Montag, 18. Januar 2021

Qualzucht 5 - Brachygnathia superior und Empirische Evidenz

In diesem (und weiteren) Artikel gehe ich kurz auf verschiedene Arbeiten ein, die von Tierschützern und Tierärzten angegeben werden, wenn es um das Thema "Qualzucht" bei Kaninchen geht. Verschiedene Kopfformen (kurz, gedrungen) werden häufig in Verbindung mit Gebiss- und/oder Zahnfehlstellungen gebracht, insbesondere einer "Brachygnathia superior". Wenn es eine solche Verbindung zwischen Kopfform und Zahnfehlern gäbe, wäre die Forderung nach einem Verbot solcher Zuchtformen berechtigt. Prinzipiell ist jede Zucht mit Tieren, die im genetischen Sinn krank sind - und dabei handelt es sich bei einer Brachygnathia superior (mp) oder dem Zwerggen (Dw) - abzulehnen. 
 
Bartels & Wegner, 1998 gingen in einer Art "Rundumschlag" auf Probleme der Zucht mit genetisch belasteten Tieren ein, indem sie "proportionierten" Riesen- und Zwergwuchs in Anführungszeichen setzten um dann alles, was von der Norm abweicht, anhand von "Anonymus", Züchteraussagen und verschiedener Literatur gewissermaßen "totzuschlagen". Das ist insofern schade, weil einige Aussagen durchaus auch in ihrer Schärfe zutreffend sind, andere sich aber durch ihre Polemik und vermeintlichen Belege als widerlegbar herausstellen. Inzwischen haben sich die Zeiten etwas geändert und auch eine gewisse "Farm", die für ihre "Zucht" von Zwergkaninchen mehr berüchtigt als berühmt war, existiert nicht mehr. Ich werde die Broschüre von Bartels & Wegner, 1998 eventuell später noch einmal betrachten - einige der Darstellungen finden sich aber auch indirekt im folgenden Beitrag wieder.

Ähnliche Betrachtungen wie in diesem Beitrag hatte ich bereits anhand der Quellenangaben von Tierschützern u. a. zu den "Schlappohren" angestellt, die seit einiger Zeit forciert mit "Qualzucht" in Verbindung gebracht werden (sollen). In einem weiteren Beitrag bin ich auf zum Teil falsche Behauptungen eingegangen, die von einer Tierärztin in einem Beitrag einer Tageszeitung aufgestellt wurden.

Für Kaninchen existiert eine Fülle von Arbeiten, die sich mit der Genetik und dem Gebiss des Kaninchen beschäftigen. Es sollte also ohne weiteres möglich sein, mindestens eine Arbeit zu finden, die die Behauptung bzw. Hypothese, dass aus bestimmten Kopfformen des Kaninchens bestimmte Krankheiten resultieren, durch eine methodisch-systematische Sammlung von Daten einer Untersuchung und ihre statistische Auswertung belegt. Dieser Beleg für eine Hypothese wird auch als "empirische Evidenz" bezeichnet. Für statistische Auswertungen existieren wissenschaftlich anerkannte, mathematische Methoden, die auch für Tierschützer, Tierärzte und Politiker gelten. 

Bei der folgenden Literatur handelt es sich um solche, die von Tierschützern und Tierärzten angegeben wurde, um ihre Behauptungen zu stützen. Zusätzlich führe ich solche an, die einen Beitrag zu diesem Thema leisten können. Das heißt, der ausgewählten Literatur von Tierschützern füge ich weitere hinzu. Grundsätzliche Arbeiten habe ich in einem früheren Artikel bereits betrachtet und werde sie hier ebenso farblich kennzeichnen. In diesen Arbeiten wurde an mittelgroßen Kaninchen mit einem Gewicht von ≥3,5 kg, die aus Inzuchtlinien oder Kreuzungen daraus stammten, der Erbgang der "mandibulären Prognathie" (mp) bzw. "Brachygnathia superior" nachgewiesen (Nachtsheim, 1936; Chai & Degenhardt, 1962; Chai, 1969; Chai, 1970; Fox & Crary, 1971; Granát et al., 1974; Kalinowski & Rudolph, 1974; Fox, 1994; Lindsey & Fox, 1994). 

Literatur und empirische Evidenz
 
Barandun, G., & Palmer, D. 1982. Epiphora beim Zwergkaninchen. Anatomische, klinische und pathologisch-anatomische Untersuchungen des Tränenkanals beim Zwergkaninchen. Tierärztl. Prax. 10, S. 403-410
Zitate:
  • "In der Klinik für Zoo- und Heimtiere des kantonalen Tierspitals in Zürich wurden in den Jahren 1978/79 mehr als 1000 Kaninchen vorgestellt. Davon waren ca. 90% Zwergkaninchen. Mehr als die Hälfte kamen wegen Erkrankungen als Folge von Anomalien der Schneide- oder Backenzähne in unsere Klinik.
  • Da Stenosen des Tränenkanals als eine der häufigsten Erkrankungen des Tränenapparates beschrieben werden ... und die Ätiologie der Konjunktivitiden häufig unklar blieb, stellte sich die Frage, ob pathologische Veränderungen im Bereich der Zahnwurzeln Kompressionsstenosen des Tränenkanals bewirken und damit zu Tränenabflußstörungen führen könnten. 
  • Für die Untersuchungen standen uns 20 Zwergkaninchen im Alter von 6 Monaten bis 10 Jahren sowie 4 institutseigene Neuseeländerkaninchen zur Verfügung. 
  • Die pathologisch-anatomischen Untersuchungen zeigten, daß Epiphora beim Kaninchen nicht einheitlichen pathologischen Veränderungen zugeordnet werden können. Die von uns gefundenen herdförmigen eitrigen Entzündungen im Bereich des Tränenkanals waren bakteriellen Ursprungs. Kompressionsstenosen des Tränennasenganges aufgrund von pathologischen Prozessen im Bereich der Zahnwurzeln der lnzisivi, Prämolaren und Molaren wurden nicht beobachtet.
  • Bei den 11 untersuchten Zwergkaninchen mit chronischem Augenausfluß konnten keine einheitlichen pathologischen Veränderungen gefunden werden. Eitrige Entzündungen im Bereich des Tränenkanals  sowie eitrige Konjunktivitis waren die häufigsten Veränderungen. Bei einem Tier konnte Pasteurella multocida nachgewiesen werden. Ein Zusammenhang mit Zahnveränderungen bestand nicht."
Die Arbeit von Barandun & Palmer, 1982 wird sehr häufig zitiert, wenn es um Kopfformen von Kaninchen im Zusammenhang mit Erkrankungen und mit anatomischen Veränderungen des Tränenkanals (Stenose = Verengung) geht, die als tierschutzrelevant angesehen werden. Das ist deshalb bemerkenswert und rätselhaft, weil die Ergebnisse der Arbeit einen solchen Zusammenhang eben nicht erkennen ließen.
Keine Evidenz für Behauptungen für anatomische Veränderungen im Zusammenhang mit Kopfformen und Zahnveränderungen.
 
Bucher, L. 1994. Fütterungsbedingte Einflüsse auf Wachstum und Abrieb von Schneidezähnen bei Zwergkaninchen. Berlin : Freie Universität. Dissertation

Zitate aus der Arbeit:

  • "Als Versuchstiere standen jeweils 12 männliche bzw. weibliche Zwergkaninchen zur Verfügung, die … ohne Vorauswahl aus dem Handel bezogen wurden. Zu Versuchsbeginn waren die Kaninchen fünf Monate alt, ihre durchschnittliche Lebendmasse variierte zwischen 800 und 970g.
  • Die Kaninchen zeigten während des ganzen Versuches insgesamt ein ungestörtes Allgemeinbefinden und eine gute körperliche Verfassung.
  • Ein Kaninchen aus Gruppe III (Mischfutter + Heu) zeigte zu Versuchsende entzündliche Veränderungen am Unterkiefer mit Abszessbildung.
  • Zwei Kaninchen verendeten kurz vor Ende des Versuchs plötzlich ohne vorherige Krankheitsanzeichen; in beiden Fällen erbrachte die Sektion der Tiere keine befriedigende ätiologische Klärung.
  • Sowohl Wachstum als auch Abrieb der Schneidezähne veränderten sich signifikant bei Umstellung der Fütterung von Mischfutter (und Kalkstein als Nagematerial) auf Grünfutter.
  • Trotz Verzicht auf jegliche nagefähige Ergänzung entwickelte keines der Tiere in den Gruppen I [konventionelles Alleinfutter, Anm. A. R.] und II [Mischfutter, Anm. A. R.] im Laufe des Versuchs (8 Monate) auffällige Überlängen der Schneidezähne (sog. "Elefantenzähne").
  • Für die in einem Einzelfall beobachtete Überlänge der Schneidezähne konnte als Ursache ein mangelnder Abrieb ermittelt und ein übermäßiges Wachstum der Incisivi ausgeschlossen werden. Eine Umstellung der Fütterung auf Grünfutter nach Kürzen der Schneidezähne erbrachte eine Reduktion des Schneidezahnwachstums und verhinderte über Wochen das erneute Auftreten von "Elefantenzähnen"."
Die Quelle wird von mir erwähnt, weil es hier a) um Zwergkaninchen ging und b) um Einflüsse der Fütterung. Die erwähnte Überlänge der Schneidezähne würde heute gern einer zuchtbedingten Anomalie zugerechnet werden, wurde in diesem Fall aber erfolgreich mit Grünfutter "behandelt", das heißt, sie war erworben oder durch eine Fehlstellung verursacht. Solche können auch z. B. durch eitrige Prozesse im Kieferknochen entstehen, die zu einer ähnlichen Bild wie bei Brachygnathia superior führen können.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

 
Böhmer, E. & Köstlin, R. G. 1988. Zahnerkrankungen bzw.-anomalien bei Hasenartigen und Nagern. Der praktische Tierarzt, 69, 37-50.
 
Auswertung der Patientendaten von 494 Hasenartigen und Nagern (davon 279 Kaninchen):
  • von 279 Kaninchen waren 56 Tiere (20%) Zahnpatienten
  • von 279 Kaninchen wiesen 4 Tiere (1,4%) eine Brachygnathia superior auf
  • das Durchschnittsalter der Zahnpatienten betrug 3,4 Jahre
  • "Die Zeitspanne vom ersten Auftreten der klinischen Symptome bis zur Einlieferung in die Klinik betrug durchschnittlich 5 Tage" (Böhmer & Köstlin, 1988)
  • in der Arbeit wurde nicht zwischen Rassen bzw. Kopf- oder Ohrformen bei Kaninchen unterschieden

Kein Beleg für "Qualzuchten" bei Kaninchen. Das Auftreten der Brachygnathia superior bei 1,4% der insgesamt untersuchten Kaninchen (n=279) entspricht wahrscheinlich einer normalen Häufigkeit. Das Durchschnittsalter der Zahnpatienten und die Zeitspanne für die Feststellung von Symptomen spricht deutlich für überwiegend erworbene Zahnerkrankungen.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

 
Böhmer, E., & Crossley, D. 2009. Objective interpretation of dental disease in rabbits, guinea pigs and chinchillas. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere/Heimtiere, 37(04), 250-260
 
Anatomische Betrachtungen mittels "Referenzlinien", die es Tierärzten ermöglichen sollen, Aspekte von Zahnerkrankungen bei Kaninchen, Meerschweinchen und Chinchillas beurteilen und bewerten zu können.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

Böhmer, E. 2011. Zahnheilkunde bei Kaninchen und Nagern. Stuttgart : Schattauer. ISBN 978-3-7945-2751-9 
 
Zitat: "Die maxilläre Brachygnathie findet sich bevorzugt bei Zwergrassen mit einem Gewicht von weniger als 1,5 kg sowie bei kleinwüchsigen Kaninchen mit Hängeohren (Chai 1970, Fox u. Crary 1971, Lindsey u. Fox 1994, Crossley u. Aiken 2004, Gorell u. Verhaert 2006). Durch die Züchtung besonders kleiner Kaninchenrassen, deren Tiere ein kurzes, rundes Köpfchen (Brachyzephalie) aufweisen und damit dem Kindchenschema entsprechen, verbreitete sich diese kongenitale Missbildung zusehends unter der Kaninchenpopulation." (Böhmer, 2011; S. 109).
 
Wie in dem Beitrag zur Herkunft des Wissens über die Brachygnathie erläutert, beruhten die Informationen der ersten drei Quellen (Chai 1970, Fox u. Crary 1971, Lindsey u. Fox 1994) auf Ergebnissen von mittelgroßen Kaninchen (≥ 3,5kg) ohne Hängeohren aus Inzuchtlinien des JAX-Institutes. Die Angabe dieser drei Quellen als Beleg für die zitierte Behauptung ist also irreführend.

Eine "Brachyzephalie" wurde für Kaninchen zudem bisher nicht nachgewiesen (siehe dazu auch Nachtsheim, 1937; Nachtsheim 1959 (Tabelle 4, S. 572: "Erbleiden bei Mensch und Säugetier"); Fox, 1994 (Tabelle V, S. 11-15: "Recognized Gene Mutations in the Rabbit (Oryctolagus cuniculus))".

Crossley u. Aiken, 2004, waren die Autoren des Kapitels "Small Mammal Dentistry" aus dem Buch "Ferrets, Rabbits and Rodents - Clinical Medicine and Surgery", welches mir in der neueren,  3. Auflage von 2012 vorliegt. Dort wurde das gleichnamige Kapitel von Capello & Lennox verfasst, in dem es u. a. heißt: "Four different primary causes have been reported in the rabbit: congenital and developmental abnormalities, traumatic injuries, abnormal wear, and metabolic bone disease. Congenital jaw mismatch may be caused by prognathism of the mandible or brachygnathism of the maxilla.(13,32) This anatomic condition is common in purebred dwarf rabbits weighing less than 1 kg and in lop rabbits. Traumatic injuries often cause fracture of the incisors (13); if the apex has been damaged, it may result in malocclusion. Fractures of the incisors that expose the pulp can lead to pulpitis and abscesses. The most important and most frequent cause of dental disease is related to improper nutrition and abnormal wear.(13)". Für die Behauptung, dass die Proganie des Unterkiefers oder die Brachygnathie des Oberkiefers bei Zwergkaninchen mit weniger als 1 kg Körpergewicht oder in Widderkaninchen häufig verbreitet wäre, wird kein Beleg angegeben.
 
Die Quellenangabe (13) bezieht sich auf ein Buch der beiden Autoren, welches mir nicht vorliegt. Bei der Angabe (32) handelt es sich um einen Artikel von Crossley, 2003. Dort wird folgendes behauptet: "The Incidence of incisor malocclusion is higher in miniature breeds, particularly dwarf-lops. ... Although pure jaw length mismatch is the primary cause of incisor malocclusion that is consistently present from early in life, a Change from normal incisor occlusion to rnalocclusion during growth or later in life indicates an alternative etiology. The higher incidence of this in dwarf breeds suggests that a uniform reduction in upper and lower jaw lengths raises the likelihood of the development of a secondary incisor malocolusion.". Obwohl für viele Aussagen in dem Artikel Quellenverweise geliefert werden (insgesamt 72), ist das genau für die zitierten nicht der Fall.
 
