Sonntag, 24. September 2017

Ad libitum und alles ist gut?

Seit einiger Zeit macht im Zusammenhang mit der Fütterung von Kaninchen eine Wortverbindung die Runde, die scheinbar die Lösung für viele Probleme bietet: "ad libitum" (auch "ad lib"). In meinem ersten Buch „Kaninchen würden Wiese kaufen“ habe ich auch unsere Fütterung beschrieben, in der u. a. von Gemüse "zur freien Verfügung" die Rede ist. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass unsere Tiere relativ frei auf einem Grundstück leben, welches mit Wiese bewachsen ist. Die Tiere bedienen sich davon nach Lust und Laune, auch von den Samen der Pflanzen. Eben ad libitum. Früher gab es noch zusätzlich Pflanzen von anderen Wiesen und auch Gemüse dazu. Auch ad libitum. Natürlich bekommen sie auch Wasser, Heu und Trockenfutter. Alles ad libitum. Auf dem Grundstück stehen viele Bäume und Sträucher, von den sie sich jederzeit bedienen können. Ad libitum. Außerdem gibt es Schnecken, Spinnen und Käfer - alles jederzeit zur freien Verfügung, also ad libitum. Vielleicht merkt schon der eine oder andere, worauf ich hinaus möchte. Aber der Reihe nach.

Bild 1: Hauskaninchen im Freilauf mit allem, was dort zur Verfügung steht (ad libitum) und zusätzlich gesammelten Wiesenfutter (ad libitum)


Die Formulierung "ad libitum" war und ist ein gängiger Begriff dafür, dass Tieren freier Zugang zu einem Futter gewährt wird. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "nach Gutdünken, nach Belieben". In manchen Artikeln wird diese Formulierung schon im Titel angeführt - so z. B. bei Prud'Hon (1975): "Evolution, au cours de la croissance, des caractéristiques de la consommation d'aliments solide et liquide du lapin domestique nourri ad libitum". In diesem Artikel geht es um den aufgenommenen Anteil von festen zu flüssigen Bestandteilen in der Nahrung von Kaninchen. Die jeweiligen Futtermengen wurden "ad libitum" angeboten, also in einer Weise, dass jedes Tier davon fressen konnte, wann es wollte und in unbeschränkten Mengen.

Von Ehrlein (1983) gibt es einen interessanten Beitrag über den Nahrungstransport im Darm und die Bildung von Hart- und Blinddarmkot. In dem Artikel wurde für verschiedene Versuchsbedingungen folgendes formuliert: "The animals were fed a standard laboratory diet supplemented with hay ad libitum." Übersetzt heißt das, die Tiere wurden mit einem Standard-Labor-Futter ernährt, welches durch Heu ergänzt wurde, das ihnen frei zur Verfügung stand.

Garcia, et al. (1999) gaben in ihren Untersuchungen über den Einfluss der Pflanzenfasern auf die Verdauung und der Darmpassage für die Versuchsbedingungen an: "Animals were given ad libitum access to the feed.". Das heißt, die Tiere erhielten während der Versuche freien Zugang zu dem (Versuchs-)Futter.

Soweit drei Beispiele zur Nutzung des Begriffs, aber es gibt sicher tausende Beiträge über Kaninchen, in denen über eine bestimmte Fütterungsweise kurz und knapp formuliert wird, dass sie "ad libitum" erfolgt wäre - das heißt, ein bestimmtes Futter stand den Tieren frei zur Verfügung. In meinem Buch "Kaninchen würden Wiese kaufen" habe ich diese Beschreibung mit dem lateinischen Begriff "ad libitum" fünfmal benutzt und außerdem auch erklärt.

Vor ca. sieben Jahren versuchte jemand, ein "Fütterungskonzept" bekannt zu machen, welches extra von dieser Person "entwickelt" worden wäre. Die Betreffende hatte nach eigener Aussage auch mein Buch sowie meine Webseite gelesen. In einem Forum erklärte sie, ich propagiere eine Ernährung mit Wiese und würde bewusst keine andere (wiesenfreie) Fütterung als Alternative darstellen. Ihre "Fütterungskonzepte" wären dagegen allesamt auch wiesenlos umsetzbar. Nun, die erste Aussage ist nachweislich falsch und die zweite ganz sicher nicht revolutionär, weil es eher das verbreiteste "Fütterungskonzept" ist - in welcher Form auch immer. Nach der Diskussion im Forum war das Thema für mich abgehakt. Dachte ich. Die Anfragen häuften sich aber und immer wieder wurde ich gefragt, was ich denn von dem Konzept einer "Ad-libitum-Fütterung" halten würde. Da auch heute noch immer wieder dieses "Konzept" durch meine mailbox geistert, möchte ich an dieser Stelle diesem "Mythos" den Garaus machen. So muss ich mich nicht ständig wiederholen und verweise einfach auf diesen Beitrag.

Wie bereits erwähnt, beschreibt dieser Begriff vor allem in Fachpublikationen eine Methode, mit der ein Futter bereitgestellt wird. Das kann entweder rationiert sein oder soviel, dass ein Tier zu jeder Zeit eine beliebige Menge davon aufnehmen kann. Das wird dann ad libitum genannt. In Fütterungsversuchen wird das mit verschiedenen Futtermitteln durchexerziert, weil man z. B. wissen möchte, wie sich ein Stoff X gegenüber Stoff Y in einem Futter auf den Organismus aufwirkt. Das heißt, mit dem Begriff ad libitum wird nur eine quantitative Aussage (über eine Menge) getroffen, keine qualitative. Das heißt, auch das allerschlechteste Futter kann ad libitum bereitgestellt werden, obwohl es dem Tier nichts nutzt. In der Aufzählung am Anfang habe ich auch Schnecken, Spinnen und Käfer aufgezählt, die unseren Tieren ad libitum zur Verfügung stehen würden. Dieses zugegebenermaßen etwas drastische Beispiel soll eigentlich nur eines verdeutlichen: zwischen etwas ad libitum bereitstellen und dem Nutzen für ein Tier besteht ein himmelweiter Unterschied - selbst, wenn sie aus dem Ganzen selektieren können.

Gemeinsam mit einem völlig falschen Verständnis des Selektionsvermögens und der Fütterung von Kaninchen ohne frische Wiesenpflanzen wurde also daraus ein "Konzept" konstruiert, wonach Kaninchen aus einer großen Menge (ad libitum) verschiedener Gemüsesorten sich das aussuchen könnten, was sie bräuchten und es würde ihnen nicht schaden. Warum kann so etwas nicht funktionieren?

