Sonntag, 27. September 2020

Qualzucht 2 - Aufsätze und die Statistik

Im folgenden Beitrag erläutere ich kurz einige Grundlagen der Statistik, die für ein Verständnis von Studien sinnvoll sein können. Zum Prüfen der Informationen bzw. dem Nachlesen weiterer für Interessenten nutze ich ein die 4. Auflage eines Buches von Dr. Christel Weiß mit dem Titel „Basiswissen Medizinische Statistik“ von 2008 aus dem Springer-Verlag und zitiere daraus. Hervorhebungen stammen immer von mir.

Im Vorwort heißt es dort: „Es gibt keine gute Medizin ohne Biostatistik. ... Ärztliches Handeln muss auf Wissen basieren. Ansonsten verfallen wir Zufällen und Halbwahrheiten, die auch dadurch nicht besser werden, dass sie mantrahaft wiederholt werden. Dies wäre unter ethischen, medizinischen und ökonomischen Aspekten nicht vertretbar. Medizinische Forschung ohne Statistik ist nicht möglich.“ Ich zitiere das deshalb, weil ich es nicht besser formulieren könnte. 

Im ersten Kapitel findet sich folgende Aussage: „Im Übrigen ist jeder Arzt – unabhängig von seinem Arbeitsgebiet – angehalten, sich permanent weiterzubilden, da sich das medizinische Wissen rasant vermehrt. Dabei benötigt er statistische Kenntnisse, um gute von schlechten Studien zu unterscheiden und um die Relevanz der dargestellten Ergebnisse für seine Patienten oder sein Labor beurteilen zu können.“. Mittlerweile greift eine Methode unter Tierärzten um sich: wenn sie auf Mängel in Studien hingewiesen werden, gehen sie nicht darauf ein, sondern verweisen einfach auf Ergebnisse aus ihrer Praxis. Das wäre auch gar kein Problem: sie müssen diese ja nur dokumentieren und statistisch absichern. Zum Beispiel durch einen Vergleich zwischen Schlappohr- und Stehohrkaninchen unter Beachtung einer Grundgesamtheit - also Hauskaninchen, die außerhalb ihrer Wahrnehmung existieren.

Beispielhaft dienen zwei Arbeiten für die folgenden Betrachtungen: eine Dissertation von Reuschel, 2018 und ein Aufsatz von Johnson & Burn, 2019.

Die Hypothese

Den Ausgangspunkt solcher Studien ist formuliertes Ziel, welches gelegnetlich auch als Hyptothese H0 bezeichnet wird.

Bei Reuschel, 2018 findet sich das nicht am Anfang seiner Arbeit, sondern erst in der Zusammenfassung: „Erkrankungen des Ohres kommen beim Kaninchen häufig vor und vor allem Widderkaninchen gelten aufgrund ihrer Schlappohren als prädisponiert. Allerdings fehlen bisher umfassende Untersuchungen, die Prävalenzunterschiede bei Stehohr- und Widderkaninchen belegen. … Die vorliegende Arbeit hatte daher zum Ziel das Vorkommen von pathologischen Veränderungen am Ohr in Bezug auf Prävalenzunterschiede zwischen Stehohr- und Widderkaninchen zu untersuchen und die beiden Diagnostika Röntgen und Computertomografie zu vergleichen.“.

Johnson & Burn stellten folgende Hypothese für ihre Arbeit auf: „We hypothesised that if the lop-eared phenotype leads to functional impairment, there would be significantly more aural pathology, such as ear canal stenosis, cerumen accumulation and inflammation and dental pathology, such as incisor overgrowth and molar spurs, in lop-eared rabbits than in erect-eared rabbits." (Übers.: Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass es durch den Phänotyp des Schlappohrs zu einer Funktionsbeeinträchtigung kommt, die bei Schlappohrkaninchen zu signifikant mehr Ohrerkrankungen wie Gehörgangsstenose, Cerumenanhäufung und Entzündungen sowie zu Zahnerkrankungen wie verlängerte Schneidezähne und Backenzahnspitzen führen würden als bei Kaninchen mit Stehohren.)

Die Grundgesamtheit

In beiden Arbeiten gibt es in Bezug auf den Phänotyp (Schlapp- vs. Stehohr) keine weitere Einschränkung wie z. B. einer Haltungsform. Sie beziehen sich also beide pauschal auf alle Tiere dieser zwei Gruppen. Damit schaffen sich die Autoren der Arbeiten selbst ein Problem, denn theoretisch müsste man alle Hauskaninchen dieser Welt einsammeln und auf Ohr- bzw. Zahnerkrankungen untersuchen. Das wäre die sogenannte „Grundgesamtheit“, auf die sich die Untersuchungserbnisse beziehen sollen. Man kann die Wahrscheinlichkeit des Auftretens dieser Krankheiten bei Kaninchen aber auch mit einer Stichprobe untersuchen, die dieser Grundgesamtheit entnommen wird und für diese repräsentativ ist.

Die Stichprobe

Weiß, 2008: „Im Allgemeinen beschränkt man sich jedoch – insbesondere in der medizinischen Forschung – auf die Untersuchung einer relativ kleinen Teilmenge, nämlich der Stichprobe, und überträgt die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf die Grundgesamtheit. Dies ist allerdings nur unter der Voraussetzung sinnvoll, dass die charakteristischen Eigenschaften der Stichprobe – abgesehen von zufällig bedingten Abweichungen – mit denen der Grundgesamtheit übereinstimmen. Eine solche Stichprobe heißt repräsentativ.“

Stichprobengröße

Dazu Weiß, 2008: „Die optimale Stichprobengröße muss daher vor der Datenerhebung festgelegt werden. Sie hängt von zahlreichen Faktoren ab, u. a. von den Skalenniveaus der Merkmale, den Kenngrößen, die geschätzt werden sollen und der erforderlichen Genauigkeit der Schätzung.“. Früher musste die mühsam errechnet werden, heute kann man sogar im Internet Tools finden, die einem diese Arbeit abnehmen.

Hier ergibt sich nun folgendes Problem: die TVT z. B. schreibt in ihrem Merkblatt 157 von „Heimkaninchen“. Daneben existiert aber deutschlandweit noch eine Population von Zuchtkaninchen, die den Standards für Rassekaninchenzucht des ZDRK folgen. Das bedeutet, die gesamte Kaninchenpopulation (außer Wildkaninchen und industrielle Mast) setzt sich aus Tieren zusammen, die in Wohnungen, bei Hobbyzüchtern, in Tierheimen und bei Rassekaninchenzüchtern (ZDRK) leben. Die charakteristischen Eigenschaften dieser Haltungsformen können ganz unterschiedlich sein, was sich natürlich auf eine Stichprobe auswirken kann. 

Von den genannten Populationen existiert nur eine, die sehr viele Informationen über die Zahl der Tiere und deren Zustand dokumentiert: die organisierte Rassekaninchenzucht im Verband des ZDRK. Der Bestand der Tiere wird von der „Zentrale Dokumentation Tiergenetischer Ressourcen in Deutschland“ (TGRDEU) erfasst, die zur „Bundeszentrale Landwirtschaft und Ernährung“ (BLE) gehört. Im Jahr 2018 wurden von ihr insgesamt 693.671 Kaninchen verschiedener Rassen und Farben der organisierten Zucht erfasst. Von diesen gehörten 119.064 Tiere (17%) verschiedenen Widderrassen, also „Schlappohren“ an. Der Einfachheit halber gehe ich im Weiteren von einer Gesamtzahl der Rassekaninchen von 700.000 aus. Ebenfalls angenommen wird von mir eine doppelte Populationsgröße im unkontrollierten „Dunkelfeld“ (Wohnungen, Hobbyzucht, Tierheime, „Pflegestellen“ etc.), also 1.400.000 Tiere. Das ergäbe eine Grundgesamt von 2,1 Millionen Hauskaninchen in Deutschland.  Um die nötige, repräsentative Stichprobengröße zu errechnen, benutze ich den Online-Rechner. Ohne tiefer darauf einzugehen, werden für das Konfidenzniveau 95% und für die Fehlerspanne 5% ausgewählt, die standardmäßig in solchen Untersuchungen benutzt werden. Erklärungen dazu finden sich auf der gleichen Webseite. Damit ergibt sich als Stichprobengröße aus der Grundgesamtheit eine Anzahl von 385 Tieren. Wie bereits erwähnt ergibt sich diese Anzahl aus dem Anspruch der zwei Arbeiten, eine Prädisposition für bestimmte Erkrankungen allgemein für Widderkaninchen nachweisen zu wollen.

Ich schreibe häufig, dass sich das Ziel einer Arbeit allein schon aus grundlegenden, methodischen Mängeln nicht erreichen ließ. Eine zu kleine Stichprobe ist z. B. ein Grund dafür. Johnson & Burn untersuchten 30 Tiere (15 Schlapp-, 15 Stehohren). Damit ist der Fall erledigt. Man kann diese Arbeit als "Case study" bzw. Fallstudie bezeichnen. Aber sie ist nicht dafür geeignet, einen Rückschluss auf eine Population von Kaninchen allgemein zu ziehen. Das schreiben übrigens die Autorinnen auch selbst: "The use of a rescue population may of course not represent the general population of pet rabbits."

Weiß, 2008 schrieb zu diesem Thema (auf die Humanmedizin bezogen), dass man Untersuchungen „nur für einen speziellen, eng begrenzten Personenkreis durchführt und diesen als Grundgesamtheit auffasst. Allerdings gelten die dadurch gewonnenen Ergebnisse nur eingeschränkt auf die Menge der untersuchten Personen und lassen sich nicht verallgemeinern.“.

Auswahl der Stichprobe

Ein weiteres wichtiges Merkmal eine Stichprobe ist eine zufällige Auswahl aus der Grundgesamtheit. Johnson & Burn, 2019 untersuchten Tiere aus einem Tierheim, deren Mitarbeiter als kompetent beschrieben wurden. Der Leiterin des Tierheims, die die Tiere aussuchen sollte, wurde mitgeteilt, dass neben dem allgemeinen Zustand der Tiere die Zähne und Ohren untersucht werden sollten. Mit ihrer Kompetenz muss der Leiterin also klar gewesen sein, was das Ziel der „Studie“ war. Auffällig bei ihrer Auswahl von Tieren war z. B., dass keines der Stehohrkaninchen auffällige Krankheitsanzeichen oder Behandlungen aufwies (Backenzahnspitzen, potenzielle orale Schmerzreaktion, Mundschleimhautwunden, schlechter Fellzustand, Hypersalivation (Speicheln), tierärztliche Zahnbehandlung, tierärztliche Behandlung des Gehörs und Kratzen an den Ohren). Gemäß anderer tierärztlicher Studien hätte mindestens ein Tier an Zahnerkrankungen leiden müssen. Das deutet auf eine sorgfältige Auswahl hin. Wie bereits erwähnt, wiesen die Autorinnen aber selbst darauf hin, dass die Auswahl ncht repräsentativ für eine Grundgesamtheit ist.
 

Reuschel, 2018 untersuchte CT-Aufnahmen von insgesamt 388 Kaninchen, aber eben nur Tiere, die über einen Zeitraum von knapp 7 Jahren an der TIHO Hannover wegen diverser Krankheitssymptome vorgestellt wurden – also keiner Grundgesamtheit, die z. B. auch gesunde Tiere enthalten würde: „Alle CT-Untersuchungen wurden aus diagnostischen Gründen aufgrund vorliegender Erkrankungen der Ohren, der Zähne, des Atemtraktes oder aufgrund von Traumata durchgeführt. Bei allen Kaninchen handelte es sich um als Heimtier gehaltene Kaninchen diverser Rassen.“. Eine Kritik der Methode erfolgte in der Arbeit nicht, obwohl der Fakt, dass es sich um keine repräsentative Auswahl von Heimkaninchen handelte, einen Rückschluss auf diese Population nicht ermöglicht. Bei den Erkrankungen handelt es sich vornehmlich um solche im Kopfbereich.

Die vorstehenden, kritischen Darstellungen haben nichts mit der Qualität der jeweiligen Arbeit an sich zu tun. Sie sollen lediglich verdeutlichen, dass sie für die Zwecke, für die sie heute gebraucht werden, nicht geeignet sind.