Die letzte Quellenangabe in dem Buch von Böhmer, 2011 bezieht sich auf das Kapitel 14 "Zahnerkrankungen bei Hasenartigen (Lagomorpha) und Nagetieren (Rodentia)" von Gorell und Verhaert, 2006 aus dem Buch "Zahnmedizin bei Klein- und Heimtieren". Dort wird u. a. folgendes behauptet: "Primäres zu starkes Wachstum der Inzisivi kommt bevorzugt bei jungen Tieren vor und kann regelmäßig bei Zwergkaninchen beobachtet werden.". Ein Beleg für die Behauptung wird nicht geliefert.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Behauptungen von Böhmer, 2011 mit drei gelieferten Belegen nicht übereinstimmen, die Behauptung einer Brachyzephalie bei Kaninchen bisher nicht belegt wurde und das die anderen beiden Quellen ebenfalls nur Behauptungen ohne Beleg lieferten. 

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

 
Böhmer, E. 2014. Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss-und Verdauungsproblemen? Ein Ratgeber für die Ernährung von Kaninchen; Curoxray: München, Germany, 2014
 
Ein Buch mit zum Teil sehr widersprüchlichen Aussagen vor allem in Bezug auf die Fütterung von Hauskaninchen. Hinsichtlich der Zahnerkrankungen in Zusammenhang mit Zuchtformen werden folgende Darstellungen geliefert:
 
Zitate:
  • "Abbildung 11: Zwergkaninchen mit angeborener Oberkiefervorkürzung ("Kindchenschema") und sekundärem Schneidezahnüberwuchs"
  • "Sind die Schneidezähne bei jungen Kaninchen (4-12 Monate alt) extrem lang und wachsen sie ohne Kontakt und gegenseitigen Abrieb aneinander vorbei, liegt meist ein genetischer Defekt vor. Verantwortlich hierfür ist ein falsch definiertes Zuchtziel; d. h. die Zucht von Kaninchen mit einem möglichst kleinen, runden Köpfchen (sog. „Kindchen-Schema")."
  • "Abbildung 317: Angeborene Verkürzung des Oberkiefers („Kindchenschema") mit sekundärem Schneidezahnüberwuchs."
  • "Kapitel: Schneidezahnüberwuchs bei kurzköpfigen Kaninchen (Brachygnathie), S. 245"

Quellenangaben für die Behauptungen fehlen komplett.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
 
Böhmer, C. & Böhmer, E. 2017. Shape variation in the craniomandibular system and prevalence of dental problems in domestic rabbits: a case study in Evolutionary Veterinary Science. Veterinary sciences, 4(1), 5.
Artikel über die geometrisch-morphometrische Analyse von radiologischen Schädelbildern von Wild- und Hauskaninchen, um die intraspezifische Variation der kraniomandibulären Morphologie zu quantifizieren (vereinfacht: Variation der Kieferform bei Kaninchen). Für die Untersuchung wurden 12 Hauskaninchens mit Stehohren ausgesucht, die keiner speziellen Rasse angehörten, um extreme Phänotypen, die für bestimmte Rassen charakteristisch sind, zu vermeiden. Zitate:
  • "In accordance with the breeding for “cuteness” (concept of baby schema, “Kindchenschema”), the present analysis reveals that the skull shape is generally more quadratic in domestic rabbits, whereas wild rabbits tend to have a long and flat skull.". (Das Ergebnis war dann aber doch ein anderes ...)
  • "Interestingly, the dentition itself forms a relatively unalterable unit that appears not to be essentially affected by the breeding for a shorter skull (“cuteness”) or the evolution towards a shorter skull. This is based on the fact that despite the significant difference in the shape of the cranium between wild and domestic rabbits, the morphological configuration of the teeth themselves (represented by LM 2–11) is very similar across all samples.". Diese Aussage übersetze ich, damit sie auch von jedem verstanden werden kann: "Interessanterweise bildet das Gebiss selbst eine relativ unveränderliche Einheit, die offenbar nicht wesentlich durch die Züchtung für einen kürzeren Schädel ("Niedlichkeit") oder die Entwicklung hin zu einem kürzeren Schädel beeinflusst wird. Dies beruht auf der Tatsache, dass trotz des signifikanten Unterschieds in der Form des Schädels zwischen Wild- und Hauskaninchen die morphologische Konfiguration der Zähne selbst (dargestellt durch LM2-11) in allen Proben sehr ähnlich ist.".
  • "In contrast to wild animals, most pet and breeding rabbits predominantly crush “unnatural” food between their teeth (pellets, carrots and other root vegetables) which is accompanied with a much higher axial strain on the (pre-)molars and an insufficient tooth wear (higher clinical crowns) combined with a tendency to retrograde tooth elongation."
  • "In rabbits, hay and pellets resulted in greater jaw-muscle activity and higher mandibular strain, compared to the ingestion of carrots [80]. Hay seems to be the most mechanically challenging food as it is tougher and stiffer than pellets and carrots [70]. It requires more chews per gram to be processed which results in longer chewing bouts compared to pellets and carrots. This means that over a longer period of time the teeth are predominantly axially loaded due to the elevated bite force. If we take into consideration that hay with a lot of hard stems has reduced nutritive properties and potential limits on digestibility, then rabbits eating predominantly hay need to consume large quantities to meet basic metabolic and nutritional demands [70]. All of this promotes retrograde tooth elongation and incursion of the apices into the adjacent bone (most common finding in malocclusions) [1]. Furthermore, hay also promotes periodontal diseases (impacted food) and, therefore is not the best nutrition for rabbits [31].".
Der Artikel ist interessant, weil er die Evolution des Kaninchens in Zusammenhang mit der Nahrung und dem Gebiss beschreibt. Wichtig ist aus meiner Sicht die Feststellung, dass das Gebiss des Kaninchens (Wild-, Haustier) unabhängig von einer Kopfform eine relativ unveränderliche Einheit bildet. Diese wird nicht durch eine Zucht auf auf kürzere Kopfformen beeinflusst. Die künstliche Selektion in der Zucht (ohne Beteiligung von Genmutationen) führt bei Kaninchen zu proportionalen Veränderungen (die von Bartels & Wegner, 1998 in Anführungszeichen gesetzt wurde). Oder anders formuliert: die Zähne haben auch im Kopf von Zwergkaninchen Platz. Die Co-Autorin widerspricht in diesem Artikel somit ihren eigenen, unbelegten Darstellungen in Böhmer, 2014 (siehe dort). Außerdem wird nun Heu nicht mehr als optimal für Ernährung von Kaninchen angesehen - sowohl aus Sicht der Versorgung mit Nährstoffen als auch der Zahngesundheit. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus der Arbeit von Böhmer & Böhmer, 2017 werden von Tierschützern und Tierärzten bisher weitgehend ignoriert.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

Gabriel, S. & Leopold-Temmler, B. 2002. Zwergkaninchen als Zahnpatienten in der tierärztlichen Sprechstunde. Der praktische Tierarzt 83(3). S. 238-242
Zitat: "In einer Praxisstudie (Gabriel (2000) wurden nur bei 31,5 Prozent der erstuntersuchten Zwergkaninchen keine abnormen Befunde festgestellt. Dagegen wiesen 46,3 Prozent mehr oder weniger deutliche Befunde einer unphysiologischen Abnutzung der Zähne auf, was deutlich mit der ermittelten Rate der Fütterungsfehler korreliert (72,2%): Zwar boten praktisch alle Tierhalter Heu als Grundfutter an. Durch übermäßige Gabe von hochkalorischem (Leckerchen) und unphysiologischem (Körner) Mastfutter kommt es aber leider regelmäßig zu krassen Fehlernährungen, die nicht nur zu Obesitas, sondern auch zu sekundärem Fasermangel mit gastrointestinalen Instabilitäten und Indigestionen und vor allem Zahnüberwachstum und Malokklusionen führen."
 
Ergebnisse aus einer unveröffentlichten Praxisstudie, in der nicht nur Patienten untersucht, sondern auch die Fütterung berücksichtigt wurde. Das Ergebnis war deutlich und unabhängig von Zwerg- oder Kopfformen. Zahn- bzw. Gebisserkrankungen bei Kaninchen sind hauptsächlich erworben und nicht Ergebnis einer Kopfform oder eines Kindchenschemas.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.

Gabriel, S. 2016. Praxisbuch Zahnmedizin beim Heimtier. Stuttgart : Enke. ISBN 978-3132400214

Rein medizinische Beschreibungen der Gebisse von Kaninchen, Meerschweinchen, Chinchilla und Rodentia.
 
 Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
 
Glöckner, B. 2002. Untersuchungen zur Ätiologie und Behandlung von Zahn- und Kiefererkrankungen beim Heimtierkaninchen. Berlin : Freie Universität, 2002. Dissertation
 
Zitate:
  • "Es wurden 80 als Heimtiere gehaltene Kaninchen untersucht, die zwischen Mai 1998 und Dezember 1999 in der ”Heimtiersprechstunde” der Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin vor allem wegen mangelhafter Futteraufnahme oder Inappetenz, aber auch Asymmetrien im Kopfbereich oder Zahnüberwachstum vorgestellt wurden. Es handelte sich dabei um Tiere verschiedener Rassen und unterschiedlichsten Alters.""Insgesamt befanden sich unter den 80 untersuchten Tieren 22 (27,5 %) Zwergkaninchen, 38 (47,5 %) Hauskaninchen, 15 (18,8 %) Widderkaninchen, drei (3,8%) Löwenkopfkaninchen, ein (1,3%) Deutscher Riese sowie ein (1,3 %) Wildkaninchen."
  • "Die Vermutung, daß rundere Kopfformen, wie sie bei Zwerg- und Widderkaninchen rassetypisch sind, als Praedisposition für Zahn- und Kiefererkrankungen anzusehen sind, wie von BROWN (1992) DIVERS (1997), TURNER (1997) und CROSSLEY (1997b) geäußert, kann damit vorliegend nicht bestätigt werden. "
  • "Zusammenfassung: ... Ziel war es zu überprüfen, ob Kaninchen, die unter Zahn- und Kiefererkrankungen leiden, einen besonders kurzen oder gerundeten Unterkiefer aufweisen bzw. im Umkehrschluß zu prüfen, ob Kaninchen mit einer bestimmten Form oder Länge der Mandibula praedisponiert sind für die genannten Veränderungen. Im Ergebnis wurde deutlich, daß sich anhand der Kiefervermessungen keinerlei Aussagen zu der jeweiligen Erkrankung des betroffenen Tieres machen lassen, da die Meßwerte für die unterschiedlichen Behandlungsgruppen insgesamt und auch nach Aufteilung in Rassezugehörigkeit sehr eng beieinander lagen...."
Zwar waren die Zwergkaninchen häufiger an Zahnkrankheiten beteiligt, aber die Vermessungen ergaben keinen Zusammenhang mit Kiefer- bzw. Kopfformen. In dieser Arbeit wurde auch darauf hingewiesen, dass nur eine geringe Anzahl an Patienten zur Verfügung stand (n=80), die zudem noch vorselektiert war. Deshalb war z. B. keine Verallgemeinerung des Faktes möglich, dass Rammler in dieser Studie deutlich häufiger an Zahnkrankheiten litten. Glöckner verwies in diesem Zusammenhang auf drei weitere Studien, die etwas ähnliches festgestellt hatten.

Glöckner stellte zudem fest, dass alle Tiere ausreichend mit Calcium versorgt wurden. Leider wurde bei den Tieren keine Knochendichte bestimmt und mit der körperlichen Integrität (kastriert/intakt) verglichen. Es ist zu vermuten, dass trotz ausreichender Calciumversorgung die Knochendichte bei Rammlern niedriger war, weil diese (fast) grundsätzlich kastriert werden, was sich auf den Hormon- und somit auch Calciumstoffwechsel auswirkt..

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Harcourt-Brown, F. 2006. Metabolic bone disease as a possible cause of dental disease in pet rabbits. Thesis for Fellowship of Royal College of Veterinary Surgeon
 
Zitate:
  • "The main body of the thesis is an in-depth study of the radiological and morphological features of 172 prepared skulls and 315 skull radiographs of pet rabbits. A comparison is made between the prepared skulls of pet rabbits and the collection of rabbit skulls that is held at the Natural History Museum in London. In addition to the examination of skulls and radiographs, gender and breed details of 1254 pet rabbits presented for veterinary treatment are analysed. Of these rabbits, 465 required dental treatment. 
  • Genetic predisposition is cited as a cause of acquired dental diseases in pet rabbits, which is often attributed to head shape. For example, Meredith and Crossley (2002) say that 'the incidence of dental disease is low in rabbits with conformation similar to those in the wild but approaches 100% in extreme dwarf and lop breeds', although they do not cite a source of this information. This view is not supported by the findings of this thesis. Data analysis of 1254 case records of pet rabbits requiring and not requiring dental treatment showed no significant relationship between Dwarf breeds and treatment for dental disease (Graph 32). No breed incidence was found in this analysis. Rabbits with a head shape similar to wild rabbits (Dutch or English) showed a similar incidence of dental disease to breeds with a head shape that is different from wild rabbits (Dwarf Lop, Minilop, Netherland Dwarf). See Graph 31. 
  • Genetic predisposition is an important factor. One study showed that in half the human population, variation in bone density could be attributed to a single gene locus (Morrison, Cheng Qi and others, 1994). So, although it is possible that genetic predisposition could explain the gender difference in susceptibility to dental disease in rabbits, it could also to be linked with hormonal differences between male and female rabbits. Oestrogen is known to enhance calcium absorption and this may explain why female rabbits are apparently less susceptible to PSADD than males. In laboratory rabbits, it has been shown that ovariectomy results in loss of mandibular bone (Cao and others, 2001) so it is also possible that ovariectomising female pet rabbits could have a deleterious effect on the teeth of rabbits that are on a low calcium diet.
  • This thesis shows that root elongation is an early feature of PSADD. It was present in all the skulls and radiographs of affected rabbits suggesting that it is the first change to take place. Therefore it is illogical to believe that coronal reduction can prevent root elongation. Instead, it removes the occlusal surfaces of the teeth and impairs the ability to chew food, especially fibrous food. It could also expose innervated dentine and pulp cavities if the procedure is performed on healthy teeth or those rabbits in the initial stages of PSADD. Generalised coronal reduction is at best, unnecessary and at worst, detrimental."
In ihrer Thesis zeigte Harcourt-Brown, 2006 an vielen Beispielen, vor allem der Arbeiten von David Crossley, Unstimmigkeiten früherer Darstellungen und kritisiert Behauptungen ohne Belege. Frances Harcourt-Brown belegte anhand einer Datenanalyse von 1254 Kaninchenschädeln (Wildkaninchen und Haustiere verschiedener Rassen), dass es keinen Zusammenhang zwischen der Kopfform und Zahnkrankheiten gibt. Sie sah vorrangig Ursachen für Zahnerkrankungen, die sie als "progressive syndrome of acquired dental disease (PSADD)" bezeichnete (deutsch: "progressives Syndrom einer erworbenen Zahnkrankheit", also eine fortschreitende Zahnerkrankung, die nicht genetisch bedingt ist und durch das gemeinsame Auftreten bestimmter, charakteristischer Symptome charakterisiert ist). Die Verlängerung (Elongation) von Zahnwurzeln wurde grundsätzlich bei allen zahnkranken Tieren in einem frühen Alter festgestellt. Neuerdings wird diese Elongation auch als "retrogrades Zahnwachstum" bezeichnet. Eine Osteopenie der Schädelknochen (verringerte Knochendichte) wurde bei kranken Tieren diagnostiziert, die sowohl visuell als auch röntgenologisch offensichtlich war. Es kam zu einem fortschreitenden Verlust des Alveolarknochens und zur Dehnung einiger oder aller Zahnwurzeln. Es gab deutliche Veränderungen in der Struktur des Zahngewebes, einschließlich einer Verringerung der Schmelzbildung. Dies alles deute auf eine metabolische Ursache hin, wie F. Harcourt-Brown feststellte. Die einzig genetische Komponente meinte sie insofern als möglich zu erkennen, dass rasseunabhängig Rammler häufiger von Zahnerkrankungen betroffen waren als Weibchen. Hier kommt wieder meine Vermutung ins Spiel, dass Rammler deshalb häufiger betroffen sind, weil sie in der Regel kastriert werden, was bei Weibchen (noch) nicht der Fall ist. Daneben wird eine Osteopenie wird vor allem durch eine falsche Ernährung hervorgerufen, weshalb auch der Titel der Disseration mit "Metabolic bone disease ..." beginnt (deutsch: stoffwechselbedingte Knochererkrankung). 
 
Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen. 
Hollmann, P. 1997. Kleinsäuger als Heimtiere. In: Sambraus, H. H. & Steiger, A. (Hrsg): Das Buch vom Tierschutz. Stuttgart: Enke. ISBN 3-432-29431-X. S. 308-318

Zitat: "Bei den im Zoofachhandel angebotenen und fälschlich als "Zwerghäschen" bezeichneten Kaninchen handelt es sich zumeist um Kreuzungen bzw. um Tiere, die dem Rassestandard nicht entsprechen (Abb. 2). Wie bei allen derartigen Zuchten wehrt sich die Natur gegen die Verzwergung, indem ein Teil der Jungtiere wieder mit normalen Körpermaßen geboren wird. ... Genetisch angelegte und alterungsbedingte Verkürzungen des Oberkiefers führen zu veränderten Krümmungsradien der Schneidezähne. Während sich die oberen Inzisivi nach innen krümmen, wachsen die unteren aus der Lippenspalte heraus (Abb. 3). Auch im Bereich der Backenzähne kommt es zu Stellungsanomalien. Eine Zusammenfassung dieser Problematik findet sich bei Böhmer und Köstlin (1988)."

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen. (siehe auch bei Böhmer & Köstlin, 1988)

Jekl, V., & Redrobe, S. (2013). Rabbit dental disease and calcium metabolism – the science behind divided opinions. Journal of Small Animal Practice, 54(9), 481-490.
Zitat:
"Mandibular prognathism is inherited as an autosomal recessive (mp/mp) trait with incomplete penetrance (81%). Affected animals have reduced skull and maxillary diastema length, without significant deviation from the normal length of mandibles. Hereditary mandibular prognathism (brachygnatia superior, hypognatia) that leads to incisor malocclusion has been well described (Lindsey & Fox 1994). In affected rabbits, malocclusion of incisors usually first appears after the third week of life. Initially, there is an edge to edge bite with blunting of incisival cutting edges. Later, positioning of the lower incisor anterior to the uppers occurs ... . However, there have been no recent genetic studies in pet dwarf rabbit breeds to investigate the effect of this gene on dental disease development. There are also no differences between the prevalence of dental disease in dwarf and other rabbit breeds according to Harcourt-Brown (2006)."

Ansonsten Betrachtungen zu verschiedener Theorien der Calcium- und Phosphorversorgung von Kaninchen in Zusammenhang mit Zahnerkrankungen.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Köstlinger, S. 2014. Vergleich der digitalen Röntgenuntersuchung mit der computertomographischen Untersuchung des Schädels bei zahnerkrankten Kaninchen. Gießen : DVG Service GmbH. ISBN ISBN 978-3-86345-212-4. Dissertation
Zitat: "Im Rahmen dieser Studie wurden Röntgen- und CT-Aufnahmen von 30 zufällig aus einem Patientengut von 98 ausgewählten Tieren ausgewertet. Es handelte sich ausschließlich um privat gehaltene Zwergkaninchen."

Vergleich bildgebender Verfahren - Röntgen vs. Computertomographie.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Korn, A. K. 2016. Zahn- und Kieferveränderungen beim Kaninchen. Diagnostik, Auftreten und Heritabilitäten. Giessen : VVB Laufersweiler Verlag. Dissertation
Zitate:
  • "Insgesamt wurden 14 männliche und 18 weibliche Zuchtkaninchen zehn verschiedener Rassen, sowie 235 daraus gezogene Jungtiere, reinrassig oder Kreuzungen, in die Studie einbezogen. Zwischen zwei dieser Jungtiere erfolgte außerdem, als diese ausgewachsen waren, eine Anpaarung mit zwölf Nachkommen. Eine Übersicht über die Abstammung aller Jungtiere und die Anzahl an Kaninchen bis zum Zeitpunkt des Absetzens (n= 232) und bis zum Erreichen des Adultstatus (n= 209) zeigt Tabelle 1A im Anhang.
  • Zwergrassen und kleine Rassen: Holländische Zwergwidder, Deutsche Kleinwidder, Kleinsilber; Mittelgroße Rassen: Blaue Wiener, Rote Neuseeländer, Thüringer, Rheinische Schecken, Weißgrannen, ZiKa; Große Rassen: Deutsche Riesenschecken
  • Fast alle Kaninchen, die in dieser Untersuchung von einem Aufbiss oder einer Brachygnathia superior betroffen waren, gehörten einer mittelgroßen bis großen Rasse an (Größe b). So kann belegt werden, dass diese pathologischen Zustände nicht an Zwergrassen mit gedrungenen Schädelformen gebunden sind (HARCOURT-BROWN 1997, SCHWEIGART 1998, SCHREYER 2008). 
  • Aufgrund der geringeren Stichprobenzahl lassen sich die vorliegenden Ergebnisse nicht statistisch signifikant absichern, doch waren in der Tendenz vor allem Kaninchen der Gewichtsklasse > 3,75 kg von Zahnveränderungen betroffen."
In Bezug auf statistische Methoden wurde in einem Vergleich folgendes festgstellt: "Im Patientengut von JEKL et al. (2008) trat in 17 (21,25 %) Fällen eine Brachygnathia auf im Vergleich zu neun (8,2 %) Tieren der aktuellen Studie sowie drei (2,7 %) weiteren Kaninchen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung in Allgemeinanästhesie einen Aufbiss hatten. Die unterschiedliche Prävalenz dieser Befunde in den beiden Untersuchungen kann damit erklärt werden, dass die Kaninchen in der vorliegenden Studie eine Zufallsstichprobe darstellen, während bei JEKL et al. (2008) die Tiere aufgrund von Symptomen vorstellig geworden waren, die mit Zahn- und Kieferveränderungen assoziiert sind.". Wenn ich diesen Fakt erkläre, wollen ihn Tierschützerinnen nie verstehen - vielleicht hilft dann diese Erklärung aus einer Dissertation. Zur Stichprobengröße (n = 232 bzw. n = 209) und statistischer Signifikanz siehe vierter Stichpunkt.

Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
Wolf, P., & Kamphues, J. 1996. Untersuchungen zu Fütterungseinflüssen auf die Entwicklung der Incisivi bei Kaninchen, Chinchilla und Ratte. Kleintierpraxis 41(10). 723-732
 
Untersuchung des Einflusses verschiedener Futtermittel auf Wachstum und Abrieb der Zähne bei Kaninchen, Chinchilla und Ratten. Als Kaninchen standen 6 zahngesunde und 6 Tiere mit "Elefantenzähnen" der Rasse "Weiße Neuseeländer" zur Verfügung.

Zitate:
  • "Für die Versuche standen 6 Farm-Chinchillas, 6 Ratten (Wistar) sowie 12 Kaninchen (Weiße Neuseeländer, von denen 6 Tiere überlange Schneidezähne im Oberkiefer aufwiesen) zur Verfügung. 
  • Neben pelletierten Alleinfuttermitteln [pell. AF], die überwiegend auf der Basis von Grünmehl hergestellt waren, befand sich auch ein sogenanntes "Buntfutter" [MF], das überwiegend aus nativen Komponenten wie Getreide, Trockenschnitzeln und Johannisbrot bestand, im Angebot (s. Abb. 2). Zum Vergleich erhielten die Kaninchen und Chinchillas auch Grundfuttermittel (Heu, Möhren), während bei den Ratten statt Heu ein Feuchtalleinfutterfür Katzen [AF f. Ktz.] zum Vergleich geprüft wurde. 
  • So zeigten sich sowohl an den oberen als auch unteren Schneidezähnen die höchsten Wachstums~ als auch Abriebsraten bei ausschließlichem Angebot von Heu oder Möhren, während die entsprechenden Werte bei Fütterung von pelletiertem Alleinfutter oder Mischfutter auf der Basis nativer Komponenten allgemein niedriger waren. Ursache hierfür ist vermutlich das unterschiedliche Futteraufnahmeverhalten bei Angebot dieser Futtermittel. Während die Aufnahme und Zerkleinerung von Möhren und Heu in erster Linie mit den Schneidezähnen erfolgt, werden Pellets und native Komponenten, wie Getreidekörner, mit der Zunge über das Diastema auf die Backenzähne befördert, wo sie vermahlen werden 
  • Bei Vergleich der Wachstums- und Abriebsraten der Schneidezähne von Kaninchen, die "Elefantenzähne" aufwiesen mit Tieren, die sich durch übliche Zahnlängenentwicklungen auszeichneten, fiel zunächst auf, daß nicht die Wachstumsraten (wie bisher immer angenommen), sondern vielmehr die jeweiligen Abriebsraten differierten (s. Abb. 7). Auch hier waren wiederum - entsprechend Untersuchungen von BUCHER (1994) - fütterungsbedingte Einflüsse zu beobachten. Das Angebot von Grundfutter (Heu, Möhren) führte im Vergleich zu den bei Fütterung von Kraftfutter (pelletiertes Alleinfutter, Mischfutter auf der Basis nativer Komponenten) ermittelten Werten zu forcierten Wachstums und Abriebsraten.  
  • Zusammenfassung, Punkt 4. Störungen der Zahngesundheit in Form von "Elefantenzähnen" sind im Vergleich zu Tieren mit üblicher Zahnlängenentwicklung weniger auf ein übermäßiges Wachstum, als vielmehr auf einen reduzierten Abrieb zurückzuführen (infolge Fehlstellungen nutzen sich die Zähne nicht genügend aneinander ab). Das Angebot von Grundfutter hat bei klinisch manifesten Formen allerdings nur einen bescheidenen Effekt."
Die Arbeit wird gelegentlich im Zusammenhang mit Zwergwuchs, Kopfformen und Zahnerkrankungen zitiert, was keinen Sinn macht, wie die Zitierungen zeigen. Ein Vorstufe für Brachygnathia superior kann ein Aufbiss sein, der wiederum auf anderen (nicht genetischen) Gründen beruht. Dieser kann durch Grünfutter (frische Gräser und Kräuter) durchaus so kontrolliert werden kann, dass keine Korrekturen der Zähne nötig sind (eigene Erfahrungen). Mit Heu und Möhren ist das allerdings in der Tat nicht machbar.
 
Keine Evidenz für Behauptungen für Zahnerkrankungen im Zusammenhang mit Kopfformen.
 
Zusammenfassung
 
In dem Beitrag wurden Quellen ausgewertet, die häufig von Tierschützern und Tierärzten angegeben werden, um einen Bezug von Zahnerkrankungen bei Kaninchen mit einer Körpergröße oder einer Kopfform herzustellen.In keiner einzigen Arbeit konnte eine Evidenz für Behauptungen gefunden werden, dass eine solche Beziehung bestehen würde.
 
Obwohl ein solcher Bezug nicht belegt werden kann, werden vor allem Tierschutz-"Initiativen" wie auch Tierärzte nicht müde, einen solchen mantrahaft zu wiederholen.
 
Tatsächlich ist eines der größten Probleme von Hauskaninchen die Gebiss- und Zahngesundheit. Die Ursachen dafür liegen aber nicht bei verschiedenen Rassen, sondern in einem Graubereich, der nicht kontrollierbar ist. Das betrifft zum einen nicht organisierte, sogenannte "Zuchten" in Wohnzimmern oder bei Personen, die Kaninchen wahllos vermehren. Zum anderen spielen eine falsche Haltung und Ernährung eine wichtige Rolle. Das ist auch der Grund, warum es sich in der Regel bei Kaninchen um erworbene Zahnfehler oder Gebisserkrankungen handelt. Tierärzte wären an dieser Stelle eigentlich gefordert, die Ursachen klar zu benennen. Häufig schließen sie sich aber gern Tierschützern und ihrem Feindbild des "Züchters" an. Besonders deutlich wird das in der Unterstützung von "Initiativen", welche die im Beitrag genannten Quellen für irreführende, unbelegte Behauptungen missbrauchen. 
 
Die Begriffe "Tierschutz" und "Tierarzt" werden in dem Beitrag von mir allgemein genutzt, weil sie gegen das Feindbild "Züchter" eine laute, vermeintliche Mehrheit bilden. Tatsächlich gibt es natürlich auch jene Tierschützer und Tierärzte, die sich objektiv und ehrlich mit verschiedenen Problemen in der Hauskaninchenhaltung auseinandersetzen. Schade, dass sie sich nur selten, offensiv und wahrnehmbar gegen Desinformationen stellen, die den Tieren letztlich schaden. Aber eine "Initiative" zu unterstützen, ist natürlich einfacher, als Haltern und Tierschützern klar zu machen, dass viele Fehler bei ihnen selbst liegen.
 
 
Literatur
Bartels, T.; Wegner, W. 1998.Fehlentwicklungen in der Haustierzucht. Stuttgart : Enke. ISBN 978-3432281315

Nachtsheim, H. 1937. Erbpathologische Untersuchungen am Kaninchen. Zeitschrift für Induktive Abstammungs-und Vererbungslehre, 73(1), 463-466

Nachtsheim, H. 1959. Probleme vergleichender Genetik bei Säugern. Naturwissenschaften, 46(20), 565-573.

Sonntag, 25. Oktober 2020

Qualzucht 4 - Brachygnathia superior

Einleitung

Seit einigen Jahren werden bestimmten Kaninchenrassen eine Prädisposition für verschiedene, vor allem erbliche Erkrankungen zugeschrieben. In letzter Zeit sind es besonders Kaninchen mit runden und/oder kurzen Köpfen, denen eine besondere Prävalenz für die sogenannte „Brachygnathia superior“ zugeschrieben wird. In diesem Zusammenhang wird auch häufig die „Brachyzephalie“ erwähnt. Dabei handelt es sich um eine vererbte Erkrankung, die mit einer Deformation des Gesichtsschädels einhergeht. Beschrieben wird sie für den Menschen, Hunden und Katzen. Bei Kaninchen wurde meines Wissens der Erbgang nicht nachgewiesen, sondern wenn, wird hier von einer „brachyzephalen Kopfform“ im Zusammenhang mit einem „Kindchenschema“ gesprochen, welches Käufer ansprechen soll. Im Gutachten des BMEL, 2005 zum §11b des Tierschutzgesetzes wurde die Brachyzephalie auch nicht für Kaninchen aufgeführt.