In Gemüse ist das, was sie tatsächlich benötigen, nur zu einem geringen Teil vorhanden (z. B. Struktur-Kohlenhydrate, Amino- und Fettsäuren). Mit anderen Worten: es nützt ihnen nicht viel, auch wenn es in großen Mengen (ad libitum) bereitgestellt wird. Um ihren Bedarf an bestimmten Nährstoffen zu decken, müssten sie so viel Gemüse fressen, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes platzen würden. Außerdem kann Gemüse in größeren Mengen tatsächlich zu Darmerkrankungen führen. Warum zuviel (Wurzel-)Gemüse nur auf Grund der geringen Gehalte an schwer- und unverdaulichen Pflanzenfasern krank machen kann, habe ich in diesem Artikel dargelegt. Noch einmal mit einfachen Worten:

Gemüse in großen Mengen in der Ernährung von Kaninchen kann zu verschiedenen Erkrankungen des Verdauungssystems und des Gebisses führen. Zudem kann es durch geringe essentielle Nährstoffgehalte das Immunsystem nachhaltig schädigen. Einem Kaninchen die Möglichkeit zu geben, aus einer Vielzahl von Gemüsesorten auszuwählen (zu selektieren), erhöht nicht die Qualität des Gemüses in Bezug auf die Nährstoffe. 

Ein "Konzept" in Zusammenhang mit "Gemüse", "ad libitum" und "selektieren" ist für die Fütterung von Kaninchen also weitgehend sinnfrei. Nur ein Beispiel: die schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystin sind für das Kaninchen essentiell, das heißt, sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden. In der arttypischen (Wiesen-)Nahrung sind sie in ausreichender Menge vorhanden.

Bild 2: Methionin- und Cystingehalte in g/kg Trockensubstanz, in verschiedenen Futtermitteln (Gemüse = Gemisch aus Mohrrübe, Brokkoli, Chicorée, Feldsalat und Kopfsalat)

Der grüne Linie in den Diagrammen zeigt den Bedarf für die Summe aus beiden Aminosäuren für Heimkaninchen nach (Lowe, 2010). Gemüse ist bekanntermaßen arm an schwefelhaltigen Aminosäuren und man sieht, dass die Mengen nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Das gilt nicht nur für die ausgesuchten Sorten. Man könnte auch andere Sorten mischen und das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche. Mit Haferflocken lässt sich das Defizit nicht ausgleichen, weil diese nur rationiert gegeben werden können/sollten. Mit Heu als Ergänzung (oder Hauptfutter) kann das Problem eher noch schlimmer werden. Welchen Einfluss schwefelhaltige Aminosäuren nehmen können, soll noch in einem anderen Beitrag Thema sein.

Mit dem Nachteil der bereits beschriebenen Zusammensetzung der Kohlenhydrate bietet also Gemüse, vor allem die Wurzelgemüsesorten, ein gewisses gesundheitliches Risiko, wenn es in größeren Mengen verfüttert wird. Wenn man beispielsweise frische Wiesenpflanzen ad libitum und Gemüse ebenfalls ad libitum anbieten würde, wäre das Risiko wesentlich geringer, weil sich die Kaninchen (nach einer Umstellungszeit) der Wiese zuwenden würden. Das heißt, Gemüse wäre zwar immer noch ad libitum vorhanden, aber die Tiere beachten es nicht mehr.  

Liebe Leser dieses Blogs: bitte überlegen Sie sich also bei angeblich neuen und scheinbar revolutionären Ideen zur Fütterung von Kaninchen, die nicht die für Kaninchen arttypische Nahrung wie Gräser und Kräuter beinhaltet, ob diese wirklich sinnvoll sein können. Über das Kaninchen ist alles bekannt, auch was es für Bedarfe hat. Niemand, auch ich nicht, kann die Tiere ändern. In meinen Büchern, auf meiner Webseite und in diesem Blog beschreibe ich nichts Neues, sondern versuche lediglich, altbekanntes Wissen wiederzubeleben oder aus Beobachtungen von Wildkaninchens darzustellen und zu erklären. Für die Erklärungen nutze ich dann natürlich auch gern neue Quellen, wobei auch deren Ergebnisse oft nichts Neues beinhalten, sondern Zusammenhänge lediglich besser analysieren und visualisieren können. Wenn das Kind (Kaninchen) aber bereits im Brunnen liegt, interessiert mich nicht wie tief der ist, sondern wie ich hätte verhindern können, dass es dort hineinfällt.

Quellen:
  • Ehrlein, H.-J.; Reich, H.; Schwinger, M. (1983): Colonic motility and transit of digesta during hard and soft faeces formation in rabbits. The Journal of physiology 338.1: 75-86.
  • Garcia, J.; Carabano, R.; de Blas, J. C. (1999): Effect of fiber source on cell wall digestibility and rate of passage in rabbits. J Anim Sci 77:898-905
  • Lowe, J. A. (2010): Pet Rabbit Feeding and Nutrition. In: C. de Blas und J. Wiseman [Hrsg.]. Nutrition of the Rabbit. CAB International, 2010.
  • Prud'Hon, M., et al.  (1975): Evolution, au cours de la croissance, des caractéristiques de la consommation d'aliments solide et liquide du lapin domestique nourri ad libitum. Annales de zootechnie. Vol. 24. No. 2. pp 289-298

Sonntag, 17. September 2017

Vitamin C - ohne Bedeutung für Kaninchen?

Vor etwa 25 Millionen Jahren führte eine Genmutation bei einigen Säugetierarten zum Verlust der Fähigkeit, im Körper selbst Vitamin C (Ascorbinsäure) zu synthetisieren. Dazu gehören z. B. Meerschweinchen, Menschen und Primaten. Vitamin C  ist wasserlöslich, weshalb es bei der Lagerung von Nahrungs- und Futtermitteln in einem bestimmten  Maß verloren geht.

Kaninchen können das Vitamin in der Leber aus Glukose selbst produzieren.  Es ist an der Biosynthese von Kollagen und Carnitin beteiligt und stimuliert die phagozytische Aktivität von Leukozyten. Leukozyten sind weiße Blutkörperchen, die zum körpereigenen Immunsystem gehören und unter anderem an der Erkennung körpereigener und körperfremder Strukturen beteiligt sind. Sie bilden Antikörper und sind für die Phagozytose  von Krankheitserregern und körpereigenen Abbauprodukte verantwortlich. Die Gruppe der Phagozyten sind spezielle weiße Blutkörperchen, die Fremdkörper erkennen, umschließen und verdauen, weshalb sie auch als „Fresszellen“ bezeichnet werden. Eine zweite Gruppe der weißen Blutkörperchen bilden die Lymphozyten.  Deren Hauptaufgabe besteht in der gezielten Abwehr von  Infektionserregern und veränderten, körpereigenen Zellen wie Krebszellen (Tumorzellen). Eine weitere Aufgabe von Vitamin C besteht in dem Schutz von Vitamin E vor Oxidation. 

