Sonntag, 3. September 2017

Getreide für Kaninchen - Fluch oder Segen?

"Die Kaninchen haben auch große Vorliebe für reifes Getreide. Ob es sich um Roggen, Hafer oder Weizen handelt, ist gleichgültig, solange keine Auswahl zwischen diesen Getreidearten besteht. Ist die letztere vorhanden, so wird Hafer bevorzugt. Sie erklettern die zusammengestellten Garben (Hocken) und äsen die Körner aus den Ähren. Flink und gewandt, wie Eichhörnchen, erklimmen sie die Hocken und geben sich dem Genuß des Äsens hin. Oft bleiben sie auch über Tage unter diesen Hocken sitzen, um abends möglichst bequem dieser beliebten Äsung wieder nachgehen zu können. Solange noch das Getreide auf den Halmen steht, beißen sie diese in großen Mengen ab, um zu den Körnern zu kommen. Das gleiche tun sie bei Flächen, auf denen Grassamen gezogen wird. Lassen sich die Rispen durch Aufrichten auf den Hinterläufen erreichen, so wird diese Art bevorzugt. Auf reifen Grasflächen kann man die Kaninchen in dauernd lautloser Bewegung nach oben und unten sehen. Oben wird der Samen abgebissen, unten gemümmelt."

Soweit eine Beschreibung der Vorliebe von Wildkaninchen für bestimmte Pflanzenteile, die uns Privatforstmeister Max Lincke 1943 hinterließ. Im Laufe ihrer Domestikation wurden Kaninchen auch mit Getreide in den verschiedensten Formen gefüttert: als Kleie, Schrot, Flocken oder eben als ganze Körner. In armen Regionen oder Kriegszeiten wurde dieses Futter rationierter (oder gar nicht) gegeben, weil es zu teuer war, um es an Tiere zu verfüttern. In früheren Zeiten galten bestimmte Getreidesorten wie Hafer oder Gerste sogar als Heilpflanzen und wurden sowohl äußerlich als auch innerlich für verschiedene Wehwehchen oder zur Unterstützung genutzt. In der modernen westlichen Welt sind solche Anwendungen kaum noch bekannt, es sei denn, jemand beschäftigt sich explizit damit wie z. B. Barbara Joos in ihrer Diplomarbeit (2010).

Die verschiedenen Getreidesorten wie wie Weizen, Roggen,Hafer und Gerste gehören zu den Süßgräsern (Poaceae) und wurden gezüchtet, um ihren Ertrag zu steigern. Der Gebrauch von Wildgetreide ist seit über 32.000 Jahren belegt, in Europa seit ca. 7.000 Jahren. Erste kultivierte Sorten waren z. B. Emmer und Einkorn. Die Urform des Hafers findet sich natürlich auch heute noch in der Natur, ebenso wie andere Rispengräser, die nicht kultiviert wurden. Weit verbreitet ist z. B. das Wiesen-Rispengras, dessen Körner auch von Hauskaninchen gern gefressen werden.

Bild 1: Samen von Wiesen-Rispengras werden auf der Wiese auch von Hauskaninchen sehr gern gefressen
In den vergangenen Jahrzehnten wurden im Zuge der Entwicklung von industriellen Futtermitteln unglaublich viele Untersuchungen zum Stärkegehalt in diesen durchgeführt, um den optimalen Gehalt zu ermitteln. Hauptsächlich soll es Energielieferant dienen, obwohl Fett eigentlich besser geeignet wäre, weil es den 2,3fachen Gehalt an Energie im Vergleich zu Stärke freisetzt. Wie bei allem in der Ernährung ist letztlich die Dosis, die entscheidet, ob etwas nützlich oder schädlich ist. Im Fall von Stärke ist es aber eher deren Verhältnis zur "Rohfaser" und dem Problem, dass alle Tiere das gleiche fressen müssen, ob nun der Organismus dafür gemacht ist oder nicht.

Stärke ist ein Polysaccharid (Mehrfachzucker) und gehört zu den löslichen Kohlenhydraten, welche im Dünndarm verdaut werden. Die Verdauung beginnt aber eigentlich bereits im Maul durch das Enzym "Amylase", welches aus der Bauchspeicheldrüse stammt. Durch die "Zerlegung" der Stärke entsteht Glukose (Traubenzucker), welches über die Darmwand in die Blutbahn gelangt und an die jeweiligen Zielorte transportiert wird. Mit Hilfe von Transportern passiert Glukose auch die Blut-Hirn-Schranke (BHS) und versorgt das Gehirn auf diese Weise mit Energie. 