Wie auch immer: mit den folgenden Informationen möchte ich Interessierten die Möglichkeit bieten, bestimmte Angaben und Zitierungen in der Literatur vor allem in Bezug auf Zahnerkrankungen besser zu verstehen und einzuordnen. Dafür ist es nötig, sich mit der Geschichte von Laborkaninchen und somit älterer Literatur auseinandersetzen. Mit Kenntnis der nachfolgenden Informationen werden Leser des Beitrags in die Lage versetzt, aktuelle Aussagen und Zitierungen entsprechend einzuordnen. Die Literaturquellen in diesem Beitrag wurden nicht von mir explizit ausgewählt, sondern von Autoren wissenschaftlicher Arbeiten. Ich zeige anhand von zitierten Kernaussagen lediglich, was in den Literaturquellen tatsächlich herausgefunden wurde und worauf die Ergebnisse beruhen.

Institutionen, Labore und Kaninchen

Ab den 1930er Jahren wurden weltweit verstärkt Tierversuche durchgeführt, um auch Krankheiten des Menschen besser zu verstehen und behandeln zu können. Auf Grund der hohen Reproduktionsrate rückte dabei das Kaninchen als „Modelltier“ in den Mittelpunkt des Interesses. Ergebnisse von Versuchen mit den Tieren konnten auf Grund der hohen Reproduktionsrate in kurzer Zeit auch an Nachkommen erzielt werden. Dafür benötigte man allerdings Tiere mit relativ gleichen Eigenschaften bzw. Merkmalen, um die Fehlerquote durch zu viele Variablen gering zu halten. Auch aus diesem Grund wurden an verschiedenen Instituten „Inzuchtlinien“ etabliert.

Bekannt ist dafür z. B. das „Rockefeller Institute“ in Princeton/New Jersey, an dem auch Harry S. N. Greene tätig war. Dieser ist vor allem durch seine Beiträge zum Thema „Uteruserkrankungen“ bekannt geworden, die heute eher missbraucht, als gebraucht werden. Beispielhaft dafür sei auf einen Artikel in diesem Blog verwiesen: Die Kastration von Kaninchen. Teil 3: Die Studien von Greene.

Bei einer zweiten Einrichtung handelt es sich um das „Jackson Laboratory“ (JAX) mit dem Hauptsitz in Bar Harbor/Maine. Früher beherbergte das JAX eine große Sammlung von Kaninchen aus verschiedenen Inzuchtlinien, welche ab 1929 von P. B. Sawin aufgebaut wurde, der vom Rockefeller Institute zum JAX gewechselt war. Er kombinierte Inzucht mit einer Reihe von „Mutanten“, die von biomedizinischem Interesse waren. Die Kolonie umfasste teilweise 18 Inzucht- oder Teilinzucht- und/oder Mutantenstämme; einige von ihnen wurden mit ihren Stammbäumen von Festing, 1979 in einem Buch dokumentiert. Bei den Ausgangstieren eines Stammes bzw. einer Zuchtlinie, die die Kennzeichnung „III“ erhielt, handelte es sich um die Rasse „NZW“ (New Zealand White = Weiße Neuseeländer mit einem Körpergewicht von 4-5 kg). Mitarbeiter am JAX waren z. B. Richard R. Fox, Dorcas D. Crary und Chen Kang Chai.

Bild 1: Beziehungen zwischen einigen Inzuchtstämmen von Kaninchen, die am JAX gezüchtet wurden; Scan aus Festing, 1979, verändert. Rot markiert wurde von mir der Inzuchtstamm „III“, der aus Weißen Neuseeländern (NZW=New Zealand White) gezüchtet wurde und in dessen Variation „IIIc“ Fälle von mandibulärer Prognathie auftraten.  


In Deutschland der 1930er Jahre arbeitete und forschten Dr. Hans Nachtsheim und Hans Stengel an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin zur Genetik kleiner Säugetiere und in der DDR z. B. Prof. Dr. Wolfgang Rudolph im Bereich Tierzucht an der Universität Rostock.

Frühere Bezeichnungen für die häufigste Anomalie lauteten "Prognathie" bzw. "mandibuläre Prognathie". Heute wird sie als "Brachygnathia superior" bezeichnet (brachys = kurz; gnathos = Kiefer; superior = oben gelegen (oberer Kiefer)).

Wichtige, ältere Aufsätze

In diesem Abschnitt werden einige Originalzitate benutzt, die "kursiv" formatiert sind, um mögliche Irrtümer in Bezug auf eine Interpretation zu vermeiden. Hervorhebungen in den Zitaten stammen von mir und sollen auf wesentliche Punkte aufmerksam machen. Farblich hervorgehobene Quellenangaben sollen in folgenden Beiträgen von mir eine leichtere Verfolgbarkeit in Zitierungen ermöglichen. Hervorhebungen in den Zitaten stammen von mir.
 
Der Fall einer Zwergvariation wurde 1931 von Harold S. N. Greene am Rockefeller Institute in einem Wurf registriert, der aus der Rückkreuzung eines Hermelin-Weibchens (Polish) mit einem Hybridkaninchen stammte (also einer Rückverpaarung eines weiblichen Tieres mit seinem Vater oder eines männlichen Tieres mit seiner Mutter). Nachfolgende Untersuchungen aus der Zucht mit diesen Tieren zeigten, dass die Übertragung der Variation auf eine Familie der reinrassigen Hermelinkaninchen und auf Hybriden aus dieser Familie beschränkt war (Greene et al., 1934; Greene, 1940). Die Mutation entstand bei diesen Tieren also durch ein enges, verwandtschaftliches Verhältnis der Tiere untereinander und beschränkte sich auf die Nachkommen der Merkmalsträger.

Nachtsheim, 1936 wird im Zusammenhang mit Zahnerkrankungen sehr oft mit einer Statistik zitiert, wonach nur 3 von 266 Wildkaninchenschädeln (1,13%) Zahnanomalien aufwiesen, aber 11 von 101 untersuchten Hauskaninchen (10,89%). Aber: keines dieser Tiere wies eine Prognathie auf - in der Mehrheit waren es fehlende Schneidezähne und/oder verdoppelte Backenzähne. In diesem Artikel berichtete Nachtsheim auch von einem ihm erstmals bekannt gewordenen Beispiel einer „Unterkieferprognathie“ bei Japaner-Kaninchen - einer mittelgroßen Rasse mit einem Gewicht von 3,8-4,3 kg. Abschließend stellt Nachtsheim dazu fest: „In diesem Falle ist mithin durch die Zahnanomalie hervorgerufene Veränderung so weitgehend, daß sie in den Bereich der künstlichen Zuchtwahl fällt; der Züchter wird Tiere mit der Anomalie, selbst wenn er sie bis zum fortpflanzungsfähigen Alter am Leben erhält, nicht zur Zucht benutzen.“. 

In einem Artikel führte Nachtsheim, 1937 zwanzig von ihm nachgewiesene Erbkrankheiten bzw. Erbanomalien auf. Unter dem Punkt „Schädelanomalien“ findet sich folgende Erklärung: „Brachygnathia superior. Unterkieferprognathie, richtiger gesagt, eine Verkürzung des Oberkiefers. Die Tiere sind in den ersten Lebenswochen normal. Wenn aber stärkeres Längenwachstum des Schädels einsetzt, bleibt der Oberkiefer hinter dem Unterkiefer zurück. Dadurch kommen Nagezähne von Ober- und Unterkiefer in falsche Lage zueinander: statt hinter den Incisiven des Oberkiefers liegen die des Unterkiefers schließlich vor diesen. So können sich die Nagezähne nicht mehr abnutzen, werden überlang und verhindern die Nahrungsaufnahme, Tod der Tiere durch Inanition. Erbgang wahrscheinlich rezessiv, weitere Untersuchungen an größerem Material erforderlich.“. 

Chen Kang Chai veröffentlichte mit Karl-Heinz Degenhardt, 1962; bzw. als alleiniger Autor (Chai, 1969; Chai, 1970) Artikel, die sich vor allem mit Inzuchtlinien am JAX und den Auswirkungen dieser Zuchtform auf die Konstitution von Kaninchen beschäftigten. In dem am häufigsten zitierten Artikel von Chai, 1970 wurden vor allem Deformationen am Schädel beschrieben und mit Bildern belegt, die verschiedene Arten von Fehlstellungen zeigen, die nicht nur die Schneidezähne, sondern auch die Backenzähne und Verformungen der Prämaxillär-, Maxillär- und Nasenknochen betrafen (Maxillär = den Oberkiefer betreffend). In der Zusammenfassung hieß es: „"We observed homoeotic variations and abnormalities in continuously inbred populations of rabbits. The frequencies of the types varied between lines, and between generations within lines. The ill effects of inbreeding, the so-called inbreeding depression, were interpreted according to modern concepts of genetic loads and the genetics of developmental homeostasis. The process of inbreeding is considered to be a synthesization by trial and error of genotypes with genes best balanced in the homozygous state. The maternal environment of inbred mothers is determined by fixed genes and can contribute to inbreeding depression.“. An dieser Stelle sei noch in Erinnerung gerufen, dass es sich bei den Tieren um Weiße Neuseeländer handelte.

Fox & Crary, 1971 vom JAX verzeichneten eine Zunahme des Merkmals mit der von ihnen gewählten Bezeichnung „Mandibular prognathism“ in einer Variante der ursprünglichen Inzuchtlinie “III” von Weißen Neuseeländern mit der Bezeichnung „IIIc“ (siehe Bild 1) und untersuchten dieses Phänomen: „A recent increase in the number of prognathic animals produced in strain IIIc prompted us to investigate the inheritance of this condition in the rabbit. It is the aim of this paper to describe the pathology and the mode of inheritance of this condition as it occurs in strain IIIc animals.” Bis dahin traten Fälle von Prognathismus in der Kolonie des JAX nur sporadisch auf. Als Ursachen wurden folgende fünf Faktoren genannt: 

  • „abscessed jaws or teeth (either incisors or molars) resulting in an uneven bite as the rabbit favors the sore tooth, thus permitting the incisors to bypass each other … 
  • grossly unequal development of the two sides of the jaw or face resulting in crooked noses, again allowing the incisors to bypass each other,
  • disruption of normal growth of the upper jaw, either through conditions such as hydrocephaly or by experimentation
  • decreased growth of the maxilla and
  • excessive growth of the mandible.”

Die Untersuchungen wurden ausnahmslos mit Merkmalsträgern einer Prognathie durchgeführt: "Animals used for this study include 273 progeny from 56 strain IIIC litters, and 288 progeny from 60 hybrid litters between strain IIIC and strain III born since 1967.". Als Ergebnis wurde u. a. folgendes festgestellt: „Preliminary observation on this population indicate that overall skull length and length of the maxillary diastema tend to be reduced with prognathism but that the mandible is relatively unchanged.”. Neben dem verkürzten Diastema wurde auch ein verkürzter Schädel als Ergebnis der Genmutation festgestellt. 

Bild 2: Diastema im Ober- und Unterkiefer. Rot dargestellt ist die Verkürzung durch Prognathie bzw. Brachygnathia superior ("Brach. sup.")


 Mit dem Erbgang der Prognathie sind ein verkürzter Schädel sowie ein verkürztes Oberkiefer-Diastema bei gleicher Länge des Unterkiefer-Diastema verbunden. Das heißt, die Verkürzung des Schädels und des Oberkiefers sind das Resultat dieser Erbkrankheit.

An dieser Stelle gestatte ich uns einen kleinen Abweg zu den Uterustumoren von Harry S. N. Greene: auch am Rockefeller Institute gab es in den 1930er Jahren gezüchtete Populationen von Kaninchen, in denen es aus scheinbar unerklärlichen Gründen zu einem plötzlichen Anstieg genetisch bedingter Erkrankungen kam. Die eigentliche Ursache, nämlich "Inzucht", wurde zwar aufgeklärt und sogar mit den betroffenen Tieren fortgeführt, was aber deutsche Wissenschaftler/Tieräzte/Tierschützer nicht weiter anficht. Zitiert werden nur Zahlen und keine Hintergründe. Wenn Ihnen z. B. die Zahl "80%" im Zusammenhang mit einer Inzidenz für Uterustumore bei Kaninchen über den Weg läuft und dafür auch noch H. S. N. Greene zitiert wird, sollten Sie wissen, dass es sich dabei um Inzuchtlinien und Rückkreuzungen der Nachkommen aus solchen handelte. Wenn im Zusammenhang mit Brachygnathia superior die originären Quellen zitiert werden, handelt es sich bei diesen Arbeiten ebenfalls um Tiere aus solchen, extra für Untersuchungen, inzuchtbelastete Rassen. Zurück zum Thema.

Granát et al., 1974 untersuchten die Vererbung von Brachygnathia superior bei Kaninchen der Dänischen Landrasse ("Hvid Land", Gewicht ca. 3,5 kg); "Als Ausgang dienten 4 Würfe, in denen die anomalen Tiere auftraten. Die Eltern dieser Würfe waren phänotypisch normal. Aus deren Stämmen haben wir gefunden, daß im Falle von 3 Würfen jeweils einer der Eltern vom Rammler 9-E-56 stammte. Die Eltern des vierten Wurfes standen mit den Eltern der 3 angeführten Würfe nicht in Vcrwandschaft.". Die weitere Vorgehensweise in den Versuchen wurde wie folgt beschrieben:

 

Das heißt, alle Tiere in den weiteren Untersuchungen waren mit dem rezessiven Gen "mp" (Mandibular prognathism) belastet. Als Ergebnis wurde festgestellt: "Die Mißbildung ist erblich, wahrscheinlich durch ein autosomales rezessives Gen mit einer verhältnismäßig variablen Penetranz determiniert.".

Kalinowski & Rudolph, 1974 berichteten über das „gehäufte Auftreten atypischer Wuchsformen der Schneidezähne“ in einem Bestand von Weißen Neuseeländern. Laut Abstammungsnachweisen ging der Ausgangsbestand auf wenige Tiere zurück, die in den Jahren 1963/64 angeschafft wurden: "Mit diesen Tieren war in den ersten Jahren zunächst Verwandtschaftszucht betrieben worden, um die Erhaltung und Vermehrung dieser mittelschweren Mastrasse zu sichern.". Vermutet wurde die Vererbung durch ein rezessives Gen.

Bei zwei weiteren, häufig zitierten Literaturquellen von Fox, 1994 und Lindsey & Fox, 1994 handelt es sich um zwei Kapitel eines Buches mit dem Titel „The Biology of the Laboratory Rabbit“. In diesen werden viele Ergebnisse der hier bereits vorgestellten Untersuchungen vom JAX und weiterer Quellen zusammenfassend beschrieben. So heißt es bei Lindsey & Fox, 1994 in Punkt II, "Conditions controlled by single (mutant) genes": "Fox and Crary (1971) recently reported evidence that mandibular prognathism is inherited as an autosomal recessive trait with incomplete (81%) penetrante. Affected animals were found to have reduced length measurements for the skull and maxillary diastema, without significant deviation from normal length of mandibles. These authors postulated a mechanism for action of the abnormal gene (mp), namely, differential growth of dorsal and basal skull bones with a resulting anterior displacement of the mandible. The condition in rabbits was compared to class III malocclusion, a similar abnormality in humans (171).". Als Ursache für das Wirken des abnormalen Gens (mp) wurde ein differentielles Wachstum der dorsalen und basalen Schädelknochen mit einer daraus resultierenden anterioren Verschiebung des Unterkiefers ermittelt.