Untersuchungen zeigten, dass ungünstige Bedingungen wie heißes Wetter, Stress, die Entwöhnung junger Tiere sowie subklinische Erkrankungen die Synthese von Ascorbinsäure aus Glukose behindern, so dass dem Körper weniger Vitamin C zur Verfügung steht (Mateos, et al. (2010). Unter subklinischen Erkrankungen werden solche verstanden, die einen leichten Verlauf zeigen, klinisch nicht oder nur schwer erkennbar sind und für die keine klinische Behandlung notwendig ist.

Die frühere Bezeichnung von Vitamin C als „antiskorbutisches Vitamin“ geht auf die Krankheit „Skorbut“ zurück, die durch einen langfristigen Mangel an diesem Vitamin hervorgerufen wird. Als Folge können z. B. Zähne im Kiefer locker werden und ausfallen.

In Bezug auf die Ernährung des Menschen wie auch von Kaninchen wird immer wieder betont, dass Gemüse eine wichtige Rolle spiele, weil es so viele Vitamine enthalten würde. In dem folgenden Diagramm sind verschiedene, mögliche Futtermittel für Kaninchen aufgeführt. Für die Daten von „Gemüse“ wurde ein  Mittelwert aus Möhre, Pastinake, Sellerie, Gurke, Brokkoli, Chicorée, Feldsalat, Grünkohl und Kopfsalat gebildet. Diese einheimischen Produkte sind in der Ernährung von Kaninchen weit verbreitet, weil sie recht einfach in Supermärkten zu beschaffen sind. Die Einzelwerte stammen aus Souci (2008). Die Werte für „Kleeheu“ und „Weidegras“ wurden dem Lehrbuch von Nehring (1972) entnommen. Für Weidegras wird von K. Nehring eine Spanne von 2.000-3.000 mg/kg TS angegeben, ich habe daraus einen mittleren Wert von 2.500 mg/kg TS angenommen. Weiterhin habe ich eine Empfehlung aufgnommen, die ein Gemisch von 75% Heu und 25% Gemüse als gut und ausreichend für Kaninchen erachtet. Als ein weiterer Wert wird das Verhältnis 50/50 Heu und Gemüse dargestellt. 

Bild 1: Gehalte von Vitamin C in verschiedenen Futtermitteln
100% eines Futtermittel bedeuten in dem Diagramm, dass ein Kaninchen ausschließlich damit gefüttert wird. Ernährt man ein Kaninchen nur mit Weidegras, würde es damit im Vergleich zur alleinigen Verfütterung von Heu die 42fache Menge von Vitamin C aufnehmen und im Vergleich zum ausgewählten Gemisch von Gemüse das Dreifache. Wahrscheinlicher und oft empfohlen wäre aber eine Mischung aus Heu (75%) und Gemüse (25%). Im Vergleich zu diesem "Futter" würden Kaninchen mit Weidegras das Sechsfache der Vitamin-C-Menge aufnehmen.

Für den nutritiven Zweck, also dem der Versorgung des Körpers mit der nötigen Menge an Ascorbinsäure für verschiedene Körperfunktionen wird angenommen, dass die körpereigene Biosynthese das Kaninchen mit einer ausreichenden Menge versorgt, wenn nicht ungünstige Bedingungen diese einschränken. Es gibt aber noch einen (oder mehrere) Aspekte, der in Verbindung mit Vitamin C eine Rolle spielen kann.

Die Natur hat für das Kaninchen eine Nahrung vorgesehen, die in dem angeführten Maß (am Beispiel von Weidegras) einen sehr hohen Gehalt an Ascorbinsäure enthält. Weiterer Aspekte in der Nahrung sind ein hoher Gehalt an Calcium sowie ein pH-Wert des Urins von Kaninchen, der je nach Quelle, basisch ist, wobei es Schwankungen in einem Bereich von 5-9 (Median 8-8,5, je nach Prüfmethode) bei Hauskaninchen geben kann (Binder, 2011). Der relativ hohe (basische) pH-Wert begünstigt ein Ausfällen von Calciumverbindungen, insbesondere solcher, die aus Calcium und Phosphat bestehen.

Ein Grund, warum ich immer wieder darauf verweise, Kaninchen mit frischen Pflanzen von Wiesen zu versorgen, besteht in dem hohen Ascorbinsäuregehalt dieser Nahrung: er säuert den Urin auf natürliche Weise an. Bisher ist (mir) nicht bekannt, wie groß dieser Effekt ist, weil es darüber keine Untersuchungen gibt. Von Harris, et al. (1956) wurde aber nachgewiesen, dass mit steigender Zufuhr von Vitamin C über die Nahrung auch die ausgeschiedene, überschüssige Menge zunimmt. Somit ist auch der Urin weniger basisch. Im Humanbereich wird Vitamin C therapeutisch bei Harnwegserkrankungen mit Steinbildungen eingesetzt, die auf Grund eines zu basischen Milieus entstehen.

Es gibt in diesem Zusammenhang noch einen weiteren Grund, frische Grünpflanzen für Kaninchen zu empfehlen. Die schwefelhaltige Aminosäure "Methionin" ist ebenfalls geeignet, den Urin auf natürliche Weise anzusäuern. Dazu folgen in einem anderen Artikel mehr Informationen.

Abschließend zur Frage, ob Vitamin C in der Nahrung für Kaninchen keine Rolle spiele, weil es vom Körper selbst hergestellt werden kann - dagegen sprechen mehrere Gründe:
  • die Biosynthese im Körper ist vom Gesundheitsstatus eines Tieres abhängig
  • die natürliche Nahrung des Wildkaninchens verfügt über einen sehr hohen Gehalt an Vitamin C
  • es ist fraglich, ob die Biosynthese in Hauskaninchen bei einer, im Vergleich zu der des Wildkaninchens defizitären Nahrung allein ausreicht, den Gehalt zu liefern, wie er Wildkaninchen  über die natürliche Nahrung zur Verfügung steht.
Auch ohne einen eindeutigen Beleg aus einer wissenschaftlichen Untersuchung stellt für mich Vitamin C also eine wichtige Komponente in der Nahrung für Kaninchen dar, weil unabhängig von der Fähigkeit der Synthese im Körper ein Defizit im Futter von Hauskaninchen Harnwegserkrankungen begünstigen kann. Außerdem stellt es eine wichtige Komponente im Immunsystem dar.

Von einer Supplementierung mit Vitamin-C-Präparaten würde ich abraten. Vitamine (wie auch andere Nahrungsstoffe) sollten immer in natürlicher Form (mit der Nahrung) zugeführt werden.