Ist die "Dosis" an Stärke zu hoch, gelangen unverdaute Reste in den Blinddarm. Dort leben überwiegend Bakterien, die für die Verdauung von Cellulose (C) und Hemicellulose (HC) zuständig sind. Dabei handelt es sich um schwerverdauliche Pflanzenfassern. Für deren Verdauung fehlen dem Kaninchen die entsprechenden Enzyme (Cellulasen), weshalb Bakterien diese Aufgabe übernehmen. Durch ihre Arbeit entstehen u. a. flüchtige Fettsäuren, die dem Kaninchen zu einem gewissen Teil für die Energiegewinnung dienen. In geringerer Zahl leben im Blinddarm aber auch solche Bakterien, die sich von Stärke und Zucker ernähren. Verändert sich das Verhältnis in der Nahrung auffällig hin zu leicht verdaulichen Kohlenhydraten wie Stärke, vermehren sich die Bakterien, die sich davon ernähren stärker als jene, die von C und HC leben. Zu diesen gehören auch Escherichia coli (E. coli) und Clostridien, die "pathogen" sind (krankmachend). In diesem Fall spricht man davon, dass die Darmflora "kippt". Die eigentliche, überwiegende Bakterienkultur wird durch eine solche verdrängt, die eigentlich nur in geringem Maß vorhanden ist. Clostridien und E. coli werden zwar auch in geringer Anzahl bei Kaninchen gefunden, die mit frischem Grün von Wiesen ernährt werden, weil sie dort in natürlicher Wiese vorhanden sind und von Kaninchen aufgenommen werden. Das Immunsystem des Körpers erkennt sie als pathogen und schleust sie aus dem Körper aus. Ist aber das Immunsystem geschädigt oder die Anzahl der Bakterien nimmt auf die beschriebene Weise übermäßig zu, ist der Organismus irgendwann überfordert und wird krank. Das äußert sich zum Beispiel in Durchfällen und Blähungen, weil die Bakterien Gase und Toxine (Gifte) produzieren.

Wildkaninchen nehmen in der Natur die Samen von Süßgräsern, wie am Anfang aus Lincke (1943) zitiert, in ihrer natürlichen Form auf, also den gesamten Samen mit Spelzen und der Fruchtschale.

Bild2: Hafer mit Spelzen
Bild 3: Aufbau eines Getreidekorns (ohne Spelze)
Kaninchen nehmen Getreide in der Natur in der Regel mit Spelzen auf, in Strukturfuttermitteln fehlen die üblicherweise. In Pellets wird versucht, den Rohfasergehalt an den Bedarf anzupassen und vermutlich auch Spelzen eingesetzt werden. Bevorzugt werden Hafer und Gerste, weil diese erfahrungsgemäß den Kaninchen schmecken. Das heißt, bis auf die Spelzen bekommen Kaninchen mit einem Strukturfutter Getreide in einer Form, wie sie auch in der Natur zu finden ist und gefressen wird. Die Inhaltsstoffe von Futtermitteln werden (in Deutschland) mit den Werten der Weende-Analyse angegeben - einer Analysemethode aus dem 19. Jahrhundert. Im folgenden Diagramm sind beispielhaft Analysewerte von Haferkörnern im Vergleich zu Möhren dargestellt, die als beliebtes und akzeptiertes Futtermittel gelten. Die Stickstofffreien Extraktstoffe (NfE) werden nicht deklariert und müssen errechnet werden (NfE=TS-Ra-Rfe-Rp-Rfa).

Diagramm 1: Werte der Rohnährstoffgruppen (Weende) für Haferkörner und Möhren, in g/kg TS
Die Möhre verfügt über deutlich höhere Werte für die Rohasche (Mineraliengehalt, Ra), während die Werte für Rohprotein (Rp), Rohfett (Rfe) und Rohfaser (Rfa) in Haferkörnern überwiegen. Die Werte für die Stickstofffreien Extraktstoffe dagegen sind in beiden Futtermitteln vergleichbar. In den NfE stecken u. a. solche Kohlenhydrate wie Zucker und Stärke, die der Energiegewinnung dienen. Hafer hat aber einen höheren Gehalt an Pflanzenfasern, weshalb er eigentlich besser für Kaninchen wäre. Den wirklichen Unterschied zwischen beiden Futtermitteln macht das Wasser: der Gehalt in der Möhre ist etwa achtmal höher. Das bedeutet, dass ein Kaninchen mit 20 g Hafer ungefähr den gleichen Gehalt an Rohnährstoffen aufnimmt wie mit 160 g Möhren. In Haferkörnern liegen die Nährstoffe also in konzentrierter Form vor, weshalb sie auch als "Kraftfutter" bezeichnet und genutzt werden. Das heißt, dass sie, wenn überhaupt, als Ergänzung zu einer Grundnahrung zu sehen sind.