Zusammenfassung

Verschiedene Autoren berichteten zwischen 1936-1994 über eine pathologische, rezessiv vererbte Mutation bei Kaninchen, die als "Brachygnathia superior" bezeichnet wird. Sie führt zu einer verkürzten Gesamtschädellänge sowie der Länge des Diastemas des Oberkiefers bei unveränderter Länge des Unterkiefer-Diastema. Alle Kaninchen in diesen Untersuchungen stammten aus Inzuchtlinien bzw. Kreuzungen daraus. Bei allen Tieren handelte es sich um mittelschwere Rassen mit mehr als 3,5 kg Lebendgewicht mit Stehohren (Nachtsheim, 1936; Chai & Degenhardt, 1962; Chai, 1969; Chai, 1970; Fox & Crary, 1971; Granát et al., 1974; Kalinowski & Rudolph, 1974; Fox, 1994; Lindsey & Fox, 1994).

Einen Zusammenhang von erblich bedingten Zahnerkrankungen mit einem erblich bedingten Zwergwuchs kommentierte Prof. Dr. Werner Rudolph, 1994 übrigens folgendermaßen: "Von einem Zusammenhang zwischen den Genen für Zwergwuchs und jenen, die Zahn- oder Kieferanomalien hervorrufen, kann keine Rede sein. Dies zeigt die Ubersicht über die bisher bekannten Kopplungsgruppen von Genen (Fox 1994). Solche Anomalien kommen auch bei anderen Rassen vor (Fox u. Crary 1971), besonders dann, wenn Inzucht im Spiel ist.".

Persönliche Anmerkungen

Viele werden sich sicherlich fragen, wo die Studien sind, die das gehäufte Vorkommen bzw. eine Prävalenz von kurz- und rundköpfigen Kaninchen für Zaherkrankungen, insbesonder Brachygnathia superior, beweisen. Schließlich schreiben sehr viele Wissenschaftler darüber. Habe ich sie bewusst weggelassen? Nein. Die einfache Antwort lautet: es gibt keine. Sicher existieren mittlerweile sehr viele Arbeiten bis hin zu Dissertationen, die mit wissenschaftlichen Methoden und Hilfe von Experten Untersuchungen zu Ursachen von Zahnerkrungen bei Kaninchen durchgeführt haben. Aber sie konnten keinen Beweis für die Behauptung führen. Manche Arbeiten wurden mt einer kleinen Zahl von ausgewählten Kaninchen durchgeführt, die einen Rückschluss auf eine Grundgesamtheit nicht zulassen (würden), auch wenn es gelegentlich so dargstellt wird. Leser, mit die wissenschaftlichen Methoden wie auch der Statistik vertraut sind, werden das feststellen. Und natürlich gibt es Arbeiten/Disserationen, deren Ergebnisse die Behauptung der Prädisposition bestimmter Kopfformen für "Brachygnathia superior" nicht stützen konnten, weil sie keine Unterschiede zwischen Kopfformen und Zahnerkrankungen fanden.

In einem weiteren Beitrag werde ich anhand von Beispielen zeigen, in welcher Weise die hier vorgestellten Fakten in relativ aktuellen Aufsätzen oder Büchern sowie auf Webseiten von Tierschützern und Tierärzten genutzt bzw. zitiert werden.

Der vorstehende Beitrag erschien mit ähnlichem Inhalt in der aktuellen Ausgabe der Kleintiernews: Rühle, A. 2020. Kritische Beleuchtung von "Qualzuchten". Neigen "Zwerge" mit Rundköpfen häufig zu Zahnerkrankungen? kleintiernews 63/2020. S. 28-33

Literatur

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Wegner, W. 1997. Zur Problematik der Zwergkaninchenzucht. Deutsche tierärztliche Wochenschrift 104. S. 181-18










Freitag, 9. Oktober 2020

Qualzucht 3 - Bakterien, Pilze und Schlappohren

[Nachtrag vom 20.10.2020 siehe am Ende des Beitrages]
 
Neulich wurde ich auf einen Artikel in der "Augsburger Allgemeinen" vom 4.10.2020 aufmerksam gemacht, die ich bis dato nicht kannte. Trotzdem möchte ich kurz auf die Punkte des Beitrages der Tierärztin T. Warter, 2020 eingehen. Dafür nutze ich einige Originalzitate aus englischsprachigen Aufsätzen. Lesern, denen Fremdsprachen nicht so liegen, empfehle ich den Online-Übersetzer DeepL.com. Einfach den englischen Text aus meinem Text herauskopieren (markieren und STRG + C) und im linken Fenster bei DeepL einfügen (STRG + V). Die Übersetzung sollte automatisch erfolgen, wenn nicht, die Spracheinstellungen im rechten Fenster ändern.

Die Autorin des Beitrages widmete sich den Ohren von Kaninchen, weil: "in einer neuen Untersuchung aus London haben Tierärzte die Gesundheit von Widderkaninchen mit der von Stehohrkaninchen verglichen.". Da die Herkunft der Untersuchung nicht explizit erwähnt wird, kann nur vermutet werden, dass es sich um die Arbeit von Johnson & Burn, 2019 handelt, die wohl beide am Royal Veterinary College/Hatfield in der Nähe von London tätig sind.

Bakterien & Pilze in Schlappohren

Die Autorin des Artikels in der "Augsburger Allgemeinen" schrieb im ersten Punkt über Ohrentzündungen, neben bekannten anatomischen Aspekten, auch folgendes: "Wo der Gehörgang seinen Übergang nach außen hat, hängt das Schlappohr wie ein dicker Vorhang vor dem Loch. Belüftung des Ohres? Fehlanzeige. Innen ist es warm und stickig — ein idealer Nährboden fur Bakterien oder Pilze. Fazit: 1:0 für Stehohren.". 
 
Tatsächlich wurden aber in der "neuen Untersuchung aus London" in Bezug auf Bakterien und Pilzen gar keine Unterschiede zwischen den Ohrtypen gefunden: "The presence/absence, and also number of, Malassezia-like yeasts found on microscopy were not statistically significantly different between lop-eared and erect-eared rabbits. Only one mite was found, identified as Psoroptes cuniculi, in the ear of an erect-eared rabbit. This rabbit had no associated clinical signs or previous history of aural problems. No rod bacteria were identified, but cocci were found in three lop-eared rabbits and two erect-eared rabbits." (Johnson & Burn, 2019). Das heißt, die Aussage der Autorin mit einem wahrscheinlichen Bezug auf die Arbeit von Johnson & Burn, 2019 ist falsch. Die einzige Milbe als Verursacher der Ohhräude (Psoroptes cuniculi) in der ganzen Untersuchung fand sich auch noch ausgerechnet bei einem Stehohrkaninchen.
 
Im Übrigen formulierten die Autorinnen Johnson & Burn, 2019 Fakten in ihrer Arbeit sehr vorsichtig: "The use of a rescue population may of course not represent the general population of pet rabbits. ... The results from this research support the hypothesis that lop-eared rabbits have more dental and aural pathology than erect-eared rabbits.". Sinngemäß übersetzt: Natürlich kann die Auswahl der Kaninchen einer Rettungsstation nicht repräsentativ für alle Heimkaninchen sein. Die Ergebnisse der Arbeit würden die Hypothese stützen, dass Hängeohrkaninchen öfter als Stehohrkaninchen an Zahn- und Ohrerkankungen leiden würden. Entgegen der pauschalen Rückführung von Ergebnissen einer klinischen Studie auf eine generelle Population, wie sie aus deutschen Arbeiten bekannt ist, formulierten die englischen Wissenschaftler ihre Rückschlüsse auch wissenschaftlich korrekt. Ergebnisse, die eine Hypothese stützen, sind immer noch kein zu pauschalisierender Fakt für eine generelle Population, sondern einfach nur eine weiterer Beitrag für eine Hypothese.

Interessanterweise gab es von Quinton et al., 2014 bereits eine Untersuchung, die das Vorkommen von Hefen im Ohr im Vergleich von Schlapp- und Stehohrkaninchen untersuchte. Das Kriterium für die Auswahl der verschiedenen Zwergkaninchen bestand darin, dass keines eine Otitis externa aufwies. Gemäß den Vermutungen/Behauptungen/Hypothesen hätten also Schlappohrkaninchen im Ohr eine deutlich höhere Erregerzahl als Stehohrkaninchen aufweisen müssen. Aber: "There was no significant difference regarding yeast isolation or number between the ear pinnae types, sex and age groups ... Bacteria were rarely observed and always in very small number. This is quite different compared to canine and feline ear cytology where cocci are common. As in the dog there was no difference between erected and pendulous pinnae in this study.". Auch hier finden sich also keine Hinweise darauf, was von der deutschen Tierärztin behauptet wurde.

Eine Dissertation von Reuschel, 2018 untersuchte ebenfalls die Mikroflora des Innenohrs von Kaninchen: "Für die Untersuchung der Mikroflora des Ohres bei Widderkaninchen wurden 30 Tiere ausgewählt, die ebenfalls aufgrund einer klinischen Erkrankung für eine CT in Narkose vorgestellt wurden. ... Die restlichen 24 Tupferproben stammten von Widderkaninchen, die aufgrund einer Otitisproblematik in der Klinik vorgestellt wurden.". In Bezug auf die Mikroflora wurde folgendes festgestellt: "Die Mikroflora bei gesunden Stehohrkaninchen und gesunden Widderkaninchen wies im χ²-Test und im exakten Test nach Fisher keine signifikanten Unterschiede auf, so dass für weitere Berechnungen diese beiden Gruppen zusammengefasst wurden. ... Die pathologische Flora bei einer Otitis externa zwischen Stehohr- und Widderkaninchen zeigte im χ²-Test und im exakten Test nach Fisher keine signifikanten Unterschiede. Auch bei einer Otitis media waren keine signifikanten Unterschiede feststellbar. Daher wurden beide Kaninchengruppen zu jeweils einer Gruppe mit Otitis externa und Otitis media zusammengefasst." (Reuschel, 2018). Die Mikroflora gesunder und erkrankter Schlapp- und Stehohrkaninchen unterschied sich nicht, so dass beide Gruppen in den Auswertungen zusammengefasst werden konnten. Oder anders - die illustre Beschreibung einer Wissenschaftlerin, dass der "dicke Vorhang vor dem Loch" für einen idealen Nährboden für Bakterien und Pilze sorgen würde, trifft gemäß den Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeit von Reuschel, 2018 schlicht und ergreifend nicht zu. 
 
Zu den weiteren Punkten Hörvermögen, Kommunikation und Verletzungen hatte ich bereits hier geschrieben. Die Formulierungen der Tierärztin zu diesen Themen stimmen weitgehend mit denen der erwähnten "Initiative" bzw, deren Webseite überein. Dort finden sich verschiedene "Mythen", die sorgsam gepflegt und "mantrahaft" (Weiß, 2008) wiederholt werden.
 
Ein Punkt, den ich dort erwähnt hatte, wurde auch von der Autorin aufgegriffen: Claaßen, 2018 stellte in seiner Dissertation (von der Autorin als "Messungen an der Universität Hannover" bezeichnet) fest, dass die Hörschwelle bei Widderkaninchen höher als bei Stehohrkaninchen liegt. Soweit, so richtig und nachvollziehbar. Die Autorin ging aber noch weiter und erklärte im selben Abschnitt offenbar im Zusammenhang mit der Dissertation: "Bei zusätzlichen chronischen Entzündungen werden Widderkaninchen manchmal sogar komplett taub.". Erstens wurde das von Claaßen in Bezug auf Widderkaninchen so nicht festgestellt und zweitens würde das auch Stehohrkaninchen betreffen - die möglichen Auswirkungen einer chronischen Mittelohrentzündung sind unabhängig von einer Ohrform, einer Tierart oder einer Rasse. Das sollte einer Tierärztin eigentlich bekannt sein. 
 
Ich hatte in einem früheren Beitrag aus einem Lehrbuch für medizinische Statistik von Weiß, 2008 zitiert und möchte es hier noch einmal wiederholen: "Ärztliches Handeln muss auf Wissen basieren. Ansonsten verfallen wir Zufällen und Halbwahrheiten, die auch dadurch nicht besser werden, dass sie mantrahaft wiederholt werden.". 

Nachtrag vom 20.10.2020: ich hatte am 13.10.2010 bei der Augsburger Allgemeinen nach der Quellenangabe für die "neuen Untersuchungen aus London" gefragt und am 19.10.2020 von der Tierärztin eine Antwort erhalten. Meine Annahme war richtig - es handelte sich um den Aufsatz von Johnson & Burn, 2019.

Literatur

Johnson, J. C. & Burn, C. C. 2019. Lop-eared rabbits have more aural and dental problems than erect-eared rabbits: a rescue population study. Veterinary Record 185, 758
 
Quinton, J. F., Francois, M., Laprais, A., & Prelaud, P. 2014. Cytology of the external auditory meatus in healthy domestic pet rabbits (Oryctolagus cuniculus). Revue Medecine Veterinaire, 165, 263-6.
 
Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460-9
 
Warter, T. 2020. Weshalb Kaninchen mit Stehohren gesünder leben. Augsburger Allgemeine (Online). Zugriff am 6.10.2020; https://www.augsburger-allgemeine.de/geld-leben/Weshalb-Kaninchen-mit-Stehohren-gesuender-leben-id58265361.html
 
Weiß. C. 2008. Basiswissen Medizinische Statistik. Springer-Verlag. ISBN 978-3-540-71460-6

Sonntag, 27. September 2020

Qualzucht 2 - Aufsätze und die Statistik

Im folgenden Beitrag erläutere ich kurz einige Grundlagen der Statistik, die für ein Verständnis von Studien sinnvoll sein können. Zum Prüfen der Informationen bzw. dem Nachlesen weiterer für Interessenten nutze ich ein die 4. Auflage eines Buches von Dr. Christel Weiß mit dem Titel „Basiswissen Medizinische Statistik“ von 2008 aus dem Springer-Verlag und zitiere daraus. Hervorhebungen stammen immer von mir.

Im Vorwort heißt es dort: „Es gibt keine gute Medizin ohne Biostatistik. ... Ärztliches Handeln muss auf Wissen basieren. Ansonsten verfallen wir Zufällen und Halbwahrheiten, die auch dadurch nicht besser werden, dass sie mantrahaft wiederholt werden. Dies wäre unter ethischen, medizinischen und ökonomischen Aspekten nicht vertretbar. Medizinische Forschung ohne Statistik ist nicht möglich.“ Ich zitiere das deshalb, weil ich es nicht besser formulieren könnte. 