An dieser Stelle sei noch ein Punkt erwähnt, der die Arbeit von Johnson & Burn, 2019 nicht besonders seriös erscheinen lässt. Es ist sehr beliebt, Auswertungen von einer zu kleinen Datenmenge damit zu kaschieren, dass sie in Prozent angegeben werden. Man könnte also z. B. behaupten, dass 50% einer Population verstarben, obwohl sie nur aus zwei Tieren bestand und eines davon verstarb. Aus einer prozentualen Angabe wird dieser Fakt nicht deutlich. Jason & Burn stellten in ihrer Arbeit z. B. fest, dass 7 von 15 Schlappohrkaninchen Schneidezahnerkrankungen aufwiesen, während dies bei Stehohrkaninchen nur bei 1 von 15 Tieren der Fall war. Daraus wurde dann folgende Aussage konstruiert: "Lop-eared rabbits had approximately 23 times higher odds of incisor pathology compared with erect-eared rabbits ...". Basierend auf einer ausgesuchten Datenmenge von jeweils 15 Tieren! Damit sollte wohl eine gewisse Dramatik erzeugt werden, was aber auf Grund der Datenmenge eher peinlich wirkt. Von Tierschützern wird diese Art der Darstellung eines Ergebnisses natürlich begeistert aufgegriffen.

In Bezug auf meine Kritiken wird mir von Tierschützern u. a. auch unterstellt, ich wäre als Lobbyist von wem oder was auch immer unterwegs. Vor einiger Zeit wurden von mir zwei Artikel in der "Kaninchenzeitung" veröffentlicht, die sich, passend zum Thema, mit statistischen Auswertungen beschäftigten. Hintergrund war damals die Behauptung, dass Kaninchen größerer Rassen aus bestimmten Gründen nur mit Pellets zu ernähren seien. Der "Wiesenfütterung" wurde in diesem Zusammenhang eine Tierschutzrelevanz unterstellt. Wer daran interessiert ist zu erfahren, wen und was ich damals kritisiert habe, kann das hier nachlesen:

Die Kapazität der Verdauungsorgane von Kaninchen
https://kaninchenwuerdenwiesekaufen.blogspot.com/2018/03/die-kapazitat-der-verdauungsorgane-von.html

Die Kapazität der Verdauungsorgane von Kaninchen (2)
https://kaninchenwuerdenwiesekaufen.blogspot.com/2018/03/die-kapazitat-der-verdauungsorgane-von_31.html

Literatur

Johnson, J. C. & Burn, C. C. 2019. Lop-eared rabbits have more aural and dental problems than erect-eared rabbits: a rescue population study Veterinary Record 185, 758

Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460

Weiß. C. 2008. Basiswissen Medizinische Statistik. Springer-Verlag. ISBN 978-3-540-71460-6

Samstag, 29. August 2020

Qualzucht

Einleitung

In letzter Zeit häufen sich Bestrebungen, bestimmte Zuchtformen von Kaninchen als „Qualzuchten“ zu bezeichnen. Im Moment handelt es sich dabei um Zwergkaninchen mit weniger als 1,0 kg Körpergewicht sowie Widderkaninchen mit „Hängeohren“ und Rassen mit kurzem bzw. runden Kopfformen. 

Von einer „Initiative“, die auch von Tierärzten unterstützt wird, wurde dazu ein „Flyer“ mit äußerst fragwürdigen Behauptungen öffentlich zur Verfügung gestellt. Auf der Webseite dieser „Initiative“ werden diese etwas ausführlicher erläutert. Als Beleg für die Behauptungen werden am Ende der jeweiligen Seiten Literaturangaben geliefert - also nicht der jeweiligen Behauptung zugeordnet, wie es eigentlich üblich ist. Insofern ist Zuordnung der Quelle zur jeweiligen Behauptung schwierig. Vielleicht war auch genau das beabsichtigt. 

Einen weiteren Beitrag mit Behauptungen über „tierschutzrelevante Zuchtformen“ bei Kaninchen lieferte das 2019 erschienene Merkblatt 157 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT. 

In diesem Beitrag gehe ich am Ende auf die gebotenen Literaturquellen der „Initiative“ ein, soweit sie mir zur Verfügung stehen. Am Anfang steht ein sehr kurzer Abriss der Geschichte der Rassezucht in Bezug auf die eingangs erwähnten Zuchtformen. Anschließend wird auf verschiedene Behauptungen eingegangen.

Eine sehr kurze Geschichte der Zucht bestimmter Rassekaninchen 

In der Natur sind Wildkaninchen als typische Beutetiere den verschiedensten Gefahren ausgesetzt. Ihre Lebensgewohnheiten sowie ihre Physis sind an diese Gegebenheiten angepasst und nur jene Tiere, die am besten angepasst sind, verfügen über gute Chancen für ein Überleben. 

1864 verglich Herbert Spencer in seiner Auseinandersetzung mit dem Buch „Die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin dessen Theorie der „Natürlichen Zuchtwahl“ (Selektion) mit seiner eigenen und schrieb: „Applying alike to the lowest and the highest forms of organization, there is in all cases a progressive adaptation; and a survival of the most adapted. … This survival of the fittest, which I have here sought to express in mechanical terms, is that which Mr. Darwin has called “natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life“. Charles Darwin ging 1868 noch einmal darauf ein und notierte: „Dass während des Kampfes um das Dasein diejenigen Varietäten erhalten werden, welche irgend einen Vortheil in ihrer Structur, Constitution oder ihrem Instinkt darbieten, habe ich natürliche Zuchtwahl genannt und Herbert Spencer hat für diese Idee den ganz guten Ausdruck „Überleben des Passendsten.“ (Hervorhebung A. R.). 

Mit der Entnahme des Wildkaninchens aus der Natur ergaben sich Veränderungen des Phänotyps, welche schlicht unter anderem darauf beruhten, dass es keinem Feinddruck mehr ausgesetzt war. Der fehlende, tägliche Überlebenskampf mit weniger Bewegung und der nötigen Aufmerksamkeit sowie alternative Ernährungsweisen führten zu einer Reihe messbarer Unterschiede im Vergleich zum Wildkaninchen. Arbeiten darüber existieren z. B. von Müller, 1919 und Fischer, 1973. Von Herre & Röhrs, 1990 wurden diese Informationen, neben denen von anderen Hautieren, zusammengefasst.

Tabelle 1: Veränderungen verschiedener Organe von Hauskaninchen im Vergleich zu Wildkaninchen, aus Herre und Röhrs, 1990 



 




Anatomische Beschreibung mit Zeichnungen der Unterschiede des Schädels wie auch der Gehörgänge zwischen Wildkaninchen und „grossen hängeohrigen Kaninchen“ finden sich z. B. in einem Werk von Charles Darwin, welches 1868 in Deutschland unter dem Titel „Das Variieren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication“ erschien. 

Nach dem Deutsch-Französischem Krieg 1870-1871 gelangten Widderkaninchen aus Frankreich mit heimkehrenden Soldaten nach Deutschland und wurden hier weitergezüchtet. 1919 zitierte Ernst Müller in seiner Dissertation einen Kaninchenexperten seiner Zeit mit den folgenden Worten: "Wenn man die vielen, heutzutage existierenden Rassen ·des Hauskaninchens betrachtet, könnte man in der Tat daran zweifeln, ob diese verschieden geformten und gefärbten Tiere wirklich nur Rassen ein und derselben Art seien. Aber ebenso leicht wie sich das wilde, graue Kaninchen zu seinen verschiedenen Rassen umzüchten läßt, ebenso leicht verwildern diese wieder, wenn sie sich selbst überlassen werden, und sie nehmen, in allem wieder die Merkmale der alten Stammform an." (Gerhardt, 1909).

1968 wurde das Widderkaninchen in der BRD als Standard anerkannt und 1980 in der DDR. Karl Friedrich Dorn, 1975 sah die „Schlappohren“ der Widderkaninchen als Ergebnis der Domestikation, ähnlich wie bei verschiedenen Hunden, Schafen, Ziegen und Schweinen und als ein Ergebnis der Auslese durch den Züchter, welches nicht auf Mutation beruht. Beeinflussen lässt sich die Ohrlänge z. B. durch die Temperatur. In historischen Büchern sucht man vergeblich nach Hinweisen darauf, dass „hängeohrige“ und „kurz- bzw. rundköpfige“ Kaninchen besonders anfällig für Krankheiten wären. Zahnfehler spielten in allen Quellen so gut wie keine Rolle und parasitäre Erkrankungen wie z. B. die „Ohrräude“ wurden allgemein für alle Rassen abgehandelt, so beispielsweise von Mahlich, 1903; Schneider, 1911; Felden, 1921 und Joppich, 1946.

Neben der eigenständigen Art des nordamerikanischen Zwergkaninchens (Brachylagus idahoensis), existiert eine Zwergform des Europäischen Wildkaninchens auf der Insel Porto Santo. Diese Tiere wiegen nur etwa 700 g und stammen von einer Häsin mit ihrem Nachwuchs ab, die um 1418/19 auf der Insel ausgesetzt wurden (Darwin, 1868). 

Das Hermelinkaninchen als Beispiel für eine kleinwüchsige Zuchtrasse wurde erstmals 1884 auf einer Ausstellung in England gezeigt. Bis nach 1920 wurden Hermelinkaninchen aus England nach Deutschland importiert. Die reine deutsche Zucht des Blauaugenhermelins wurde 1919 erstmals in Leipzig ausgestellt. Der Rassestandard für das Hermelinkaninchen gibt ein Gewicht von 1,0-1,5 kg vor (Rassestandard 2018). Im Vergleich dazu beträgt das durchschnittliche Gewicht von Wildkaninchen in Deutschland 1,55 kg. Spanische Wildkaninchen der Unterart Oryctolagus cuniculus algirus sind dagegen deutlich kleiner als ihre deutschen Artgenossen. Ferreira et al, 2016 ermittelten für zwei verschiedene Regionen Durchschnittsgewichte von 1043 g (Oryctolagus cuniculus algirus) bzw. 1234 g (Oryctolagus cuniculus cuniculus).

Bild: Normalverteilung für die Gewichte von Wild- und Hauskaninchen nach Daten aus Kaetzke et al., 2003 (Oryctolagus cuniculus cuniculus (O. c. cuniculus)); Gewicht des Porto-Santo-Kaninchens nach Daten von Darwin, 1868; Gewicht von Oryctolagus cuniculus algirus (O. c. algirus)) nach Ferreira et al, 2016 und  Gewichtsbereich nach Zuchtstandard für Hermelinkaninchen (ZDRK-Standard, 2018)













Neben dem Porto-Santo-Kaninchen mit einem durchschnittlichen Gewicht von 700 g gibt es auch spanische Wildkaninchen, die einer natürlichen Zwergform entsprechen und ein Gewicht von 1000 g unterschreiten, welches z. B. die TVT für Hauskaninchen als „tierschutzrelevant“ ansieht.