Quellen:
  • Binder, N. (2011): Referenzbereiche für Urinparameter bei Kaninchen und Meerschweinchen. LMU: München. Dissertation
  • Chatterjeee, I. B.; Majumder, A. K.; Nandi, B. K.; Subramanian, N. Synthesis and some major functions of vitamin C in animals. Annals of the New York Academy of Sciences 258.1: 24-47
  • Harris, L. J.; Constable, B. J.; Howard, A. N.; Leader, A. (1956): Vitamin C economy of rabbits. Brit. J. Nutrition 10: 373-382
  • Mateos, G. G.; Rebollar, P. G.; de Blas, C. (2010): Minerals, Vitamins and Additives. In: de Blas, C.; Wiseman, J. (Hrsg): Nutrition of the Rabbit, 2nd Edition. ISBN: 978-1-84593-669-3. S. 119-150
  • Nehring, K. (1972): Lehrbuch der Tierernährung und Futtermittelkunde. 9. neubearb. u. erw. Aufl. Radebeul, Berlin: Neumann
  • Souci, S. W. (2000): Die Zusammensetzung der Lebensmittel. Stuttgart: Medpharm Scientific Publ. ISBN 3-88763-076-9
  • Tuchscherer, M.; Manteuffel, G. (2000): Die Wirkung von psychischem Stress auf das Immunsystem. Ein weiterer Grund für tiergerechte Haltung (Übersichtsreferat). Arch. Tierz., Dummerstorf 43.6. 547-560.

Samstag, 9. September 2017

Gemüse - eine gute Alternative?

Einleitung

Kaninchen werden als „Herbivore“ bzw. Pflanzenfresser bezeichnet. Entsprechend ihrer Nahrung, dem Lebensraum und den Lebensgewohnheiten verfügen sie über eine bestimmte Körpergröße, ein spezielles Verdauungssystem und Gebiss. Aus diesem Grund fressen sie auch nicht wahllos alles, was pflanzlich ist, sondern bevorzugen die Blätter von Gräsern und Kräutern. In der Fortpflanzungszeit werden zusätzlich Samen von Pflanzen aufgenommen und im Winter weichen sie auch auf Rinden und Wurzeln aus. In manchen Gebieten fressen sie auch Pilze. Weil sie vorwiegend Blätter fressen, nennt man sie auch „Folivore“. Der Darm des Kaninchens ist mit ca. 4,5 m sehr lang – ungefähr 10mal so lang wie der Körper. Außerdem verfügt es über einen ungewöhnlich großen Blinddarm, in dem Bakterien leben, die schwerverdauliche Kohlenhydrate wie Cellulose und Hemicellulose "verarbeiten". Die Abbauprodukte stehen vorrangig als Fettsäuren für die Energieversorgung des Organismus zur Verfügung.

Bild 1: Schematischer Aufbau des Verdauungstraktes verschiedener Säugetiere
Um zu verstehen, welches Futter für Kaninchen geeignet sein könnte und welches eher nicht, bedarf es einiger grundlegender Betrachtungen. Dazu gehört auch die Analyse von Futtermitteln, die ein Kaninchen ernähren sollen.

Futtermittelanalyse

Bis heute werden in Deutschland Gehalte von Inhaltsstoffen in Futtermitteln angegeben, die mit Hilfe der "Weende-Futtermittelanalyse" aus dem 19. Jahrhundert ermittelt wurden. Die Methodik von Henneberg & Stohmann (1860, 1864) wurde an der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Weende, einem Stadtteil von Göttingen, für die Analyse von Futterpflanzen entwickelt. Die Werte der Weende-Analyse werden in der Futtermittelkunde üblicherweise mit „Rohnährstoffe“ bezeichnet. Das „Roh“ steht dabei für die Angabe von Stoffgruppen, also nicht einzelnen Nährstoffen. In diesem Beitrag werde ich mich auf das beschränken, was in dieser Methode als "Rohfaser" erfasst und als "Stickstofffreie Extraktstoffe" errechnet wird und warum die Werte für verschiedene Futtermittel wenig Sinn machen.

Als Rohfaser (Rfa) wird der in Säuren und Laugen unlösliche fett-, stickstoff- und aschefreie Rückstand der Trockensubstanz (TS) bezeichnet. Die „Rohfaser“ ist somit eine Stoffgruppe, welche Cellulose, Lignin, Pentosane usw. enthält. Da ein Teil dieser Stoffe aber in Lösung geht, werden diese auch mit der Gruppe der Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE) erfasst. Die Rohfaser ist also kein definierter Wert für einen Nährstoff oder eine Nährstoffgruppe und enthält in der Regel immer nur einen Teil der Gerüstsubstanzen/Zellwand. Es gibt Ausnahmen wie Gemüse, wie später noch gezeigt wird. Die NfE werden nicht analysiert sondern ergeben sich rechnerisch nach dem Abzug der Gehalte von Rohasche, Rohprotein, Rohfett und Rohfaser von der Trockensubstanz. Die NfE enthalten theoretisch die leichter verdaulichen Kohlenhydrate.

Es gibt unzählige Werte für die Gehalte von Rohnährstoffen, die mittels der Weende-Analyse ermittelt wurden und jeder "Experte" nimmt sich die Deklaration eines Futtermittels vor, wenn er es nach seinem Nutzen beurteilen soll. Dabei war eigentlich schon mit der Etablierung dieser Analysemethode klar, dass sie entscheidende Schwächen aufwies: die Kohlenhydrate als sehr wichtige Bestandteile der Ernährung wurden nicht erfasst und die NfE werden rechnerisch ermittelt. Für Kaninchen ist das eigentlich sehr schlecht, denn ihr Verdauungssystem ist auf ein abgestimmtes Verhältnis von unverdaulichen, schwer verdaulichen und komplett verdaulichen Kohlenhydraten angewiesen. In dem sehr großen Blinddarm leben verschiedene Bakterien, die auf den Celluloseabbau spezialisiert sind. Die komplett verdaulichen Kohlenhydrate dagegen werden überwiegend im Dünndarm verwertet, der sich anatomisch vor dem Blinddarm befindet. Das heißt, leicht bzw. komplett verdauliche Kohlenhydrate gelangen gar nicht in den Blinddarm bzw. nur zu einem geringen Teil. Daraus folgt, dass die Bakterien, die Cellulose abbauen, im Blinddarm in der Überzahl sind, während Bakterien, die sich von leicht verdaulichen Kohlenhydraten ernähren, nur in geringer Zahl vorkommen. Zu diesen gehören z. B. "Clostridium perfringens" und "Escherichia coli", die an Darmerkrankungen beteiligt sind oder solche auslösen. Eine Übersicht zu Bakterien des Kaninchens und den Substraten, von denen sie sich ernähren, findet sich in Rühle (2017).