Im ersten Kapitel findet sich folgende Aussage: „Im Übrigen ist jeder Arzt – unabhängig von seinem Arbeitsgebiet – angehalten, sich permanent weiterzubilden, da sich das medizinische Wissen rasant vermehrt. Dabei benötigt er statistische Kenntnisse, um gute von schlechten Studien zu unterscheiden und um die Relevanz der dargestellten Ergebnisse für seine Patienten oder sein Labor beurteilen zu können.“. Mittlerweile greift eine Methode unter Tierärzten um sich: wenn sie auf Mängel in Studien hingewiesen werden, gehen sie nicht darauf ein, sondern verweisen einfach auf Ergebnisse aus ihrer Praxis. Das wäre auch gar kein Problem: sie müssen diese ja nur dokumentieren und statistisch absichern. Zum Beispiel durch einen Vergleich zwischen Schlappohr- und Stehohrkaninchen unter Beachtung einer Grundgesamtheit - also Hauskaninchen, die außerhalb ihrer Wahrnehmung existieren.

Beispielhaft dienen zwei Arbeiten für die folgenden Betrachtungen: eine Dissertation von Reuschel, 2018 und ein Aufsatz von Johnson & Burn, 2019.

Die Hypothese

Den Ausgangspunkt solcher Studien ist formuliertes Ziel, welches gelegnetlich auch als Hyptothese H0 bezeichnet wird.

Bei Reuschel, 2018 findet sich das nicht am Anfang seiner Arbeit, sondern erst in der Zusammenfassung: „Erkrankungen des Ohres kommen beim Kaninchen häufig vor und vor allem Widderkaninchen gelten aufgrund ihrer Schlappohren als prädisponiert. Allerdings fehlen bisher umfassende Untersuchungen, die Prävalenzunterschiede bei Stehohr- und Widderkaninchen belegen. … Die vorliegende Arbeit hatte daher zum Ziel das Vorkommen von pathologischen Veränderungen am Ohr in Bezug auf Prävalenzunterschiede zwischen Stehohr- und Widderkaninchen zu untersuchen und die beiden Diagnostika Röntgen und Computertomografie zu vergleichen.“.

Johnson & Burn stellten folgende Hypothese für ihre Arbeit auf: „We hypothesised that if the lop-eared phenotype leads to functional impairment, there would be significantly more aural pathology, such as ear canal stenosis, cerumen accumulation and inflammation and dental pathology, such as incisor overgrowth and molar spurs, in lop-eared rabbits than in erect-eared rabbits." (Übers.: Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass es durch den Phänotyp des Schlappohrs zu einer Funktionsbeeinträchtigung kommt, die bei Schlappohrkaninchen zu signifikant mehr Ohrerkrankungen wie Gehörgangsstenose, Cerumenanhäufung und Entzündungen sowie zu Zahnerkrankungen wie verlängerte Schneidezähne und Backenzahnspitzen führen würden als bei Kaninchen mit Stehohren.)

Die Grundgesamtheit

In beiden Arbeiten gibt es in Bezug auf den Phänotyp (Schlapp- vs. Stehohr) keine weitere Einschränkung wie z. B. einer Haltungsform. Sie beziehen sich also beide pauschal auf alle Tiere dieser zwei Gruppen. Damit schaffen sich die Autoren der Arbeiten selbst ein Problem, denn theoretisch müsste man alle Hauskaninchen dieser Welt einsammeln und auf Ohr- bzw. Zahnerkrankungen untersuchen. Das wäre die sogenannte „Grundgesamtheit“, auf die sich die Untersuchungserbnisse beziehen sollen. Man kann die Wahrscheinlichkeit des Auftretens dieser Krankheiten bei Kaninchen aber auch mit einer Stichprobe untersuchen, die dieser Grundgesamtheit entnommen wird und für diese repräsentativ ist.

Die Stichprobe

Weiß, 2008: „Im Allgemeinen beschränkt man sich jedoch – insbesondere in der medizinischen Forschung – auf die Untersuchung einer relativ kleinen Teilmenge, nämlich der Stichprobe, und überträgt die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf die Grundgesamtheit. Dies ist allerdings nur unter der Voraussetzung sinnvoll, dass die charakteristischen Eigenschaften der Stichprobe – abgesehen von zufällig bedingten Abweichungen – mit denen der Grundgesamtheit übereinstimmen. Eine solche Stichprobe heißt repräsentativ.“

Stichprobengröße

Dazu Weiß, 2008: „Die optimale Stichprobengröße muss daher vor der Datenerhebung festgelegt werden. Sie hängt von zahlreichen Faktoren ab, u. a. von den Skalenniveaus der Merkmale, den Kenngrößen, die geschätzt werden sollen und der erforderlichen Genauigkeit der Schätzung.“. Früher musste die mühsam errechnet werden, heute kann man sogar im Internet Tools finden, die einem diese Arbeit abnehmen.

Hier ergibt sich nun folgendes Problem: die TVT z. B. schreibt in ihrem Merkblatt 157 von „Heimkaninchen“. Daneben existiert aber deutschlandweit noch eine Population von Zuchtkaninchen, die den Standards für Rassekaninchenzucht des ZDRK folgen. Das bedeutet, die gesamte Kaninchenpopulation (außer Wildkaninchen und industrielle Mast) setzt sich aus Tieren zusammen, die in Wohnungen, bei Hobbyzüchtern, in Tierheimen und bei Rassekaninchenzüchtern (ZDRK) leben. Die charakteristischen Eigenschaften dieser Haltungsformen können ganz unterschiedlich sein, was sich natürlich auf eine Stichprobe auswirken kann. 

Von den genannten Populationen existiert nur eine, die sehr viele Informationen über die Zahl der Tiere und deren Zustand dokumentiert: die organisierte Rassekaninchenzucht im Verband des ZDRK. Der Bestand der Tiere wird von der „Zentrale Dokumentation Tiergenetischer Ressourcen in Deutschland“ (TGRDEU) erfasst, die zur „Bundeszentrale Landwirtschaft und Ernährung“ (BLE) gehört. Im Jahr 2018 wurden von ihr insgesamt 693.671 Kaninchen verschiedener Rassen und Farben der organisierten Zucht erfasst. Von diesen gehörten 119.064 Tiere (17%) verschiedenen Widderrassen, also „Schlappohren“ an. Der Einfachheit halber gehe ich im Weiteren von einer Gesamtzahl der Rassekaninchen von 700.000 aus. Ebenfalls angenommen wird von mir eine doppelte Populationsgröße im unkontrollierten „Dunkelfeld“ (Wohnungen, Hobbyzucht, Tierheime, „Pflegestellen“ etc.), also 1.400.000 Tiere. Das ergäbe eine Grundgesamt von 2,1 Millionen Hauskaninchen in Deutschland.  Um die nötige, repräsentative Stichprobengröße zu errechnen, benutze ich den Online-Rechner. Ohne tiefer darauf einzugehen, werden für das Konfidenzniveau 95% und für die Fehlerspanne 5% ausgewählt, die standardmäßig in solchen Untersuchungen benutzt werden. Erklärungen dazu finden sich auf der gleichen Webseite. Damit ergibt sich als Stichprobengröße aus der Grundgesamtheit eine Anzahl von 385 Tieren. Wie bereits erwähnt ergibt sich diese Anzahl aus dem Anspruch der zwei Arbeiten, eine Prädisposition für bestimmte Erkrankungen allgemein für Widderkaninchen nachweisen zu wollen.

Ich schreibe häufig, dass sich das Ziel einer Arbeit allein schon aus grundlegenden, methodischen Mängeln nicht erreichen ließ. Eine zu kleine Stichprobe ist z. B. ein Grund dafür. Johnson & Burn untersuchten 30 Tiere (15 Schlapp-, 15 Stehohren). Damit ist der Fall erledigt. Man kann diese Arbeit als "Case study" bzw. Fallstudie bezeichnen. Aber sie ist nicht dafür geeignet, einen Rückschluss auf eine Population von Kaninchen allgemein zu ziehen. Das schreiben übrigens die Autorinnen auch selbst: "The use of a rescue population may of course not represent the general population of pet rabbits."

Weiß, 2008 schrieb zu diesem Thema (auf die Humanmedizin bezogen), dass man Untersuchungen „nur für einen speziellen, eng begrenzten Personenkreis durchführt und diesen als Grundgesamtheit auffasst. Allerdings gelten die dadurch gewonnenen Ergebnisse nur eingeschränkt auf die Menge der untersuchten Personen und lassen sich nicht verallgemeinern.“.

Auswahl der Stichprobe

Ein weiteres wichtiges Merkmal eine Stichprobe ist eine zufällige Auswahl aus der Grundgesamtheit. Johnson & Burn, 2019 untersuchten Tiere aus einem Tierheim, deren Mitarbeiter als kompetent beschrieben wurden. Der Leiterin des Tierheims, die die Tiere aussuchen sollte, wurde mitgeteilt, dass neben dem allgemeinen Zustand der Tiere die Zähne und Ohren untersucht werden sollten. Mit ihrer Kompetenz muss der Leiterin also klar gewesen sein, was das Ziel der „Studie“ war. Auffällig bei ihrer Auswahl von Tieren war z. B., dass keines der Stehohrkaninchen auffällige Krankheitsanzeichen oder Behandlungen aufwies (Backenzahnspitzen, potenzielle orale Schmerzreaktion, Mundschleimhautwunden, schlechter Fellzustand, Hypersalivation (Speicheln), tierärztliche Zahnbehandlung, tierärztliche Behandlung des Gehörs und Kratzen an den Ohren). Gemäß anderer tierärztlicher Studien hätte mindestens ein Tier an Zahnerkrankungen leiden müssen. Das deutet auf eine sorgfältige Auswahl hin. Wie bereits erwähnt, wiesen die Autorinnen aber selbst darauf hin, dass die Auswahl ncht repräsentativ für eine Grundgesamtheit ist.
 

Reuschel, 2018 untersuchte CT-Aufnahmen von insgesamt 388 Kaninchen, aber eben nur Tiere, die über einen Zeitraum von knapp 7 Jahren an der TIHO Hannover wegen diverser Krankheitssymptome vorgestellt wurden – also keiner Grundgesamtheit, die z. B. auch gesunde Tiere enthalten würde: „Alle CT-Untersuchungen wurden aus diagnostischen Gründen aufgrund vorliegender Erkrankungen der Ohren, der Zähne, des Atemtraktes oder aufgrund von Traumata durchgeführt. Bei allen Kaninchen handelte es sich um als Heimtier gehaltene Kaninchen diverser Rassen.“. Eine Kritik der Methode erfolgte in der Arbeit nicht, obwohl der Fakt, dass es sich um keine repräsentative Auswahl von Heimkaninchen handelte, einen Rückschluss auf diese Population nicht ermöglicht. Bei den Erkrankungen handelt es sich vornehmlich um solche im Kopfbereich.

Die vorstehenden, kritischen Darstellungen haben nichts mit der Qualität der jeweiligen Arbeit an sich zu tun. Sie sollen lediglich verdeutlichen, dass sie für die Zwecke, für die sie heute gebraucht werden, nicht geeignet sind.

An dieser Stelle sei noch ein Punkt erwähnt, der die Arbeit von Johnson & Burn, 2019 nicht besonders seriös erscheinen lässt. Es ist sehr beliebt, Auswertungen von einer zu kleinen Datenmenge damit zu kaschieren, dass sie in Prozent angegeben werden. Man könnte also z. B. behaupten, dass 50% einer Population verstarben, obwohl sie nur aus zwei Tieren bestand und eines davon verstarb. Aus einer prozentualen Angabe wird dieser Fakt nicht deutlich. Jason & Burn stellten in ihrer Arbeit z. B. fest, dass 7 von 15 Schlappohrkaninchen Schneidezahnerkrankungen aufwiesen, während dies bei Stehohrkaninchen nur bei 1 von 15 Tieren der Fall war. Daraus wurde dann folgende Aussage konstruiert: "Lop-eared rabbits had approximately 23 times higher odds of incisor pathology compared with erect-eared rabbits ...". Basierend auf einer ausgesuchten Datenmenge von jeweils 15 Tieren! Damit sollte wohl eine gewisse Dramatik erzeugt werden, was aber auf Grund der Datenmenge eher peinlich wirkt. Von Tierschützern wird diese Art der Darstellung eines Ergebnisses natürlich begeistert aufgegriffen.

In Bezug auf meine Kritiken wird mir von Tierschützern u. a. auch unterstellt, ich wäre als Lobbyist von wem oder was auch immer unterwegs. Vor einiger Zeit wurden von mir zwei Artikel in der "Kaninchenzeitung" veröffentlicht, die sich, passend zum Thema, mit statistischen Auswertungen beschäftigten. Hintergrund war damals die Behauptung, dass Kaninchen größerer Rassen aus bestimmten Gründen nur mit Pellets zu ernähren seien. Der "Wiesenfütterung" wurde in diesem Zusammenhang eine Tierschutzrelevanz unterstellt. Wer daran interessiert ist zu erfahren, wen und was ich damals kritisiert habe, kann das hier nachlesen:

Die Kapazität der Verdauungsorgane von Kaninchen
https://kaninchenwuerdenwiesekaufen.blogspot.com/2018/03/die-kapazitat-der-verdauungsorgane-von.html

Die Kapazität der Verdauungsorgane von Kaninchen (2)
https://kaninchenwuerdenwiesekaufen.blogspot.com/2018/03/die-kapazitat-der-verdauungsorgane-von_31.html

Literatur

Johnson, J. C. & Burn, C. C. 2019. Lop-eared rabbits have more aural and dental problems than erect-eared rabbits: a rescue population study Veterinary Record 185, 758

Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460

Weiß. C. 2008. Basiswissen Medizinische Statistik. Springer-Verlag. ISBN 978-3-540-71460-6

Samstag, 29. August 2020

Qualzucht

Einleitung

In letzter Zeit häufen sich Bestrebungen, bestimmte Zuchtformen von Kaninchen als „Qualzuchten“ zu bezeichnen. Im Moment handelt es sich dabei um Zwergkaninchen mit weniger als 1,0 kg Körpergewicht sowie Widderkaninchen mit „Hängeohren“ und Rassen mit kurzem bzw. runden Kopfformen. 

Von einer „Initiative“, die auch von Tierärzten unterstützt wird, wurde dazu ein „Flyer“ mit äußerst fragwürdigen Behauptungen öffentlich zur Verfügung gestellt. Auf der Webseite dieser „Initiative“ werden diese etwas ausführlicher erläutert. Als Beleg für die Behauptungen werden am Ende der jeweiligen Seiten Literaturangaben geliefert - also nicht der jeweiligen Behauptung zugeordnet, wie es eigentlich üblich ist. Insofern ist Zuordnung der Quelle zur jeweiligen Behauptung schwierig. Vielleicht war auch genau das beabsichtigt. 

Einen weiteren Beitrag mit Behauptungen über „tierschutzrelevante Zuchtformen“ bei Kaninchen lieferte das 2019 erschienene Merkblatt 157 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT. 

In diesem Beitrag gehe ich am Ende auf die gebotenen Literaturquellen der „Initiative“ ein, soweit sie mir zur Verfügung stehen. Am Anfang steht ein sehr kurzer Abriss der Geschichte der Rassezucht in Bezug auf die eingangs erwähnten Zuchtformen. Anschließend wird auf verschiedene Behauptungen eingegangen.

Eine sehr kurze Geschichte der Zucht bestimmter Rassekaninchen 

In der Natur sind Wildkaninchen als typische Beutetiere den verschiedensten Gefahren ausgesetzt. Ihre Lebensgewohnheiten sowie ihre Physis sind an diese Gegebenheiten angepasst und nur jene Tiere, die am besten angepasst sind, verfügen über gute Chancen für ein Überleben. 