BMEL-Gutachten und Experten

In einem Gutachten der „Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht“ (BMEL, 2005) zum §11b des Tierschutzgesetzes in Bezug auf Kaninchen wird auch ein Standardwerk von Rudolph & Kalinowski, „Das Hauskaninchen“ als Quelle angeführt. Aus der 2. Auflage, 1984 sei hier beispielhaft folgendes zitiert:

  • Zwergwuchs „Klinische Symptome: Nanasomie (proportionaler Zwergwuchs) der normalen Körpergröße, letal bei Homozygotie. Bei Heterozygotie: geringe Verkleinerung der Körper- und Ohrengröße, keine Einflüsse auf Vitalität. Bei Hermelinkaninchen aufgetreten. Genetik: Semidominante letale Mutatation, (DW/Dw) oder (nan/nan).“
  • Brachygnathia  superior „(Mandibuläre Prognathie) Klinische Symptome: Verkürzung des Oberkiefers, Anomalie der Schneidezähne; gestörte Proportionen zwischen Ober- und Unterkiefer; Überstand der unteren über die oberen Schneidezähne (anomale Okklusion), Abnutzung der nachwachsenden Schneidezähne unzureichend oder unmöglich; zunehmend erschwerte Futteraufnahme, Verhungern der Tiere. Ausprägung des Defekts bereits mit 6 Wochen möglich, aber auch in späterem Alter. Beobachtet bei Weißen Neuseeländern, Dänischer Landrasse, Japaner-Kaninchen u. a. Genetik: Autosomal-rezessive Vererbung mit unvollständiger Penetranz und Expressivität (mp/mp) oder polygener Erbgang.“
  • Tremor "Klinische Symptome: Schüttellähmung, erste Merkmale bis zum 14. Lebenstag. Verläuft in 3 Phasen:
  1. alle Stufen bis zu grober Zitterbewegung des Körpers; durch akustische Reize verstärkte Schüttelbewegung
  2. zusätzlich schlaffe Lähmung an Hinterextremitäten, im 2. Lebensmonat beginnend; verminderte Nahrungsaufnahme, körperlicher Verfall
  3. völlige Paralyse; Tod durch Entkräftung. Rammler steril (verminderte Spermiogenese), Häsinnen fruchtbar. Beim Widderkaninchen aufgetreten. Genetik: Autosomal-rezessiver Erbgang (tr/tr).“

Zusätzlich wurde zu genetischen Defekten von Kaninchen folgendes angemerkt: „In der auf Fleischproduktion gerichteten Kaninchenzucht sind genetisch bedingte Defekte dagegen meist unerwünscht. Wertvolle Vatertiere sollten möglichst keine Anlagenträger für Defekte sein, die die Vitalität beeinflussen. Eine von allen genetisch bedingten Defekten freie Population ist jedoch eine Illusion, da die im Regelfall immer vorhandenen Anlagen im homozygoten Zustand - der bei ungünstiger Paarungskonstellation eintritt - Merkmalsträger entstehen lassen.“ (Rudolph & Kalinowski, 1984)

Den, bei Widderkaninchen, aufgetreten Fall von „Tremor“ bzw. „Schüttellähmung“ wie auch die Suche nach dem Verursacher beschrieb Hans Nachtsheim 1949 in der zweiten Auflage des Buches „Vom Wildtier zum Haustier“. Die Schwierigkeit bei der damaligen Suche nach dem „schuldigen“ Tier lag darin, dass es sich dabei um ein rezessives (verdecktes) Erbmerkmal handelt. Wenn das Partnertier des Trägers gesund ist, erkrankt kein Tier der nächsten Generation daran, aber die Hälfte der Nachkommen trägt dieses Merkmal in ihrem Erbgut. Als Ausgangspunkt der Krankheit wurde seinerzeit schließlich der Rammler eines Züchters in Brandenburg identifiziert.

Prof. Dr. Rudolph ging 1997 in einem Artikel noch einmal etwas ausführlicher auf die Zucht von Zwergkaninchen ein. Dieser wurde, trotz der fachlichen Tiefe, in dem Gutachten nicht erwähnt. Aus der Zusammenfassung zitiert: „Faßt man die Darlegungen zusammen, so ist nachdrücklich festzustellen, daß die Zucht von Zwergkaninchen dem Tierschutz nicht zuwiderläuft. Sie ist auch nicht als Qualzucht einzustufen. […] Es ist zwischen Verzwergung (Ergebnis der Selektion) und den Zwergen (Einfluß eines Gens für Zwergwuchs) zu unterscheiden, und oft genug kommen beide Einflüsse in einem Tier zusammen, Die Wirkung von Letalfaktoren läßt sich durch sinnvolle Anpaarung der Genotypen ausschließen. Eine Kopplung zwischen dem Dw-Gen mit Genen, die Defekte hervorrufen (z. B. Zahn- oder Kieferanomalien}, ist nach heutigem Erkenntnisstand nicht gegeben. Genetische Defekte häufen sich besonders bei Inzucht. Es empfiehlt sich deshalb eine Zusammenarbeit mehrerer Züchter, um Linien aufzubauen und die Vorteile eines größeren, gemeinsam zu lenkenden Zuchttierbestandes, bei dem die Tiere im persönlichen Besitz bleiben, für ausreichende Fruchtbarkeit und Verbesserung der Gesundheit (Hybrideffekt durch Linienkreuzung) zu nutzen. Und künftig mögen die Kaninchenzüchter bei Sendungen oder Beiträgen der Medien folgenschwere „Verwechslungen“ von wissenschaftlichen Tatbeständen, die sich dann daraus herleitenden irrigen Schlußfolgerungen sowie das verschwommene fachliche Gefasel mancher Kritikaster erspart bleiben.“ (Hervorhebung A. R.). Dem Wunsch schließe ich mich vollinhaltlich an, auch wenn er sich nicht erfüllen wird. Künftig wird wohl auch das Geschlecht von Kaninchen wahrscheinlich nicht mehr bestimmt, sondern konstruiert.
  
Während z. B. in der Forschung mit Kaninchen als Versuchstieren bewusst Linien mit Gendefekten gezüchtet wurden, um das Entstehen und die Übertragung von Krankheiten zu untersuchen, wurde und wird in der organisierten Rassekaninchenzucht alles dafür getan, Gendefekte aus der Zucht auszuschließen. Zu diesem Zweck werden Abstammungen in „Herdbüchern“ dokumentiert. Kein Rassekaninchenzüchter hat ein Interesse daran, seine Plätze mit kranken Tieren zu belegen oder solche weiterzugeben.

Hörsinn

Im Zusammenhang mit den "hängenden Ohren" der Widderkaninchen wird eine verringerte Hörleistung für diese Rasse behauptet. 

Bis vor einiger Zeit hätte ich dieser Behauptung vorbehaltlos zugestimmt, weil  ich der Meinung war, dass es durch die Veränderung der Ohren bei Widderkaninchen in Form des schallauffangenden, äußeren Ohres zu Beeinträchtigungen des Hörsinns bei Widderkaninchen kommt.

Als Quelle für die Behauptung wird eine Dissertation von W. Claaßen aus dem Jahr 2018 angeführt. In dieser Arbeit wurde die Hörleistung von gesunden und kranken Kaninchen mit Kopfschiefhaltung verschiedenen Alters, Gewichtes sowie verschiedener Rassen untersucht.

Als Ergebnis von Voruntersuchungen folgendes festgestellt: "Es zeigten sich große Abweichungen der Hörschwelle innerhalb der verschiedenen Tiergruppen. Auch in der Gruppe der klinisch gesunden Tiere wiesen einige Kaninchen sehr hohe Hörschwellen (bis 110 dB HL) auf. Im Gegensatz dazu gab es einige Kaninchen, die bei 0 dB HL noch sehr ausgeprägte Hörkurven aufwiesen. Aufgrund der hohen Variabilität der Hörschwelle, überstieg häufig die Standadabweichung die Mittelwerte, aus diesem Grund wurden die Mediane verwendet. Mit dem Nicoletgerät war es nicht möglich unterhalb von 0 dB zu messen. Aus diesem Grund wurde für diese Tiere eine Hörschwelle von –5 dB HL angenommen." (S. 71).

Weiterhin wurde folgendes festgestellt: "Die Hörschwelle der FAEP bei klinisch gesunden Tieren lag im Median bei -5 (-5 – 22,5) dB nHL mit einen Minimum bei –5 und einen Maximum bei 110 dB, es stellten sich einige der gesunden Tiere als taub heraus." (S. 89).

Um die Erklärungen etwas abzukürzen, sollen die zwei folgenden Tabellen aus der Dissertation die Frage nach einer pauschalen, geringeren Hörleistung beantworten. Rot eingerahmt sind die Bereiche für die Hörschwelle aller gesunden Tiere und die von gesunden Widdern. Ich war selbst etwas überrascht, denn wie bereits erwähnt, war ich auch der Annahme, dass Widder grundsätzlich etwas schlechter hören. Tatsächlich sind sie aber sehr wohl in der Lage, den (angenommenen) niedrigsten Wert der Hörschwelle zu erreichen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das heißt, dass die Ergebnisse dieser Arbeit die Behauptung widerlegen, dass Widderkaninchen pauschal schlechter hören als Kaninchen mit Stehohren. Die sehr große Variabilität in den Meßwerten lässt darauf schließen, dass individuelle Eigenheiten das Hörvermögen stark beeinflussen. 

Sehfeld/Sehraum

Es wird behauptet, dass hängende Ohren bei Widderkaninchen zu einem eingeschränkten Sehfeld bzw. Sehraum führen. 

Für diese Behauptung wird eine Grafik geliefert, die das Sehfeld eines Kaninchens darstellen soll. Eine ganz ähnliche wurde von W. H. Leicht 1979 veröffentlicht und von mir etwas verändert in meinem Buch "Kaninchen würden Wiese kaufen" mit Angabe der Quelle übernommen. Bei der Übernahme ihrerseits hat die "Initiative" vergessen, eine der Quellen anzugeben und zudem nicht verstanden, dass diese Grafik das Sehfeld eines Wildkaninchens darstellt.














Dieses Sehfeld bzw. der gesamte Sehraum ergibt sich beim Wildkaninchen aus den Fakten, dass die Augen sehr groß sind und weit aus der Augenhöhle herausstehen.


Bei so gut wie allen Hauskaninchen haben sich, wie bereits erwähnt, u. a. Veränderungen in anatomischer Hinsicht ergeben, die sie deutlich von Wildkaninchen unterscheiden - und zwar unabhängig von der Rasse bzw. Ohrform - siehe auch die Werte in der Tabelle der Veränderungen der Organe von Hauskaninchen im Vergleich zu Wildkaninchen am Anfang des Artikels. Die Ohrform von Hauskaninchen mit einem verringerten Sehfeld in Verbindung zu bringen, ist also sinnfrei.




 

 

 

 

 

 

Kommunikation und Verhalten

Im Zusammenhang mit Schlappohren wird eine verringerte Kommunikationsfähigkeit sowie eine höhere Anfälligkeit für Ohrverletzungen bei Auseinandersetzungen behauptet. 

In seiner Dissertation verglich Richard Kraft 1976 Verhaltensweisen von Wildkaninchen mit Hauskaninchen und stellte u. a. zusammenfassend fest: "Bei Kaninchen fehlen dagegen feinere Ausdrucksm6glichkeiten. Eine Gesichtsmimik ist nicht erkennbar, lediglich die Schwanzhaltung besitzt Ausdruckscharakter und kann aggressive oder sexuelle Erregung signalisieren. Ritualisierte Verhaltensweisen, die für das soziale Zusammenleben eine Rolle spielen, beschränken sich bei Kaninchen nicht auf einzelne Körperteile wie Kopf oder Ohren, sondern erfassen den ganzen Körper. So äußert sich die Aggression gegen Rangniedere in aggressivem Jagen und Vorstoßen, die an Stelle von Drohgebärden die soziale Rangordnung aufrechterhalten und Verletzungen weitgehend verhindern."(S. 92, Hervorhebung A. R.) 

Das heißt, dass in der Kommunikation die Ohren so gut wie keines Rolle spielen. Bestätigen kann ich diese Feststellung aus eigenen Beobachtungen von Wildkaninchen und natürlich von Hauskaninchen mit Steh- und Schlappohren. Das folgende Bild gibt eine Situation zwischen Wildkaninchen wieder. Das rechte (flüchtende) Tier hatte sich etwas zu weit in das Territorium einer fremden Gruppe gewagt und wurde von deren Leitrammler (linkes, angreifendes Tier) vertrieben. Der Angriff erfolgte weitgehend ansatzlos - irgendwann war eine unsichtbare Grenze überschritten und der Leitrammler stürmte los. Die Ohrhaltung ist bei beiden Tieren unauffällig, aber die Blume (der Schwanz) des Angreifers ist steil aufgerichtet, was die Beobachtungen von R. Kraft bestätigt.


 

 

 

 

 

 

 

 

Normalerweise gehen Situationen wie diese gimpflich aus, also ohne schwere Verletzungen, weil unterlegene Tiere sich selten auf einen Kampf einlassen und flüchten. In der Heimtierhaltung ist dagegen oft das Platzangebot zu gering, so dass sich unterlegene Tiere nicht oder nur unzureichend zurückziehen können. Bei Bildern von aggressiven Tieren sollte möglichst das ganze Tier beachtet werden. Wenn wenn z. B. der Kopf weit in den Nacken gebogen ist, kommen die Ohren automatisch auf dem Rücken zu liegen. 

