwas niedrigere Zahl zurückgriff. Oder sie haben die Quellen, die sie zitieren, nie gelesen und geben nur irgendwelche Extrakte aus anderen Quellen an. Echt peinlich.

Weiter geht es in dem Artikel von Streicher und Hach folgendermaßen: "Neuere Untersuchungen gehen sogar von einer Erkrankungshäufigkeit bis zu 80 % nach dem 3. Lebensjahr aus (Hillyer, 1994; Malley, 1995; Stein und Walshaw, 1996; Richardson, 1997; Williams, 1997; Harcourt-Brown, 1998)." Die Quellen sind überwiegend Fachbücher, die normalerweise keine neuen Untersuchungen anbieten, sondern nur auf solche verweisen. Ich beschränke mich mal auf die letzte, erwähnte "neue Untersuchung" von Frances Harcourt-Brown, einer englischen Tierärztin. Von ihr wurden keine Untersuchungen diesbezüglich durchgeführt. Wenn, wurden von ihr, wie von deutschen Tierärzten auch, Zahlen aus ihrer Praxis genannt. In ihrem Buch "Textbook of rabbit medicine" wird im Kapitel "14.6.6.1 Uterine adenocarcinoma" lediglich Greene aus dem Jahr 1941 mit den bekannten Ergebnissen zitiert.

Überhaupt existieren aktuell eigentlich nur Fallzahlen von Tierärzten. Mir ist keine einzige, neue Untersuchung bekannt, die sich auf eine normale, natürliche Population beziehen würde. In den heutigen Veröffentlichungen wird immer auf alte Quellen verwiesen und diese dann in Bezug zu den eigenen (ausgesuchten) Fallzahlen gesetzt. 

Witzig ist noch folgendes Zitat aus Streicher & Hach, 2006: "Das Karzinom des Endometriums kommt insgesamt bei unseren Haustieren eher selten vor, nur bei Kaninchen wird es häufiger beobachtet (Stilling und Beitzke, 1913; Greene und Saxton, 1938; Burrows, 1940; Greene, 1959; Ingalls et al., 1964; Baba und Von Ham, 1972; Elsinghorst et al., 1984)." In der erst genannte Quelle "Stilling und Beitzke, 1913" wurde nämlich das genaue Gegenteil festgestellt.
 
Einige Quellen werden, ähnlich wie von Streicher und Hach, 2006 von fast allen Autoren immer wieder aufgeführt. Was dort eigentlich drin steht und wie sinnvoll deren Zitatierung zum Thema "Inzidenz von Uterustumoren bei Kaninchen" eigentlich ist, soll Inhalt des nächsten Beitrages sein. Also bleiben Sie schön neugierig und interessiert.


Quellen:
  • Bertram, C. A.; Klopfleisch, R.; Müller, K. (2017): Ovarian lesions in 44 rabbits (Oryctolagus cuniculus). J. Vet. Med. Sci. 79(12): 1994–1997 
  • Flecknell, P. (1999): Rabbits, Rodents and Ferrets. In: Manual of Small Animal Anaesthesia and Analgesia. Seymour, C.; Gleed, R. (Ed.). Cheltenham UK : BSAVA. 295-304. ISBN 0 905214 48 X. S. 295-304
  • Fuchs-Baumgartner, A.; Heckermann, H.; Gruber, A.; Künzel, F. (2009): Ein Beitrag zur Art und Häufigkeit von Uterusveränderungen beim Kaninchen. Wiener Tierärztliche Monatsschrift 25.11. 272
  • Greene, H. S. N. (1941): Uterine Adenomata in the Rabbit: III. Susceptibility as a Function of Constitutional Factors. J Exp Med 73(2). 273-292
  • Harcourt-Brown, F. (2002): Textbook of rabbit medicine. Oxford: Butterworth-Heinemann. ISBN 0-7506-4002-2
  • Streicher, M.; Hach, V. (2006): Das Uterus-Adenokarzinom des Kaninchens. Kleintierpraxis 51(6). 3-8
  • Walter, B.; Poth, T.; Böhmer, E.; Braun, J.; Matis, U. (2010): Uterine disorders in 59 rabbits. Veterinary Record 166. 230-233 

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