Ende der 1960er Jahre entwickelte der amerikanische Wissenschaftler Peter J. Van Soest (1967) eine Methode, mit der die Kohlenhydrate getrennt erfasst werden können. In neuerer Zeit gibt es verschiedene Interpretationen bzw. Weiterentwicklungen der ursprünglichen Analysemethode, ich beschränke mich hier auf das Wesentliche. Die Methode nach Van Soest trennt Kohlenhydrate in die „Neutrale Detergenzfaser“ (neutral detergent fibre = NDF) und „Nichtfaser-Kohlenhydrate“ (non fibre carbohydrats = NFC). Ein anderer Begriff dafür ist "Total dietary fibre" und meint alle "wasserlöslichen Nicht-Stärke-Polysaccharide". NDF enthält Lignin, Cellulose sowie Hemicellulose und liefert somit den schwer- und unverdaulichen, NFC den gut bis komplett verdaulichen Anteil an Kohlenhydraten. Lösliche Kohlenhydrate können bis zu Einfachzuckern abgebaut werden, die über die Darmwand und das Blut den jeweiligen Organen zugeführt werden. Das Lignin, welches in der „Rohfaser“ enthalten ist, gehört nicht zu den Kohlenhydraten und wird nach Van Soest als ADL (acid detergent lignin) erfasst. Das folgende Diagramm versucht, die Unterschiede zwischen dem, was der deutsche Kunde aus der Deklaration erfährt mit dem zu vergleichen, was die Analysemethode nach Van Soest liefert.

Bild 2: Vergleich von Weende- und Van Soest-Analyse am Beispiel von frischer Luzerne in g/kg Trockensubstanz
Das Diagramm zeigt typische Analysewerte für frische Luzerne. Auf der linken Seite sind die Werte dargestellt, wie sie auch in der "Deklaration" eines Futters angegeben werden, rechts die Werte nach der Methode von Van Soest. Der Gehalt von Rohasche beträgt 110 g/kg TS, Rohprotein 213 g/kg und Rohfett 30 g/kg TS. Bis hier sind die Werte in den beiden Methoden gleich, der Unterschied ergibt sich bei der Auftrennung der Stickstofffreien Extraktstoffe (390 g/kg TS) und Rohfaser (257 g/kg TS) der Weende Analyse. Auf der rechten Seite sieht man nun die Phenolgruppe "ADL" sowie die Kohlenhydratgruppen "Cellulose", "Hemicellulose" und "NFC". Man sieht in dem Vergleich sehr schön, dass offensichtlich einige Kohlenhydrate, die für celluloseabbauende Bakterien wichtig sind, in der Weende-Analyse mit den Stickstofffreien Extraktstoffen erfasst werden. Die Rohfaser dagegen gibt ADL, also Lignin sowie einen Teil der Cellulose wieder, wobei Lignin komplett unverdaulich ist, also auch nicht von Darmbakterien verwertet werden kann.

Viele kennen sicher die Aussage, dass die Rohfaser sehr wichtig für die Verdauung von Kaninchen ist. Damit ist eigentlich ein unverdaulicher und schwerverdaulicher Teil der Nahrung gemeint, der im Blinddarm von Bakterien verwertet wird. Im Fall der Hemicellulose der frischen Luzerne trifft das jedoch nicht zu, denn sie geht offensichtlich in die Gruppe der NfE ein. Das heißt, dass mit der Rohfaser eine Aussage über deren stoffliche Verwertung eigentlich keine Aussage getroffen werden kann.

Vergleich von Futtermitteln mittels Van Soest-Analysewerten

Bisher wurde die erweiterte Weende-Analyse nach van Soest nur am Beispiel eines Futtermittels demonstriert, nämlich dem der frischen Luzerne. Dabei muss noch bedacht werden, dass Analysewerte gewöhnlich von Pflanzenbeständen gewonnen werden, das heißt, es werden Stängel und Blätter eines jeweiligen Wuchsstadiums analysiert. Tatsächlich fressen Kaninchen aber eigentlich bevorzugt nur die Blätter

Das folgende Diagramm zeigt verschiedene Futtermittel mit den Analysewerten nach Van Soest, also der erweiterten Weende-Analyse mit der Auftrennung der Rohfaser und Stickstofffreien Extraktstoffe in Lignin (ADL) und die jeweiligen Kohlenhydrate Cellulose, Hemicellulose und NFC als komplett verdauliche Kohlenhydrate. Letztere werden, wie bereits beschrieben, im Dünndarm durch Enzyme aufgespalten, Cellulose und Hemicellulose dagegen im Blinddarm durch Bakterien verwertet. Als Vergleich habe ich neben den kumulativen Balken der Van Soest-Analyse in dunkel- und hellgrün noch einmal die Werte der WeendeAnalyse für Rohfaser und NfE dazugestellt. Detailierte Angaben und Quellen für die Werte können meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" (2017) entnommen werden.

Bild 3: Vergleich verschiedener Futtermittel
Zunächst einige grundlegende Erklärungen:
  • es wurde Luzerne als Beispiel für frisches Grün und Heu genutzt, weil dafür Werte verfügbar sind, die einen Unterschied verdeutlichen sollen
  • für Gemüse wurde ein Gemisch zu jeweils gleichen Teilen (Mittelwert) aus den Knollen (Wurzeln) von Kohlrabi, Möhre und Sellerie gewählt
  • Apfel wurde beispielhaft ausgewält, weil Obst in verschiedenen Fütterungsempfehlungen eine Rolle spielt
  • alle Werte beziehen sich auf die Trockensubstanz, um sie vergleichen zu können. Mögliche Verzehrmengen können sich also auf Grund des Wassergehaltes unterscheiden.
Betrachtet man die verschiedenen Nährstoffgruppen, lässt sich folgendes feststellen:
  • die "Rohfaser" stimmt mit keinem Werte der Van-Soest-Analyse überein 
  • im Fall der Luzerne enthält die "Rohfaser" Lignin (ADL) und zum Teil Cellulose
  • im Fall des Gemüses enthält die "Rohfaser" die komplette „Neutrale Detergenzfaser“ (neutral detergent fibre = NDF)
  • im Fall des Apfels enthält die "Rohfaser" Lignin (ADL) und Cellulose
  • für die NfE in Luzerne lässt sich folgern, dass die Verdaulichkeit überschätzt werden kann, weil sie Cellulose und Hemicellulose enthält
  • in Gemüse entspricht der Gehalt an NfE dem der NFC
  • in Apfel enthält NfE auch Hemicellulose.
Als Unterschied zwischen den Futtermitteln lässt sich u. a. folgendes feststellen:
  • der Rohfasergehalt in Luzerne folgt dem Trend der NDF, ohne mit ihr übereinzustimmen, was aber für Gemüse nicht der Fall ist,
  • prinzipiell ist der Gehalt an Lignin, Cellulose und Hemicellulose (NDF) in Luzerne (frisch, Heu und Heublatt) deutlich höher als in Gemüse: in frischer Luzerne ist der Gehalt an Lignin doppelt so hoch, der von Cellulose und Hemicellulose beträgt in Luzerne ungefähr das 2,6fache des Gehaltes in Gemüse,
  • im Vergleich beträgt der NFC-Gehalt in Gemüse das Doppelte des Gehaltes in frischer Luzerne.
Somit lässt sich konstatieren, dass im Vergleich zur arttypischen Nahrung (Gräser, Kräuter) der Gehalt an un- bzw. schwerverdaulichen Pflanzenfasern viel zu gering ist und der von leicht verdaulichen Kohlenhydraten, die bis zu Einfachzuckern abgebaut werden viel zu hoch - es kommen also zwei negative Aspekte zusammen. Das bedeutet, dass bei Verfütterung größerer Mengen Gemüse die Bakterien im Blinddarm, die Pflanzenfasern abbauen "verhungern" und pathogene Bakterien wie E. coli und Clostridium perfringens sich stärker vermehren können. Einerseits bekommen sie viel "Nahrung" in Form von leicht verdaulichen Kohlenhydraten, andererseits fehlen nun die Bakterien, die dieses Wachstum verhindern könnten. Mögliche Folgen sind Darmgeräusche (Gluckern), Durchfälle, die Ansiedelung von Hefen, Blähungen (weil Bakterien wie Clostridien und E. coli Gase bilden) sowie Darmentzündungen.