Interpretationen der Verhaltensweisen von Kaninchen sind für Laien nicht einfach und bisweilen werden wohl auch solche von anderen Tierarten auf sie übertragen. Wenn möglich, sollte bei Fragen der sozialen Kommunikation, insbesondere bei sogenannten "Vergesellschaftungen" einander fremder Tiere, ein wirklicher Experte hinzugezogen werden. Veröffentlichungen falscher Interpretationen können Tieren eventuell Schaden zufügen.

Wichtig ist aber zu wissen, dass die wichtigste Form der Kommunikation von Kaninchen der "Geruch" ist. Das Wissen darüber und seine Anwendung in der Heimtierhaltung könnte vielen Tieren wirklich helfen.

Verletzungen

Ein Konzept der Haltung von Haustieren beinhaltet ihre "Schadensfreiheit", also die Forderung an Tierhalter, mögliche Schäden am Tier zu verhindern. Im Fall der Kaninchen ist diese Forderung eigentlich nicht zu erfüllen, es sei denn, man hält sie einzeln. Das wiederum würde der Forderung widersprechen, sozial lebende Tiere einzeln zu halten. Das Paradoxon besteht darin, dass es in sozialen Gemeinschaften prinzipiell zu "Streit" kommen kann, der zu Verletzungen führt. Diese können nur ausgeschlossen werden, wenn Individuen so gehalten werden, dass sie keine anderen verletzen können - also allein. Beobachtung von mir an Wildkaninchen zeigen eine sehr hohe Verletzungsrate besonders der Ohren. Fast jedes Tier in den Gruppen weist mehr oder weniger starke Verletzungen an den Ohren auf, auch Jungtiere.


"Kurzköpfigkeit"

Zum Thema der kurzen und runden Köpfe von Hauskaninchen wurde in Vergangenheit vor allem von Seiten des Tierschutzes, aber auch von Tierärzten sehr viele Behauptungen aufgestellt und nicht eine davon konnte bisher wissenschaftlich belegt werden. Die "Initiative" reiht sich mit ihren Aufstellungen von Fakten und Zahlen dabei nahtlos ein. Diese stammen in der Regel aus verschiedenen Untersuchungen (Studien) und sollen dazu dienen, bestimmte Behauptungen zu untermauern. Gern werden auch aus Gründen der Quantität noch Quellen wie Bücher angeführt, die in der Regel zwar solche Themen behandeln, aber nicht das Zustandekommen von Ergebnissen. Auf der Webseite der Initiative heißt es öfters: "Fakten aktueller Studien" ohne diese konkret zu benennen. Geliefert wird am Ende der Seiten dann ein Literaturverzeichnis. Wo nun also die jeweils konkreten "Fakten" herkommen, muss man erraten. Somit ist es auch nicht möglich, falsche Behauptungen anhand der konkreten "Studien" nachzuweisen, was wohl auch die Absicht ist. Dem Thema der "Kurzköpfigkeit" wird von der "Initiative" eine eigene Seite gewidmet, auf der von "Brachyzephalie" die Rede ist. Auch ich werde das Thema noch gesondert behandeln.

Hier noch eine Betrachtung der Literatur zur "Problematik" von Widderkaninchen, die von der "Initiative" geboten wird.

Literatur

  • Capello, V. (2006, January). Lateral ear canal resection and ablation in pet rabbits. In Proceedings of the North American Veterinary Conference, Orlando, Florida (pp. 7-11).

liegt mir nicht vor. Konferenzbeitrag, dessen Titel vermuten lässt, dass es sich um medizinische Aspekte der Behandlung von Ohrerkrankungen geht. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Capello, V. (2018, April). Ear surgery of pet rabbits. In BSAVA Congress Proceedings 2018 (pp. 50-51). BSAVA Library.

Buch mit gesammelten, kurzen Abhandlungen. Medizinischer Beitrag über 2 Seiten. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Claaßen, W. 2004. Hörschwellenbestimmung mittels früher akustisch evozierter Potentiale zur klinischen Diagnostik bei gesunden und erkrankten Kaninchen mit Kopfschiefhaltung. Tierärztliche Hochschule Hannover. Dissertation

siehe Absatz "Hörsinn" in diesem Artikel. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Csomos, R., Bosscher, G., Mans, C., & Hardie, R. (2016): Surgical management of ear diseases in rabbits. Veterinary Clinics: Exotic Animal Practice, 19(1), 189-204

Reviewartikel über die Behandlung von Ohrerkrankungen. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Eatwell, K. (2013): Diagnosis of otitis externa, media and interna in rabbits. Veterinary Times, 43(13), 20-22

Behauptung: "Lop breeds are predisposed to otitis due to their altered anatomy (Chow, 2011; Capello, 2004)". In der Literaurliste fehlt die Quelle von Chow, 2011. Es gibt zwei Artikel von Chow aus dem Jahr 2011 - sie beinhalten einmal die medizinische Behandlung von Otitiden und zum Zweiten eine Fallbeschreibung eines Kaninchens (Case study). Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Eatwell, K., Mancinelli, E., Hedley, J., Keeble, E., Kovalik, M., & Yool, D. A. (2013). Partial ear canal ablation and lateral bulla osteotomy in rabbits. Journal of Small Animal Practice, 54(6), 325-330
Case Report: Beschreibung der Behandlung von 6 Otitis-Fällen bei Widderkaninchen (2011-2012). Behauptung: "Lop breed rabbits are predisposed to otitis because of their pinna anatomy (Chow 2011, Mayer 2011).". Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet
  • Eckert, Y., Witt, S., Reuschel, M., & Fehr, M. (2017): Otitis beim Kaninchen–Symptome, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten. kleintier konkret, 20(S 02), 2-9

"Widder-Kaninchen haben aufgrund ihrer anatomisch bedingt stenotischen Gehörgänge eine Prädisposition für Otitiden [[7], [13]]" Bei den angegebenen Quellen handelt es sich um Chow, 2011 und Eatwell, 2013, in denen ebenfalls Behauptungen aufgestellt werden.

  • Mäkitaipale, J., Harcourt-Brown, F. M., & Laitinen-Vapaavuori, O. 2015. Health survey of 167 pet rabbits (Oryctolagus cuniculus) in Finland. Veterinary Record. Vol. 177, Issue 16. 418

Auswertung des Gesundheitszustandes von Hauskaninchen in Finnland. Zusammenfassung der Befunde: 40,1% erworbene Zahnerkrankungen, 31,1% Wirbelsäulendeformationen und degenerative Läsionen, 16,8% Hautkrankheiten und 7,2% Augenkrankheiten. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • De Matos, R. E. C. 2014. Computed Tomography of Clinical and Subclinical Middle Ear Disease in Domestic Rabbits (Oryctolagus cuniculus). Universidade de Lisboa. Dissertação

Dissertation mit der Auswertung von CT-Bildern von insgesamt 88 Kaninchen über einen Zeitraum von 2007-2014: "Although there was no correlation between ear position and clinical or subclinical ear disease, there was a statistically significant correlation between lop ears and presence of CT changes of the middle ear". (Hervorhebung A. R.). Veränderungen des Gehörgangs von Schlappohrkaninchen sind schon seit Charles Darwin bekannt. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet sondern eher ein Beleg für eine falsche Hypothese

  • De Matos, R. E. C., Ruby, J., Van Hatten, R. A., & Thompson, M. 2015. Computed tomographic features of clinical and subclinical middle ear disease in domestic rabbits (Oryctolagus cuniculus): 88 cases (2007–2014). Journal of the American Veterinary Medical Association, 246(3), 336-343.

Extrakt der Dissertation von De Matos, 2014. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460-9

Die Arbeit wurde von mir in einem Artikel der Kleintiernews besprochen:  Rühle, A. (2020): Zuchtformen und „Qualzucht“. Kleintiernews 57/2020. S. 22-31. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Varga, M. 2013. Textbook of Rabbit Medicine. 2nd Edition. Butterworth-Heinemann. ISBN 9780702049798

2. Ausgabe des Standardwerks von F. Harcourt-Brown. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

Doppelte oder falsche Literaturangaben der "Initiative" blieben in dieser Aufstellung unberücksichtigt, ebenso das BMEL-Gutachten (siehe Abschnitt "BMEL-Gzutachten und Experten").

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle Behauptungen der "Initiative" in Bezug auf eine angebliche Problematik von Widderkaninchen wissenschaftlich nicht belegt sind. Mehr noch: es werden sogar zwei Quellen angegeben, die den Zusammenhang der Ohrform und Otitiden nicht belegen konnten (De Matos, 2014 und De Matos, 2015). Festgestellt werden kann allgemein ein Trend in Veröffentlichungen, seiner eigenen Behauptung als Beleg einfach andere Quellen anzugeben, in denen das gleiche unbelegt behauptet wird.

Warum dieser Aufwand?

Unabhängig von der Ohrform leiden sehr viele Hauskaninchen an sehr vielen Erkrankungen. Diese sind in der Regel "multifaktoriell" verursacht - es spielen also mehrere Gründe eine Rolle, warum ein Tier erkrankt. Die wichtigsten sind Haltungsbedingungen und Ernährung. Mit dem beständigen Verweis auf Züchter bzw. Zuchtformen wird von diesen Krankheitsursachen abgelenkt. Halter sind somit versucht, diese nicht bei sich zu suchen, sondern bei einem imaginären Feind. 

Aus diesem Grund werde ich immer ideologischen Bestrebungen entgegentreten, die geeignet sind, Tieren zu schaden. 

Die "Initiative" hat sicher erkannt, wer hier konkret gemeint ist. Sie bzw. ihre Vertreterinnen sind herzlich eingeladen, Sachverhalte bzw. Fakten mit mir zu diskutieren. Die Webseite wurde von mir aus verschiedenen Gründen bewusst nicht genannt bzw. verlinkt.

An alle Leser: ich kann Sie nur herzlich darum bitten, sich nicht von einer Fülle von Literaturangaben beeindrucken zu lassen, die oft als Beleg für irgendwelche Behauptungen geliefert werden. Folgen Sie diesen und lesen Sie diese auch. Sie werden schnell merken, dass sich wirre Zahlenspielereien und -angaben in der Regel als heiße Luft entpuppen. Nicht selten werden simpelste Grundlagen der Statistik missachtet, weil sie schlicht nicht bekannt sind. Sie werden schnell Routine darin entwickeln, falsche Behauptungen zu durchschauen. Wenn Sie das auch noch öffentlich machen, können Sie Tieren helfen,  denn je mehr "Ersatzgründe" für Erkrankungen wegfallen, umso mehr müssen Tierhalter die Gründe bei sich selber suchen. Vielen Dank!

Das Thema "Qualzucht" sowie dazu gehörige Behauptungen aus dem Tierschutz und von Tierärzten wird in naher Zukunft fortgesetzt.

Dienstag, 25. Februar 2020

Gift- oder Heilpflanze?

Einleitung

In Beratungen von Kaninchenhaltern werde ich in Bezug auf Empfehlungen für die Fütterung von speziellen Wiesenpflanzen immer wieder mit der Frage konfrontiert: „Aber ist die nicht giftig?“. Wenn ich pauschal „Nein“ sagen würde, egal welche Pflanze gemeint ist, würde ich lügen, denn alles, was ein Tier (oder der Mensch) aufnimmt, kann ab einer bestimmten Menge gesundheitsschädigend oder gar tödlich wirken.

In Diskussionen um sogenannte „Giftpflanzen“ gibt es oft zwei strikt getrennte Lager, die sich gegenseitig jeweils einen falschen Umgang mit diesem Thema vorwerfen: die „Übervorsichtigen“ und die „Verharmloser“. Die Mitte schweigt oft, um nicht einem dieser Lager zugeordnet zu werden. Ich selbst rechne mich keinem der Lager oder der Mitte zu - ich beurteile Fakten.

Ein grundsätzliches Problem stellt bereits die Frage dar, was eigentlich "Gift" ist.

Was ist "Gift"?

Theophrastus Bombast von Hohenheim, der sich "Paracelsus" nannte, beschrieb bereits 1538 ein Problem im Zusammenhang mit der Gift- oder Heilwirkung und stellte fest: „Dosis sola venenum facit“ (Allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei).

