Sonntag, 29. Oktober 2017

Futtermengen und Energie

Bestimmt sind Ihnen auf den unzähligen Webseiten und in den Foren, die es für Themen rund um das Kaninchen gibt, auch „Futterlisten“ aufgefallen. Ein Merkmal in vielen ist die zusätzliche Beschreibung, wie oft und wie viel z. B. von einer bestimmten Pflanze, einem Gemüse oder von Samen gegeben werden dürfen/sollten. Diese Empfehlungen lauten dann ungefähr so: „selten“, „kleine Mengen“, „zusätzlich in geringen Mengen“, „sehr selten in geringen Mengen“, „wenig“, „täglich“ und so weiter und so fort. Dazu werden Begründungen geliefert, die sich in der Regel auf bestimmte Inhaltsstoffe beziehen, die eine restriktive Fütterung des entsprechenden Nahrungsmittels erforderlich machen sollen.

Ich frage mich bei solchen Angaben der Dosierung immer: was bedeutet eigentlich „wenig“? Für die Gurke findet man z. B. in einer Futterliste zur Mengenangabe „wenig, 1-2 Mal pro Woche“.  Klingt, als wäre sie ein sehr kritisches Futtermittel, was für mich aber nicht nachvollziehbar ist. Dagegen können viele Salate „gern täglich“ gegeben werden, weil sie kalorienarm wären. Dagegen wird dort z. B. für den Apfel festgestellt, dass nach einer „langsamen Anfütterung kleine Mengen gern täglich“ gegeben werden können. Er wäre gut verträglich und enthielte viele Mineralstoffe. Außerdem würde er „unterstützend bei Durchfall“ und „Verdauungsbeschwerden“ wirken. Bei Parasitenbefall sei er aber zu meiden. Seit Bugs Bunny ist die Mohrrübe auch in Deutschland irgendwie so fest mit Hasen/Kaninchen verbunden, dass man meinen könnte, Wildkaninchen würden den ganzen Tag nichts Anderes fressen. Sie sei „sehr gut verträglich“ und könne täglich gefüttert werden (ohne Mengenangabe). Sie wäre zudem kalorien-, vitamin- und mineralstoffreich und wirke unterstützend bei einer „Frischfutter-Anfütterung“. Bei „Appetitlosigkeit“ und bei „Darmparasitenbefall“ sei sie aber zu meiden.

In vielen Listen klingen die Begründungen so, als wären sie von gesundheitsbewussten Menschen für gesundheitsbewusste Menschen erstellt, denn mit Bedürfnissen für Kaninchen haben sie in der Form nichts zu tun.  Die Zähne, der Verdauungstrakt (Länge, innerer Aufbau, Blinddarmgröße) sowie eine ganz spezielle Darmflora unterscheiden das Kaninchen vom Menschen auf eine Weise, die nicht einmal annähernd einen Vergleich möglich machen können.

Noch verrückter wird es, wenn man in einem Forum, welches sich dem „Schutz“ von Kaninchen verschrieben hat, die Erklärung findet, dass Kaninchen von Wiesenfutter „dick“ oder „fett“ werden würden. Deswegen wäre man, nach kurzer „ad-libitum-Fütterung“, wieder zu einer Empfehlung für „Gemüse“ übergegangen. Gruslig.

Viele Empfehlungen auf Webseiten oder in Foren beziehen sich auf den „Kaloriengehalt“ von Futtermitteln. 1969 wurde in Deutschland die „Kalorie“ für den Energiegehalt durch die Maßeinheit „Joule“ ersetzt, wobei eine Kalorie 4,182 Joule entspricht. Damit wird die spezifische Energie eines Futters angegeben, die durch den Stoffwechsel im Körper eines Organismus theoretisch verfügbar gemacht werden kann. Es ist also ein Bruttowert. Diese Bruttoenergie resultiert vorrangig aus den, im Futter enthaltenen, Kohlenhydraten, Fetten und zum Teil aus Proteinen. 

Während des Stoffwechsel bzw. der Verdauung treten natürlich gewisse Verluste auf. Bei Pferden und Kaninchen geht man davon aus, dass der größte Energieverlust durch den Kot entsteht. Er beträgt ca. 35-40% der Bruttoenergie. Wenn also ein Futter eine Bruttoenergie von z. B. 10 Joule aufweisen würde, ständen dem Kaninchen tatsächlich nur 6-6,5 Joule an Energie zur Verfügung. Dieser Betrag wird „Verdauliche Energie, DE“ genannt (DE = engl. Digestible Energy). Die Verdauliche Energie DE kann man entweder direkt und somit relativ genau in sogenannten „Ausnutzungsversuchen“ an der jeweiligen Tierart oder theoretisch mit Hilfe einer Schätzgleichung ermitteln. Die Verdauliche Energie ist, wie der Name schon ausdrückt, von der Verdaulichkeit eines Futters abhängig, weil ja daraus der Energiebetrag resultiert. Im Kaninchenfutter ist die Haupteinflussgröße die „Rohfaser“ und natürlich spielt auch noch der Wassergehalt eine Rolle.