Bild 4: Knollengemüse mit Grün - Die Knollen bzw. Wurzeln sollten nur sparsam gefüttert werden. Die grünen Teile des Gemüses sind für Kaninchen besser geeignet
Eine Möglichkeit, den Gehalt an schwer- und unverdaulichen Fasern auszugleichen, wäre die Verfütterung von Heu und das wird auch von vielen so empfohlen. Allerdings ist damit ein Nährstoffdefizit vor allem an Vitaminen, Fett- und Aminsäuren usw. vorprogrammiert. Näher erläutert werden diese Defizite mit möglichen Folgen für die Gesundheit in meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" (2017).

Ein weiterer Nachteil von Gemüse ist das Fehlen abrasiver Stoffe (Phytolite), wie sie in Gräsern und Kräutern natürlicherweise vorkommen und die für einen nötigen Zahnabrieb sorgen.

Quellen:
  • Henneberg, W. und Stohmann, F. 1860. Beiträge zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer. Das Erhaltungsfutter volljährigen Rindviehes und über Fütterung mit Rübenmelasse. Braunschweig : Schwetschke & Sohn, 1860. Heft 1.
  • Henneberg, W. und Stohmann, F. 1864. Beiträge zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer. Über die Ausnutzung der Futterstoffe durch das volljährige Rind und über Fleischbildung im Körper desselben. Braunschweig : Schwetschke und Sohn, 1864. Bd. 2.
  • Van Soest, P. J. 1967. Development of a Comprehensive System of Feed Analyses and its Application to Forages. J. Anim. Sci. 1967, 26, S. 119-128.
  • Van Soest, P. J. (1982): Nutritional Ecology of the Ruminant. Corvallis, Oregon: 0 and B Books Inc

Sonntag, 3. September 2017

Getreide für Kaninchen - Fluch oder Segen?

"Die Kaninchen haben auch große Vorliebe für reifes Getreide. Ob es sich um Roggen, Hafer oder Weizen handelt, ist gleichgültig, solange keine Auswahl zwischen diesen Getreidearten besteht. Ist die letztere vorhanden, so wird Hafer bevorzugt. Sie erklettern die zusammengestellten Garben (Hocken) und äsen die Körner aus den Ähren. Flink und gewandt, wie Eichhörnchen, erklimmen sie die Hocken und geben sich dem Genuß des Äsens hin. Oft bleiben sie auch über Tage unter diesen Hocken sitzen, um abends möglichst bequem dieser beliebten Äsung wieder nachgehen zu können. Solange noch das Getreide auf den Halmen steht, beißen sie diese in großen Mengen ab, um zu den Körnern zu kommen. Das gleiche tun sie bei Flächen, auf denen Grassamen gezogen wird. Lassen sich die Rispen durch Aufrichten auf den Hinterläufen erreichen, so wird diese Art bevorzugt. Auf reifen Grasflächen kann man die Kaninchen in dauernd lautloser Bewegung nach oben und unten sehen. Oben wird der Samen abgebissen, unten gemümmelt."

Soweit eine Beschreibung der Vorliebe von Wildkaninchen für bestimmte Pflanzenteile, die uns Privatforstmeister Max Lincke 1943 hinterließ. Im Laufe ihrer Domestikation wurden Kaninchen auch mit Getreide in den verschiedensten Formen gefüttert: als Kleie, Schrot, Flocken oder eben als ganze Körner. In armen Regionen oder Kriegszeiten wurde dieses Futter rationierter (oder gar nicht) gegeben, weil es zu teuer war, um es an Tiere zu verfüttern. In früheren Zeiten galten bestimmte Getreidesorten wie Hafer oder Gerste sogar als Heilpflanzen und wurden sowohl äußerlich als auch innerlich für verschiedene Wehwehchen oder zur Unterstützung genutzt. In der modernen westlichen Welt sind solche Anwendungen kaum noch bekannt, es sei denn, jemand beschäftigt sich explizit damit wie z. B. Barbara Joos in ihrer Diplomarbeit (2010).

Die verschiedenen Getreidesorten wie wie Weizen, Roggen,Hafer und Gerste gehören zu den Süßgräsern (Poaceae) und wurden gezüchtet, um ihren Ertrag zu steigern. Der Gebrauch von Wildgetreide ist seit über 32.000 Jahren belegt, in Europa seit ca. 7.000 Jahren. Erste kultivierte Sorten waren z. B. Emmer und Einkorn. Die Urform des Hafers findet sich natürlich auch heute noch in der Natur, ebenso wie andere Rispengräser, die nicht kultiviert wurden. Weit verbreitet ist z. B. das Wiesen-Rispengras, dessen Körner auch von Hauskaninchen gern gefressen werden.

Bild 1: Samen von Wiesen-Rispengras werden auf der Wiese auch von Hauskaninchen sehr gern gefressen
In den vergangenen Jahrzehnten wurden im Zuge der Entwicklung von industriellen Futtermitteln unglaublich viele Untersuchungen zum Stärkegehalt in diesen durchgeführt, um den optimalen Gehalt zu ermitteln. Hauptsächlich soll es Energielieferant dienen, obwohl Fett eigentlich besser geeignet wäre, weil es den 2,3fachen Gehalt an Energie im Vergleich zu Stärke freisetzt. Wie bei allem in der Ernährung ist letztlich die Dosis, die entscheidet, ob etwas nützlich oder schädlich ist. Im Fall von Stärke ist es aber eher deren Verhältnis zur "Rohfaser" und dem Problem, dass alle Tiere das gleiche fressen müssen, ob nun der Organismus dafür gemacht ist oder nicht.