1864 verglich Herbert Spencer in seiner Auseinandersetzung mit dem Buch „Die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin dessen Theorie der „Natürlichen Zuchtwahl“ (Selektion) mit seiner eigenen und schrieb: „Applying alike to the lowest and the highest forms of organization, there is in all cases a progressive adaptation; and a survival of the most adapted. … This survival of the fittest, which I have here sought to express in mechanical terms, is that which Mr. Darwin has called “natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life“. Charles Darwin ging 1868 noch einmal darauf ein und notierte: „Dass während des Kampfes um das Dasein diejenigen Varietäten erhalten werden, welche irgend einen Vortheil in ihrer Structur, Constitution oder ihrem Instinkt darbieten, habe ich natürliche Zuchtwahl genannt und Herbert Spencer hat für diese Idee den ganz guten Ausdruck „Überleben des Passendsten.“ (Hervorhebung A. R.). 

Mit der Entnahme des Wildkaninchens aus der Natur ergaben sich Veränderungen des Phänotyps, welche schlicht unter anderem darauf beruhten, dass es keinem Feinddruck mehr ausgesetzt war. Der fehlende, tägliche Überlebenskampf mit weniger Bewegung und der nötigen Aufmerksamkeit sowie alternative Ernährungsweisen führten zu einer Reihe messbarer Unterschiede im Vergleich zum Wildkaninchen. Arbeiten darüber existieren z. B. von Müller, 1919 und Fischer, 1973. Von Herre & Röhrs, 1990 wurden diese Informationen, neben denen von anderen Hautieren, zusammengefasst.

Tabelle 1: Veränderungen verschiedener Organe von Hauskaninchen im Vergleich zu Wildkaninchen, aus Herre und Röhrs, 1990 



 




Anatomische Beschreibung mit Zeichnungen der Unterschiede des Schädels wie auch der Gehörgänge zwischen Wildkaninchen und „grossen hängeohrigen Kaninchen“ finden sich z. B. in einem Werk von Charles Darwin, welches 1868 in Deutschland unter dem Titel „Das Variieren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication“ erschien. 

Nach dem Deutsch-Französischem Krieg 1870-1871 gelangten Widderkaninchen aus Frankreich mit heimkehrenden Soldaten nach Deutschland und wurden hier weitergezüchtet. 1919 zitierte Ernst Müller in seiner Dissertation einen Kaninchenexperten seiner Zeit mit den folgenden Worten: "Wenn man die vielen, heutzutage existierenden Rassen ·des Hauskaninchens betrachtet, könnte man in der Tat daran zweifeln, ob diese verschieden geformten und gefärbten Tiere wirklich nur Rassen ein und derselben Art seien. Aber ebenso leicht wie sich das wilde, graue Kaninchen zu seinen verschiedenen Rassen umzüchten läßt, ebenso leicht verwildern diese wieder, wenn sie sich selbst überlassen werden, und sie nehmen, in allem wieder die Merkmale der alten Stammform an." (Gerhardt, 1909).

1968 wurde das Widderkaninchen in der BRD als Standard anerkannt und 1980 in der DDR. Karl Friedrich Dorn, 1975 sah die „Schlappohren“ der Widderkaninchen als Ergebnis der Domestikation, ähnlich wie bei verschiedenen Hunden, Schafen, Ziegen und Schweinen und als ein Ergebnis der Auslese durch den Züchter, welches nicht auf Mutation beruht. Beeinflussen lässt sich die Ohrlänge z. B. durch die Temperatur. In historischen Büchern sucht man vergeblich nach Hinweisen darauf, dass „hängeohrige“ und „kurz- bzw. rundköpfige“ Kaninchen besonders anfällig für Krankheiten wären. Zahnfehler spielten in allen Quellen so gut wie keine Rolle und parasitäre Erkrankungen wie z. B. die „Ohrräude“ wurden allgemein für alle Rassen abgehandelt, so beispielsweise von Mahlich, 1903; Schneider, 1911; Felden, 1921 und Joppich, 1946.

Neben der eigenständigen Art des nordamerikanischen Zwergkaninchens (Brachylagus idahoensis), existiert eine Zwergform des Europäischen Wildkaninchens auf der Insel Porto Santo. Diese Tiere wiegen nur etwa 700 g und stammen von einer Häsin mit ihrem Nachwuchs ab, die um 1418/19 auf der Insel ausgesetzt wurden (Darwin, 1868). 

Das Hermelinkaninchen als Beispiel für eine kleinwüchsige Zuchtrasse wurde erstmals 1884 auf einer Ausstellung in England gezeigt. Bis nach 1920 wurden Hermelinkaninchen aus England nach Deutschland importiert. Die reine deutsche Zucht des Blauaugenhermelins wurde 1919 erstmals in Leipzig ausgestellt. Der Rassestandard für das Hermelinkaninchen gibt ein Gewicht von 1,0-1,5 kg vor (Rassestandard 2018). Im Vergleich dazu beträgt das durchschnittliche Gewicht von Wildkaninchen in Deutschland 1,55 kg. Spanische Wildkaninchen der Unterart Oryctolagus cuniculus algirus sind dagegen deutlich kleiner als ihre deutschen Artgenossen. Ferreira et al, 2016 ermittelten für zwei verschiedene Regionen Durchschnittsgewichte von 1043 g (Oryctolagus cuniculus algirus) bzw. 1234 g (Oryctolagus cuniculus cuniculus).

Bild: Normalverteilung für die Gewichte von Wild- und Hauskaninchen nach Daten aus Kaetzke et al., 2003 (Oryctolagus cuniculus cuniculus (O. c. cuniculus)); Gewicht des Porto-Santo-Kaninchens nach Daten von Darwin, 1868; Gewicht von Oryctolagus cuniculus algirus (O. c. algirus)) nach Ferreira et al, 2016 und  Gewichtsbereich nach Zuchtstandard für Hermelinkaninchen (ZDRK-Standard, 2018)













Neben dem Porto-Santo-Kaninchen mit einem durchschnittlichen Gewicht von 700 g gibt es auch spanische Wildkaninchen, die einer natürlichen Zwergform entsprechen und ein Gewicht von 1000 g unterschreiten, welches z. B. die TVT für Hauskaninchen als „tierschutzrelevant“ ansieht.

BMEL-Gutachten und Experten

In einem Gutachten der „Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht“ (BMEL, 2005) zum §11b des Tierschutzgesetzes in Bezug auf Kaninchen wird auch ein Standardwerk von Rudolph & Kalinowski, „Das Hauskaninchen“ als Quelle angeführt. Aus der 2. Auflage, 1984 sei hier beispielhaft folgendes zitiert:

  • Zwergwuchs „Klinische Symptome: Nanasomie (proportionaler Zwergwuchs) der normalen Körpergröße, letal bei Homozygotie. Bei Heterozygotie: geringe Verkleinerung der Körper- und Ohrengröße, keine Einflüsse auf Vitalität. Bei Hermelinkaninchen aufgetreten. Genetik: Semidominante letale Mutatation, (DW/Dw) oder (nan/nan).“
  • Brachygnathia  superior „(Mandibuläre Prognathie) Klinische Symptome: Verkürzung des Oberkiefers, Anomalie der Schneidezähne; gestörte Proportionen zwischen Ober- und Unterkiefer; Überstand der unteren über die oberen Schneidezähne (anomale Okklusion), Abnutzung der nachwachsenden Schneidezähne unzureichend oder unmöglich; zunehmend erschwerte Futteraufnahme, Verhungern der Tiere. Ausprägung des Defekts bereits mit 6 Wochen möglich, aber auch in späterem Alter. Beobachtet bei Weißen Neuseeländern, Dänischer Landrasse, Japaner-Kaninchen u. a. Genetik: Autosomal-rezessive Vererbung mit unvollständiger Penetranz und Expressivität (mp/mp) oder polygener Erbgang.“
  • Tremor "Klinische Symptome: Schüttellähmung, erste Merkmale bis zum 14. Lebenstag. Verläuft in 3 Phasen:
  1. alle Stufen bis zu grober Zitterbewegung des Körpers; durch akustische Reize verstärkte Schüttelbewegung
  2. zusätzlich schlaffe Lähmung an Hinterextremitäten, im 2. Lebensmonat beginnend; verminderte Nahrungsaufnahme, körperlicher Verfall
  3. völlige Paralyse; Tod durch Entkräftung. Rammler steril (verminderte Spermiogenese), Häsinnen fruchtbar. Beim Widderkaninchen aufgetreten. Genetik: Autosomal-rezessiver Erbgang (tr/tr).“

Zusätzlich wurde zu genetischen Defekten von Kaninchen folgendes angemerkt: „In der auf Fleischproduktion gerichteten Kaninchenzucht sind genetisch bedingte Defekte dagegen meist unerwünscht. Wertvolle Vatertiere sollten möglichst keine Anlagenträger für Defekte sein, die die Vitalität beeinflussen. Eine von allen genetisch bedingten Defekten freie Population ist jedoch eine Illusion, da die im Regelfall immer vorhandenen Anlagen im homozygoten Zustand - der bei ungünstiger Paarungskonstellation eintritt - Merkmalsträger entstehen lassen.“ (Rudolph & Kalinowski, 1984)

Den, bei Widderkaninchen, aufgetreten Fall von „Tremor“ bzw. „Schüttellähmung“ wie auch die Suche nach dem Verursacher beschrieb Hans Nachtsheim 1949 in der zweiten Auflage des Buches „Vom Wildtier zum Haustier“. Die Schwierigkeit bei der damaligen Suche nach dem „schuldigen“ Tier lag darin, dass es sich dabei um ein rezessives (verdecktes) Erbmerkmal handelt. Wenn das Partnertier des Trägers gesund ist, erkrankt kein Tier der nächsten Generation daran, aber die Hälfte der Nachkommen trägt dieses Merkmal in ihrem Erbgut. Als Ausgangspunkt der Krankheit wurde seinerzeit schließlich der Rammler eines Züchters in Brandenburg identifiziert.

Prof. Dr. Rudolph ging 1997 in einem Artikel noch einmal etwas ausführlicher auf die Zucht von Zwergkaninchen ein. Dieser wurde, trotz der fachlichen Tiefe, in dem Gutachten nicht erwähnt. Aus der Zusammenfassung zitiert: „Faßt man die Darlegungen zusammen, so ist nachdrücklich festzustellen, daß die Zucht von Zwergkaninchen dem Tierschutz nicht zuwiderläuft. Sie ist auch nicht als Qualzucht einzustufen. […] Es ist zwischen Verzwergung (Ergebnis der Selektion) und den Zwergen (Einfluß eines Gens für Zwergwuchs) zu unterscheiden, und oft genug kommen beide Einflüsse in einem Tier zusammen, Die Wirkung von Letalfaktoren läßt sich durch sinnvolle Anpaarung der Genotypen ausschließen. Eine Kopplung zwischen dem Dw-Gen mit Genen, die Defekte hervorrufen (z. B. Zahn- oder Kieferanomalien}, ist nach heutigem Erkenntnisstand nicht gegeben. Genetische Defekte häufen sich besonders bei Inzucht. Es empfiehlt sich deshalb eine Zusammenarbeit mehrerer Züchter, um Linien aufzubauen und die Vorteile eines größeren, gemeinsam zu lenkenden Zuchttierbestandes, bei dem die Tiere im persönlichen Besitz bleiben, für ausreichende Fruchtbarkeit und Verbesserung der Gesundheit (Hybrideffekt durch Linienkreuzung) zu nutzen. Und künftig mögen die Kaninchenzüchter bei Sendungen oder Beiträgen der Medien folgenschwere „Verwechslungen“ von wissenschaftlichen Tatbeständen, die sich dann daraus herleitenden irrigen Schlußfolgerungen sowie das verschwommene fachliche Gefasel mancher Kritikaster erspart bleiben.“ (Hervorhebung A. R.). Dem Wunsch schließe ich mich vollinhaltlich an, auch wenn er sich nicht erfüllen wird. Künftig wird wohl auch das Geschlecht von Kaninchen wahrscheinlich nicht mehr bestimmt, sondern konstruiert.
  
Während z. B. in der Forschung mit Kaninchen als Versuchstieren bewusst Linien mit Gendefekten gezüchtet wurden, um das Entstehen und die Übertragung von Krankheiten zu untersuchen, wurde und wird in der organisierten Rassekaninchenzucht alles dafür getan, Gendefekte aus der Zucht auszuschließen. Zu diesem Zweck werden Abstammungen in „Herdbüchern“ dokumentiert. Kein Rassekaninchenzüchter hat ein Interesse daran, seine Plätze mit kranken Tieren zu belegen oder solche weiterzugeben.

Hörsinn

Im Zusammenhang mit den "hängenden Ohren" der Widderkaninchen wird eine verringerte Hörleistung für diese Rasse behauptet. 

Bis vor einiger Zeit hätte ich dieser Behauptung vorbehaltlos zugestimmt, weil  ich der Meinung war, dass es durch die Veränderung der Ohren bei Widderkaninchen in Form des schallauffangenden, äußeren Ohres zu Beeinträchtigungen des Hörsinns bei Widderkaninchen kommt.

Als Quelle für die Behauptung wird eine Dissertation von W. Claaßen aus dem Jahr 2018 angeführt. In dieser Arbeit wurde die Hörleistung von gesunden und kranken Kaninchen mit Kopfschiefhaltung verschiedenen Alters, Gewichtes sowie verschiedener Rassen untersucht.

Als Ergebnis von Voruntersuchungen folgendes festgestellt: "Es zeigten sich große Abweichungen der Hörschwelle innerhalb der verschiedenen Tiergruppen. Auch in der Gruppe der klinisch gesunden Tiere wiesen einige Kaninchen sehr hohe Hörschwellen (bis 110 dB HL) auf. Im Gegensatz dazu gab es einige Kaninchen, die bei 0 dB HL noch sehr ausgeprägte Hörkurven aufwiesen. Aufgrund der hohen Variabilität der Hörschwelle, überstieg häufig die Standadabweichung die Mittelwerte, aus diesem Grund wurden die Mediane verwendet. Mit dem Nicoletgerät war es nicht möglich unterhalb von 0 dB zu messen. Aus diesem Grund wurde für diese Tiere eine Hörschwelle von –5 dB HL angenommen." (S. 71).

Weiterhin wurde folgendes festgestellt: "Die Hörschwelle der FAEP bei klinisch gesunden Tieren lag im Median bei -5 (-5 – 22,5) dB nHL mit einen Minimum bei –5 und einen Maximum bei 110 dB, es stellten sich einige der gesunden Tiere als taub heraus." (S. 89).

Um die Erklärungen etwas abzukürzen, sollen die zwei folgenden Tabellen aus der Dissertation die Frage nach einer pauschalen, geringeren Hörleistung beantworten. Rot eingerahmt sind die Bereiche für die Hörschwelle aller gesunden Tiere und die von gesunden Widdern. Ich war selbst etwas überrascht, denn wie bereits erwähnt, war ich auch der Annahme, dass Widder grundsätzlich etwas schlechter hören. Tatsächlich sind sie aber sehr wohl in der Lage, den (angenommenen) niedrigsten Wert der Hörschwelle zu erreichen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das heißt, dass die Ergebnisse dieser Arbeit die Behauptung widerlegen, dass Widderkaninchen pauschal schlechter hören als Kaninchen mit Stehohren. Die sehr große Variabilität in den Meßwerten lässt darauf schließen, dass individuelle Eigenheiten das Hörvermögen stark beeinflussen. 

