Sonntag, 24. September 2017

Ad libitum und alles ist gut?

Seit einiger Zeit macht im Zusammenhang mit der Fütterung von Kaninchen eine Wortverbindung die Runde, die scheinbar die Lösung für viele Probleme bietet: "ad libitum" (auch "ad lib"). In meinem ersten Buch „Kaninchen würden Wiese kaufen“ habe ich auch unsere Fütterung beschrieben, in der u. a. von Gemüse "zur freien Verfügung" die Rede ist. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass unsere Tiere relativ frei auf einem Grundstück leben, welches mit Wiese bewachsen ist. Die Tiere bedienen sich davon nach Lust und Laune, auch von den Samen der Pflanzen. Eben ad libitum. Früher gab es noch zusätzlich Pflanzen von anderen Wiesen und auch Gemüse dazu. Auch ad libitum. Natürlich bekommen sie auch Wasser, Heu und Trockenfutter. Alles ad libitum. Auf dem Grundstück stehen viele Bäume und Sträucher, von den sie sich jederzeit bedienen können. Ad libitum. Außerdem gibt es Schnecken, Spinnen und Käfer - alles jederzeit zur freien Verfügung, also ad libitum. Vielleicht merkt schon der eine oder andere, worauf ich hinaus möchte. Aber der Reihe nach.

Bild 1: Hauskaninchen im Freilauf mit allem, was dort zur Verfügung steht (ad libitum) und zusätzlich gesammelten Wiesenfutter (ad libitum)


Die Formulierung "ad libitum" war und ist ein gängiger Begriff dafür, dass Tieren freier Zugang zu einem Futter gewährt wird. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "nach Gutdünken, nach Belieben". In manchen Artikeln wird diese Formulierung schon im Titel angeführt - so z. B. bei Prud'Hon (1975): "Evolution, au cours de la croissance, des caractéristiques de la consommation d'aliments solide et liquide du lapin domestique nourri ad libitum". In diesem Artikel geht es um den aufgenommenen Anteil von festen zu flüssigen Bestandteilen in der Nahrung von Kaninchen. Die jeweiligen Futtermengen wurden "ad libitum" angeboten, also in einer Weise, dass jedes Tier davon fressen konnte, wann es wollte und in unbeschränkten Mengen.

Von Ehrlein (1983) gibt es einen interessanten Beitrag über den Nahrungstransport im Darm und die Bildung von Hart- und Blinddarmkot. In dem Artikel wurde für verschiedene Versuchsbedingungen folgendes formuliert: "The animals were fed a standard laboratory diet supplemented with hay ad libitum." Übersetzt heißt das, die Tiere wurden mit einem Standard-Labor-Futter ernährt, welches durch Heu ergänzt wurde, das ihnen frei zur Verfügung stand.

Garcia, et al. (1999) gaben in ihren Untersuchungen über den Einfluss der Pflanzenfasern auf die Verdauung und der Darmpassage für die Versuchsbedingungen an: "Animals were given ad libitum access to the feed.". Das heißt, die Tiere erhielten während der Versuche freien Zugang zu dem (Versuchs-)Futter.

Soweit drei Beispiele zur Nutzung des Begriffs, aber es gibt sicher tausende Beiträge über Kaninchen, in denen über eine bestimmte Fütterungsweise kurz und knapp formuliert wird, dass sie "ad libitum" erfolgt wäre - das heißt, ein bestimmtes Futter stand den Tieren frei zur Verfügung. In meinem Buch "Kaninchen würden Wiese kaufen" habe ich diese Beschreibung mit dem lateinischen Begriff "ad libitum" fünfmal benutzt und außerdem auch erklärt.