Das Deutsche Reichsgericht beschäftigte sich 1884 im Zusammenhang mit einem Kriminalfall mit dem Begriff "Gift" und formulierte in der Urteilsbegründung folgendes:


Selbst das Lebenselexier schlechthin, das Wasser, kann gemäß den Beschreibungen zu Gift werden. Es kommt offensichtlich darauf an, in welcher Zeit eine bestimmte Menge eines bestimmten Stoffes aufgenommen wird.

Teuscher & Lindequist, 2010 gingen in sehr ausführlicher Weise auf biogene Gifte ein und schrieben u. a.: "Die Gefährlichkeit einer giftigen Pflanze oder eines giftigen Tieres für Menschen oder Tiere hängt nicht allein von der Toxizität der Inhaltsstoffe ab, sondern wird in der Praxis in entscheidendem Maße von dem Grad ihrer Zugänglichkeit für Mensch oder Nutztier bestimmt und davon, ob Anreiz zum Verzehr bzw. zur Kontaktnahme besteht (toxikologische Relevanz).".

Peter R. Cheeke, 1998 stellte fest, dass bei einer bestimmten Dosierung pharmakologische Eigenschaften von Toxinen (Giften), nützlich sein können, bei höheren Konzentrationen jedoch giftig. Interessant sei auch, dass viele natürliche Toxine giftiger Pflanzen tatsächlich medizinisch verwendet werden, insbesondere in pflanzlichen Präparaten. Bei Toxinen handle es sich um Stoffe, die unter praktischen Umständen den tierischen Stoffwechsel beeinträchtigen und in der Tierproduktion negative biologische oder wirtschaftliche Auswirkungen haben können. Dies wäre aber eine weit gefasste Definition, denn praktisch sei alles giftig, einschließlich Sauerstoff, Wasser und alle Nährstoffe, wenn es nur in einer genügend großen Dosis gegeben wird.

Frohne & Pfänder, 2005 merkten an, dass ältere Auflistungen ca. 750 biogene Giftstoffe aufführen, die in über 1000 Pflanzenarten vorkommen würden, wobei die Zahl der eigentlichen „Giftpflanzen“ aber wesentlich geringer sei. Unter diesem Terminus seien solche zu verstehen: „die tatsächlich zu Intoxikationen von Menschen und Tieren führen oder geführt haben. Nur bei einer kleinen Gruppe von Pflanzen ruft schon die Ingestion geringer Mengen pflanzlichen Materials schwerwiegende Intoxikationen hervor; die übrigen Pflanzen, die aufgrund ihrer Inhaltsstoffe als giftig angesehen werden müssen, sind in der Regel weit weniger gefährlich und führen nur unter bestimmten, nicht immer gegebenen Voraussetzungen zu einer Vergiftung. Bei einer dritten Gruppe von "Giftpflanzen" schließlich, die herkömmlicherweise als solche eingestuft werden, sind bisher weder definierte Giftstoffe noch einwandfrei dokumentierte, schwerere Vergiftungsfälle bekannt.".

Der Duden, 2000 u. 2003 definiert die Giftpflanze als solche: „die einen giftigen Stoff enthält, der bei Menschen u. Tieren eine schädliche, zerstörende, tödliche Wirkung hat“. Dagegen sei eine Heilpflanze, die: „wegen ihres Gehaltes an pharmakologisch wirksamen Alkaloiden, Glykosiden, ätherischen Ölen, Bitter-, Gerb-, Schleim- o. ä. Wirkstoffen therapeutisch“ nutzbar ist.

Am Beispiel der Alkaloide wird bereits deutlich, dass pflanzliche Substanzen sowohl als giftig wie auch als heilend angesehen werden können – es kommt eben auf den Pflanzenstoff und die Dosis an. Viele Giftstoffe gehören zu den „Sekundären Pflanzenstoffen“. Diese sind zwar für den Grundstoffwechsel der Pflanzen ohne Bedeutung, erfüllen für sie aber viele wichtige Funktionen. Sie können z. B. als Lockstoffe dienen, aber auch als Fraßschutz. Geruch, Geschmack oder Wirkung sollen vom Verzehr durch Pflanzenfresser abhalten. Mit Hilfe von Duftstoffen warnen sich z. B. Bäume untereinander über den Befall von Schädlingen, so dass Nachbarn eines betroffenen Baums sich durch die rechtzeitige Bildung von Abwehrstoffen auf diese vorbereiten können.

Der Begriff „Gift“ ist also recht unbestimmt und abhängig von einer Reihe von Faktoren, die aber nicht immer für die gleiche Pflanze im gleichen Maß und für jedes Individuum zutreffen.

Giftigkeit bzw. Toxizitätsgrad

Die Giftigkeit bzw. Toxizität eines Stoffes hängt von der Dosis (über eine Zeit) und der Art der Aufnahme ab und wirkt verschieden auf Gewebe und Organe. Für den Grad einer Toxizität existieren verschiedene Einstufungen, am bekanntesten ist sicher die Aufstellung von Toxizitätsklassen von Hodge & Sterner, 1949.

Im Internet existiert die Schweizer Datenbank „CliniTox“, 2018, welche viele Informationen über Giftstoffe und auch „Giftpflanzen“ liefert, die für Diskussionen gern genutzt werden. Persönlich sehe ich diese Datenbank eher kritisch, weil sie nur stark verkürzt Informationen bietet, deren Herkunft nicht immer ohne weiteres nachvollzogen werden kann. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen können diese auch missbräuchlich genutzt werden. Ich werde mich in diesem Artikel aber auf deren Einteilung des „Gefährlichkeitsgrads“ von Stoffen und Pflanzen stützen, weil sie ohne Einschränkungen allgemein zugänglich ist. Ergänzt werden die Informationen von mir durch solche aus der Fachliteratur in Bezug auf Pflanzengifte.

Tabelle 1: Gefährlichkeitsgrade, Auszug aus „CliniTox Giftpflanze: Erläuterungen: Toxikologie“, Clinitox (2018); erweitert um Beispiele


Es existieren dort noch weitere Abstufungen der Gefährlichkeitsgrade, an dieser Stelle sind die aufgeführten aber erst einmal ausreichend. Die Angabe der jeweils aufzunehmenden Pflanzenmengen ist mit „gering, klein, groß und massiv“ natürlich äußerst vage.

Die Bestimmung der Toxizität eines Stoffes erfolgt in Tierexperimenten, vornehmlich an Mäusen und Ratten. Dabei wird unterschieden, wie die Verabreichung des giftigen Stoffes erfolgte. Angegeben werden die Verabreichungsform mit Abkürzungen, von denen die wichtigsten folgendes bedeuten:

Tabelle 2: ausgewählte Abkürzungen für Applikationsformen von Substanzen


Die Bewertung der akuten Toxizität wird nach der jeweiligen Applikation der fraglichen Substanz als „letale Dosis“ mit LD₅₀ angegeben. LD₅₀ bedeutet, dass nach einmaliger Gabe der entsprechenden Dosis 50% der Tiere einer Population in einer bestimmten Zeit sterben. Das heißt, bei dieser Angabe handelt es sich um einen Mittelwert und nicht um den Wert für ein Individuum. Es soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass, wenn nicht anders angegeben wird, immer die jeweilige, isolierte Substanz verabreicht wird, also nicht etwa ganze Pflanzen. Pflanzliche „Giftstoffe“ verfügen oft über einen stark bitteren Geschmack, so dass eine Gabe über das Futter nicht möglich ist, es sei denn, der Geschmack wird kaschiert.

Cumarine

Als ein Beispiel für „Gift“ sollen zunächst die „Cumarine“ insbesondere in Heracleum-Arten (Bärenklau) dienen. Substanzen aus dieser Stoffgruppe sind u. a. für den typischen Heugeruch verantwortlich, der durch das Absterben von Pflanzenzellen und der damit verbundenen, chemischen Prozesse entsteht. In der GESTIS-Stoffdatenbank, 2018 findet man zu Cumarin die folgende Information: „Von dem Stoff gehen akute oder chronische Gesundheitsgefahren aus“. Das klingt nicht gut und man fragt sich natürlich, ob denn nun Heu für Tiere eine akute Gefahr darstellen kann. Immerhin soll es nach Meinung vieler die "Grundnahrung" bzw. das "Grundfutter" (TVT, 2019) des Hauskaninchens bilden und wird gar als „Brot des Kaninchens“ bezeichnet (Krause, 1981)

Entsprechend ihrer Struktur lassen sich Cumarine einteilen in a) einfache Cumarine, b) Furanocumarine, c) Pyranocumarine oder d) Pyronring-substituierte Cumarine und ihre hydroxylierten, alkoxylierten und alkylierten Derivate sowie deren Glykoside.

Furanocumarine werden unterteilt in einen linearen Typ, allgemein bekannt als Psoralen-Typ und einen angulären, bekannt als Angelicin-Typ. Zum Psoralen-Typ gehören Psoralen, Bergapten, Xanthotoxin, Isopimpinellin und Imperatorin und zum Angelicin-Typ Angelicin, Pimpinellin, Isobergapten und Sphondin. Die Stoffe dienen der Pflanze u. a. nach einer Infektion durch Bakterien oder Pilzen als Abwehrstoff, um deren Ausbreitung, Wachstum oder Vermehrung in der Pflanze zu unterbinden.

Unter Einwirkung von Sonnenlicht (UVA- und UVB-Strahlung) werden Furanocumarine aktiviert und entfalten ihre phototoxische Wirkung. Das heißt, diese Wirkung ist durch den Kontakt mit dem Pflanzensaft und gleichzeitiger Einwirkung von Sonnenlicht gegeben, bei Abwesenheit von UV-Strahlung ist die akute Toxizität der Furanocumarine gering.

„Die Erwähnung von Heracleum sphondylium als Giftpflanze in der Literatur geht auf den Gehalt an Furocumarinen in allen Pflanzenteilen zurück. Sie lösen durch Kontakt mit der Haut bei gleichzeitiger oder nachfolgender Einwirkung von Sonnenlicht eine phototoxische Dermatitis aus, die sich in einem zunächst brennenden und juckenden Erythem äußert, das sich im weiteren Verlauf zu einer Dermatitis mit Juckreiz und Rötung entwickelt und langandauernde Hyperpigmentierungen der Haut hinterlässt.“ (Teuscher und Lindequist, 2010).

Furanocumarine sind vor allem in Doldengewächsen (Apiaceae) in jeweils verschiedenen Konzentrationen zu finden, so z. B. in Liebstöckel (auch Maggi-Kraut, (Levisticum officinale)), Pastinake (Pastinaca sativa), Engelwurz (Angelica sylvestris), Sellerie (Apium graveolens), Petersilie (Petroselinum crispum), Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) und Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium). Je nach Pflanzenteil (Wurzel, Stängel, Blatt) sind die Konzentrationen der Furanocumarine sehr unterschiedlich.

Tabelle 3: Furanocumaringehalte in verschieden Pflanzen und deren Bestandteilen, in %; aus Teuscher & Lindequist, 2010 und 1) Blaschek, et al., 2013; k. A. = keine Angabe


Betrachtet man die Furanocumaringehalte in den für Kaninchen interessanten Bestandteilen der jeweiligen Pflanzen, nämlich den Blättern, lassen sich nur geringe Unterschiede feststellen. Auffällig ist nur der Gehalt in den Früchten des Riesen-Bärenklaus - er liegt deutlich über dem der Vergleichsarten. Zudem sind die phototoxischen Substanzen in den Früchten konzentriert.

Nach Untersuchungen von Weimarck & Nilsson, 1980 waren in Heracleum-Arten die Blätter der Unterarten sphondylium und sibiricum meist nicht phototoxisch. Die Unterarten alpinum, transsilvanicum, pyrenaicum, montanum und orsinii waren mäßig bis stark phototoxisch. Die Früchte waren in allen untersuchten Taxa phototoxisch und die Wurzeln in allen Taxa, außer in der Unterart alpinum. Hinweise aus der Dünnschichtchromatographie deuteten darauf hin, dass die Phototoxizität durch die Furocoumarine Xanthotoxin, Bergapten, Imperatorin und einer nicht identifizierten Verbindung verursacht werden, die überwiegend in den Früchten vorkommen.