Sehfeld/Sehraum

Es wird behauptet, dass hängende Ohren bei Widderkaninchen zu einem eingeschränkten Sehfeld bzw. Sehraum führen. 

Für diese Behauptung wird eine Grafik geliefert, die das Sehfeld eines Kaninchens darstellen soll. Eine ganz ähnliche wurde von W. H. Leicht 1979 veröffentlicht und von mir etwas verändert in meinem Buch "Kaninchen würden Wiese kaufen" mit Angabe der Quelle übernommen. Bei der Übernahme ihrerseits hat die "Initiative" vergessen, eine der Quellen anzugeben und zudem nicht verstanden, dass diese Grafik das Sehfeld eines Wildkaninchens darstellt.














Dieses Sehfeld bzw. der gesamte Sehraum ergibt sich beim Wildkaninchen aus den Fakten, dass die Augen sehr groß sind und weit aus der Augenhöhle herausstehen.


Bei so gut wie allen Hauskaninchen haben sich, wie bereits erwähnt, u. a. Veränderungen in anatomischer Hinsicht ergeben, die sie deutlich von Wildkaninchen unterscheiden - und zwar unabhängig von der Rasse bzw. Ohrform - siehe auch die Werte in der Tabelle der Veränderungen der Organe von Hauskaninchen im Vergleich zu Wildkaninchen am Anfang des Artikels. Die Ohrform von Hauskaninchen mit einem verringerten Sehfeld in Verbindung zu bringen, ist also sinnfrei.




 

 

 

 

 

 

Kommunikation und Verhalten

Im Zusammenhang mit Schlappohren wird eine verringerte Kommunikationsfähigkeit sowie eine höhere Anfälligkeit für Ohrverletzungen bei Auseinandersetzungen behauptet. 

In seiner Dissertation verglich Richard Kraft 1976 Verhaltensweisen von Wildkaninchen mit Hauskaninchen und stellte u. a. zusammenfassend fest: "Bei Kaninchen fehlen dagegen feinere Ausdrucksm6glichkeiten. Eine Gesichtsmimik ist nicht erkennbar, lediglich die Schwanzhaltung besitzt Ausdruckscharakter und kann aggressive oder sexuelle Erregung signalisieren. Ritualisierte Verhaltensweisen, die für das soziale Zusammenleben eine Rolle spielen, beschränken sich bei Kaninchen nicht auf einzelne Körperteile wie Kopf oder Ohren, sondern erfassen den ganzen Körper. So äußert sich die Aggression gegen Rangniedere in aggressivem Jagen und Vorstoßen, die an Stelle von Drohgebärden die soziale Rangordnung aufrechterhalten und Verletzungen weitgehend verhindern."(S. 92, Hervorhebung A. R.) 

Das heißt, dass in der Kommunikation die Ohren so gut wie keines Rolle spielen. Bestätigen kann ich diese Feststellung aus eigenen Beobachtungen von Wildkaninchen und natürlich von Hauskaninchen mit Steh- und Schlappohren. Das folgende Bild gibt eine Situation zwischen Wildkaninchen wieder. Das rechte (flüchtende) Tier hatte sich etwas zu weit in das Territorium einer fremden Gruppe gewagt und wurde von deren Leitrammler (linkes, angreifendes Tier) vertrieben. Der Angriff erfolgte weitgehend ansatzlos - irgendwann war eine unsichtbare Grenze überschritten und der Leitrammler stürmte los. Die Ohrhaltung ist bei beiden Tieren unauffällig, aber die Blume (der Schwanz) des Angreifers ist steil aufgerichtet, was die Beobachtungen von R. Kraft bestätigt.


 

 

 

 

 

 

 

 

Normalerweise gehen Situationen wie diese gimpflich aus, also ohne schwere Verletzungen, weil unterlegene Tiere sich selten auf einen Kampf einlassen und flüchten. In der Heimtierhaltung ist dagegen oft das Platzangebot zu gering, so dass sich unterlegene Tiere nicht oder nur unzureichend zurückziehen können. Bei Bildern von aggressiven Tieren sollte möglichst das ganze Tier beachtet werden. Wenn wenn z. B. der Kopf weit in den Nacken gebogen ist, kommen die Ohren automatisch auf dem Rücken zu liegen. 

Interpretationen der Verhaltensweisen von Kaninchen sind für Laien nicht einfach und bisweilen werden wohl auch solche von anderen Tierarten auf sie übertragen. Wenn möglich, sollte bei Fragen der sozialen Kommunikation, insbesondere bei sogenannten "Vergesellschaftungen" einander fremder Tiere, ein wirklicher Experte hinzugezogen werden. Veröffentlichungen falscher Interpretationen können Tieren eventuell Schaden zufügen.

Wichtig ist aber zu wissen, dass die wichtigste Form der Kommunikation von Kaninchen der "Geruch" ist. Das Wissen darüber und seine Anwendung in der Heimtierhaltung könnte vielen Tieren wirklich helfen.

Verletzungen

Ein Konzept der Haltung von Haustieren beinhaltet ihre "Schadensfreiheit", also die Forderung an Tierhalter, mögliche Schäden am Tier zu verhindern. Im Fall der Kaninchen ist diese Forderung eigentlich nicht zu erfüllen, es sei denn, man hält sie einzeln. Das wiederum würde der Forderung widersprechen, sozial lebende Tiere einzeln zu halten. Das Paradoxon besteht darin, dass es in sozialen Gemeinschaften prinzipiell zu "Streit" kommen kann, der zu Verletzungen führt. Diese können nur ausgeschlossen werden, wenn Individuen so gehalten werden, dass sie keine anderen verletzen können - also allein. Beobachtung von mir an Wildkaninchen zeigen eine sehr hohe Verletzungsrate besonders der Ohren. Fast jedes Tier in den Gruppen weist mehr oder weniger starke Verletzungen an den Ohren auf, auch Jungtiere.


"Kurzköpfigkeit"

Zum Thema der kurzen und runden Köpfe von Hauskaninchen wurde in Vergangenheit vor allem von Seiten des Tierschutzes, aber auch von Tierärzten sehr viele Behauptungen aufgestellt und nicht eine davon konnte bisher wissenschaftlich belegt werden. Die "Initiative" reiht sich mit ihren Aufstellungen von Fakten und Zahlen dabei nahtlos ein. Diese stammen in der Regel aus verschiedenen Untersuchungen (Studien) und sollen dazu dienen, bestimmte Behauptungen zu untermauern. Gern werden auch aus Gründen der Quantität noch Quellen wie Bücher angeführt, die in der Regel zwar solche Themen behandeln, aber nicht das Zustandekommen von Ergebnissen. Auf der Webseite der Initiative heißt es öfters: "Fakten aktueller Studien" ohne diese konkret zu benennen. Geliefert wird am Ende der Seiten dann ein Literaturverzeichnis. Wo nun also die jeweils konkreten "Fakten" herkommen, muss man erraten. Somit ist es auch nicht möglich, falsche Behauptungen anhand der konkreten "Studien" nachzuweisen, was wohl auch die Absicht ist. Dem Thema der "Kurzköpfigkeit" wird von der "Initiative" eine eigene Seite gewidmet, auf der von "Brachyzephalie" die Rede ist. Auch ich werde das Thema noch gesondert behandeln.

Hier noch eine Betrachtung der Literatur zur "Problematik" von Widderkaninchen, die von der "Initiative" geboten wird.

Literatur

  • Capello, V. (2006, January). Lateral ear canal resection and ablation in pet rabbits. In Proceedings of the North American Veterinary Conference, Orlando, Florida (pp. 7-11).

liegt mir nicht vor. Konferenzbeitrag, dessen Titel vermuten lässt, dass es sich um medizinische Aspekte der Behandlung von Ohrerkrankungen geht. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Capello, V. (2018, April). Ear surgery of pet rabbits. In BSAVA Congress Proceedings 2018 (pp. 50-51). BSAVA Library.

Buch mit gesammelten, kurzen Abhandlungen. Medizinischer Beitrag über 2 Seiten. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Claaßen, W. 2004. Hörschwellenbestimmung mittels früher akustisch evozierter Potentiale zur klinischen Diagnostik bei gesunden und erkrankten Kaninchen mit Kopfschiefhaltung. Tierärztliche Hochschule Hannover. Dissertation

siehe Absatz "Hörsinn" in diesem Artikel. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Csomos, R., Bosscher, G., Mans, C., & Hardie, R. (2016): Surgical management of ear diseases in rabbits. Veterinary Clinics: Exotic Animal Practice, 19(1), 189-204

Reviewartikel über die Behandlung von Ohrerkrankungen. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Eatwell, K. (2013): Diagnosis of otitis externa, media and interna in rabbits. Veterinary Times, 43(13), 20-22

Behauptung: "Lop breeds are predisposed to otitis due to their altered anatomy (Chow, 2011; Capello, 2004)". In der Literaurliste fehlt die Quelle von Chow, 2011. Es gibt zwei Artikel von Chow aus dem Jahr 2011 - sie beinhalten einmal die medizinische Behandlung von Otitiden und zum Zweiten eine Fallbeschreibung eines Kaninchens (Case study). Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Eatwell, K., Mancinelli, E., Hedley, J., Keeble, E., Kovalik, M., & Yool, D. A. (2013). Partial ear canal ablation and lateral bulla osteotomy in rabbits. Journal of Small Animal Practice, 54(6), 325-330
Case Report: Beschreibung der Behandlung von 6 Otitis-Fällen bei Widderkaninchen (2011-2012). Behauptung: "Lop breed rabbits are predisposed to otitis because of their pinna anatomy (Chow 2011, Mayer 2011).". Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet
  • Eckert, Y., Witt, S., Reuschel, M., & Fehr, M. (2017): Otitis beim Kaninchen–Symptome, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten. kleintier konkret, 20(S 02), 2-9

"Widder-Kaninchen haben aufgrund ihrer anatomisch bedingt stenotischen Gehörgänge eine Prädisposition für Otitiden [[7], [13]]" Bei den angegebenen Quellen handelt es sich um Chow, 2011 und Eatwell, 2013, in denen ebenfalls Behauptungen aufgestellt werden.

  • Mäkitaipale, J., Harcourt-Brown, F. M., & Laitinen-Vapaavuori, O. 2015. Health survey of 167 pet rabbits (Oryctolagus cuniculus) in Finland. Veterinary Record. Vol. 177, Issue 16. 418

Auswertung des Gesundheitszustandes von Hauskaninchen in Finnland. Zusammenfassung der Befunde: 40,1% erworbene Zahnerkrankungen, 31,1% Wirbelsäulendeformationen und degenerative Läsionen, 16,8% Hautkrankheiten und 7,2% Augenkrankheiten. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • De Matos, R. E. C. 2014. Computed Tomography of Clinical and Subclinical Middle Ear Disease in Domestic Rabbits (Oryctolagus cuniculus). Universidade de Lisboa. Dissertação

Dissertation mit der Auswertung von CT-Bildern von insgesamt 88 Kaninchen über einen Zeitraum von 2007-2014: "Although there was no correlation between ear position and clinical or subclinical ear disease, there was a statistically significant correlation between lop ears and presence of CT changes of the middle ear". (Hervorhebung A. R.). Veränderungen des Gehörgangs von Schlappohrkaninchen sind schon seit Charles Darwin bekannt. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet sondern eher ein Beleg für eine falsche Hypothese

  • De Matos, R. E. C., Ruby, J., Van Hatten, R. A., & Thompson, M. 2015. Computed tomographic features of clinical and subclinical middle ear disease in domestic rabbits (Oryctolagus cuniculus): 88 cases (2007–2014). Journal of the American Veterinary Medical Association, 246(3), 336-343.

Extrakt der Dissertation von De Matos, 2014. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis. Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460-9

Die Arbeit wurde von mir in einem Artikel der Kleintiernews besprochen:  Rühle, A. (2020): Zuchtformen und „Qualzucht“. Kleintiernews 57/2020. S. 22-31. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

  • Varga, M. 2013. Textbook of Rabbit Medicine. 2nd Edition. Butterworth-Heinemann. ISBN 9780702049798

2. Ausgabe des Standardwerks von F. Harcourt-Brown. Als Beleg für Behauptungen über "Qualzucht" ungeeignet

Doppelte oder falsche Literaturangaben der "Initiative" blieben in dieser Aufstellung unberücksichtigt, ebenso das BMEL-Gutachten (siehe Abschnitt "BMEL-Gzutachten und Experten").

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle Behauptungen der "Initiative" in Bezug auf eine angebliche Problematik von Widderkaninchen wissenschaftlich nicht belegt sind. Mehr noch: es werden sogar zwei Quellen angegeben, die den Zusammenhang der Ohrform und Otitiden nicht belegen konnten (De Matos, 2014 und De Matos, 2015). Festgestellt werden kann allgemein ein Trend in Veröffentlichungen, seiner eigenen Behauptung als Beleg einfach andere Quellen anzugeben, in denen das gleiche unbelegt behauptet wird.

Warum dieser Aufwand?

Unabhängig von der Ohrform leiden sehr viele Hauskaninchen an sehr vielen Erkrankungen. Diese sind in der Regel "multifaktoriell" verursacht - es spielen also mehrere Gründe eine Rolle, warum ein Tier erkrankt. Die wichtigsten sind Haltungsbedingungen und Ernährung. Mit dem beständigen Verweis auf Züchter bzw. Zuchtformen wird von diesen Krankheitsursachen abgelenkt. Halter sind somit versucht, diese nicht bei sich zu suchen, sondern bei einem imaginären Feind. 

Aus diesem Grund werde ich immer ideologischen Bestrebungen entgegentreten, die geeignet sind, Tieren zu schaden. 

Die "Initiative" hat sicher erkannt, wer hier konkret gemeint ist. Sie bzw. ihre Vertreterinnen sind herzlich eingeladen, Sachverhalte bzw. Fakten mit mir zu diskutieren. Die Webseite wurde von mir aus verschiedenen Gründen bewusst nicht genannt bzw. verlinkt.

An alle Leser: ich kann Sie nur herzlich darum bitten, sich nicht von einer Fülle von Literaturangaben beeindrucken zu lassen, die oft als Beleg für irgendwelche Behauptungen geliefert werden. Folgen Sie diesen und lesen Sie diese auch. Sie werden schnell merken, dass sich wirre Zahlenspielereien und -angaben in der Regel als heiße Luft entpuppen. Nicht selten werden simpelste Grundlagen der Statistik missachtet, weil sie schlicht nicht bekannt sind. Sie werden schnell Routine darin entwickeln, falsche Behauptungen zu durchschauen. Wenn Sie das auch noch öffentlich machen, können Sie Tieren helfen,  denn je mehr "Ersatzgründe" für Erkrankungen wegfallen, umso mehr müssen Tierhalter die Gründe bei sich selber suchen. Vielen Dank!

Das Thema "Qualzucht" sowie dazu gehörige Behauptungen aus dem Tierschutz und von Tierärzten wird in naher Zukunft fortgesetzt.

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Qualität und Quantität (2)