Wenn man also z. B. über „kalorienarm“ nachdenkt, muss man zwingend wissen, auf welchen Energiegehalt des Futters sich diese Aussage bezieht: auf die „Bruttoenergie“ oder auf die Energie, die dem Kaninchen tatsächlich zur Verfügung steht, also die „Verdauliche Energie“? Da die Bruttoenergie im Prinzip keine wirkliche Aussage liefern kann, beziehe ich mich im Folgenden nur auf die Verdauliche Energie DE. Werte dafür finden sich in vielen Fachbüchern oder Fachartikeln.

Von Fekete, 1993 wurden Bedarfswerte für Kaninchen für die Verdauliche Energie DE in Megajoule (MJ) ermittelt, die in Bild 1 dargestellt sind. Demnach hat ein Kaninchen mit einem Gewicht von 2 kg einen mittleren Bedarf von 0,7 MJ, ein Kaninchen mit 3 kg einen Bedarf von 1,0 MJ und ein Kaninchen mit 4 kg einen solchen von 1,2 MJ.

Bild 1: Bedarf an Verdaulicher Energie DE für Kaninchen in Abhängigkeit von der Körpermasse

Wie man Futtermengen mit Hilfe der „Verdaulichen Energie“ errechnet, wird in dem Buch „Das Kaninchen – Nahrung und Gesundheit“ mit Rechenbeispielen und Quellenangaben erklärt. Hier soll nur auf die eingegangen werden, die ich am Anfang des Beitrages in Zusammenhang mit den merkwürdigen Fütterungsempfehlungen als Beispiel angeführt hatte: Gurke, Mohrrübe, Salat und Apfel. Als Vergleich werden „Wiesengras“ und „Wiesenheu“ genutzt.In der folgenden Tabelle sind Futtermittel mit dem Trockenmassegehalt sowie dem Gehalt an Verdaulicher Energie MJ/kg uS (ursprüngliche Substanz) sowie der Menge aufgeführt, die ein Tier mit einer Körpermasse von 2,5 kg fressen müsste, um den täglichen Bedarf an Verdaulicher Energie DE von ca. 1,2 MJ zu erhalten.

Tabelle 1: Energiegehalte und Aufnahmemengen verschiedener Futtermittel für ein Kaninchen mit einer Körpermasse von 2,5 kg und einem Bedarf an verdaulicher Energie DE von 1,2 MJ/Tag











Man erkennt in Tabelle 1, dass die Alternativen (Salat, Salatgurke und Möhre) sehr wenig Trockensubstanz (also viel Wasser) enthalten. Entsprechend niedrig sind auch die Energiegehalte. Erstaunlich ist der hohe Eneriegehalt und somit die fast gleich große, nötige Aufnahme von Äpfeln, um den Energiebedarf zu erfüllen. Wenn man als Maß die natürliche Nahrung von Kaninchen nimmt (Gras, Wiese), so lässt sich feststellen, dass die Alternativen nicht geeignet wären, den Energiebedarf eines Kaninchen mit 2,5 kg Körpermasse zu erfüllen. Der Apfel fällt etwas aus dem Rahmen - warum das so ist, erkläre ich in einem anderen Artikel.

Zurück zu den Mengenangaben. Die Gurke sollte nur wenig „wenig, 1-2 Mal pro Woche“ gegeben werden, Salate dagegen gern täglich. Warum? Die Gurke ist absolut ungeeignet, einen Energiebedarf zu erfüllen - egal, in welchen Mengen. Das Kaninchen müsste fast das Doppelte von Gras davon fressen, um einen Energiebedarf zu decken. Gefährliche Inhaltsstoffe sind nicht bekannt, warum also wenig und nur 1-2 Mal pro Woche? Salat scheint nur grünes Wasser zu sein und darf gern täglich gegeben werden. Aber als was? Er enthält kaum Nährstoffe und Energie. Als was also soll der Salat dienen? Von der "kalorienreichen" Karotte müsste ein Kaninchen ca. 20% mehr fressen, um den gleichen Energiebedarf wie mit "Gras, Wiese" aufzunehmen. Das heißt, die natürliche, arttypische Nahrung ist deutlich "kalorienreicher"!

Aha, höre ich jetzt einige förmlich aufatmen. Sie denken jetzt: ich habe ein dickes Kaninchen, also bekommt das jetzt nur noch die Alternativen wie Gurke, Salat und Karotten, weil die so schön "kalorienarm" sind und dann nimmt es ab. Was für ein fataler Irrtum!

Mehr zum Thema gibt es im nächsten Beitrag ...

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