Diagramm 1: Gehalte in mg/100g Frischesubstanz von phototoxischen Substanzen in verschiedenen Pflanzenteilen von Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) im Juli, nach Daten aus Pira et al., 1989


Informiert man sich bei „CliniTox“ über den Riesen-Bärenklau, findet man dort die meisten Angaben zur Toxizität aus Teuscher & Lindequist, 2010 zitiert. Dort wiederum wird u. a. folgendes geschrieben: „Furocumarine wirken fototoxisch […] Von Hautschäden, die durch den Riesen-Bärenklau ausgelöst werden sind besonders Kinder, die aus den Stängeln Blasrohre oder Stöcke zum Fechten schneiden, sowie Gärtner betroffen, die mit nacktem Oberkörper oder kurzen Hosen die Pflanzen roden und transportieren.“

Obwohl die Wirkung fototoxisch ist, also im Zusammenhang mit Sonnenlicht Hautschäden verursacht, wird auch ein LD₅₀-Wert angegeben: 300-600 mg/kg Körpergewicht Xanthotoxin und Imperatorin (p. o., oder i. p.). Wohlgemerkt bezieht sich der LD₅₀-Wert nicht auf Pflanzen, sondern auf die aus ihnen isolierten Pflanzenstoffe. Deshalb gibt es auch in der Datenbank „CliniTox“ für die Toxizität keinen direkten Bezug auf eine Pflanze, sondern es heißt unter dem Punkt „Veterinärtoxikologie“ ganz allgemein „Angelica sp. / Heracleum sp.“.

Das heißt, die aus der Pflanze isolierten Stoffe Xanthotoxin und Imperatorin können in der angegebenen Menge bei 50% der Tiere einer Labormaus- oder Rattenpopulation zum Tod führen, wenn ihnen diese über eine Schlundsonde oder per Injektion in die Bauchhöhle verabreicht werden. Das hat mit der Realität, also dem Fressen frischer, wasserhaltiger Wiesenpflanzen nicht einmal annähernd etwas zu tun.

Liebenow & Liebenow, 1993 wie auch andere Fachbuchautoren zum Thema „Toxikologie“ erwähnen z. B. eine hochgradige Stomatitis mit Schleimhautnekrosen bei Ziegen. Stomatitis ist eine Entzündung der Mundschleimhaut. Tatsächlich gibt es meiner Kenntnis nach nur eine, immer wieder zitierte Arbeit mit der beschriebenen Stomatitis bei Ziegen, nämlich die von Andrews et al., 1985. Dort wurde von 1(!) Ziege berichtet, die in der beschriebenen Weise erkrankt war. Man vermutete, dass die Schädigung auf den Verzehr von Riesen-Bärenklau zurückging. Durch eigene Versuche an anderen Ziegen mit verschieden konzentrierten Lösungen des Pflanzensaftes auf der Haut fand man sich bestätigt. Was die erkrankte Ziege aber genau gefressen hatte und in welchen Mengen, konnte nicht festgestellt werden.

Eine zweite, immer wieder zitierte Arbeit, ist die von Harwood, 1985 über Hautschwellungen (Kontaktdermitis) der unpigmentierten Schnäbel von Entenküken nach der Aufnahme von Riesen-Bärenklau.

Mit den Angaben der Toxizität kann man den LD₅₀-Wert von 300-600 mg/kg Xanthotoxin auf die Menge von z. B. Riesen-Bärenklaublättern umrechnen, um zu ermitteln, welche denn für ein Tier tödlich sein könnte. Für die niedrigste Dosis Xanthotoxin von 300 mg/kg müsste ein Kaninchen mit einem Körpergewicht von 2 kg demgemäß rund 2,1 kg Riesen-Bärenklaublätter fressen – also ziemlich genau so viel, wie es selber wiegt. Das reicht aber nicht wirklich, weil in Versuchen die Mengen der betreffenden und isolierten Stoffe konzentriert in kurzer Zeit verabreicht werden.

Das entspricht nicht der Aufnahme des Stoffes mit der natürlichen Pflanze, weil diese über eine bestimmte Zeit gefressen werden muss und die Stoffe darin nicht isoliert, sondern immer im Verbund mit anderen Substanzen vorkommt. Während der Aufnahme werden die Stoffe metabolisiert (um- und abgebaut) und können gar nicht konzentriert den Körper schädigen, wie eine einmalige Gabe des isolierten Stoffes – zumindest nicht in der toxischen Menge wie im Beispiel des Riesen-Bärenklaus.

Die Ausscheidung der Metabolite der Furanocumarine erfolgt effektiv über den Urin (Teuscher & Lindequist, 2010).

Heilpflanze?

Die Abkürzung "PUVA" steht für „Psoralen und UV-A“. Dabei handelt es sich um eine Therapie bei Hauterkrankungen wie Schuppenflechte, Neurodermitis oder Vitiligo (Weißfleckenkrankheit). Dabei kommt auch Methoxsalen zum Einsatz - ein anderer Name für Xanthotoxin.

Das Werk von Dioskurides, dem griechischen Arzt und berühmtesten Pharmakologen des Altertums, "De materia medica", welches zwischen 60-78 nach der Geburt von Christus verfasst wurde, enthielt u. a. auch Beschreibungen des Einsatzes von Bärenklau bei krampfartigen Beschwerden wie „Mutterkrampf“ (krampfartiges Zusammenziehung des Muttermundes während der Geburt) und „Epilepsie“.

Der Einsatz der Furanocumarine (bzw. der Pflanzen, die solche enthalten) tauchte in verschiedenen Kräuterbüchern über die Jahrhunderte immer wieder auf. So führte z. B. Matthioli, 1590 in seinem „Kreutterbuch“ für eine innere Anwendung u. a. den „Teutschen Berenklaw“ auf, weil er: „zertheilet und heilt die Fallsucht“.

„Fallsucht“ war im Deutschen über Jahrhunderte ein Begriff für eine Krankheit, die heute „Epilepsie“ genannt wird. Bestimmte, mögliche Formen dieser Erkrankung werden von „Konvulsionen“ begleitet, die auch tonisch-klonische Krampfanfälle genannt werden. Dabei handelt es sich um Krämpfe der Körpermuskulatur, die oft mit einem Bewusstseinsverlust verbunden sind. Die französische Bezeichnung für diese Form lautet „Grand-mal“. Andere Beschreibungen sind z. B. „zerebrales Anfallsleiden“ oder „zerebrales Krampfleiden“, also Erkrankungen, die Funktionen des Gehirns betreffen und durch den Organismus nicht steuerbar sind. Diese paroxysmalen (anfallartigen) Funktionsstörungen des Gehirns werden durch exzessive Entladungen von Neuronen verursacht wird (Pschyrembel, 2002). Als Auslöser für die Krankheit kommen verschiedene äußere und innere Faktoren in Betracht:
  • Hirnerkrankungen (Fehlbildungen, erbliche Störungen mit Fehlbildungen im Bereich der Haut und des Nervensystems, Trauma, Blutungen, Entzündungen, Tumore)
  • Infektion des Gehirns (Enzephalitis) mit verschiedensten Erregern wie Viren, Bakterien oder Protozoen (z. B. Toxoplasmose, Anaplasmose, Wurmerkrankungen etc.)
  • Stoffwechselkrankheiten,
  • Mitochondropathien. Mitochondrien sind Zellorganellen, die für die Bereitstellung von Energie in Körperzellen in Form von ATP (Adenosintriphosphat) zuständig sind.
So genannte „Antiepileptika“ (Antikonvulsiva) enthalten z. B. den synthetischen Wirkstoff „Valproinsäure“, der über die gleiche Wirkung wie bestimmte Furanocumarine verfügt. Für die antiepileptische Wirkung wird u. a. die Blockade von erregenden Ionenkanälen (spannungsabhängige Natrium- und Calcium-Kanäle) sowie eine Verstärkung der Wirkung des hemmenden Neurotransmitters GABA (englisch:  gamma-Aminobutyric acid) angenommen. Antikonvulsiva heilen also die Krankheit nicht, sondern lindern die Symptome, indem sie die überschießende Reaktion von Neuronen im Gehirn abschwächen. In Tierversuchen wurden diese Wirkungen z. B. für Xanthotoxin und Imperatorin, also Inhaltsstoffen des Bärenklaus nachgewiesen (Tosun et al., 2008; Łuszczki et al., 2010).

Erfahrungen haben gezeigt, dass Kaninchen, die an „Encephalitozoonose“ (EC) erkrankt waren und denen Bärenklau angeboten wurde, diesen in auffällig großen Mengen fraßen und gegenüber anderen Nahrungspflanzen deutlich bevorzugten (Rühle & Stieß, 2010). Die Krankheit wird durch den parasitär lebenden Einzeller „Encephalitozoon cuniculi“ verursacht. Betroffene Tiere zeigen typische, neurologische Ausfallerscheinungen wie Schiefhals (Torticollis), Augenzittern (Nystagmus), Koordinationsstörungen (Ataxie), Lähmungen und Krämpfe. Vor allem die Anzahl der Krämpfe wie auch deren Heftigkeit konnten durch die Gabe von großen Mengen (ad libitum) Bärenklau in einigen Fällen deutlich verringert werden.

Die Ursache für EC ist einerseits natürlich der Befall mit dem Erreger, aber zum Ausbruch der Krankheit kommt es in der Regel nur bei immungeschwächten Tieren. Eine Übersicht der Literatur zu Encephalitozoon-cuniculi-Antikörperprävalenzen in verschiedenen Regionen und Populationen sowohl von Wild- wie auch Hauskaninchen weltweit bietet die Dissertation von Flock, 2010 (Tabelle 3, Seite 15).

Nahrungspflanze?

Unter dem Stichwort "Acanthus Germanicus" schrieb bereits der Naturwissenschaftler und Arzt Johann Georg Krünitz in seiner „Oekonomischen Encyklopädie“, 1773-1885 über den "teutschen Bärenklau": "Die Caninchen sind sehr begierig nach den Blättern" bzw. dass sie "von den Caninchen geliebt" werden.

Von einem Autorenkollektiv um Klapp, et al. 1953 wurden so genannte „Futterwertzahlen“ für Pflanzen des Grünlandes erstellt. Die Bewertung erfolgte nach 10 Wertklassen: "Die höchste Wertzahl 8 erhielten nur die jederzeit und in jeder Form hochwertigsten Arten, die Wertzahl 0 gilt für Arten ohne jeden Futterwert, bzw. solche, die vom Vieh nicht angerührt werden, wie manche Disteln, Hauhechel, Ginster, Heidekraut usw., während alle Giftpflanzen die Wertzahl -1 erhielten." In der Aufstellung von 273 Pflanzen ist auch der Wiesen-Bärenklau mit einer Wertzahl von 5 vertreten – ebenso wie z. B. der Löwenzahn, der ebenfalls eine Wertzahl von 5 aufweist. Das heißt, beide Pflanzen sind in ihrem Wert für Pflanzenfresser gleich. Die höchste Wertzahl von 8 erhielten z. B. Weißklee (Trifolium repens) und das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne).

Heinz Zimmermann beschrieb 1966 den Anbau von Bärenklau (Heracleum sosnowski) als wertvolle Futterpflanze in der UDSSR und DDR und gab auch Gehalte für die Rohnährstoffe an.

Tabelle 4: Rohnährstoffe und Mineraliengehalte für Bärenklau (Heracleum sosnowskyi) in % der Trockenmasse; aus Zimmermann, 1966 (unberegnet); Verdauliche Energie errechnet nach GfE, 2014


Interessant ist schließlich noch die Zitierung in der Datenbank CliniTox, 2018 von Dietl, W. & Jorquera, 2003 zum futterbaulichen Wert des Wiesen-Bärenklau: „Blätter wertvoll, reich an Energie, Eiweiß und Mineralstoffen, gut verdaulich; Stängel hart, geringwertig; in Anteilen von 10-15% gut geeignet zur Silage- und Mähweidennutzung, hohe Bröckelverluste bei der Heuwerbung“.

Das heißt, in der gleichen Datenbank, die den Bärenklau als „giftig+“ angibt, werden positive Angaben für den Anbau als Futterpflanze zitiert.