Vor ca. sieben Jahren versuchte jemand, ein "Fütterungskonzept" bekannt zu machen, welches extra von dieser Person "entwickelt" worden wäre. Die Betreffende hatte nach eigener Aussage auch mein Buch sowie meine Webseite gelesen. In einem Forum erklärte sie, ich propagiere eine Ernährung mit Wiese und würde bewusst keine andere (wiesenfreie) Fütterung als Alternative darstellen. Ihre "Fütterungskonzepte" wären dagegen allesamt auch wiesenlos umsetzbar. Nun, die erste Aussage ist nachweislich falsch und die zweite ganz sicher nicht revolutionär, weil es eher das verbreiteste "Fütterungskonzept" ist - in welcher Form auch immer. Nach der Diskussion im Forum war das Thema für mich abgehakt. Dachte ich. Die Anfragen häuften sich aber und immer wieder wurde ich gefragt, was ich denn von dem Konzept einer "Ad-libitum-Fütterung" halten würde. Da auch heute noch immer wieder dieses "Konzept" durch meine mailbox geistert, möchte ich an dieser Stelle diesem "Mythos" den Garaus machen. So muss ich mich nicht ständig wiederholen und verweise einfach auf diesen Beitrag.

Wie bereits erwähnt, beschreibt dieser Begriff vor allem in Fachpublikationen eine Methode, mit der ein Futter bereitgestellt wird. Das kann entweder rationiert sein oder soviel, dass ein Tier zu jeder Zeit eine beliebige Menge davon aufnehmen kann. Das wird dann ad libitum genannt. In Fütterungsversuchen wird das mit verschiedenen Futtermitteln durchexerziert, weil man z. B. wissen möchte, wie sich ein Stoff X gegenüber Stoff Y in einem Futter auf den Organismus aufwirkt. Das heißt, mit dem Begriff ad libitum wird nur eine quantitative Aussage (über eine Menge) getroffen, keine qualitative. Das heißt, auch das allerschlechteste Futter kann ad libitum bereitgestellt werden, obwohl es dem Tier nichts nutzt. In der Aufzählung am Anfang habe ich auch Schnecken, Spinnen und Käfer aufgezählt, die unseren Tieren ad libitum zur Verfügung stehen würden. Dieses zugegebenermaßen etwas drastische Beispiel soll eigentlich nur eines verdeutlichen: zwischen etwas ad libitum bereitstellen und dem Nutzen für ein Tier besteht ein himmelweiter Unterschied - selbst, wenn sie aus dem Ganzen selektieren können.

Gemeinsam mit einem völlig falschen Verständnis des Selektionsvermögens und der Fütterung von Kaninchen ohne frische Wiesenpflanzen wurde also daraus ein "Konzept" konstruiert, wonach Kaninchen aus einer großen Menge (ad libitum) verschiedener Gemüsesorten sich das aussuchen könnten, was sie bräuchten und es würde ihnen nicht schaden. Warum kann so etwas nicht funktionieren?

In Gemüse ist das, was sie tatsächlich benötigen, nur zu einem geringen Teil vorhanden (z. B. Struktur-Kohlenhydrate, Amino- und Fettsäuren). Mit anderen Worten: es nützt ihnen nicht viel, auch wenn es in großen Mengen (ad libitum) bereitgestellt wird. Um ihren Bedarf an bestimmten Nährstoffen zu decken, müssten sie so viel Gemüse fressen, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes platzen würden. Außerdem kann Gemüse in größeren Mengen tatsächlich zu Darmerkrankungen führen. Warum zuviel (Wurzel-)Gemüse nur auf Grund der geringen Gehalte an schwer- und unverdaulichen Pflanzenfasern krank machen kann, habe ich in diesem Artikel dargelegt. Noch einmal mit einfachen Worten:

Gemüse in großen Mengen in der Ernährung von Kaninchen kann zu verschiedenen Erkrankungen des Verdauungssystems und des Gebisses führen. Zudem kann es durch geringe essentielle Nährstoffgehalte das Immunsystem nachhaltig schädigen. Einem Kaninchen die Möglichkeit zu geben, aus einer Vielzahl von Gemüsesorten auszuwählen (zu selektieren), erhöht nicht die Qualität des Gemüses in Bezug auf die Nährstoffe. 