Stärke ist ein Polysaccharid (Mehrfachzucker) und gehört zu den löslichen Kohlenhydraten, welche im Dünndarm verdaut werden. Die Verdauung beginnt aber eigentlich bereits im Maul durch das Enzym "Amylase", welches aus der Bauchspeicheldrüse stammt. Durch die "Zerlegung" der Stärke entsteht Glukose (Traubenzucker), welches über die Darmwand in die Blutbahn gelangt und an die jeweiligen Zielorte transportiert wird. Mit Hilfe von Transportern passiert Glukose auch die Blut-Hirn-Schranke (BHS) und versorgt das Gehirn auf diese Weise mit Energie. 

Ist die "Dosis" an Stärke zu hoch, gelangen unverdaute Reste in den Blinddarm. Dort leben überwiegend Bakterien, die für die Verdauung von Cellulose (C) und Hemicellulose (HC) zuständig sind. Dabei handelt es sich um schwerverdauliche Pflanzenfassern. Für deren Verdauung fehlen dem Kaninchen die entsprechenden Enzyme (Cellulasen), weshalb Bakterien diese Aufgabe übernehmen. Durch ihre Arbeit entstehen u. a. flüchtige Fettsäuren, die dem Kaninchen zu einem gewissen Teil für die Energiegewinnung dienen. In geringerer Zahl leben im Blinddarm aber auch solche Bakterien, die sich von Stärke und Zucker ernähren. Verändert sich das Verhältnis in der Nahrung auffällig hin zu leicht verdaulichen Kohlenhydraten wie Stärke, vermehren sich die Bakterien, die sich davon ernähren stärker als jene, die von C und HC leben. Zu diesen gehören auch Escherichia coli (E. coli) und Clostridien, die "pathogen" sind (krankmachend). In diesem Fall spricht man davon, dass die Darmflora "kippt". Die eigentliche, überwiegende Bakterienkultur wird durch eine solche verdrängt, die eigentlich nur in geringem Maß vorhanden ist. Clostridien und E. coli werden zwar auch in geringer Anzahl bei Kaninchen gefunden, die mit frischem Grün von Wiesen ernährt werden, weil sie dort in natürlicher Wiese vorhanden sind und von Kaninchen aufgenommen werden. Das Immunsystem des Körpers erkennt sie als pathogen und schleust sie aus dem Körper aus. Ist aber das Immunsystem geschädigt oder die Anzahl der Bakterien nimmt auf die beschriebene Weise übermäßig zu, ist der Organismus irgendwann überfordert und wird krank. Das äußert sich zum Beispiel in Durchfällen und Blähungen, weil die Bakterien Gase und Toxine (Gifte) produzieren.

Wildkaninchen nehmen in der Natur die Samen von Süßgräsern, wie am Anfang aus Lincke (1943) zitiert, in ihrer natürlichen Form auf, also den gesamten Samen mit Spelzen und der Fruchtschale.

Bild2: Hafer mit Spelzen
Bild 3: Aufbau eines Getreidekorns (ohne Spelze)
Kaninchen nehmen Getreide in der Natur in der Regel mit Spelzen auf, in Strukturfuttermitteln fehlen die üblicherweise. In Pellets wird versucht, den Rohfasergehalt an den Bedarf anzupassen und vermutlich auch Spelzen eingesetzt werden. Bevorzugt werden Hafer und Gerste, weil diese erfahrungsgemäß den Kaninchen schmecken. Das heißt, bis auf die Spelzen bekommen Kaninchen mit einem Strukturfutter Getreide in einer Form, wie sie auch in der Natur zu finden ist und gefressen wird. Die Inhaltsstoffe von Futtermitteln werden (in Deutschland) mit den Werten der Weende-Analyse angegeben - einer Analysemethode aus dem 19. Jahrhundert. Im folgenden Diagramm sind beispielhaft Analysewerte von Haferkörnern im Vergleich zu Möhren dargestellt, die als beliebtes und akzeptiertes Futtermittel gelten. Die Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE) werden nicht deklariert und müssen errechnet werden (NfE=TS-Ra-Rfe-Rp-Rfa).

Diagramm 1: Werte der Rohnährstoffgruppen (Weende) für Haferkörner und Möhren, in g/kg TS
Die Möhre verfügt über deutlich höhere Werte für die Rohasche (Mineraliengehalt, Ra), während die Werte für Rohprotein (Rp), Rohfett (Rfe) und Rohfaser (Rfa) in Haferkörnern überwiegen. Die Werte für die Stickstofffreien Extraktstoffe dagegen sind in beiden Futtermitteln vergleichbar. In den NfE stecken u. a. solche Kohlenhydrate wie Zucker und Stärke, die der Energiegewinnung dienen. Hafer hat aber einen höheren Gehalt an Pflanzenfasern, weshalb er eigentlich besser für Kaninchen wäre. Den wirklichen Unterschied zwischen beiden Futtermitteln macht das Wasser: der Gehalt in der Möhre ist etwa achtmal höher. Das bedeutet, dass ein Kaninchen mit 20 g Hafer ungefähr den gleichen Gehalt an Rohnährstoffen aufnimmt wie mit 160 g Möhren. In Haferkörnern liegen die Nährstoffe also in konzentrierter Form vor, weshalb sie auch als "Kraftfutter" bezeichnet und genutzt werden. Das heißt, dass sie, wenn überhaupt, als Ergänzung zu einer Grundnahrung zu sehen sind.

Anfang/Mitte der 2000er Jahre errang der Artikel einer sehr bekannten Tierärztin höchste Aufmerksamkeit im Tierschutz. Der Text mit dem Titel "Der Unsinn mit den „Snacks“ für Kaninchen und Meerschweinchen" ist auch heute noch auf ihrer Webseite einsehbar (Stand 2.9.2017). Dort lässt sich folgendes nachlesen: "Nicht zum Nahrungsspektrum von Kaninchen in freier Wildbahn gehören hingegen Getreidekörner von Weizen, Roggen, Hafer, Gerste oder Mais, da diese Körner nur für eine kurze Periode verfügbar und dann in einer Höhe von ca. 1 Meter für die Kaninchen ohnehin gar nicht erreichbar sind. Nur wenn vom Wind verwehte Körner auf den Boden fallen, könnten Kaninchen überhaupt an dieses sehr stärkereiche, aber zellulosearme Futtermittel herankommen - dann allerdings zu einer Jahreszeit, in der dieses energiereiche Futter gar keinen Sinn machen würde, da erst kurz vor dem Winter eine entsprechende Energiereserve erforderlich ist. Ansonsten fressen Kaninchen in freier Natur keine Körner. [...] Weizen-, Hafer- und Maiskörner sind auf den Weltmärkten billige Futtermittel, die ansehnlich bearbeitet und attraktiv verpackt als Futter für Kaninchen und Meerschweinchen von der Futtermittelindustrie angeboten werden. [...] Grundsätzlich liegen die Argumente für das Körnerfutter auf Seiten des Tierhalters und nicht auf Seiten der Tiere. Diese Tatsache legt den Schluß nahe, dass für die Futtermittelindustrie geprüfte Kaufargumente von Kleintierbesitzern als potentielle Kunden im Vordergrund stehen und den tatsächlichen Bedürfnissen und Ernährungsgewohnheiten der "Endverbraucher", nämlich der Kaninchen und Meerschweinchen, nur sekundäre Bedeutung zukommt." (Drescher, 2017).