Zusammenfassung

Viele Nahrungspflanzen des Kaninchens gelten aus Sicht des Menschen als giftig. Für manche trifft das zwar auch für das Kaninchen zu, dabei muss jedoch berücksichtigt werden, in welchen Mengen bestimmte Pflanzen aufgenommen werden müssen, um einen toxischen Effekt auszulösen. LD50-Werte für die akute Toxizität sind dabei selten hilfreich, weil diese in der Regel an Ratten oder Mäusen ermittelt werden und hierfür die betreffenden, isolierten Pflanzenstoffe in einer Form und Zeit verabreicht werden, die mit einer natürlichen Nahrungsaufnahme nicht vergleichbar sind. Im Fall des Bärenklaus gelten bestimmte Substanzen als phototoxisch, verursachen also in Verbindung mit UV-Strahlung Schäden auf der Haut. Für Vergiftungen, insbesondere bei Kaninchen, existieren in der Literatur keine Angaben. Dagegen finden sich Belege für den Einsatz als Futterpflanze und im Altertum als Heilpflanze bei bestimmten Erkrankungen. Versuche zeigten in den letzten Jahren, dass bestimmte Wirkungen wie zum Beispiel „krampflösend“ (antikonvulsiv) auf Furanocumarine als Inhaltsstoffe des Bärenklaus zurückzuführen sind und diese mit medizinischen Antikonvulsiva (Antiepileptika) wie dem Wirkstoff Valproinsäure vergleichbar sind. Xanthotoxin als Furanocumarin des Psoralen-Typs wird unter dem Namen Methoxsalen medizinisch bei bestimmten Hauterkrankungen eingesetzt.

Seit vielen Jahren wird von mir Bärenklau als Kaninchenfutter empfohlen, insbesondere bei Tieren, die an Encephalitozoonose (EC) erkrankt waren. In einigen Fällen konnten damit Verbesserungen im Anfallsgeschehen erreicht werden. Diese Fälle sind nicht wissenschaftlich begleitet und dokumentiert worden. Getrockneter Bärenklau eignet sich auch als hervorragend als Winterfutter (Heu), wobei die Trocknung vorsichtig und ohne großen mechanischen Aufwand erfolgen sollte, weil die Blätter sehr leicht zerbröseln. Wenn möglich, sollten die Blätter von den Stängeln getrennt werden, weil diese nur sehr langsam trocknen.

Wird fortgesetzt ... 😉

Quellen:

Adams, M.; Schneider, S.-V.; Kluge, M.; Kessler, M.; Hamburger, M. (2012): Epilepsy in the Renaissance: A survey of remedies from 16th and 17th century German herbals. Journal of Ethnopharmacology 143. pp 1-13

Andrews, A. H.; Giles, C. J.; Thomsett, L. R. (1985): Suspected poisoning of a goat by giant hogweed. Vet. Rec. 116(8). 205-207

Blaschek, W. et al., (2013) Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis: Folgeband 2: Drogen A-K. Springer-Verlag, 2013. ISBN 3-540-61618-7

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Samstag, 3. August 2019

Das Calcium-Geheimnis

Nach einem Facebook-Beitrag in Bezug auf Calcium (Ca), Phosphor (P) sowie Magnesium (Mg) und deren möglichen Beitrag zur Entstehung von Harnsteinen beim Kaninchen entwickelte sich ein reges Interesse darüber. In dem Beitrag stellte ich Empfehlungen aus dem Buch einer Tierärztin in einem Diagramm dar und schrieb folgenden Text dazu:

"2010 veröffentlichte eine bekannte Tierärztin eine zweite Auflage ihres Buch zu Leitsymptomen bei Kaninchen. Bücher mit ähnlichem Aufbau gibt es inzwischen für verschiedene Tierarten. Mir persönlich gefallen solche Bücher nicht, was aber jetzt nicht das Thema ist. Im besagten Buch gibt die Tierärztin Empfehlungen zur Fütterung von Kaninchen, die an Harnsteinen leiden: Ca-reiche Trockenfutter meiden, Ca-reiche Frischfuttermittel reduzieren und vermehrte Gabe von Futtermitteln mit hohem Flüssigkeitsgehalt (z. B. Salate, Tomate, Gurke). Der Tenor lautet also, Calcium zu meiden/reduzieren. Ich persönlich halte das für sehr gefährlich. Man handelt den Tieren damit ganz schnell andere Baustellen ein. In der Grafik sind die Ca- und P-Gehalte der Futtermittel aufgeführt: rot die zu meidenden, grün die von der Tierärztin empfohlenen. Aufgeführt ist auch "Extensivweide" als Futtermittel, welches nicht gedüngt wird. Noch ein Hinweis: es existiert eine Dissertation, in der Kaninchen 25 Wochen lang Luzerneheu (pelletiert) verabreicht wurde, ohne das die Tiere Urolithiasis entwickelten. In einem späteren Artikel, der sich auf diese Arbeit bezieht wurde festgestellt, dass es wohl nicht Calcium allein ist, welches Harnsteine verursacht. Bleibt nur noch eine Substanz in dem Diagramm, welche ursächlich sein könnte ..."

Diagramm 1: Calcium- und Phosphorgehalte in verschiedenen Futtermitteln


Ich war ganz erstaunt darüber, dass viele, die auf den Beitrag antworteten sofort wussten, um welches Buch es geht - ich hatte ja nicht konkret angegeben, um welches es sich handelte. Die meisten erkannten auch das Problem, worauf ich hinwies.

Ein Problem im Zusammenhang mit Ca und P sind zunehmend Erkrankungen im Heimtierbereich und zugehörige, prophylaktische Maßnahmen bzw. Empfehlungen zur Vermeidung. Egal, wie neu bzw. aktuell irgendwelche Erkenntnisse auch seien mögen, der "Gegenstand" der Untersuchungen hat sich in den letzten 2,5 Millionen Jahren nicht geändert - Oryctolagus cuniculus frisst nach wie vor seine arttypische Nahrung und ist nur durch Umwelteinflüsse, durch Menschen freigesetzte Krankheitserreger und deren Mutationen sowie Räuber gefährdet.

In diesem Beitrag zeige ich auf, warum bestimmte Empfehlungen Risiken bergen. Die Vorgehensweise ist simpel und man benötigt für das Nachvollziehen kein Veterinärstudium. Die genutzten Fakten sind zeitlos gültig.

Herkunft von Empfehlungen

Die allermeisten Empfehlungen für Kaninchen gerade im Bereich Ernährung stammen aus der Mastindustrie und/oder deren Lobbyisten. Vielen Tierschützern ist das scheinbar gar nicht bewusst. Tierärzte bekommen diese wissenschaftlichen Fakten im Studium vermittelt. Diese stammen in der Regel aus Versuchen, deren Ziel es ist, mit möglichst wenig finanziellem Aufwand in kurzer Zeit Kaninchen auf ein bestimmtes Gewicht zu bringen. Stark vereinfacht dargestellt werden Tieren in sogenannten "Metabolismuskäfigen" verschiedenste Futtermittel verabreicht und geprüft, wann Schäden am Tier auftreten. Um das statistisch wenigstens einigermaßen abzusichern, müssen es entsprechend viele Tiere in den zu untersuchenden Gruppen sein.

Beispielhaft sei ein Vergleich von Richtwerten für die Kaninchenfütterung von Lowe, 2010 für "Pet rabbits" (Heimkaninchen) und Böhmer, 2014 für Vitamingehalte, essentielle Aminosäuren und Ca- und P- Gehalte aufgeführt. Die Gehalte beziehen sich jeweils auf die Trockensubstanz oder im Fall der Prozentangaben auf das Futter. So wurde es von Lowe, 2010 formuliert und vermutlich von Böhmer, 2014 weitgehend übernommen. "Vermutlich" deshalb, weil eine Quellenangabe bei ihr fehlt.

Tabelle 1: Verschiedene Empfehlungen für Vitamine, Ca, P und essentielle Aminsoäuren Lysin, Methionin und Cystin


In der zweiten Ausgabe von „Nutrition of the Rabbit“ - dem gleichen Werk für die Mastindustrie, in dem J. A. Lowe ein Kapitel für "Pet rabbits" mit den erwähnten Empfehlungen schrieb - stellten Mateos et al., 2010 unter dem Gesichtspunkt von Nierenverkalkungen fest, dass ein niedriger Phosphorgehalt in Kaninchenfuttermitteln gut wäre. Zu erreichen ist dies aber nur, wenn der Einsatz einiger phosphorreicher Rohstoffe wie Getreide und Getreide-Nebenprodukten in Futtermitteln eingeschränkt werde. Deshalb wurde festgehalten, dass es sich um eine Alternative handle, die wirtschaftlich nicht vertretbar sei: "... 1 g phosphorus kg−1, included as dicalcium phosphate in semi-purified diets, supported growth and bone development in rabbits. In addition, this low level of phosphorus prevented kidney calcification. Unfortunately, the available information on phosphorus requirements in rabbits fed commercial diets is scarce. Moreover, in order to achieve these low dietary phosphorus levels, the inclusion of some raw materials rich in phosphorus (i.e. grains, grain by-products) in the diet should be limited, an alternative that might not be economically feasible"  [Hervorhebung A. R.]. Der niedrige Phosphorgehalt von 1 g/kg bezog sich auf Versuche, die mit 4,5% Ca im Futter durchgeführt wurden.Bei einer Verdopplung des Ca-Gehaltes wäre auch ein doppelter P-Gehalt möglich.

Das bedeutet, dass einige Empfehlungen von Wissenschaftlern, die auch in aktuellsten, deutschen  Veröffentlichungen benutzt werden, nicht unbedingt das Wohl des Tieres im Auge haben, sondern das kommerzielle Gründe im Vordergrund stehen. Trotzdem werden sie auch für Heimtiere angewendet.

Gebisserkrankungen und Urolithiasis

In den letzten Jahrzehnten haben besonders unter Kaninchen, die als Liebhabertiere (engl.: Pet rabbits) in Wohnungen gehalten werden, Erkrankungen der Kieferknochen, der Zähne wie auch der harnableitenden Wege zugenommen. Darauf wurde bereits in einem Beitrag eingegangen.

Die Nahrung des Wildkaninchens

Grundsätzlich ernährt sich das Wildkaninchen in Europa von blättrigen Bestandteilen grüner Pflanzen wie Gräsern und Kräutern. Je nach Jahreszeit wird diese Hauptnahrung durch Wurzeln, Samen oder Laub von Sträuchern und jungen Bäumen ergänzt. Früchte wie Obst oder Knollen von Gemüse gehören nur in minimalen Mengen dazu und decken eher einen Flüssigkeitsbedarf in trockenen Zeiten als einen Nährstoffbedarf.

Diagramm 2: Saisonale Zusammensetzung der Nahrung von Wildkaninchen in Europa, nach Daten aus Homolka, 1985 & 1988


Beispielhafte Empfehlungen

Da sich die Diskussion an den Publikationen zweier Tieräztinnen entzündete, komme ich natürlich nicht umhin, diese hier noch einmal zu zitieren. Dr. Estella Böhmer, 2014 gibt in ihrem Buch an, dass der Phosphorgehalt des Futters für Kaninchen maximal ca. 5 g/kg TS betragen sollte. Für das günstigste Ca-/P-Verhältnis wird 2:1 angegeben, woraus folgt, dass der Ca-Gehalt max 10 g/kg Trockensubstanz betragen sollte.

Dr. Anja Ewringmann, 2010 und 2016 andererseits gibt für einen Mindestbedarf von Calcium 5-6 g/kg TS und ein Verhältnis von Ca:P = 2,0-1,5:1 an. Das würde zwar ebenfalls einem max. P-Gehalt von 4 g/kg TS entsprechen, dem stehen aber nur die 6 g/kg Ca gegenüber.

Entsprechend der bereits angeführten Gründe von Mateos et al., 2010 für die Gehalte besonders von  Phosphor in Futtermitteln für Mastkaninchen gestalten sich auch logisch folgend die Empfehlungen für das Verhältnis von Calcium zu Phosphor: "A dietary relationship of calcium to available phosphorus of 2:1 to 1.5:1 is widely accepted in practical feeding". Es ergibt sich schlicht aus dem wirtschaftlich nicht akzeptablen Phosphorgehalt in Futtermitteln, der etwas höher ist, als wenn man keine Getreideprodukte einsetzen würde. Der Widerspruch ist also, dass man Empfehlungen folgt, die Getreideprodukte einschließt, diese aber in der praktischen Fütterung eigentlich gar nicht haben möchte.