Anfang/Mitte der 2000er Jahre errang der Artikel einer sehr bekannten Tierärztin höchste Aufmerksamkeit im Tierschutz. Der Text mit dem Titel "Der Unsinn mit den „Snacks“ für Kaninchen und Meerschweinchen" ist auch heute noch auf ihrer Webseite einsehbar (Stand 2.9.2017). Dort lässt sich folgendes nachlesen: "Nicht zum Nahrungsspektrum von Kaninchen in freier Wildbahn gehören hingegen Getreidekörner von Weizen, Roggen, Hafer, Gerste oder Mais, da diese Körner nur für eine kurze Periode verfügbar und dann in einer Höhe von ca. 1 Meter für die Kaninchen ohnehin gar nicht erreichbar sind. Nur wenn vom Wind verwehte Körner auf den Boden fallen, könnten Kaninchen überhaupt an dieses sehr stärkereiche, aber zellulosearme Futtermittel herankommen - dann allerdings zu einer Jahreszeit, in der dieses energiereiche Futter gar keinen Sinn machen würde, da erst kurz vor dem Winter eine entsprechende Energiereserve erforderlich ist. Ansonsten fressen Kaninchen in freier Natur keine Körner. [...] Weizen-, Hafer- und Maiskörner sind auf den Weltmärkten billige Futtermittel, die ansehnlich bearbeitet und attraktiv verpackt als Futter für Kaninchen und Meerschweinchen von der Futtermittelindustrie angeboten werden. [...] Grundsätzlich liegen die Argumente für das Körnerfutter auf Seiten des Tierhalters und nicht auf Seiten der Tiere. Diese Tatsache legt den Schluß nahe, dass für die Futtermittelindustrie geprüfte Kaufargumente von Kleintierbesitzern als potentielle Kunden im Vordergrund stehen und den tatsächlichen Bedürfnissen und Ernährungsgewohnheiten der "Endverbraucher", nämlich der Kaninchen und Meerschweinchen, nur sekundäre Bedeutung zukommt." (Drescher, 2017).

In einer Art "Rundumschlag" wurden Industriefutter und als Kollateralschaden Getreide als mögliche Kaninchennahrung gleich mit "verurteilt". Der Tierschutz griff diese Argumente aus rein ideologischen Gründen dankbar auf - ohne darüber nachzudenken oder die Argumente zu prüfen. Als ein weiterer Aspekt wurde ein möglicher, negativer Einfluss auf die Zähne gesehen, weil Getreide "falsch" zwischen den Zähnen zerkleinert werden würden. Dem steht allerdings ihr Einsatz über Jahrhunderte entgegen, ohne das etwas über Zahnprobleme bekannt geworden wäre, die darauf zurückgeführt werden könnten. Ich hoffe, dass die Argumente von Dr. Drescher ansonsten durch die Darstellung von Max Lincke (1943) am Artikelanfang hinreichend widerlegt wurden. Ergänzt sei noch, dass Samen von Süßgräsern wie auch solche von Kräutern ja nach Art fast ganzjährig Kaninchen zur Verfügung stehen und auch genutzt werden. Ich persönlich habe mit der Futtermittelindustrie nichts im Sinn und stelle Kaninchen das Verfügung, was nach meinem Wissen (Erfahrung mit Hauskaninchen, Beobachtung von Wildkaninchen) in typischer Weise zu ihrer Nahrung gehört und bin auf diese Weise mit meinen Argumenten auf der Seite der Tiere. Die Tiere finden auf unserer Wiese Samen in Hülle und Fülle und nutzen diesen auch - ganz so, wie es ihnen beliebt. Man könnte das auch "ad libitum" nennen. Worin ich Dr. Drescher Recht gebe, sind ihre (nicht zitierten) Ausführungen in Bezug auf "Trockenfutter", die schön bunt in verschiedensten Formen daher kommen und nicht deklariert werden - diese sind absolut sinnfrei und es sollte im Sinn der Tiere auf solche verzichtet werden. 