In einer Art "Rundumschlag" wurden Industriefutter und als Kollateralschaden Getreide als mögliche Kaninchennahrung gleich mit "verurteilt". Der Tierschutz griff diese Argumente aus rein ideologischen Gründen dankbar auf - ohne darüber nachzudenken oder die Argumente zu prüfen. Als ein weiterer Aspekt wurde ein möglicher, negativer Einfluss auf die Zähne gesehen, weil Getreide "falsch" zwischen den Zähnen zerkleinert werden würden. Dem steht allerdings ihr Einsatz über Jahrhunderte entgegen, ohne das etwas über Zahnprobleme bekannt geworden wäre, die darauf zurückgeführt werden könnten. Ich hoffe, dass die Argumente von Dr. Drescher ansonsten durch die Darstellung von Max Lincke (1943) am Artikelanfang hinreichend widerlegt wurden. Ergänzt sei noch, dass Samen von Süßgräsern wie auch solche von Kräutern ja nach Art fast ganzjährig Kaninchen zur Verfügung stehen und auch genutzt werden. Ich persönlich habe mit der Futtermittelindustrie nichts im Sinn und stelle Kaninchen das Verfügung, was nach meinem Wissen (Erfahrung mit Hauskaninchen, Beobachtung von Wildkaninchen) in typischer Weise zu ihrer Nahrung gehört und bin auf diese Weise mit meinen Argumenten auf der Seite der Tiere. Die Tiere finden auf unserer Wiese Samen in Hülle und Fülle und nutzen diesen auch - ganz so, wie es ihnen beliebt. Man könnte das auch "ad libitum" nennen. Worin ich Dr. Drescher Recht gebe, sind ihre (nicht zitierten) Ausführungen in Bezug auf "Trockenfutter", die schön bunt in verschiedensten Formen daher kommen und nicht deklariert werden - diese sind absolut sinnfrei und es sollte im Sinn der Tiere auf solche verzichtet werden. 

Wie bereits erwähnt, wurde früher sehr viele Untersuchungen durchgeführt, um den optimalen Gehalt von Stärke in Futtermitteln zu ermitteln. Diese Futter waren pelletiert, dass heißt, die Grundstoffe wurden gemahlen, in dünnen Stangen gepresst und auf Länge geschnitten. Diese Futtermitteln liegen also in einer Form vor, die Kaninchen eigentlich nicht kennen und auch nicht fressen, wenn ihnen sinnvolle, natürliche Alternativen zur Verfügung stehen. Mit Pellets werden somit Probleme kreiert, die unnötig sind. Die Kauzeit ist sehr kurz und die Inhaltstoffe liegen in kleinen Partikelgrößen vor. Der Gehalt an Pflanzenfasern wird, um einen bestimmten "Rohfasergehalt" zu erreichen, ohne Rücksicht auf ihren möglichen Einfluss dem theoretischen Bedarf angepasst. Die Ergebnisse aus diesen Untersuchungen waren oft sehr widersprüchlich und hingen im Wesentlichen ab von:
  • den enthaltenen Pflanzenarten
  • der Art der Pflanzenfasern und ihr Verhältnis zueinander
  • dem Gehalt an Pflanzenfasern, insbesondere dem der schwer-/unverdaulichen
  • dem Stärkegehalt (oder dem anderer löslicher Kohlenhydrate)
  • der Partikelgröße.
Da in nahezu allen pelletierten Futtermitteln Getreide enthalten ist, wurden negative Ergebnisse kurzerhand dem Getreide zugerechnet und somit pauschal auch alle möglichen Darm-, Zahn- und Kiefererkrankungen. Die Hersteller von Heimtierfutter nutzten dieses pauschale "Getreide"-Bashing und boten nun vermehrt sogenannte "grainless"-Futter in den verschiedensten Varianten an (grainless = ohne Körner). Merkwürdigerweise störte es jetzt viele nicht mehr, dass es sich dabei ja auch um Industriefutter handelte, wichtiger war, dass sie "grainless" waren - also ohne Getreide. Die entstandene "Energielücke" im Futter wurde von den Herstellern einfach durch etwas anderes mit viel löslichen Kohlenhydraten ersetzt, in der Regel handelte es sich dabei Gemüsestücke.

Eine Gruselgeschichte handelt vom "verklebten Darm", der durch Getreide verursacht werden würde. Vermutlich wurde diese ominöse Eigenschaft von einem Proteingemisch abgeleitet, welches als "Kleber" bezeichnet wird. Dieses ist dafür verantwortlich, dass aus einigen Getreidesorten Brot gebacken werden kann. Eine andere Bezeichnung für Klebereiweiß ist "Gluten" und manchen Menschen schmerzhaft bekannt, die an einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) leiden. Glutenreiche Getreidsorten sind z. B. Rogggen und Weizen, glutenarme Hafer und Gerste. Eine Unverträglichkeit für Kaninchen wurde bisher für keine der Sorten nachgewiesen.

Ein wesentlicher Nachteil von Getreide ist das Calcium-/Phosphorverhältnis - bei einem niedrigen Calciumgehalt (1,0-1,5 g/kg TS) überwiegt der von Phosphor deutlich (2,5-4,5 g/kg TS). Da es aber nur in geringen Mengen in der Fütterung eingesetzt werden sollte, fällt das bei einer ansonsten arttypischen Nahrung mit Gräsern und Kräutern nicht stärker ins Gewicht.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, das Getreide, bevorzugt Hafer und Gerste, für Kaninchen ein arttypisches Futter darstellt, welches aber auf Grund seines hohen Energiegehaltes nur ergänzend eingesetzt werden sollte. Dies gilt insbesondere für kastrierte Tiere und solche, die in Wohnungen gehalten werden. Als Ergänzung kann es durchaus als Segen betrachtet werden, bei übermäßiger Verfütterung kann es allerdings auch zum Fluch werden. Die Dosis macht's ...

Quellen:
Drescher, B. (2017): Der Unsinn mit den „Snacks“ für Kaninchen und Meerschweinchen. Internet: http://www.birgit-drescher.de/index.html. Unterseite http://www.birgit-drescher.de/kaninchen02.html. Geprüft am 2.9.2017 (Download und Bildschirmfoto beim Verfasser)
Joos, B. (2010): Lokales Wissen über Gesundheit und Krankheit des Viehs in Graubünden. Wien:  Universität für Bodenkultur. Dipl.-arbeit.
Lincke, M. (1943): Das Wildkaninchen. Neudamm: Neumann

Artikel

"Fortpflanzungsleistungen" des Kaninchens