Calciumgehalte und Ca-/P-Verhältnisse in Futtermitteln

In dem Werk von Dr. Ewringmann, 2016 findet sich eine Tabelle mit Futtermitteln, die nach ihren Calciumgehalten in "sehr gering", "gering", "moderat", "hoch", "sehr hoch" und "extrem hoch" kategorisiert werden. In dem folgenden Diagramm sind die Futtermittel, soweit sich von mir dafür entsprechende Werte finden ließen, aufgeführt. Es enthält also nicht alle Futtermittel. Die Gehalte für Ca, P und Mg sind in Gramm angegeben und beziehen sich in diesem Diagramm auf 1 kg frisches Futter. In der Kategorie "gering" wurde von mir noch Kopfsalat eingefügt und in der Kategorie "sehr gering" Tomate, weil neben Salaten diese beiden Gemüse von der Autorin als Prophylaxe bei Urolithiasis empfohlen werden. Endivie wird einmal mit geringem und einmal mit einem moderaten Ca-Gehalt aufgeführt, was vermutlich ein Versehen der Autorin ist. Die Gehalte unterscheiden sich deshalb in dem Diagramm natürlich nicht.

Diagramm 3: Ca-, P- und Mg-Gehalte in verschiedenen Futtermitteln für Kaninchen, in g/kg Frischesubstanz (Werte aus DLG, 1973; Souci, 2008; Uni Hohenheim, 2019)



Es irritiert etwas, dass sich die Ca-Gehalte in den Kategorien "gering" und "hoch" nicht wesentlich unterscheiden.Es ist nicht klar ersichtlich, wie diese Kategorien entstanden sind. Man kann die Kategorien auch in einer sogenannten "Kastengrafik" (Boxplot) darstellen, um das Problem deutlicher zu machen. Das ist zwar bei der geringen Werteanzahl eigentlich nicht üblich, soll aber eigentlich nur die Lage der Werte optisch etwas besser zeigen. Die folgende Diagramm enthält nur die Calciumgehalte der Kategorien. Man sieht, dass die Mittelwerte der Kategorien Calciumgehaltes von "sehr gering" bis "hoch" sich in einem Bereich von nur 0,2-1,0 g/ kg in der Frischesubstanz bewegen.

Diagramm 4: Ca-Gehalte in verschiedenen Futtermitteln für Kaninchen, in g/kg Frischesubstanz (Werte aus DLG, 1973; Souci, 2008; Uni Hohenheim, 2019)



Wie auch immer: da die Empfehlungen in g/kg Trockensubstanz ausgesprochen wurden, sind die Werte aus dem obigen Diagramm 4 in dem folgenden Diagramm noch einmal in g/kg Trockensubstanz angegeben. Die rote, durchgezogene Linie zeigt die Empfehlung für den Mindestgehalt von 6 g/kg TS und die rote, gestrichelte die für den Maximalgehalt von 10 g/kg TS. Bitte beachten Sie, dass sich die Skalierung der x-Achse im Vergleich zum vorigen Diagramm 3 geändert hat.

Diagramm 5: Ca-, P- und Mg-Gehalte in verschiedenen Futtermitteln für Kaninchen, in g/kg Trockensubstanz (Werte aus DLG, 1973; Souci, 2008; Uni Hohenheim, 2019)


In diesem Diagramm fällt auf, dass einige Futtermittel im Calciumgehalt (blauer Balken) unter der von Ewringmann empfohlenen Grenze von 6 g/kg TS liegen.

Ich habe jetzt noch für die verschiedenen Kategorien die entsprechenden Mittelwerte gebildet sowie die Verhältnis von Ca : P auf der Grundlage von Ca=2,0 sowie den Quotienten aus Ca/P errechnet. Was aber den Tierhalter am Ende wirklich beschäftigt, ist die Frage nach den Futtermengen, die er den Tieren geben kann, wenn er irgendeine der Empfehlungen von Futtermitteln mit dem entsprechenden Calciumgehalt einhalten möchte. Diese sind beispielhaft für ein Kaninchen mit einer Körpermasse von 2,5 kg in der äußersten rechten Spalte aufgeführt. Die Mengenangabe bedeutet, dass ein Tier bis auf das letzte Gramm das jeweilige Futter aus der entsprechenden Kategorie fressen müsste, um seinen Mindestbedarf an Calcium zu befriedigen. Das heißt z. B., das Kaninchen bei einer Empfehlung für Futtermittel mit "geringen" Calciumgehalt von diesen mindestens 1,23 kg fressen müsste, um keinen Calciummangel zu erleiden, was dann zu Knochen-/Kiefer- oder Zahnproblemen führen könnte. Mit "moderaten" Calciummengen würde das 1,5 kg Futter bedeuten.

Tabelle 2: Ca-Gehalte, Verhältnis, Quotienten und nötige Verzehrmenge für den Ca-Mindestgehalt für die Kategorien "sehr niedrig" bis "sehr hoch", Gehalte in g/kg TS


Würde man z. B. der konkreten Empfehlung von "Salaten, Gurke und Tomate" bei Urolithiasis folgen, müsste das Kaninchen mit einem Körpergewicht von 2,5 kg insgesamt 3,84 kg davon fressen, um nicht im Gegenzug einen Calciummangel zu erleiden!

Auffällig ist auch ein das schlechte Verhältnis von Ca : P oder der Quotient aus C/P. Der Grund ist logisch, weil es sich bei Futtermitteln mit vergleichsweise wenig Calciumgehalt in der Regel um Obst, Gemüse und Salate handelt. Freilich könnte man die "Ration" mit Heu ergänzen - aber wer kennt schon die Calciumgehalte in Heu? Nicht einmal der Bauer oder Heulieferant ist dazu in der Lage, weil es keiner analysieren lässt. Und wenn es calciumreich wäre, würde man ja die eigene Empfehlung der Verfütterung calciumarmen Futters konterkarieren.

Aber werfen wir noch einen Blick auf die arttypische Nahrung von Kaninchen.

Diagramm 6: Ca- und P-Gehalte in verschiedenen Futtermitteln für Kaninchen, in g/kg Trockensubstanz (Werte aus DLG, 1973)


Tabelle 3: Ca-Gehalte, Verhältnis, Quotienten und nötige Verzehrmenge für den Ca-Mindestgehalt in frischen, arttypischen Futtermitteln, Gehalte in g/kg TS


Bei dem Wert für Heu handelt es sich in diesem Fall um einen Mittelwert aus ganz verschiedenen Beständen. Der hohe Mittelwert ergibt sich aus einem einzelnen Wert (Almweide), der Median für Calcium, der in diesem Fall aussagekräftiger wäre, würde 9,1 g/kg betragen. Aus den Werten erfährt man etwas über die Gehalt von Ca und P in der Nahrung des Kaninchens, ohne dass man Versuche mit Laborkaninchen durchführen bzw. Empfehlungen der Futtermittelindustrie folgen muss, die ja eher kommerziellen begründet sind. Alle Ca-Werte liegen über 5 g/kg Futter und die P-Gehalte sind im Verhältnis zu Ca mit rund 3 g/kg moderat, was sich in einem Verhältnis von Ca:P=2,0:<1,0 wiederfindet. Entsprechend ist der Quotient aus Ca/P >2,3. Die jeweiligen, zu fressenden Mengen (außer Heu als trockenes Futter) liegen im Bereich dessen, was ein Kaninchen auch zu fressen vermag, um den erforderlichen Mindestbedarf an Ca von 5 g/kg Futter zu erhalten.

Was in der Regel nicht beachtet wird, ist der hohe Ascorbinsäure- und Methioningehalt in der arttypischen Nahrung des (Wild-)Kaninchens. Eine andere Bezeichnung für die Ascorbinsäure ist "Vitamin C". Da Kaninchen in der Lage sind, diese zu synthetisieren, wird sie für den Bedarf des Kaninchens nicht berücksichtigt. Das sie eventuell noch weitere Funktionen haben könnte, spielt keine Rolle. Bei Methionin handelt es sich um eine essentielle, schwefelhaltige Aminosäure. Beide Substanzen gelten in Bezug auf die Bildung von Harnsteinen in einer basischen Lösung (Urin) als "Inhibitoren", weil sie den Harn leicht ansäuern. Da sie wasserlöslich sind, gehen sie bei der Trocknung von Futtermitteln (Heu) im hohen Maß verloren. In kommerziellen Futtermitteln werden sie deshalb zugesetzt (aber nicht deklariert). In alternativen Futtermitteln wie Obst, Gemüse, Salaten und Heu sind sie nur im geringen Maß vorhanden. Ein weiterer Inhibitor ist Magnesium, weil es mit Calcium Komplexe bildet und somit ein Ausfällen von Calciumphosphat verhindert.

Als begünstigend für Harnsteine gilt Phosphor, welches somit, u. a. zum Beispiel neben der Oxalsäure, zu den "Promotern" für eine Harnsteinbildung zählt. Untersuchungen haben gezeigt, dass selbst bei niedrigen Calciumgehalten im Futter, die als Mindestbedarf gelten (4,5% im Futter bzw. 5 g/kg TS), Verkalkungen in den Nieren (Nephrocalcinose) auftrat. Diese nahmen, bei gleichem, niedrigen Calciumgehalt, mit zunehmenden Phosphorgehalt zu (Ritskes-Hoitinga, 2004a; 2004b). Andererseits konnte von Burger, 2009, bei einer Verfütterung von reinen Luzernepellets mit einem Ca-Gehalt von 2,32% im Futter über 25 Wochen bei Kaninchen keine Urolithiasis ausgelöst werden, obwohl leichte Kalkablagerungen in der Niere zu verzeichnen waren. Der Phosphorgehalt lag bei 2,8%. Bei einem Ca-Gehalt von 1,04% und Phosphor von 0,54% im Futter (Ca:P=2,0:0,6) waren auch solche nicht nachweisbar.

Zusammenfassung

Kaninchen selektieren ihre Nahrung nicht nach dem Calciumgehalt in der Nahrung. Da diese natürlicherweise sehr calciumreich ist, nehmen sie dieses Mineral auch in großen Mengen auf. Da die Nahrung auch sehr wasserhaltig ist (ca. 800 g Wasser/kg Nahrung), werden überschüssige Mineralien mit dem Urin ausgeschieden. Da dieser, auf Grund des hohen Mineraliengehaltes der Nahrung, im basischen Bereich liegt, trägt ein ungünstiges Ca-/P-Verhältnis zum Ausfällen von Calciumphosphat bei. Dieses ist ein häufiger Bestandteil von Harnsteinen bei Heimkaninchen. Die natürliche, frische, arttypische Nahrung besteht in ihrer Zusammensetzung aus verschiedenen Substanzen in Mengen und Verhältnissen zueinander, die ein Ausfällen von Kristallen - trotz hohem Calciumgehalt - zuverlässig verhindern. Eine Reduzierung des Calciumgehaltes in der Nahrung von Heimkaninchen ist gefährlich, weil man recht schnell den Bedarf unterschreitet, der für eine gesunde Knochen- und Zahnbildung erforderlich ist. Die Zusammensetzung der Kohlenhydrate in vielen Alternativen ist ungünstig vor allem in Bezug auf die leicht verdaulichen (NFC, "Zucker"). Scließlich sind Alternativen (Obst, Gemüse, Salate) in der Regel nicht förderlich für den Zahnabrieb. Meine persönlichen Empfehlungen für die Fütterung von Kaninchen lauten deshalb:
  • Gewährleistung eines Wassergehaltes in der Nahrung von >70%,
  • Mindestgehalt von Calcium im Futter 6 g/kg Trockensubstanz,
  • Verhältnis von Ca:P = 2,0:0,7 oder ein Quotient aus Ca/P > 2,3,
  • für Phosphor einen Mindestgehalt anzugeben ist nicht sinnvoll, weil sich dieser am Ca-Wert orientieren sollte (steigt Ca, kann auch P steigen und umgekehrt).
Bei Alternativen müssen zudem die Einhaltung der Bedarfe anderer Nährstoffe wie auch physiologische Faktoren berücksichtig werden ("Rohfaser", Zahnabrieb, Futtermengen).

Abschließend bleibt also festzustellen, dass nicht Calcium das Problem in der Kaninchenernährung ist, sondern Phosphor, wenn sein Gehalt im Vergleich zu Calcium übermäßig hoch ist. 

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