Ein "Konzept" in Zusammenhang mit "Gemüse", "ad libitum" und "selektieren" ist für die Fütterung von Kaninchen also weitgehend sinnfrei. Nur ein Beispiel: die schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystin sind für das Kaninchen essentiell, das heißt, sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden. In der arttypischen (Wiesen-)Nahrung sind sie in ausreichender Menge vorhanden.

Bild 2: Methionin- und Cystingehalte in g/kg Trockensubstanz, in verschiedenen Futtermitteln (Gemüse = Gemisch aus Mohrrübe, Brokkoli, Chicorée, Feldsalat und Kopfsalat)

Der grüne Linie in den Diagrammen zeigt den Bedarf für die Summe aus beiden Aminosäuren für Heimkaninchen nach (Lowe, 2010). Gemüse ist bekanntermaßen arm an schwefelhaltigen Aminosäuren und man sieht, dass die Mengen nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Das gilt nicht nur für die ausgesuchten Sorten. Man könnte auch andere Sorten mischen und das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche. Mit Haferflocken lässt sich das Defizit nicht ausgleichen, weil diese nur rationiert gegeben werden können/sollten. Mit Heu als Ergänzung (oder Hauptfutter) kann das Problem eher noch schlimmer werden. Welchen Einfluss schwefelhaltige Aminosäuren nehmen können, soll noch in einem anderen Beitrag Thema sein.

Mit dem Nachteil der bereits beschriebenen Zusammensetzung der Kohlenhydrate bietet also Gemüse, vor allem die Wurzelgemüsesorten, ein gewisses gesundheitliches Risiko, wenn es in größeren Mengen verfüttert wird. Wenn man beispielsweise frische Wiesenpflanzen ad libitum und Gemüse ebenfalls ad libitum anbieten würde, wäre das Risiko wesentlich geringer, weil sich die Kaninchen (nach einer Umstellungszeit) der Wiese zuwenden würden. Das heißt, Gemüse wäre zwar immer noch ad libitum vorhanden, aber die Tiere beachten es nicht mehr.  

Liebe Leser dieses Blogs: bitte überlegen Sie sich also bei angeblich neuen und scheinbar revolutionären Ideen zur Fütterung von Kaninchen, die nicht die für Kaninchen arttypische Nahrung wie Gräser und Kräuter beinhaltet, ob diese wirklich sinnvoll sein können. Über das Kaninchen ist alles bekannt, auch was es für Bedarfe hat. Niemand, auch ich nicht, kann die Tiere ändern. In meinen Büchern, auf meiner Webseite und in diesem Blog beschreibe ich nichts Neues, sondern versuche lediglich, altbekanntes Wissen wiederzubeleben oder aus Beobachtungen von Wildkaninchens darzustellen und zu erklären. Für die Erklärungen nutze ich dann natürlich auch gern neue Quellen, wobei auch deren Ergebnisse oft nichts Neues beinhalten, sondern Zusammenhänge lediglich besser analysieren und visualisieren können. Wenn das Kind (Kaninchen) aber bereits im Brunnen liegt, interessiert mich nicht wie tief der ist, sondern wie ich hätte verhindern können, dass es dort hineinfällt.

Quellen:
  • Ehrlein, H.-J.; Reich, H.; Schwinger, M. (1983): Colonic motility and transit of digesta during hard and soft faeces formation in rabbits. The Journal of physiology 338.1: 75-86.
  • Garcia, J.; Carabano, R.; de Blas, J. C. (1999): Effect of fiber source on cell wall digestibility and rate of passage in rabbits. J Anim Sci 77:898-905
  • Lowe, J. A. (2010): Pet Rabbit Feeding and Nutrition. In: C. de Blas und J. Wiseman [Hrsg.]. Nutrition of the Rabbit. CAB International, 2010.
  • Prud'Hon, M., et al.  (1975): Evolution, au cours de la croissance, des caractéristiques de la consommation d'aliments solide et liquide du lapin domestique nourri ad libitum. Annales de zootechnie. Vol. 24. No. 2. pp 289-298

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