Wie bereits erwähnt, wurde früher sehr viele Untersuchungen durchgeführt, um den optimalen Gehalt von Stärke in Futtermitteln zu ermitteln. Diese Futter waren pelletiert, dass heißt, die Grundstoffe wurden gemahlen, in dünnen Stangen gepresst und auf Länge geschnitten. Diese Futtermitteln liegen also in einer Form vor, die Kaninchen eigentlich nicht kennen und auch nicht fressen, wenn ihnen sinnvolle, natürliche Alternativen zur Verfügung stehen. Mit Pellets werden somit Probleme kreiert, die unnötig sind. Die Kauzeit ist sehr kurz und die Inhaltstoffe liegen in kleinen Partikelgrößen vor. Der Gehalt an Pflanzenfasern wird, um einen bestimmten "Rohfasergehalt" zu erreichen, ohne Rücksicht auf ihren möglichen Einfluss dem theoretischen Bedarf angepasst. Die Ergebnisse aus diesen Untersuchungen waren oft sehr widersprüchlich und hingen im Wesentlichen ab von:
  • den enthaltenen Pflanzenarten
  • der Art der Pflanzenfasern und ihr Verhältnis zueinander
  • dem Gehalt an Pflanzenfasern, insbesondere dem der schwer-/unverdaulichen
  • dem Stärkegehalt (oder dem anderer löslicher Kohlenhydrate)
  • der Partikelgröße.
Da in nahezu allen pelletierten Futtermitteln Getreide enthalten ist, wurden negative Ergebnisse kurzerhand dem Getreide zugerechnet und somit pauschal auch alle möglichen Darm-, Zahn- und Kiefererkrankungen. Die Hersteller von Heimtierfutter nutzten dieses pauschale "Getreide"-Bashing und boten nun vermehrt sogenannte "grainless"-Futter in den verschiedensten Varianten an (grainless = ohne Körner). Merkwürdigerweise störte es jetzt viele nicht mehr, dass es sich dabei ja auch um Industriefutter handelte, wichtiger war, dass sie "grainless" waren - also ohne Getreide. Die entstandene "Energielücke" im Futter wurde von den Herstellern einfach durch etwas anderes mit viel löslichen Kohlenhydraten ersetzt, in der Regel handelte es sich dabei Gemüsestücke.

Eine Gruselgeschichte handelt vom "verklebten Darm", der durch Getreide verursacht werden würde. Vermutlich wurde diese ominöse Eigenschaft von einem Proteingemisch abgeleitet, welches als "Kleber" bezeichnet wird. Dieses ist dafür verantwortlich, dass aus einigen Getreidesorten Brot gebacken werden kann. Eine andere Bezeichnung für Klebereiweiß ist "Gluten" und manchen Menschen schmerzhaft bekannt, die an einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) leiden. Glutenreiche Getreidsorten sind z. B. Rogggen und Weizen, glutenarme Hafer und Gerste. Eine Unverträglichkeit für Kaninchen wurde bisher für keine der Sorten nachgewiesen.

Ein wesentlicher Nachteil von Getreide ist das Calcium-/Phosphorverhältnis - bei einem niedrigen Calciumgehalt (1,0-1,5 g/kg TS) überwiegt der von Phosphor deutlich (2,5-4,5 g/kg TS). Da es aber nur in geringen Mengen in der Fütterung eingesetzt werden sollte, fällt das bei einer ansonsten arttypischen Nahrung mit Gräsern und Kräutern nicht stärker ins Gewicht.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, das Getreide, bevorzugt Hafer und Gerste, für Kaninchen ein arttypisches Futter darstellt, welches aber auf Grund seines hohen Energiegehaltes nur ergänzend eingesetzt werden sollte. Dies gilt insbesondere für kastrierte Tiere und solche, die in Wohnungen gehalten werden. Als Ergänzung kann es durchaus als Segen betrachtet werden, bei übermäßiger Verfütterung kann es allerdings auch zum Fluch werden. Die Dosis macht's ...

Quellen:
Drescher, B. (2017): Der Unsinn mit den „Snacks“ für Kaninchen und Meerschweinchen. Internet: http://www.birgit-drescher.de/index.html. Unterseite http://www.birgit-drescher.de/kaninchen02.html. Geprüft am 2.9.2017 (Download und Bildschirmfoto beim Verfasser)
Joos, B. (2010): Lokales Wissen über Gesundheit und Krankheit des Viehs in Graubünden. Wien:  Universität für Bodenkultur. Dipl.-arbeit.
Lincke, M. (1943): Das Wildkaninchen. Neudamm: Neumann

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